Heiligkeit, das „Geheimnis des wahren Erfolgs eures priesterlichen Dienstes“

Predigt von Papst Benedikt XVI. bei der Ersten Vesper im Römischen Priesterseminar

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ROM, 1. März 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Predigt, die Benedikt XVI. am 1. Februar beim Besuch des Römischen Priesterseminars während der Ersten Vesper gehalten hat.

Am Vorabend des Festes „Muttergottes vom Vertrauen“, der Patronin des Seminars, beleuchtete der Bischof von Rom das Wesen der Berufung. Unter anderem wies er darauf hin, dass die Berufung der Kinder in gewisser Weise immer auch zur Berufung der Eltern werde.

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Herr Kardinal,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe Seminaristen und Eltern,
liebe Brüder und Schwestern!

Es ist stets eine große Freude für den Bischof, sich in seinem Seminar zu befinden, und heute abend danke ich dem Herrn, daß er mir am Vorabend des Festes der »Muttergottes vom Vertrauen«, eurer himmlischen Schutzpatronin, erneut diese Freude gewährt. Ich begrüße euch alle ganz herzlich: den Kardinalvikar, die Weihbischöfe, den Rektor und die anderen Oberen und mit besonderer Zuneigung euch, liebe Seminaristen. Mit Freude begrüße ich ferner die hier anwesenden Eltern und die Freunde der Gemeinschaft des Römischen Priesterseminars. Wir sind zusammengekommen zur feierlichen Ersten Vesper dieses Marienfestes, das euch sehr am Herzen liegt. Wir haben einige Verse aus dem Brief des hl. Paulus an die Galater vernommen, in denen dieser Ausdruck vorkommt: »Als aber die Zeit erfüllt war« (4,4). Nur Gott kann »die Zeit erfüllen « und uns den vollen Sinn unserer Existenz erfahren lassen. Gott hat die Zeit mit sich selbst erfüllt, indem er seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, und in ihm hat er uns zu seinen Söhnen gemacht: zu Söhnen im Sohn. In Jesus und mit Jesus, »Weg, Wahrheit und Leben« (vgl. Joh 14,6), sind wir jetzt in der Lage, erschöpfende Antworten auf die tiefste Sehnsucht des Herzens zu finden. Verschwunden ist die Angst, und in uns wächst das Vertrauen gegenüber dem Gott, den wir sogar »Abba, Vater« zu nennen wagen (vgl. Gal 4,6).

Liebe Seminaristen, gerade weil das Geschenk, Söhne Gottes zu sein, euer Leben erleuchtet hat, habt ihr den Wunsch verspürt, auch die anderen daran teilhaben zu lassen. Darum seid ihr hier, um eure Berufung als Söhne zur Entfaltung zu bringen und euch auf die zukünftige Sendung als Apostel Christi vorzubereiten. Es geht dabei um ein einziges Wachstum: Indem es euch gestattet, die Freude des Lebens mit Gott, dem Vater, zu kosten, läßt es euch um so stärker die Dringlichkeit verspüren, Boten des Evangeliums seines Sohnes Jesus zu werden. Der Heilige Geist ist es, der euch aufmerksam macht gegenüber dieser tiefen Wirklichkeit und der sie euch lieben läßt. All das muß schlicht und einfach großes Vertrauen erwecken, denn das empfangene Geschenk ist überraschend, es erfüllt mit Staunen und tiefer Freude. So könnt ihr also die Rolle verstehen, die auch in eurem Leben Maria einnimmt, die in eurem Seminar unter dem schönen Titel »Muttergottes vom Vertrauen« angerufen wird. Wie der »Sohn von einer Frau geboren ist« (vgl. Gal 4,4), von der Gottesmutter Maria, so hat auch eure Gotteskindschaft sie zur Mutter, zur wahren Mutter.

Liebe Eltern, wahrscheinlich seid ihr diejenigen, die am meisten überrascht sind von dem, was in euren Söhnen geschehen ist und geschieht. Vielleicht hattet ihr euch für sie eine andere Sendung vorgestellt als die, auf die sie sich jetzt vorbereiten. Wer weiß, wie oft ihr wohl über sie nachdenkt: Ihr denkt an ihre Kindheit und Jugendzeit zurück, an die Gelegenheiten, bei denen sie die ersten Zeichen der Berufung gezeigt haben, oder – in einigen Fällen – ganz im Gegenteil an die Jahre, in denen das Leben eures Sohnes der Kirche fern zu sein schien. Was ist geschehen? Welche Begegnungen haben ihre Entscheidungen beeinflußt? Welches innere Licht hat ihrem Weg Orientierung gegeben? Wie konnten sie manchmal vielversprechende Lebensperspektiven aufgeben, um sich für den Eintritt ins Seminar zu entscheiden? Schauen wir auf Maria! Das Evangelium gibt uns zu verstehen, daß auch sie sich viele Fragen stellte über ihren Sohn Jesus und lange über ihn nachdachte (vgl. Lk 2,19.51).

