Herr über Leben und Tod

Impuls zum 18. Sonntag im Jahreskreis

| 861 klicks

Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 5. August 2012 (ZENIT.org). - In diesen Tagen begegnet uns in den Lesungen der Werktagsmessen immer wieder der Prophet Jeremia, jener alttestamentarische Gottesmann, der das undankbare Charisma hatte, dem auserwählten Volk die Leviten zu lesen, was zu seiner Zeit (6.-7. Jahrhundert vor Christus) besonders unangenehm war, da die Situation der Juden damals von besonderer Art war.

„Weh mir Mutter, dass du mich geboren hast, einen Mann, der mit aller Welt in Zank und Streit lebt“ (Jer 15,10), so klagt der Prophet. Das Besondere war nämlich, dass es nicht an ihm, sondern am Volk lag, dass es immer wieder Streit gab. Propheten müssen die Menschen zu Umkehr und Buße auffordern. Wenn sich das Volk seiner Sünden bewusst ist, führt das oft zu dem von Gott erwünschten Erfolg, z.B. beim letzten der Propheten, dem Hl. Johannes, dem Täufer. Zur Zeit des Propheten Jeremia jedoch waren sich alle einig – angefangen vom König, den Priestern und den sog. Propheten bis hin zum Volk – dass im Lande alles in Ordnung sei. Im Tempel wurden formell die vorgeschriebenen Opfer dargebracht, die Leute zahlten ihre Steuern, der König hatte nur die üblichen Intrigen am Hof. Und doch war alles unterhöhlt und falsch. Das Volk und seine Führer, einschließlich der Priester, hatten sich von Gott abgewandt. „Die Priester fragten nicht: Wo ist der Herr? Die Hüter des Gesetzes kannten mich nicht, die Hirten des Volkes wurden mir untreu. Die Propheten traten im Dienst des Baal auf und liefen unnützen Götzen nach“ (Jer 2,8).

Immer wieder tritt Jeremia gegen dieses Establishment auf, das ihn als außerordentlich lästig empfindet. Zum Schluss wollen sie ihn umbringen, denn er prophezeit den Untergang Jerusalems und die Verschleppung des Volkes in ein fremdes Land, falls es nicht zu einer Umkehr kommt. Gegen den einen wahren Propheten stehen hunderte offizieller „Propheten“, die das Volk in seinem Irrweg bestärken.

Wäre heute ein Prophet Jeremia in unserer so perfekt funktionierenden Gesellschaft denkbar? In unserem Land stehen auch wir äußerlich gut da. Es herrscht Ordnung und Frieden im Land, den Leuten geht es gut. Jedenfalls denen, die man sieht. Anders ist es mit denen, die man nicht sieht, den Millionen abgetriebenen Kindern, deren Fehlen nach und nach nicht nur das Gewissen, sondern auch das Bruttosozialprodukt beeinträchtigt. Dann sind da die vielen alten und kranken Menschen, die eine Belastung sind (wer kann auf Dauer die Renten aufbringen?). Wie nach den bisherigen Entwicklungen zu erwarten, geht es mit der Todesmelodie immer weiter. Das Vorbild Holland, Belgien, Luxemburg ist gar zu verlockend. Euthanasie, Suizid. Das Bundesjustizministerium legt einen Gesetzesentwurf zum assistierten Suizid vor, der die Menschen scheinbar schützt, in Wirklichkeit dem „Freund“ erlaubt, „Sterbehilfe“ zu leisten. Auch die Diskussion um die neue leichte Art der Feststellung von Down-Syndrom mit der Folge, solche behinderten Kinder abzutreiben, scheint beendet zu sein: es wird erlaubt.

Dafür wird die „Babyklappe“ zugemacht.

Jeremia hätte auch heute allen Grund zum Klagen. Zu seiner Zeit hat man den wahren Glauben verlassen und die Kinder dem Baal zum Opfer gebracht.

Damals wie heute sind die Menschen nicht abgrundtief schlecht, im Gegenteil es gibt soviel an Hilfsbereitschaft, so herzerfrischend liebevolle Eltern mit ihren kleinen Kindern. Aber da ist – ohne dass wir es besonders wahrnehmen – über uns eine immer konkreter werdende Ideologie, die uns von zentraler Stelle aus die „Kultur des Todes“ aufstülpen will. Wenngleich das mit Religion scheinbar gar nichts zu tun hat, steht doch im Hintergrund die uralte Versuchung des Menschen, sich selbst zum Herrn über Leben und Tod zu machen.

Im Paradies scheiterten die Menschen am „Baum der Erkenntnis“. Wer im Buch Genesis nachliest, stellt fest, dass da noch ein anderer Baum stand, an den der Mensch nicht rühren sollte: der „Baum des Lebens“.

Käme doch ein Jeremia, der dem Volk in Erinnerung rufen wollte: Gott allein ist der Herr über Leben und Tod!

Ist Pessimismus angesagt? Nein! Das Fest vom kommenden Montag, zeigt uns den Verklärten Herrn, der uns in sein Licht hineinruft.

Zu ihm Ja zu sagen, ist jedem jederzeit möglich. Sagen wir das weiter, und der ganze Todesspuk wird vergehen wie Schnee in der Sonne.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“. Im katholischen Fernsehsender EWTN ist er montags um 17.30 Uhr mit der wöchentlichen Sendereihe „Schöpfung und Erlösung”, die beiden großen Werke Gottes und die Mitwirkung des Menschen, zu sehen.