„Herzensbildung“: Ein Begriff hat Hochkonjunktur

Der Mensch im Informationszeitalter braucht Gefühl

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ROM, 26. September 2008 (ZENIT.org).- „Herzensbildung“, ein Begriff aus der Enzyklika „Deus caritas est“ von Papst Benedikt XVI., hat Hochkonjunktur.

In einer Gesellschaft, in der Informationsflüsse unaufhörlich strömen und Kommunikationsmittel Wissenspakete schnell weiterleiten können, fehlt es offensichtlich an Integrität und umsichtigen Umgang mit diesem Wissen.

Papst Benedikt XVI. hat dies in seiner ersten Enzyklika betont, als er berufliche Kompetenz und Zuwendung des Herzens miteinander verband: Denn Menschen brauchen mehr als bloß „technisch richtige Behandlung. Sie brauchen Menschlichkeit." (Deus caritas est, Nr. 31a) Die Zuwendung des Herzens wird durch "Herzensbildung" vermittelt.

Das kalten Auswerten und Ausbeutung von Informationen hat ja, wie wir jetzt sehen können, gerade im Bereich der Finanzspekulation zur Perspektivenverengung ohne Blick auf das Gemeinwohl geführt. Es liess Aufhorchen, als der ehemalige Leiter der deutschen Bank, Enders letzte Woche in einem Fernsehinterview von Ehrfurcht und Respekt im Umgang mit Wissen um Finanzströme sprach.

In einem letzte Woche in der Deutschen Financial Times erschienenen Artikel zu Perspektiven angesichts des Internationalen Bankencrash schrieb der Wirtschaftjournalist und Zukunfsforscher Erich Händeler: „Knapp sind gebildete Menschen und ihre Problemlösungswertschöpfung. Die gewinnträchtigste Investition ist deshalb heute die Investition in Menschen“, Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung hingen, so Händeler, erstmals vom effizienten Umgang mit Information ab: „von Informationsflüssen zwischen Menschen und im Menschen, von Fortschritten im Menschlichen".

Wie sind diese Fortschritte im Menschlichen nun genau zu erzielen? Eine aktuelle Antwort darauf liefert das neu erschienene Buch von Irmtraud Tarr: Ein Lob der Herzensbildung, das im Gütersloher Verlagshaus erschienen ist. Die Autorin erklärt darin kurz und knapp auf 160 Seiten, warum wir alle Herzensbildung brauchen: In einer Welt voller komplexer Gedankengänge und im Dickicht der Informationsflut will Wissen wieder „gefühlt“ werden.

Dem gefühlten Wissen des Herzens, so Tarr muss erneut Raum gegeben werden. Es geht also nicht um Wissensverarbeitung, EDV sondern um „eine Lebensweise“. Hat der Mensch emotionale Intelligenz als etwas Gegebenes so muss emotionale Bildung erst erworben werden.

Jüngste Publikationen in Wochenzeitungen wie „Die Zeit“ haben unterstrichen, wie wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung vieler Menschen heute ein „Coach“ geworden ist, der den von Hektik und Zeitnot sich selbst entfremdeten Zeitgenossen das Gespür für den eigenen Herzschlag und die Achtsamkeit für das Innere beibringt.

Der kompakte Band von Irmtraud Tarr, Ein Lob der Herzensbildung ist so ein „Coach“, der sehr eingängig die wesentlichen Grundhaltungen erklärt, die den verschütteten Weg zum eigenen Einfühlungsvermögen freilegen helfen. Respekt, Humor, Phantasie gehören als wichtige mitmenschliche Qualitäten auch zu den von Irmtraud Tarr anvisierten Lernzielen.

Im Umgang mit den „dunklen Herzensgefühlen“, dem inneren Widerspruch, geht es der Autorin primär um die Annahme, das Zulassen der „Komplementärerfahrungen“ des Lebens. Diese „abgrundtiefen Herzenszüge“, die als destruktiv beschrieben werden, fasst Tarr als „mangelnde Sensibilität für das Leiden, das man bei sich und bei anderen verursacht“ zusammen. Der Versuch, die Veränderung eines in sich verkrümmten Herzens allein humanistisch mit „Sensibilisierung“ erreichen zu wollen, ist wohl von einer theologischen Anthropolgie her gesehen, die schwächste Stelle dieses sonst hervorragenden Buches. Denn verliert sich jemand selbst, dann ist, wie die Autorin bemerkt, „in der Verachtung anderer auch das Verhältnis zu sich selbst zerstört“ (Herzensbildung, 94).

Zur Erklärung des Weges zu einer neuen Wachsamkeit des lichten Herzens gehört auch der Verweis auf grundlegende Werke wie das „Das Schatzbuch der Herzensbildung. Grundlagen, Methoden und Spiele zur emotionalen Intelligenz“. München: Don Bosco 2004. Die Autorin, Charmaine Liebertz, erklärt darin: „Aber Bildung ist mehr als unverbindliche Schöngeisterei, als bloßes Faktenwissen. Zur Bildung im 21. Jahrhundert gehört vor allem der souveräne Umgang mit den Schlüsselqualifikationen der Zukunft: soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz. Ihre Förderung sollte fester Bestandteil einer jeden Bildungs- und Erziehungskonzeption sein“.

Liebertz liefert in ihrem Werk auch einen Hinweis auf die Fundamente einer Neuausrichtung des Herzens, in dem sie feststellt: „Unserem Erziehungs- und Lernprozess fehlt ein verlässliches Sinn-Fundament, ein erstrebenswertes Menschenbild“.

„Herzensbildung ist ein Wert in sich, wie die Liebe“, resümiert Tarr (Herzensbildung, 148). „Seinen Weg nehmen, sich zu orientieren, zu entscheiden, manchmal kühn, aber immer umsichtig, das ist heute im Informationseitalter mehr denn je notwendig geworden“.

Das Buch ist ein ideales Geschenk für all jene, die nicht von einer Suche eines neuen Zugangs zur Herzensbildung, zu Sinn und Wert des Lebens lassen wollen, und dabei nicht unmittelbar den Weg des Glaubens einschlagen wollen oder können.

Von Angela Reddemann