Es ist unvermeidlich, daß die Berufung der Kinder in irgendeiner Weise auch zur Berufung der Eltern wird. Ihr habt versucht, sie zu verstehen, und habt ihren Weg mitverfolgt, und so wart auch ihr, liebe Väter und liebe Mütter, sehr oft in einen Weg eingebunden, auf dem euer Glaube gestärkt und erneuert wurde. Ihr habt gemerkt, daß ihr an dem wunderbaren Abenteuer eurer Söhne teilhabt. Auch wenn nämlich das Leben des Priesters scheinbar nicht das Interesse der Mehrheit anzieht, so ist es in Wirklichkeit doch das interessanteste und für die Welt notwendigste Abenteuer – das Abenteuer, die Fülle des Lebens, nach der alle streben, aufzuzeigen und gegenwärtig zu machen. Es ist ein sehr anspruchsvolles Abenteuer; und es könnte gar nicht anders sein, denn der Priester ist berufen, Jesus nachzuahmen, der »nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele« (Mt 20,28).

Liebe Seminaristen, diese Jahre der Ausbildung sind eine wichtige Zeit, um euch auf die herrliche Sendung vorzubereiten, zu der der Herr euch ruft. Gestattet mir, zwei Aspekte hervorzuheben, die eure gegenwärtige Erfahrung kennzeichnen. In erster Linie bringen die Jahre im Seminar eine gewisse Loslösung vom gewöhnlichen Leben mit sich, eine gewisse »Wüste«, damit der Herr euch umwerben, zu eurem Herzen sprechen kann (vgl. Hos 2,16). Seine Stimme ist nämlich nicht laut, sondern verhalten, sie ist die Stimme der Stille (vgl. 1 Kön 19,12). Damit man sie hört, bedarf es also einer Atmosphäre der Stille. Daher bietet das Seminar Orte und Zeiten für das tägliche Gebet; es achtet sehr auf die Liturgie, die Betrachtung des Wortes Gottes und die eucharistische Anbetung. Gleichzeitig verlangt es von euch, viele Stunden dem Studium zu widmen: Durch das Gebet und durch das Studium könnt ihr in eurem Innern zu jenem Mann Gottes werden, der ihr sein sollt und der zu sein die Menschen vom Priester erwarten.

Dann ist da ein zweiter Aspekt eures Lebens: Während der Jahre im Seminar lebt ihr gemeinsam miteinander; eure Ausbildung zum Priestertum bringt auch diesen gemeinschaftlichen Aspekt mit sich, der von großer Bedeutung ist. Die Apostel wurden gemeinsam miteinander ausgebildet, indem sie Jesus nachfolgten. Eure Gemeinschaft ist nicht auf die Gegenwart beschränkt, sondern sie betrifft auch die Zukunft: In der Pastoralarbeit, die euch erwartet, müßt ihr wie in einem Leib vereint handeln – in einem »ordo«, nämlich dem der Priester, die zusammen mit dem Bischof für die christliche Gemeinschaft Sorge tragen. Liebt dieses »Familienleben«, das für euch eine Vorwegnahme jener »sakramentalen Bruderschaft« (Presbyterorum Ordinis, 8) ist, die jeden Diözesanpriester kennzeichnen muß.

All dies erinnert daran, daß Gott euch beruft, heilig zu sein, daß die Heiligkeit das Geheimnis des wahren Erfolgs eures priesterlichen Dienstes ist. Schon jetzt muß die Heiligkeit das Ziel aller eurer Entschlüsse und Entscheidungen darstellen. Vertraut diesen Wunsch und dieses tägliche Bemühen Maria an, der Mutter vom Vertrauen! Dieser Titel, der soviel Frieden schenkt, entspricht der wiederholten Aufforderung des Evangeliums: »Fürchte dich nicht«, die der Engel an die Jungfrau Maria richtete (vgl. Lk 1,30) und Jesus später viele Male an die Jünger. »Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir«, sagt der Herr. In der Ikone der »Muttergottes vom Vertrauen«, wo das Kind auf die Mutter weist, scheint Jesus hinzuzufügen: »Schaue auf deine Mutter, und fürchte dich nicht«. Liebe Seminaristen, verbringt eure Zeit im Seminar mit einem Herzen, das offen ist für die Wahrheit, die Transparenz und den Dialog mit denen, die euch leiten. So werdet ihr auf einfache und demütige Weise demjenigen antworten können, der euch ruft, und euch von der Gefahr befreien, lediglich euren persönlichen Plan zu verwirklichen. Möget ihr, liebe Eltern und Freunde, die Seminaristen mit dem Gebet und mit eurer ständigen materiellen und geistlichen Unterstützung begleiten. Auch ich versichere euch alle meines Gebetsgedenkens und erteile euch mit Freude den Apostolischen Segen.

 

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