„Herausfordernder, unbequemer und unangepasster Jesuit“: Kardinal Lehmann über P. Alfred Delp

Predigt im Eröffnungsgottesdienst zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

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FULDA, 25. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die Karl Kardinal Lehmann heute, Dienstag, im Eröffnungsgottesdienst zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda gehalten hat.



Die Eucharistiefeier (Messformular: Heiliger Niklaus von Flüe; Lesungen: Röm 14,17-19, Mk 13,9-13) widmete sich dem Gedenken an P. Alfred Delp SJ, dessen 100. Geburtstag am 15. September 2007 gefeiert wurde.

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In diesen Jahren haben wir in besonderer Weise zwei große Männer der christlichen Kirchen geehrt, die nach dem 20. Juli 1944, genauer 1945 vor Kriegsende, ihr Leben verloren haben: Dietrich Bonhoeffer und Alfred Delp, die wiederum für manche andere stehen. Wir haben ihren 100. Geburtstag gefeiert: Dietrich Bonhoeffer wurde am 4. Februar 1906 in Breslau geboren, Alfred Delp erblickte am 15. September 1907 in Mannheim das Licht der Welt. Beide stehen heute in unserem Land und auch in der Welt für das „andere“ Deutschland.

Dietrich Bonhoeffer ist wohl durch seine Tätigkeit außerhalb Deutschlands bekannter geworden. Alfred Delp ist schon früh in Deutschland zu großer Anerkennung gekommen, als nämlich im Jahr 1947 das Buch „Im Angesicht des Todes. Geschrieben zwischen Verhaftung und Hinrichtung 1944-1945“ (Frankfurt 1947) erschien, das nun unter dem Titel „Mit gefesselten Händen“ in zwölfter Auflage vorliegt (Freiburg i. Br. 2007). Im letzten Jahr wurde Dietrich Bonhoeffer hochgeehrt. Wir wollen heute das Leben und die Bedeutung von Alfred Delp ins Gedächtnis zurückrufen.

Die heute hochbetagte, in den USA lebende Witwe des kurz vor Kriegsende noch hingerichteten Helmuth James Graf von Moltke (1907-1945) erinnert sich an Alfred Delp: „Ich sah P. Delp zum ersten Mal in Kreisau 1942, als er mit anderen unserer Freunde zu einer Besprechung auf ein langes Wochenende zu uns kam ... Er war jugendlich und feurig, ja, er erschien von allen der Jüngste, er war heiter und lebensfroh. Der entschlossene Ernst, der seinen Charakter bestimmte, verschwand hinter der Wärme und Freundlichkeit seines Wesens, die allen menschlichen Belangen voll zugewandt waren.“ (Kämpfer, Beter, Zeuge, 3. Aufl. 1978, 111) So haben ihn viele gesehen und viele erlebt. Seine viel gelesenen Aufzeichnungen „Im Angesicht des Todes“, die während der Haftzeit als Kassiber das Gefängnis verlassen hatten, haben nach der Katastrophe unserem Volk geholfen, sich dem unfasslichen Geschehen der Terrorherrschaft zu stellen und haben auch den Jüngeren viele Anregungen gegeben, sich auf einen anderen Weg auszurichten, und haben viel Mut gemacht zu einem radikalen Neubeginn.

Einige wenige Stichworte zu seinem Leben: Am 15. September 1907 wurde er in Mannheim geboren und katholisch getauft. Der Vater bestand aber für ihn und die fünf nachfolgenden Geschwister auf einer evangelischen Erziehung. In der Vorbereitung auf die Konfirmation entschied sich Alfred Delp 1921 selbst für die katholische Kirche. Seine Eltern wohnten an der heutigen hessisch/baden-württembergischen Grenze in Hüttenfeld und später in Lampertheim. 1922 trat er in das Bischöfliche Konvikt in Dieburg ein, wo er bis zum Abitur (1926) blieb. Dort hat ihn auch der aus der Jugendbewegung kommende Verband Neudeutschland geprägt. Die Hälfte seines Lebens vollbrachte er also im Bistum Mainz. Er trat 1926 in die Gesellschaft Jesu ein und studierte in Pullach, Valkenburg (Holland) und St. Georgen/Frankfurt. Die Priesterweihe erhielt er 1937, also vor 70 Jahren, in St. Michael/München. Aufsehen erregte seine Auseinandersetzung mit Martin Heidegger „Tragische Existenz“ (1935). Schließlich wurde er Mitarbeiter in der Redaktion der „Stimmen der Zeit“ in München (1939). Er arbeitete in der überdiözesanen Arbeitsstelle für Männerseelsorge – damals schon in Fulda – mit. 1941 wurde er Rektor der St. Georgskirche in München-Bogenhausen. Ab Sommer/Herbst 1942 erhält er Kontakt zur Widerstandsgruppe, die später „Kreisauer Kreis“ genannt wird. Er wird am 28. Juli 1944 durch die Gestapo verhaftet, schließlich nach Berlin überstellt (6./7. August 1944), verschärften Verhören ausgesetzt, im September in die Haftanstalt Berlin-Tegel verlegt, legt am 8. Dezember 1944 im Gefängnis die Professgelübde ab und wird nach dem Prozess vor dem Volksgerichtshof (9.-11. Januar) wegen Hoch- und Landesverrat zum Tod verurteilt. Am 31. Januar wird er in das Hinrichtungsgefängnis Berlin-Plötzensee überführt und am 2. Februar 1945 dort am Galgen hingerichtet. Ein Grab gibt es nicht. Die Hingerichteten wurden auf Anordnung Heinrich Himmlers verbrannt und die Asche auf den Rieselfeldern bei Berlin ausgestreut.

