Helfer fallen nicht vom Himmel

Interview mit Kurienkardinal Paul Josef Cordes

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ROM, 22. Juni 2009 (ZENIT.org).- Als Papst Benedikt XVI. im Oktober 2007 die Namen von 23 neuen Kardinälen bekannt gab, war auch der aus dem Erzbistum Paderborn stammende deutsche Erzbischof Dr. Paul Josef Cordes (75) dabei. Kardinal Cordes, der seit 1995 Präsident des Päpstlichen Rates Cor Unum ist, hat seinen persönlichen Einsatz für die Ärmsten dieser Erde immer wieder auch durch seine Reisen in die Krisenregionen der Welt unter Beweis gestellt. Papst Johannes Paul II. hatte ihn 1980 mit der Ernennung zum Vizepräsidenten des Päpstlichen Rates für die Laien nach Rom geholt.

Jetzt bietet Kardinal Paul Josef Cordes in seinem neuen Buch „Helfer fallen nicht vom Himmel“ einen Einblick in die Triebfeder der Caritas. ZENIT sprach mit Kardinal Cordes, der auch für Caritas Internationalis, die Stiftungen zugunsten der Sahel-Zohne und Populorum Progressio zuständig ist, über seine Beweggründe, ein solches Buch zu schreiben, und über die tiefen Quellen christlicher Liebe.

ZENIT: Herr Kardinal, in Ihrem Buch „Helfer fallen nicht vom Himmel“ sammeln Sie viele Aspekte zum Thema Caritas. Was ist der Hintergrund des Buches?

--Kardinal Cordes: Durch Jahrhunderte hin brauchte die christliche Nächstenliebe nicht eigens beschrieben zu werden. Sie war einfach die Kehrseite der Glaubensverkündigung. Die Vorstellung der Christen war geprägt von der klaren Verbindung, die von Christus selbst stammt: Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. So ist denn auch die Geschichte der Evangelisierung in den allermeisten Ländern verbunden mit den oft heroischen Taten der Nächstenliebe. Nur wenige Bespiele kann ich nennen: Schon über die Urchristen empörte sich der heidnische Kaiser Julian Apostata († 363), weil sie sich der Bedürftigen annahmen: „Die gottlosen Galiläer ernähren außer ihren eigenen Armen auch noch die unsrigen!“ Basilius der Große (†379) – bekannter und hochgeschätzter Theologe der Ostkirche – erfand das Krankenhaus. Aus dem Mittelalter ist die heilige Elisabeth von Thüringen (†1231) festzuhalten, die nicht nur ihr Hab und Gut, sondern sich selbst der Nächstenliebe opferte; ferner Johannes von Gott (†1550), der Gründer des Ordens der Barmherzigen Brüder, bis zur seligen Mutter Teresa in unseren Tagen.

Inzwischen machte sich die Moderne das christliche Gebot des Helfens zu Eigen. Heute ist es gleichsam ein Element der westlichen Kultur. Nehmen Sie etwa das Aufkommen der Entwicklungsministerien im letzten Jahrhundert. Niemand würde öffentlich der Pflicht widersprechen, dem Bedürftigen beizustehen. Gewiß wird sich der Christ über eine so durchschlagende Resonanz von Christi Gebot nur freuen können; sie ist ein Gewinn für die Menschlichkeit des Menschen.

ZENIT: Aber sind sich die Menschen heute denn noch bewusst, dass dieses Gebot auf der Grundlage des christlichen Glaubens basiert?

--Kardinal Cordes: Das ist die Schwierigkeit. Der Glaubende darf in dem allgemeinen Klima des Humanismus die Wurzeln der christlichen Liebe nicht vergessen. Sie sind bewusst zu machen und zu stärken, damit weiter an Gott als der Quelle der Liebe festgehalten wird. Denn aus eigener Kraft sind wir Menschen nicht fähig, selbstlos zu lieben – vielleicht sogar unsere Feinde. Darum hat Papst Benedikt seine erste Enzyklika dem Thema „Liebe“ gewidmet. In ihr behandelt er zunächst eben diese Frage nach Gott, der die wahre Liebe ermöglicht. Und das weltweite äußerst positive Echo auf seinen genialen Text zeigt, dass die Liebe die tiefste Sehnsucht des Menschen ist.

