Heilung der Kranken - Dienst an der Freude und an der Hoffnung

Predigt von Bischof Manfred Scheuer

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ROM, 23. August 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die Bischof Scheuer am 26. Juli im Haus Marillac während der heiligen Messe mit den Missionsärztlichen Schwestern gehalten hat.

Der Hirte verwies auf die heilende Präsenz der Ordensschwestern in der Krankenbetreuung und damit auf ihr Charisma.

„Sie wollen heilende Präsenz im Herzen einer verwundeten Welt leben und die Würde, den Schatz, die Schönheit derer heben, die als wertlos gelten, der Alten, der Obdachlosen, der Drogensüchtigen, der Menschen mit Behinderung, der Prostituierten. Sie sind überzeugt vom Lebenspotential und von den Selbstheilungskräften in einem jeden Menschen. Das ist so etwas wie das positive Vorurteil von der Gottebenbildlichkeit einer jeden.“

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Heilung der Kranken

Die Heilung der Kranken ist neben der Verkündigung des Evangeliums das wichtigste Zeugnis Jesu vom anbrechenden Reich Gottes. Es ist nach Mt 10,8 auch Auftrag der Jünger Jesu und darum auch wesentlicher Teil des Apostolats der Kirche. Heilungen sind im Kontext des Glaubens Zeichen der Neuschöpfung. Aus den Winkeln, in die man sie verdrängt hatte, aus den Wüsten, in denen man sie ausgesetzt hatte, aus dem Schatten, in den sie sich verkrochen hatten, kommen die Kranken und die Besessenen hervor und suchen die Nähe Jesu. Menschen zeigen sich in seiner Nähe nicht von ihrer Sonnenseite, sondern von ihrer Schattenseite. Offenbar wurde in ihm ein Leben erfahren, das von ansteckender Heilkraft war: „Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm allerlei Kranke und Besessene, und die ganze Stadt versammelte sich vor der Tür, und er half vielen Kranken, die mit Seuchen beladen waren, und trieb viele Dämonen aus“ (Mk 1,32ff). Jesus bringt das Reich Gottes nicht nur in Worten, die Glauben erwecken, sondern auch in Heilungen, die gesund machen. Wie schwere Krankheiten Vorboten des Todes sind, so sind die Krankenheilungen als Vorboten der Auferstehung zu verstehen.

Wo immer Krankheiten ganzheitlich erlitten werden, geht es um die Heilung des ganzen Menschen. Wo immer Krankheiten in den gestörten mitmenschlichen Beziehungen erlitten werden, geht es auch um die Heilung der Beziehungen, in denen und von denen ein Mensch lebt. Darum gibt es auch eine Heilung durch Zuwendung, durch Zutrauen und durch neue Gemeinschaft. Die Heilungskraft Jesu liegt nicht in seiner Übermacht über die Krankheiten, sondern in seiner Leidenskraft. Er heilt dadurch, dass er unsere Krankheiten „trägt“: „Durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,5).

Ganzheitliches Heil

In der „Zeit“ vom 3. August 2006 erschien ein großes Dossier zur Frage Arzt und Patient. Die Technisierung der Medizin, so der Tenor, droht die humane Seite des Arztberufes verkümmern zu lassen. Paul Tournier, der Begründer der Ärztebewegung „Médecine de la Personne“ sagte, der Arzt habe zwei Hände und müsse beide gebrauchen: die eine sei die wissenschaftliche Kenntnis des Menschen, des Organismus und seines Funktionierens. Die andere sei die seines Herzens, seiner Intuition, seiner Empathie. Auf keine der beiden könne der Arzt verzichten, will er dem Menschen gerecht werden. Der Mensch ist keine Maschine, auch wenn der menschliche Körper in vieler Hinsicht aus komplexen Mechanismen und materiellen Funktionen bestehe. Kein guter Arzt wird aber den Menschen nur als solche betrachten. Beide Hände, das naturwissenschaftliche Werkzeug des Arztes und seine aus Erfahrung, Einfühlung, Menschenkenntnis gewonnene Intuition, beide gehören zur ärztlichen Wissenschaft. Erst das Zusammenspiel beider macht den guten Arzt aus.

Als Missionsärztliche Schwestern stehen Sie im Apostolat am ganzheitlichen Heil und Heilung: physisch und psychisch, individuell und sozial, existentiell und strukturell, kurativ und präventiv, professionell und spirituell, leidenschaftlich und nüchtern. Es ist ein Heil, das Gott als Liebhaber des Leibes vergegenwärtigt, das den Frieden, die Gerechtigkeit und die Schöpfung mit einschließt. Sie treten ein für Befreiung und Heilung, wo das Leben missachtet und verletzt wird. Und Sie stehen im positiven Spannungsfeld von Aktion und Kontemplation, von Gebet und Arbeit, von Mystik und Politik, um alles, was Sie tun, mit Gott in Berührung zu bringen.