Alfred Delp war ein leidenschaftlicher und – wie schon Gräfin von Moltke sagte – feuriger Kopf, lebensfroh und doch auch von tiefem Ernst. Es fiel ihm nicht immer leicht, sich in die Gemeinschaft des Ordens und seiner Ausbildung einzufügen. Das philosophische Studium, vor allem Heideggers, hat ihn über seine Spontaneität und die Zeitprobleme hinausgeführt und zu einer prinzipiellen Denkweise gebracht. Das unmittelbar zupackende Naturell Delps führte auch dazu, dass er sich manchmal zu rasch ein Urteil bildete, sich korrigieren und auch entschuldigen musste. Das Studium tat ihm gut. Die publizistische Arbeit auf der Schwelle zwischen Grundsatzfragen und aktuell-konkreten Problemen bei den „Stimmen der Zeit“ lag ihm ganz besonders. Schließlich stieß Alfred Delp auf den Kreisauer Kreis, wo es um Überlegungen für eine Neuordnung Deutschlands nach dem Krieg ging. Diese Mitarbeit wurde der Anlass, dass Alfred Delp Opfer des Henkers wurde.

Die Monate in Berlin 1944/45 stellen nach dem Urteil vieler einen großen Wandel mit ihm dar: „Eine Reifung, die mitzuverfolgen unter die Haut geht. Isolationshaft, Folter, Hunger veränderten Delp. Es war eine erzwungene, keine selbst gewählte Wandlung – sie beeindruckt gerade auch junge Menschen.“ (A. R. Batlogg SJ) Der temperamentvolle, impulsive Mensch hat sich sehr gewandelt. Die Meditationen aus dem Gefängnis, gerade auch in der Advents- und Weihnachtszeit, offenbaren eine sehr große spirituelle Tiefe und Originalität. Man liest sie heute noch wie gestern. Ich denke etwa an die Betrachtung zum Dreikönigsfest 1945, also wenige Tage vor dem Prozess (Mit gefesselten Händen, 112-122). Delp machte sich nichts vor über sein Schicksal, wenn er auch bis zuletzt hoffte. Aber der Hass Freislers richtete sich grundlegend auf einen Mann der Kirche, einen Priester und besonders einen Jesuiten.

In der Zeit der Haft hat er sich nie in sein eigenes Schicksal eingeschlossen. Seine „Reflexionen über die Zukunft“ aus Berlin verraten auch in ihren kritischen und skeptischen Betrachtungen über die Geschichte, den Humanismus oder das Schicksal der Kirchen eine größere Sorge, eine bange Ungewissheit vor dem, was werden wird. Hier zeigt sich, dass Delp bereit war, sich selbst zu vergessen, um dem Ernst gegenüber den größeren Aufgaben der Zeit vor aller persönlichen Sorge den ersten Platz einzuräumen. Auch die Haft, der Prozess und die Verurteilung minderten Alfred Delps Sorge um die Zukunft von Welt und Kirche nicht.

Heute wissen wir, in welch tiefer Weise Pater Alfred Delp in seiner Mitarbeit beim Kreisauer Kreis sehr konkret an die Zukunft Deutschlands dachte. Zwar hat man bis heute ein wichtiges Manuskript „Dritte Idee“ (ca. 80 Seiten) nicht mehr gefunden. Delp wollte hier zwischen Kapitalismus und Marxismus seinen „sozialen Personalismus“ vertreten und entfalten. Es ist eine Sozialethik für ein neues Deutschland. Petro Müller hat eine Rekonstruktion dieser verlorenen Seiten versucht. Vieles ist in der Demokratie und in der Sozialen Marktwirtschaft nach der Katastrophe realisiert worden. Vieles ist fruchtbar geworden in diesen Jahrzehnten. Manches bleibt noch Herausforderung.

Nach der Verurteilung schrieb Alfred Delp am 11. Januar 1945: „Es sollen andere einmal besser und glücklicher leben dürfen, weil wir gestorben sind.“ Überhaupt sind die Überlegungen „Rechenschaft und Abschied“ nach der Verurteilung von besonderer Eindringlichkeit (Mit gefesselten Händen, 223-233). Manches in dieser Zeit klingt wie eine Prophetie, z.B. die Worte über die Zukunft der Kirche, über die Notwendigkeit der Ökumene und die tiefe Chance der Diakonie (vgl. Mit gefesselten Händen, 138-144).

Gerade Alfred Delp ist kein Mann für das Archiv oder das Museum. Er lässt sich nicht musealisieren. Er bleibt auch heute ein herausfordernder, unbequemer und unangepasster Jesuit. Auch für seinen Orden ist er eine prophetische Gestalt. Wir haben noch längst nicht ausgeschöpft, was man von ihm lernen kann. Manchmal müssen viele Jahre vergehen, bis wir einen schon Verstorbenen in seiner Bedeutung wiederentdecken. Bei Alfred Delp lässt sich immer noch viel lernen. Immer mehr kam es ihm freilich auf seine Botschaft an: Ohne Gott kann man nicht richtig Mensch sein. Zu seinen letzten Worten gehört auf dem Kassiber vom 30. Januar: „Beten und glauben. Danke!“ (Gesammelte Schriften IV, 147). Amen.

[Von der Deutschen Bischofskonferenz zur Verfügung gestelltes Redemanuskript]