"Herr, schenke uns immer tiefere Einheit"

Ansprache des Papstes bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 467 klicks

Die Generalaudienz von heute Vormittag begann um 10.30 Uhr auf dem Petersplatz, wo der Heilige Vater Franziskus Gruppen von Pilgern und Gläubigen aus Italien und allen Teilen der Welt begegnete.

In seiner in italienischer Sprache gehaltenen Rede entfaltete der Papst das Thema der Einzigartigkeit und Einheit der KircheNach einer Zusammenfassung in verschiedenen Sprachen wandte sich Papst Franziskus mit einem besonderen Gruß an die anwesenden Gruppen von Gläubigen. Anschließend richtete er einen Aufruf anlässlich des Internationalen Tages des Friedens der Vereinten Nationen am 21. September.

Die Generalaudienz endete mit dem Gesang des Vaterunser und dem apostolischen Segen.

Wir dokumentieren die Ansprache des Heiligen Vaters in eigener Übersetzung:

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag,

mit den Worten „ich glaube an  […] die eine […] Kirche“ bekennen wir uns im „Credo“ zur Einzigartigkeit und Einheit der Kirche. Eine Betrachtung der Präsenz der katholischen Kirche in der Welt zeigt jedoch, dass diese aus beinahe 3.000 in allen Kontinenten verstreuten und durch unterschiedliche Sprachen und Kulturen gekennzeichneten Diözesen besteht. Die Bischöfe stammen aus unterschiedlichen Kulturen und vielen verschiedenen Ländern: aus Sri Lanka, Südafrika, Indien, so viele sind es … Bischöfe aus Lateinamerika. Die Kirche ist in aller Welt verbreitet! Dennoch bilden diese Tausende von katholischen Gemeinschaften eine Einheit. Wie kann das geschehen?

1. Eine Antwort in synthetischer Form enthält der „Katechismus der katholischen Kirche“. Demnach hat die in der Welt verbreitete katholische Kirche „einen Glauben, ein sakramentales Leben, eine apostolische Sukzession, eine gemeinsame Hoffnung, die gleiche Barmherzigkeit“ (Nr. 161; eigene Übersetzung). Diese Definition ist sehr schön, von großer Klarheit und daher eine gute Orientierungshilfe. Die Einheit im Glauben, in der Hoffnung, in der Barmherzigkeit, in den Sakramenten und im Amt — dies sind gleichsam die Pfeiler, auf denen das eine große Gebäude der Kirche ruht und geeint bleibt. Wohin unsere Wege uns auch führen mögen, auch in der kleinsten Pfarrgemeinde und im hintersten Winkel der Erde erwartet uns die eine Kirche; sie ist unser Zuhause, unsere Familie, denn wir sind Brüder und Schwestern. Das ist ein großes Geschenk Gottes! Die Kirche ist eine einzige für uns alle. Sie existiert nicht als eigene Kirche für die Menschen Europas, Afrikas, Asiens, Amerikas und Ozeaniens. Nein, sie ist überall dieselbe Kirche. Es verhält sich ebenso wie in einer Familie: Auch wenn die einzelnen Mitglieder weit voneinander entfernt leben und in aller Welt verstreut sind, bleiben die tiefen Verbindungen zwischen ihnen selbst über große Distanzen hinweg bestehen. In diesem Zusammenhang denke ich beispielsweise an die Erfahrung des Weltjugendtages in Rio de Janeiro: In dieser unendlichen Schar von Jugendlichen am Strand von Copacabana konnte man so viele Sprachen erkennen, man erblickte so viele verschiedene Gesichter und begegnete einer großen Vielfalt an Kulturen, und dennoch bestand tiefe Einheit. Es bildete sich eine Kirche und dies wurde spürbar. Stellen wir uns folgende Frage: Spüre ich als Katholik diese Einheit der Kirche? Oder ist sie mir gleichgültig, weil ich in meiner kleinen Gruppe oder in mir selbst verschlossen bin? Zähle ich zu jenen, die die Kirche für die Gruppe, die Nation oder die Freunde „privatisieren“? Es ist traurig! Ist es mir egal, wenn ich erfahre, dass viele Christen verfolgt werden und für ihren Glauben ihr Leben hingeben? Berührt dies mein Herz oder geht es mir nicht nahe? Bin ich offen für einen Bruder oder eine Schwester der Familie, der oder die das eigene Leben für Jesus Christus hingibt? Beten wir füreinander? Ich möchte euch nun eine Frage stellen. Antwortet jedoch nicht laut, sondern nur in eurem Herzen: Wie viele von euch beten für die verfolgten Christen? Wie viele? Antwortet in eurem Herzen. Bete ich für den Bruder oder die Schwester, der oder die sich aufgrund des Glaubensbekenntnisses und der Glaubensverteidigung in Schwierigkeiten befindet? Es ist wichtig, über den eigenen Zaun hinauszublicken, sich Kirche zu fühlen, die eine Familie Gottes!

