„Heute ist uns der Wahrheitsdienst Mariens unentbehrlich“: Kardinal Meisners Predigt in Einsiedeln

„Der Mensch macht oft sein eigenes Dasein unwahr, wenn er das Schöpfungsgedächtnis verliert“

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KÖLN, 29. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir die Predigt, die der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner am Gedenktag Maria, Königin des Rosenkranzes (7. Oktober) in der Basilika des Wallfahrtsortes Maria Einsiedeln gehalten hat.



Wie die Pressestelle des Erzbistums am Samstag bekräftigte, hatte Kardinal Meisner mit seiner Predigt „das getan, was seines Amtes als Bischof ist: die kirchliche Lehre zu verkündigen sowie den Wert und die Würde von Ehe und Familie zu verteidigen“. Niemandem habe er mit seinen Worten das Existenzrecht abgesprochen, wie ein Grünen-Politiker behauptet hatte; vielmehr sei es ihm darum gegangen, „die Bedeutung von Ehe und Familie für die menschliche Gesellschaft“ zu unterstrichen. „Dies ist die ureigenste Aufgabe eines katholischen Bischofs.“

In Einsiedeln hatte Kardinal Meisner zur Beachtung der Wahrheit über den Menschen aufgerufen und unter anderem festgestellt: „Die Schönheit Mariens hat etwas zu tun mit ihrer Sündenlosigkeit. Die Sünde macht immer alt und hässlich. Eine Abtreibung etwa, so sagt man, macht eine Frau älter als ein halbes Dutzend Geburten. Menschliche Schönheit bedeutet, die Schönheit Gottes durch unser Wesen durchscheinen zu lassen.“

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Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Ist nach 90 Jahren Fatima-Bewegung die Botschaft von Fatima erledigt? Oder sind 60 Jahre Fatima-Sühnekreuzzug zum Gegenstand der Vergangenheit geworden? Und sind wir heute zum 30. Mal zu einer Marienfeier letztmalig in Einsiedeln versammelt? Ist die Botschaft Mariens im größer und einiger werdenden Europa erledigt? – Wir werden sagen müssen: Ganz im Gegenteil! Europa droht sich von seinen Wurzeln abzuschneiden. Europa ist dabei, unbegreiflicherweise die Quelle zu verstopfen, aus der sich sein reiches kulturelles und zivilisatorisches Leben entfaltet hat. Europa will den Namen Gottes aus seiner Verfassung und darin die Berufung auf Jesus Christus vermeiden. Der große Beter und Schriftsteller Reinhold Schneider schrieb in den letzten Kriegsjahren: „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unseren Häuptern aufzuhalten.“ Das Wort kann man auch heute noch wegen seiner Aktualität wiederholen: „Allein den Betern kann es noch gelingen, Europa vor seiner Selbstzerstümmelung zu bewahren!“ Es scheint aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts nichts gelernt zu haben! Und darum bleibt die Fatima-Botschaft von Gebet und Buße das einzige Rettungsmittel, das unser christliches Europa und damit die außereuropäische christliche Zivilisation erhalten kann. Darin ist uns Maria als Orientierungspunkt, Mithelferin und Beterin unverzichtbar.

1. Der Mensch ist von Gott als die Krone der Schöpfung gedacht und ins Dasein gerufen. Maria aber ist die Krone des Menschengeschlechtes, sodass wir sagen können: Sie ist die Krone der Krone der Schöpfung. Wir müssen mit ihr intensiver arbeiten und uns von ihr mehr denn je Orientierung geben lassen.

Weil die Welt als Schöpfung aus der liebenden Hand Gottes kommt, ist sie von Glanz, Würde und Ehre geprägt und gezeichnet. Weil der Mensch die Krone der Schöpfung ist, gilt das in ganz besonderer Weise vom Menschen. Und weil Maria die Krone der Menschheit ist, finden wir gleichsam den Schöpfungsplan Gottes in ihr und bei ihr in Reinkultur wieder: „Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir“ (Lk 1,28). Sie ist wirklich die Krone der Krone der Schöpfung.

2. Die Weisheit der Menschheit beschreibt diesen Glanz und diese Würde des Daseins mit vier Wirklichkeitsbegriffen: das Dasein aus Gottes Hand ist immer eine Einheit, es ist also eines, es ist gut, es ist wahr, und es ist schön. Das sind auch unsere ganz persönlichen Prägestempel, die uns vor Gott und der Welt auszeichnen. Da wir diese Prägestempel weithin aus dem Blick verloren haben, nehmen wir sie kaum noch zur Kenntnis und werden von Minderwertigkeitskomplexen bestimmt mit allen sich daraus ergebenden negativen Konsequenzen. „Erkenne dich selbst“, heißt es in diesem Zusammenhang: „Erkenne Maria, weil sie voll der Gnade ist, damit du dich selbst und deine Berufung erkennen kannst!“