Heilende Präsenz

„Gott ist ein Gott der Gegenwart.“[2] „Das sind die Eigenschaften der Meditation: hellwach dabei sein, aus Interesse dabeibleiben und konsequent dabeibleiben.“[3] „Gott ist Aufmerksamkeit ohne Ablenkung.“ [4] „Die von jeder Beimischung ganz und gar gereinigte Aufmerksamkeit ist Gebet.“[5] Die Aufmerksamkeit ist nicht nur der wesentliche Gehalt der Gottesliebe, sondern auch der Nächstenliebe. Vor allen die Unglücklichen bedürfen Menschen, die fähig sind, ihnen ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden.

„Man wird gesehen“, hat Sr. Gabriela über ihre erste Begegnung mit Anna Dengel gesagt. Sehen ist nicht gleich sehen. Blicke können ins Leere gehen oder verachten. Und Blicke können Ansehen geben und lieben. „Und weil das Auge dort ist, wo die Liebe weilt, erfahre ich, dass Du mich liebst. … Dein Sehen, Herr, ist Lieben. … Soweit Du mit mir bist, soweit bin ich. … Indem Du mich ansiehst, lässt Du, der verborgene Gott, Dich von mir erblicken. … Dein Sehen ist Lebendigmachen. … Dein Sehen bedeutet Wirken.“[6] So Nikolaus Cusanus. Jesu Blick vermittelt Ansehen und Lieben.

Mit Jesu Blick ist noch eine andere Form des Sehens verbunden. „Er sah ihn und ging weiter“, so heißt es vom Priester und Leviten, die am Wegrand den Halbtoten liegen sehen, aber nicht helfen. Menschen sehen und doch übersehen, Not vorgeführt bekommen und doch ungerührt bleiben, das gehört zu den Kälteströmen der Gegenwart. - Im Blick der Anderen, gerade des armen Anderen erfahre ich den Anspruch: Du darfst mich nicht gleichgültig liegen lassen, du darfst mich nicht verachten, du musst mir helfen. Jesus lehrt nicht eine Mystik der geschlossenen Augen, sondern eine Mystik der offenen Augen und damit der unbedingten Wahrnehmungspflicht für das Leid anderer. Jesu Sehen führt in menschliche Nähe, in die Solidarität, in das Teilen der Zeit, das Teilen der Begabungen und auch der materiellen Güter. „Ein sehendes „Herz sieht, wo Liebe Not tut und handelt danach.“ (Benedikt XVI., Deus Caritas est). Nöte und Leiden der Zeitgenossen finden in Ihren Herzen als Missionsärztliche Schwestern ein Echo. Und Sie haben ein Herz zu vergeben und schonen sich nicht. „Man schont sich selbst nicht, wenn man liebt.“ (Anna Dengel)

Stichwort Würde

Sie wollen heilende Präsenz im Herzen einer verwundeten Welt leben und die Würde, den Schatz, die Schönheit derer heben, die als wertlos gelten, der Alten, der Obdachlosen, der Drogensüchtigen, der Menschen mit Behinderung, der Prostituierten. Sie sind überzeugt vom Lebenspotential und von den Selbstheilungskräften in einem jeden Menschen. Das ist so etwas wie das positive Vorurteil von der Gottebenbildlichkeit einer jeden.

Vorurteile können kaputt machen, sozial isolieren und umbringen. Es gibt auch die positive Kraft von Vorurteilen, die Miguel Cervantes beschreibt: Eines Tages kamen Don Quichotte und Sancho Pansa in ein Freuden­haus. Don Quichotte ließ sich auch in diesem Fall nicht davon abbringen, sich als der edle und stolze Ritter zu benehmen. So behandelte er die Freudenmädchen wie Edeldamen. Anfangs lachten ihn die Dirnen aus. Allmählich aber, um ihm einen Gefallen zu tun, machten sie das Spiel mit und sie verhielten sich wie Edeldamen. Schließlich wurden sie durch diese Begegnungsweise des Don Qui­chotte auch in ihrem Inneren Edeldamen. - Die zuvorkommende Liebe Gottes behaftet den Menschen nicht primär mit den schlechten Seiten, sie fixiert ihn nicht, sondern schafft Räume der Würde und der Beziehung dort, wo Berechnung und Kalkül nichts versprechen.[7] „Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat“ (1 Joh 4,10). Positive Vorurteile schaffen Vertrauen, Beziehung und Freundschaft, auch wenn einer Mist gebaut hat. Positive Vorurteile schreiben einen jungen Menschen nicht ab, auch wenn die meisten sagen, dass aus ihm nichts wird, dass von ihm nichts zu erwarten ist. Positive Vorurteile erschließen ihm Zukunft, wenn er selbst sagt oder andere es ihm einsagen: „no future!“