ZENIT: Sie schreiben in Ihrem Buch mit einem Zitat von Hans Urs von Balthasar, dass es die Gefahr eines „christlichen Atheismus" gibt. Was meinen Sie damit?

--Kardinal Cordes: Wenn die kirchliche Liebestätigkeit effizient sein will, braucht sie nicht nur die private Tat; sie muss sich organisieren. Seit mehr als 100 Jahren gibt es in Deutschland etwa den Caritas-Verband, der ein tragender Faktor unserer Gesellschaft ist und das Dunkel einzelner und ganzer Gruppen hoffnungsvoll aufgehellt hat. Die genannte Enzyklika kreist in vielen Passagen um den Sinn und die Unersetzlichkeit solcher Institutionen. Freilich bleibt einer Institution nicht automatisch der Geist erhalten, unter dem sie angetreten ist. Die Soziologie hat etwa bei den englischen Gewerkschaften der vergangenen Jahrhunderts die spätere Veränderung der Ursprungsinteressen nachgewiesen. Sie spricht bei Institutionen von Zieländerungen. Und manchmal beklagen sich bei ihren Besuchen unserer vatikanischen Abteilung Bischöfe über solche Zieländerungen auch katholischer Hilfswerke, wenn die Hirten sie schmerzhaft erfahren müssen – wenn etwa eine europäische katholische Hilfsorganisation mit dem Präsidenten Ruandas, der weder Christ noch ein Freund der Kirche ist, einen der Kirche schädlichen Vertrag macht. Hans Urs von Balthasar, den Sie erwähnen, nannte solches und ähnliches Verhalten provozierend „christlichen Atheismus“: „Christlich“ bezeichnet dabei den Initiationsimpuls und die Benennung der Organisation; „Atheismus“ zielt auf den fehlenden kirchlich-christlichen Geist.

ZENIT: Ebenso mahnen Sie an, dass es keine kirchliche Diakonie geben könne ohne Katechese. Bedeutet das nicht Mission unter dem Deckmantel der Hilfe?

--Kardinal Cordes: Nicht selten wird in Gesprächen über das Helfen der Verdacht unlauterer Nebenabsicht geäußert. Doch ist er unbegründet. Einmal lässt die Enzyklika des Papstes keinen Zweifel. Er schreibt: „Die Liebe ist umsonst; sie wird nicht getan, um damit andere Ziele zu erreichen… Der Christ weiß, dass die Liebe in ihrer Reinheit und Absichtslosigkeit das beste Zeugnis für Gott ist, dem wir glauben und der uns zur Liebe treibt“ (Nr. 31c). Ich selbst habe übrigens diesen Text ausdrücklich in meine Abhandlung übernommen (S. 63f).

Im Übrigen scheint mir heute in der katholischen Kirche die Gefahr gering, dass die Nächstenliebe sich den Makel des Proselytismus zuzieht. Eher gibt es im Gefolge der Aufklärung mit ihren positiven Konsequenzen leider auch die Furcht vor jeder Glaubensartikulation; eine Art von „pastoral correctness“. Diese Entwicklung nötigt zu der Katechese, damit eine simple, glaubenslose Philanthropie nicht auch die Helfer selbst erfasst; damit deren Glaubensüberzeugung wach gehalten wird. Wie können sie im Angesicht hoffnungsloser Not – etwa nach dem Absturz der Air France – bei den Wartenden und Trauernden aushalten, wenn nicht der Glaube sie trägt?

In manchen Situationen der Not reichen die irdischen Mittel nicht. Als ich nach einem großen Erdrutsch in Nicaragua war, der Hunderte verschüttet hatte, konnte ich die Hinterbliebenen nicht mit einem Scheck trösten, sondern versuchte es mit Worten über das ewige Leben. Solche Letztverankerung des Helfens im allmächtigen Gott aber muss immer neu gefestigt werden – eben in der Katechese.

