Helmuth Plessner: Die Stufen des Organischen und der Mensch. Natürliche Künstlichkeit

Von Johannes Seibel

| 5583 klicks


WÜRZBURG, 13. November 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Die philosophische Anthropologie hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen enormen Aufschwung genommen und das gesamte Kulturleben reflektiert und inspiriert – nicht nur die Philosophie. Die Theologie las und verarbeitete selbst die Gedanken von Max Scheler, Arnold Gehlen und Helmuth Plessner, eine Art Dreigestirn der philosophischen Anthropologie. Die Soziologie und Politikwissenschaften entlehnten ihr Anregungen für eigene Theoriekonzepte. Und die einzelnen Natur- und Geisteswissenschaften warfen immer wieder einen meist kritischen bis neidischen Blick auf das, was die philosophische Anthropologie tat. Die philosophische Anthropologie avancierte zwischen 1920 und 1950 zu etwas, was sie selbst nicht beanspruchte, wonach aber offensichtlich nach Jahren des Abstiegs im 19. Jahrhundert von der kulturellen Leitorientierung zum bloßen wissenschaftstheoretischen Dienstleister für Natur- und Geisteswissenschaften in der Philosophie große Sehnsucht herrschte: Eine Unternehmung zu sein, die wieder die kantischen Fragen beantwortet, was der Mensch erkennen und hoffen kann, was er tun soll, und was er ist. Wie ehemals die Metaphysik als selbstverständlich gültige Großinterpretation aller dieser Dinge zwischen Erde und Himmel anerkannt war, wurde die philosophische Anthropologie Anfang des 20. Jahrhunderts nach Jahrzehnten des Siegeszugs des empiristischen und materialistischen Denkens in diese Funktion gleichsam einer Art Metaphysik der Moderne gedrängt.

Hinzu kam, dass die Biologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts enorme Fortschritte darin gemacht hatte, das Funktionieren des Menschen empirisch zu erklären. Nicht erst heute mit der genetischen Forschung, sondern schon im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts hatte sich die Biologie, was auch mit der Etablierung der Evolutionstheorie als öffentlich anerkanntes und gefördertes Forschungsprogramm und den folgenden Erfolgen in der zoologischen Anthropologie zu tun hatte, als die Wissenschaft entpuppt, die Entscheidendes über das Wesen des Menschen sagen wollte und in die kulturelle Rolle einer Leitwissenschaft drängte. Die Konkurrenz der Biologie zur Philosophie kennzeichnete zahlreiche Kontroversen zwischen den beiden Weltkriegen – das ist kein neues, heutiges Phänomen.

In dieser geistigen Situation trat nun der studierte Zoologe und Philosoph Helmuth Plessner 1928 mit seinem frühen Hauptwerk „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ an die Öffentlichkeit. Er war damit in Konkurrenz getreten zu Martin Heideggers „Sein und Zeit“, das 1927 erschienen war und die Zeitgenossen elektrisierte. Und er musste sich mit Max Schelers Schrift „Die Stellung des Menschen im Kosmos“, wie Plessners Werk ebenfalls 1928 veröffentlicht und sofort ein kontrovers diskutiertes Buch, messen lassen. Die Zeitgenossen nahmen dabei Heideggers und Schelers Bücher eher als einen Versuch wahr, die Metaphysik und Philosophie als Wissenschaft von den ersten und grundlegenden Dingen des Weltverständnisses, also als Ontologie, zu erneuern, was dementsprechende Aufmerksamkeit, Freunde und Gegner fand. Plessners „die Stufen des Organischen und der Mensch“ dagegen konnte sich diese Aufmerksamkeit nicht sichern, da es eher als bloße Grundlegung der Biologie, als philosophisches Nachdenken über die Ergebnisse der Einzelwissenschaften vom Leben verstanden, besser: missverstanden wurde. Plessner selbst hat sich darüber maßlos geärgert. Und nicht allein, weil er 1933 sein Amt als Professor für Philosophie an der Universität Köln aufgrund der nationalsozialistischen Machtergreifung verloren hatte, emigrierte Plessner zunächst in die Türkei und dann nach Holland; er war auch von der deutschen wissenschaftlichen Öffentlichkeit enttäuscht, die die Brisanz seiner Thesen neben denen von Heidegger und Scheler aus seiner Sicht nicht verstanden hatte. Vielleicht auch deshalb, und nicht allein aus historischen Gründen, hat Plessner das berühmte Diktum von Deutschland als der „verspäteten Nation“ geprägt.