Das Alter hat eine ihm eigene Würde. Friederike Mayröcker hat ihren langjährigen Partner Ernst Jandl bis zuletzt gepflegt. Nach dessen Tod wurde sie gefragt, ob es denn nicht deprimierend sei mit ansehen zu müssen, wenn ein Mensch, der nichts mehr halten kann, nach und nach seine Würde verliert. Ihre Antwort: Er hat in dieser Phase an Würde gewonnen (Requiem für Ernst Jandl). Wir sind berufen, Freunde und Anwälte des Lebens zu sein und so eine Dimension Gottes darzustellen. „Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen. ... Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens.“ (Weisheit 11, 24-26) Gott hört die Not des Volkes Israel. Er ist der Arzt, der Israel heilt (Ex 15,26). Sein Segen bedeutet Heilung in persönlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Störungen. Auch Jesus wird als Arzt beschrieben (Mk 1, 23 - 2,12). Als Missionsärztliche Schwestern stellen Sie etwas von dieser heilenden Kraft und Wirklichkeit Gottes dar. Entschiedene Christen sind Freunde des menschlichen Lebens in allen seinen Dimensionen: Freunde des gesunden und des kranken, des entfalteten und des behinderten, des irdischen und des ewigen Lebens.

Mission

Anna Dengel zeigte eine seltsame Freiheit, aufzubrechen, sich auf Neues einzulassen und Grenzen zu überschreiten, eine „paradoxe Freiheit“ im Dialog mit Kultur, Wissenschaft, Religionen, im Einlassen auf soziale Brennpunkte, in Fragen der Inkulturation, in der Auseinandersetzung mit dem Atheismus und schließlich im Dienst an Glaube, Gerechtigkeit und Friede. Sie hatte das in ihrem Stammbaum von den Lechtaler Vorfahren her: das waren Landgänger, Wanderer, kühne und verwegene Leute, die oft bei 0 angefangen haben und mit Kreativität, Mut und Ausdauer, mit Selbstbewusstsein, Weltoffenheit, Weite, Toleranz, Großzügigkeit und großem Verantwortungsbewusstsein viel erreicht haben.

Der Geist lässt innere und äußere Mauern und Barrieren überwinden, er dynamisiert die oft eng gezogenen Grenzen. Bereitschaft zum Wagnis, zum Abenteuer; sie schließt die Fähigkeit ein, Neuland unter die Füße zu nehmen und sich auf Unbekanntes einzulassen. „Nehmt Neuland unter den Pflug.“ (Hosea 10,12) Veränderungen und Krisen sind Herausforderung und Chance. Sie stellen uns in die Entscheidung, uns neu im Evangelium und im lebendigen Glauben an Jesus Christus zu verankern und uns auf die Mitte des Glaubens an den dreieinen Gott zu besinnen. Die Treue zum Evangelium ermöglicht es uns, neue Bedingungen und Herausforderungen schöpferisch anzugehen. Sie wollen auf Not antworten, auf die nur Frauen antworten können.

Der Dienst an der Freude und an der Hoffnung ist gerade in einer krisengeschüttelten Kirche, in Erfahrungen der Nacht, der Erfolglosigkeit und der Vergeblichkeit gefragt. „Wir können im Leben immer nach Entschuldigungen suchen oder aber nach Inspirationen. Ich habe immer versucht, Inspirationen zu finden.“ (Andre Agassi) Entschuldigungen für Schwierigkeiten, Versagen, Fehler lassen sich leicht finden. Aus Entschuldigungen werden nicht selten Beschuldigungen. Um sich selbst zu entlasten, setzt man die anderen auf die Anklagebank. Wer sich in den Opferstatus versetzt, macht sich immun.

Was sind Hindernisse auf dem Weg? Was wollen wir nicht? Man kann Schwächen analysieren und problemorientiert agieren. Reine Reaktion führt zu einem Klima der Furcht und zu Pessimismus und Depression. Das Apostolat der Heilung ist hingegen ein Dienst am Leben und an der Hoffnung und so positiv orientiert an den Stärken, an Ressourcen und Möglichkeiten. Wohin wollen wir gehen? Was wollen wir positiv? Was ist unsere inspirierende Vision und Hoffnung?

[Von der Diözese Innsbruck veröffentlichtes Original]