ZENIT: Sie haben mehrere Co-Autoren, die sehr konzentrierte Beiträge zum Buch beigesteuert haben: Kardinal Karl Lehmann, Udo Di Fabio, Manfred Lütz und viele Menschen, die ein beeindruckendes Zeugnis geben von ihrem weltweiten Engagement in der Caritas. Zeichnen diese Beiträge ein Bild der Kirche?

--Kardinal Cordes: Der Volksmund sagt: „Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es.“ Entscheidend ist für die Nächstenliebe, dass sie praktiziert wird – so wichtig das Nachdenken über sie sein mag. Zur Tat aber bewegen Zeugnisse, die nicht selten unter hohen persönlichen Kosten gegeben werden. Mir lag daran, dass die Engagierten in meiner Publikation selbst zu Wort kommen, zumal ich einige von ihnen in ihrem Einsatz selbst erlebt hatte. Weniger spektakulär ist freilich gelegentlich die nicht-materielle, die geistige Not.

Ich kommen gerade wieder aus der Schweiz, die manchem als Vorwegnahme des Paradieses erscheint. Im Gespräch dort stießen wir auf die zahlreichen Selbstmorde in diesem „Paradies“. Wie oft wird einem solchen Schritt innere Not und tiefe Verzweiflung vorausgegangen sein! Würde sonst jemand Hand an sich legen? So wird der dem Elend des Menschen nicht gerecht, der den letzten, vielleicht gar einzigen Grund zum Suizid in der materiellen Armut sieht.

Die anderen von Ihnen erwähnten Beiträge befassen sich mit konkreten Aspekten, wie sie in Deutschland zu beachten sind – etwa die Überlegungen von Kardinal Lehmann oder die von Dr. Manfred Lütz. Prof. Udo Di Fabio steuert einen wichtigen Artikel über die Anthropologie des Helfens bei. Nach ihm kommen Religion und Glaube eine wichtige Funktion im Kampf gegen die Not zu. Er stellt ihren Rang auch für den religiös neutralen Staat heraus – gewiß eine äußerst aktuelle Behauptung angesichts des militanten Atheismus, der sich nicht nur gemieteter Busse bedient, um die Religion zu diskreditieren.

ZENIT: In Zeiten des Umbruchs wie heute scheinen Kraft und Einsatzfreude zum Helfen nachzulassen, nicht zuletzt, weil die Menschen ihre Kraft für den eigenen persönlichen Lebensraum brauchen. Gibt es ein Gegenmittel?

--Kardinal Cordes: Die Einübung des Selbstverzichts, der Selbstvergessenheit beginnt in der Familie; sie ist von Kindesbeinen an zu trainieren. Sie gelingt in dem Maß, in dem jemand der Geborgenheit liebender Mitmenschen sicher sein kann. Das Baby, das laufen lernt, wagt die Schritte auf den wackeligen Beinen, wenn ihm die Mutter oder der Vater mit offenen Armen gegenübersteht. So lernt es das Kind, sich der erhofften und erfahrene Zuwendung wegen selbst aufs Spiel zu setzen. Dann mag es später auch jenseits des Netzes von Wohlwollen einen Versuch riskieren. Mit der Selbstweggabe ist es ja nicht wie mit dem Geld. Letzteres kann man nur einmal ausgeben. Liebesfähigkeit aber verringert nicht den Vorrat an Liebestaten. Sie weckt vielmehr Hunger auf Neues – natürlich im Rahmen der menschlichen und zeitlichen Möglichkeiten.

Und fast immer ist der Wagemutige der selbst am meisten Beschenkte. Niemand könnte auf Dauer ohne solche erfüllende Antwort sich selbst einsetzen. Sie realisiert etwas vom Geheimnis der Gnade; von der Wahrheit, dass Gott selbst in der Liebe begegnet, mehr noch: dass er die Liebe ist.

Die Fragen stellte Maria Anna Leenen

[Paul Josef Cordes, „Helfer fallen nicht vom Himmel“. Mit einem Geleitwort von Papst Benedikt XIV. und Beiträgen von Udo Di Fabio, Karl Kardinal Lehmann und Manfred Lütz. Freiburg 2008, ISBN 978-3-451-29870-7, 17,95]