Die Gründe, warum Plessner aber mit seiner Arbeit „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ – zunächst – nicht die Epoche machte, wie es Scheler und Heidegger taten, lag in etwas anderem begründet: Plessner setzte sich nämlich zwischen alle philosophischen Stühle. Denjenigen, die die Metaphysik und Ontologie als überholt abtaten, und ihr Heil allein in der Empirie und Evolutionstheorie suchten, um den Menschen zu verstehen, wollte er nicht umstandslos recht geben. Er verteidigte das Mehr des Menschen, das durch keine kausalen oder materiellen Erklärungen ausgeschöpft werden konnte. Gleichzeitig aber traute er denjenigen, die meinten, die Wissenschaft als bloß materialistisch diskreditieren zu können und wieder Metaphysik gleichsam „as usual“ betreiben zu können, ebenfalls nicht – denn der Mensch bleibt für Plessner eine naturgeschichtliche Tatsache, und es gibt kein wie auch immer geartetes Jenseits, das etwa die Theologie und Religion kennt, und über das sinnvolle wissenschaftliche Aussagen gemacht werden können. Die Geistigkeit des Menschen, das, was ihn von allen anderen Formen des Lebendigen unterscheidet, hat seinen Grund nicht in einem Schöpfergott, das vermerkt Plessner ausdrücklich.

Und so formuliert Helmuth Plessner in seinem Werk „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ drei anthropologische Grundgesetze, deren Rezeption später als die Heideggers und Schelers einsetzte, aber dafür umso untergründiger die Philosophie beschäftigten. Diese Grundgesetze lauten: Erstens „Gesetz der natürliche Künstlichkeit“, zweitens das „Gesetz der vermittelten Unmittelbarkeit“ und drittens das „Gesetz des utopischen Standortes“. Gemeint ist, dass der Mensch immer ein Verhältnis zu sich selbst hat und um dieses Verhältnis weiß – das unterscheidet ihn vom Tier. Dieses Selbst aber, um das der Mensch weiß und zu dem er sich verhält, ist für Plessner jedoch nicht an sich zu fassen, sondern nur als eine Art „Selbstpol“ denkbar, der ständig und immer schon über sich hinausgreift in die Umwelt der Dinge und die Mitwelt anderer Menschen, als Pol, als Grenze des Selbst vorausgesetzt werden muss, aber als solche Grenze oder als Pol nicht greifbar und feststellbar ist. „Exzentrische Positionalität“ nennt Plessner dies. Das heißt mit anderen Worten: Dass der Mensch von sich selbst entfremdet ist, und deshalb gleichsam als Hilfsmittel sich der Kultur bedienen muss und der Mensch damit immer schon ein Kulturwesen ist, ist kein Sündenfall, wie Rosseau und Marx glaubten, sondern gehört zur Natur des Menschen – der Mensch lebt von Natur aus entfremdet, er ist von Natur aus nie ganz bei sich, natürliche Künstlichkeit eben. Wie er dabei um die Dinge weiß, ist schon immer vermittelt, nie unmittelbares Wissen. Es ist zum Beispiel vermittelt über den eigenen Körper und seiner biologischen Prozesse, wobei der Mensch gleichzeitig auf sich als dieses Wissen Erwerbenden und prozesshaft Agierenden reflektiert – und sich so als Leib erfährt. Der Mensch oszilliert für Plessner also ständig zwischen Ruhe und Aufbruch, erfährt sich selbst nur im permanenten Ringen um die Balance des Selbst, die er aber niemals erreichen kann: Der natürliche Zustand des Menschen ist für Plessner in diesem Sinn der „utopische Standort“.

Mit diesen Überlegungen hat Plessner versucht, den Sinn des Menschseins aus sich selbst, seiner biologischen Verfasstheit, seiner Naturgeschichte zu verstehen – ohne Zuhilfenahme des Glaubens, sei es an den eines Gottes oder den an die Wissenschaften oder den einer politischen Ideologie, und ohne in einen platten Materialismus zu verfallen. Die radikale Skepsis, die sich jedoch nicht selbst vernichtet, dieses „existenzielle Paradoxon“, wie er in seinem Werk schrieb, hat Plessner zu etablieren versucht – und damit auch zu einem guten Teil das intellektuelle Klima in der jungen Bundesrepublik Anfang der fünfziger Jahre stark beeinflusst. Die skeptische Generation, so hießen damals die jungen Intellektuellen.

[Helmuth Plessner: Die Stufen des Organischen und der Mensch, Einleitung in die philosophische Anthropologie, Walter de Gruyter, 3. Auflage, Berlin/New York 1975, EUR 18,80; Teil 50 aus der Reihe „Sechzig Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 8. November 2008]