Helmut Nicklas, Leiter des CVJM München, über das Pfingsttreffen 2006 mit Benedikt XVI. und eine "sensationelle Rede" Johannes Pauls II. zur Ökumene

"Mit den katholischen Bewegungen eint uns das starke Bewusstsein, dass die Menschen heute Jesus Christus brauchen"

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MÜNCHEN, 18. Mai 2006 (ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. hat die Teilnahme zweier Repräsentanten von Geistlichen Gemeinschaften aus der evangelischen Kirche am zweiten Internationalen Kongress der katholischen Bewegungen, der in den Tagen vor Pfingsten in Rom stattfinden wird, ausdrücklich begrüßt. Evangelische Christen sehen in diesem Schritt eine Frucht jener prophetischen Rolle, die Papst Johannes Paul II. für den Weg der Ökumene spielte.



Am 86. Geburtstag des Vorgängers von Benedikt XVI. sprach ZENIT mit Helmut Nicklas, dem Leiter des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM).- CVJM) in München, über den jetzigen Papst, seinen Vorgänger und die Ökumene.

ZENIT: Papst Benedikt XVI. hat die Geistlichen Bewegungen der katholischen Kirche nach Rom eingeladen, und auch Sie werden bei diesem Treffen dabei sein. Was bedeutet Ihnen diese Begegnung zu Pfingsten?

Helmut Nicklas: Es hat uns sehr ermutigt, dass Papst Benedikt XVI. die gewachsene Einheit unter Gemeinschaften und Bewegungen aus dem evangelischen und katholischen Raum derart gewürdigt hat, dass nun zwei evangelische Vertreter in Rom beim kommenden Kongress dabei sein können. Auch Walter Kardinal Kasper hat uns gegenüber dieses Wohlwollen des Papstes persönlich bekräftigt. Es ist schon ergreifend, wie die katholische Kirche versucht, die Geistlichen Bewegungen kennen zu lernen und einzubinden. In Deutschland wissen evangelische Bischöfe meist weniger über die evangelischen Gemeinschaften, obwohl sich die evangelischen Bewegungen in Deutschland untereinander weitaus besser kennen als die katholischen Werke hierzulande.

Ich selber werde schon in den Tagen vor Pfingsten in Rom sein und in Castel Gandolfo zusammen mit den Geschwistern der katholischen Bewegungen die Vorbereitung des Pfingstfests erleben. Im Jahr 1998 war ich ebenfalls bei diesem Treffen mit dabei. Damals wurde dort wahrhaftig ein neues Miteinander unter Christen verschiedener Konfessionen besiegelt.

In diesem Jahr wird bei der Begegnung der Bewegungen mit Papst Benedikt XVI. auf dem Petersplatz am Vorabend des Pfingstfests ebenfalls eine starke Delegation von evangelischen Geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften anwesend sein. Das ist auch deshalb möglich geworden, weil wir im evangelischen Bereich schon vor Jahren damit begonnen haben, die verschiedenen Gemeinschaften miteinander zu vernetzen. Das ist eine große Hilfe bei der Entscheidung für dieses ökumenische Miteinander geworden. Als wir dann die ersten Ansprachen von Josephus gehört haben, wussten wir, dass es eine starke Grundlage und das richtige Licht für diesen Weg gibt. Es tut aber auch gut, wenn wir Stimmen aus den katholischen Gemeinschaften hören, wie die von P. Michael Marmann, der sagt: "Wir Schönstätter können uns eine Zukunft ohne euch evangelische Geschwister kaum mehr vorstellen." Mit den katholischen Bewegungen eint uns das starke Bewusstsein, dass die Menschen heute Jesus Christus brauchen.

ZENIT: Sie sind evangelischer Christ, und dennoch fahren Sie zur Begegnung mit dem Papst nach Rom. Wie geht das zusammen?

Helmut Nicklas: Wenn Sie es gerne wissen wollen, habe ich meinen evangelischen Mitchristen gegenüber klar gesagt: "Es gehört auch zur Freiheit eines Christenmenschen, auf jede überzeugende Stimme der Wahrheit zu hören und deshalb auch auf den Papst in Rom."

Bei seinem historischen Besuch in Erinnerung an den 500. Geburtstag von Martin Luther in der evangelischen Christuskirche in Rom – das war übrigens der erste Besuch eines Papstes in einem evangelischen Gotteshaus – sprach Johannes Paul II. für mich prophetische und wegweisende Worte, die heute neu in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt werden müssten. Er sagte, er sähe, "wie von ferne die Morgenröte des Advents einer Wiederherstellung unserer Einheit und Gemeinschaft".

Ich halte diese Rede, die im vergangenen Jahrhundert gehalten wurde, für absolut sensationell. Damals war das wohl eine Schlagzeile, aber sie ist in ihrem prophetischen Weitblick übersehen worden. Sie greift weit auf das 21. Jahrhundert vor.

Da ist zum einen das Zeichen, dass er diese Ansprache in der evangelisch-lutherischen Kirche hielt, und dass in ihr ist das Wesentliche enthalten ist, die Basis, die Einheit stiftet. "Wir sehnen uns nach Einheit", sagte der damalige Papst vor mehr als 20 Jahren, "und wir bemühen uns um die Einheit, ohne uns durch die Schwierigkeiten entmutigen zu lassen, die sich längs des Weges anhäufen können".

ZENIT: Was ist heute Ihr Wunsch für den weiteren Weg dieses christlichen Miteinanders?

Helmut Nicklas: Wir können heute nur den Wunsch besitzen, dass die dramatische Seite des damaligen Besuchs neu wahrgenommen wird. Wer diese Ansprache heute noch einmal aufmerksam liest, der kann nur bestätigen, wie Recht Johannes Paul II. damals hatte. Er findet auch ein Programm für den "Weg der Dinge", eben "wie" es allein weitergehen kann.

"Diese Einheit ist eine Frucht der täglichen Erneuerung, Bekehrung und Buße aller Christen im Licht des ewigen Wortes Gottes", das hat sich bei mir eingegraben. Damals ermahnte uns der Papst, das das "zugleich die beste Wegbereitung für die Ankunft Gottes in unserer Welt" sei.

Wer die Botschaften des verstorbenen Papstes an die Jugendlichen in der Schweiz und die des jetzigen Papstes in Köln eingehender betrachtet, der merkt, wie hier in der Verkündigung in Grundlagen investiert wird. Die Erneuerung der Gesellschaft ausgehend von dieser Basis macht den Weg frei für eine Einheit der Christen untereinander. Wo diese Überseinstimmung da ist, unterstützen wir einander natürlich auch. So unterstützt der CVJM hier in München zum Beispiel die Arbeit und bestimmte Projekte der Gemeinschaft Sant'Egidio, obwohl wir selber vielleicht vieles ganz anders gestalten und organisieren würden.

Wenn die Grundlagen klar sind und die Absichten übereinstimmen, dann hat man sogar am Unterschiedlichen und ganz Anderem seine Freude; dann macht gewissermaßen auch Spaß, das miteinander zu tun. Mit großer Hoffnung blicke ich deshalb auch unserem nächsten Ökumenischen Europatreffen in Stuttgart im Mai 2007 entgegen. Und wie Johannes Paul II. vor Jahren formulierte: "Wir alle stehen unter der Gnade unseres Herrn Jesus Christus. Er ist die Mitte und der Angelpunkt."