"Heilsames Erstaunen": Katholische Selbstkritik nach dem orthodox-katholischen Dialog in Belgrad

Theologien Barbara Hallensleben im Gespräch mit der Nachrichtenagentur KIPA-Scheiz

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BELGRAD, 2. Oktober 2006 (ZENIT.org).- Einvernehmlich haben die Teilnehmer der 9. Sitzung der Internationalen Orthodox-Katholischen Gesprächskommission vom 18. – 24. 9. in Belgrad die konstruktive Atmosphäre des Dialogs hervorgehoben. In dieser Situation lässt der„offizielle Protest“ aufhorchen, den der Vertreter des Moskauer Patriarchats, Bischof Hilarion Alfeyev, Kardinal Kasper als dem katholischen Ko-Präsidenten der Kommission gegenüber zum Ausdruck brachte. Katholische Pressemeldungen zeigen sich „erstaunt“, bekunden „wenig Verständnis“ und melden gar einen „erneuten Rückschlag“ im Verhältnis zwischen Moskau und dem Vatikan.



Barbara Hallensleben, Professorin für Dogmatik und Theologie der Ökumene an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg, die als Mitglied der Gesprächskommission in Belgrad dabei war, beurteilt die Situation anders: „Der Vertreter des Moskauer Patriarchats hat sich mit seinem Protest als ein Anwalt der katholischen Anliegen in der Suche nach einem gemeinsamen Primatsverständnis erwiesen“, sagte die Theologin gegenüber der Presseagentur KIPA. Ihrer Meinung nach haben die katholischen Kommissionsmitglieder die Tragweite der Auseinandersetzung nicht schnell genug erfasst. Selbstkritisch spricht sie von einem „heilsamen Erstaunen“, das zu einem tieferen Nachdenken über die Wege zur vollen Kirchengemeinschaft führen kann.

Worum geht es? Zum Streitpunkt wurde ein Abschnitt des gemeinsam beratenen Textes, der über die Autorität Ökumenischer Konzilien spricht. Hier hieß es, dass im zweiten Jahrtausend Ost und West weiterhin „Generalkonzilien“ hielten, „die die Bischöfe der Lokalkirchen in Gemeinschaft mit dem Sitz von Rom oder dem Sitz von Konstantinopel vereinigten“. Mit Recht betont Bischof Hilarion, dass seit dem 7. Ökumenischen Konzil von Nizäa 787 kein pan-orthodoxes Konzil stattgefunden habe. Die „Gemeinschaft mit dem Sitz von Konstantinopel“ sei in der orthodoxen Tradition nie in derselben Weise Kriterium der Konzilsfähigkeit gewesen wie im Westen die Communio mit Rom.

Konstantinopel nimmt in der Ordnung („taxis“) der Patriarchate den zweiten Rang ein und ist seit der unterbrochenen Communio mit dem Bischof von Rom zu einem „Ehrenvorrang“ unter den verbleibenden Patriarchaten aufgerückt. Dies bedeutet jedoch weder historisch noch ekklesiologisch, dass es sich um einen „zweiten Primat“ handelt, der gleichwertig, wenn auch in anderer Gestalt neben dem römischen Primat stünde.

Bereits die „Note“ der Glaubenskongregation über den Ausdruck „Schwesterkirchen“ hat im Jahr 2000 daran erinnert, dass Formulierungen wie „unsere beiden Kirchen“ zu vermeiden sind, „weil sie – wenn angewandt auf die katholische Kirche und das Gesamt der orthodoxen Kirchen [...] – unterstellen, dass es einen Plural nicht nur auf der Ebene der Teilkirchen, sondern auch auf der Ebene der im Credo bekannten einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche gibt, deren tatsächliche Existenz dadurch verdunkelt wird“ (Nr. 11).

Der Protest des Moskauer Patriarchats enthält denselben Appell: Die katholischen und die orthodoxen Schwesterkirchen in Ost und West sind nicht zwei Kirchen mit zwei verschiedenen Primaten, sondern sie sind gemeinsam als Schwesterkirchen auf der Suche nach dem angemessenen Ausdruck ihrer Einheit im Leib Christi.

Das Verhältnis zum Patriarchat von Konstantinopel ist also keineswegs eine „innerorthodoxe Angelegenheit“, die Katholiken nichts anginge. Denn auch die katholischen Lokalkirchen erstreben ja die volle kirchliche Gemeinschaft mit den Schwesterkirchen der Christenheit. Daher war das methodische Vorgehen während der Belgrader Tagung unglücklich gewählt: Als die orthodoxen Delegationen in Belgrad zu einer Abstimmung über die Formulierung der Rolle das Patriarchats von Konstantinopel genötigt wurden, geriet die Moskauer Delegation, die 70 % der orthodoxen Christen repräsentiert, aber nur über 2 von 30 Stimmen verfügt, in die Minderheit. Bischof Hilarion betonte in der Diskussion, dass Fragen des ekklesiologischen Selbstverständnisses nicht Gegenstand von Mehrheitsentscheidungen sein können.

Vorentscheidungen für den weiteren Dialog wurden nicht getroffen, da aus Zeitgründen die Arbeit auf die nächste Begegnung im kommenden Oktober vertagt wurde. Barbara Hallensleben sieht darin eine Chance, das katholische Selbstverständnis im Dialog mit den orthodoxen Schwesterkirchen zu vertiefen. „Der ökumenische Dialog ist immer zugleich ein ‚Dialog der Bekehrung’“, sagte sie gegenüber der Presseagentur KIPA. „Bislang haben wir in der Kommission unsere Differenzen festgestellt, aber noch nicht selbstkritisch geprüft, ob sie bestehen bleiben müssen und ob ihre Existenz die volle kirchliche Communio ausschließt. Hoffentlich werden wir in unserer Arbeit dazu kommen, konkrete Vorschläge für Wandlungen im Leben unserer Kirchen zu machen.“ Kardinal Kasper sagte zu, die von der russischen orthodoxen Kirche eingebrachten Anliegen in das weitere Gespräch einzubeziehen.

Persönlich äußert sich Barbara Hallensleben sehr dankbar für die Stellungnahmen von Bischof Hilarion. „Er hat uns in Belgrad geholfen, unsere wirkliche Situation im Dialog besser wahrzunehmen. Auch wenn das kurzfristig durch Spannungen hindurchführt, gilt doch das Wort des Evangeliums: ‚Die Wahrheit wird euch frei machen!’“ Für die Theologin ist es wichtig, dass die orthodoxen Kirchen sich wie die katholischen Ortskirchen als wahre Kirche Jesu Christi verstehen. „Das ist kein Hinderungsgrund, sondern geradezu die Voraussetzung für unsere volle Communio“, betont sie. „Wir dürfen das Modell der Kirchenspaltung des 16. Jahrhunderts nicht auf die orthodoxen Kirchen übertragen, denn sie sind nicht aus Abspaltungen, sondern aus eigenständigen kirchlichen Traditionen hervorgegangen, die sich auf die gemeinsame apostolische Überlieferung zurückführen lassen.“

[Quelle: KIPA-Schweiz]