2. Nun wollen wir einen Schritt weitergehen und uns folgender Frage zuwenden: Gibt es Wunden in dieser Einheit? Können wir dieser Einheit Wunden zufügen? Leider müssen wir feststellen, dass im Laufe der Geschichte und auch zu diesem Zeitpunkt keine ungebrochene Einheit herrscht. Manchmal kommt es zu Unverständnis, zu Konflikten, Spannungen und Spannungen, die zur Entstehung von Wunden führen. In diesem Fall zeigt die Kirche nicht das von uns gewünschte Gesicht und erweist nicht die von Gott gewollte Barmherzigkeit. Wir selbst sind die Ursache dieser Verletzungen! Bei der Betrachtung der noch existierenden Spaltungen zwischen den katholischen, orthodoxen und protestantischen Christen wird erkennbar, mit welchen Mühen eine vollkommene Sichtbarmachung dieser Einheit verbunden ist. Gott schenkt uns die Einheit, doch es fällt uns schwer, sie zu leben. Es ist daher nötig, die Gemeinschaft stets zu suchen und zu schaffen, zur Gemeinschaft zu erziehen und Missverständnisse und Spaltungen zu überwinden, angefangen bei der Familie, den kirchlichen Realitäten, und ebenso beim ökumenischen Dialog. Unsere Welt benötigt Einheit. Wir leben in einer Zeit, in der wir alle Einheit, Versöhnung und Gemeinschaft benötigen. Die Kirche ist das Haus der Gemeinschaft. Erinnern wir uns an die Worte des hl. Paulus an die Christen von Ephesus: „Ich, der ich um des Herrn willen im Gefängnis bin, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging. Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält“ (4,1-3). Demut, Friedfertigkeit und Geduld, Liebe zur Wahrung der Einheit! Dies sind die Wege, die wahren Wege der Kirche. Betrachten wir sie erneut: Demut gegen die Eitelkeit, gegen den Hochmut, Demut, Friedfertigkeit, Geduld und Liebe zur Wahrung der Einheit. In seinem Brief fährt Paulus folgendermaßen fort: Ein Leib wie jener Christi, den wir in der Eucharistie empfangen; ein Geist, der die Kirche belebt und stets erneuert; eine gemeinsame Hoffnung, das ewige Leben; ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller (vgl. 4,4-6). Der Reichtum dessen, was uns vereint! Dies ist ein wahrer Reichtum: das Vereinende, nicht das Spaltende. Dies ist der Reichtum der Kirche! Jeder von uns möge sich heute Folgendes fragen: Lasse ich die Einheit in der Familie, in der Pfarre wachsen, oder bin ich ein Verleumder oder eine Verleumderin? Bin ich die Ursache für Spaltungen, für Unbehagen? Euch ist nicht bewusst, welchen Schmerz die Verleumdung der Kirche, den Pfarren und den Gemeinschaften zufügt. Es schmerzt! Die Verleumdung fügt Wunden zu. Bevor ein Christ zu schwätzen und klatschen beginnt, muss er sich auf die Zunge beißen. Ist es nicht so? Sich auf die Zunge beißen: Das wird uns gut tun, da die Zunge dadurch anschwillt und uns am Sprechen und Klatschen hindert. Besitze ich die Demut, um mit Geduld, Opferbereitschaft die Wunden der Gemeinschaft zu verschließen?

3. Lasst uns abschließend noch einen Schritt weiter in die Tiefe vordringen. Dabei begegnen wir der folgenden interessanten Frage: Wer ist die Triebkraft dieser Einheit der Kirche? Der Heilige Geist, den wir alle durch die Taufe und im Sakrament der Firmung empfangen haben. Es ist der Heilige Geist. Unsere Einheit ist nicht vordergründig eine Frucht unserer Zustimmung oder der Demokratie im Inneren der Kirche oder unseres Bemühens um Einvernehmen. Vielmehr entspringt sie ihm, der Einheit in der Verschiedenheit schafft, denn der Heilige Geist ist Harmonie und stets der Urheber der Harmonie in der Kirche. Er bildet eine harmonische Einheit inmitten einer großen kulturellen, sprachlichen und gedanklichen Vielfalt. Der Heilige Geist ist die Triebkraft. Aus diesem Grund ist das Gebet wichtig, denn es ist die Seele unseres Bemühens um Gemeinschaft und Einheit als Frauen und Männer. Lasst uns zum Heiligen Geist beten, auf dass er komme und die Einheit der Kirche vollbringe. 

Wenden wir uns mit folgender Bitte an den Herrn: Herr, schenke uns immer tiefere Einheit. Lass uns niemals zum Werkzeug der Spaltung werden. Mach, dass wir uns, wie es in einem schönen franziskanischen Gebet heißt, dafür einsetzen, Liebe dorthin zu bringen, wo Hass ist, Vergebung, wo Beleidigung, Einheit, wo Zwietracht herrscht. Amen.