3. Das Dasein ist eine Einheit. – Der Mensch ist eins, weil er eine Person ist. Aber durch die Sünde ist er gespalten und auseinander gefallen: Er erfährt sich oft nur noch als Triebbündel, als zerfahren, als atomisiert. Er ist in seiner Persönlichkeit gespalten. Das diagnostizieren die Psychologen mit dem Wort „Schizophrenie“. Der Apostel Paulus schildert dasselbe, indem er im Römerbrief sagt: „Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will. Ich unglücklicher Mensch“ (Röm 7,19.24). Die so genannte Aufklärung im 19. Jahrhundert meinte, wenn der Mensch weiß, was gut ist, dann tut er auch das Gute. Darum definierte man: „Wissen ist Macht“. Aber das war und ist ein Grundirrtum, wie Paulus sagt: „Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will.“ Der Mensch ist nicht heil oder durch die Aufklärung allein zu heilen. Stalin und Hitler waren keine Monstren, sondern sie waren Menschen. Sie haben aber durch ihre Taten den naiven Aufklärungsglauben ad absurdum geführt. Und die Buche, unter der Goethe auf dem Eltersberg in Weimar den deutschen Humanismus definiert hat: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, stand dann auf dem Appellplatz des KZ Buchenwald bei Weimar, auf dem die Menschenwürde mit Füßen getreten wurde. Franz Grillparzer hatte schon recht, wenn er schreibt: „Humanität ohne Divinität ergibt Bestialität“, das heißt: „Menschlichkeit ohne Göttlichkeit pervertiert zur Unmenschlichkeit“.

Der Prophet mahnt das Volk Gottes, indem er sagt: „Wie lange noch schwankt ihr nach zwei Seiten?“ (1 Kön 18,21). Maria ist dazu das große Gegenbild Gottes. Sie ist ohne Sünde und darum ganz bei sich selbst. Sie steht nicht außer sich, sondern ganz und gar in sich. Und sie ist nicht getrieben von Leidenschaften, sondern ruht ganz in Gott und damit ganz in sich selbst. Darum steht sie zu ihrem Auftrag, sie steht so unter dem Kreuz, sodass sich Gott ganz auf sie verlassen kann. Sie steht zu ihrem „Ja“-Wort von Nazareth bis Golgotha. Sie zeichnet sich aus durch Standfestigkeit und übersteht alle Katastrophen des Lebens. Maria ist zuverlässig. Auf sie kann sich Gott ganz und gar verlassen, und darum können auch wir Menschen uns auf sie verlassen. Wir wissen, woran wir bei Maria sind: Sie steht zu uns und spricht für uns und hält zu uns, wie das etwa das Schutzmantelbild der Mutter Christi zeigt: „Dein Mantel ist sehr weit und breit, er deckt die ganze Christenheit“. Er ist nicht durchlöchert und nicht zerfasert. Maria will uns zu wahren Menschen heranwachsen sehen, die mit Gott, den Menschen und sich selbst innerlich und äußerlich eins sind.

4. Die zweite Daseinsweise, die uns Menschen von Gott her geschenkt und eingeprägt ist, nennen wir das Gutsein oder die Güte. Denn Gott ist das höchste Gut, und darum kann sein Werk, der Mensch und die Welt, nicht ungut sein. Maria ist der gute Mensch schlechthin: die gute Mutter ihres Sohnes, die gute Gehilfin ihres Bräutigams, die gute Frau auf der Straße der Welt. Von Jesus heißt es: „Er hat alles gut gemacht“ (Mk 7,37). Er hat im Hause Mariens in Nazareth nichts Schlechtes gesehen und nichts Schlechtes gehört. So dürfen wir auch von Maria sagen, wo immer wir ihr begegnen: Sie hat alles gut gemacht – in Nazareth, in Bethlehem, in Kana, in Ägypten, in Jerusalem. Maria ist nicht des Bösen fähig. Sie kann nicht zum Unguten inspirieren. Von ihr geht man immer besser weg, als man zu ihr hingekommen ist. Die Wallfahrtsorte sind mit ihren vielen Votivgaben ein Beweis dafür: „Maria hat geholfen“, steht meistens darauf. Ihr gutes Herz strahlt in ihrer Güte auf alle Menschen aus, die in ihre Nähe kommen. Mutter Teresa von Kalkutta lebte und handelte und sprach immer mit dem Rosenkranz in der Hand, das heißt in der Nähe Mariens. Darum ging soviel Segen von ihm aus. Manche Kinder sagen ihren Eltern, dass sie immer besonders gut zu ihnen sind, wenn sie von einer Marienwallfahrt nach Hause kommen. Nicht nur, weil sie ihnen dann ein kleines Geschenk mitgebracht haben, sondern sie spüren etwas von der Güte und Menschenfreundlichkeit Mariens, die einfach auf Menschen in ihrer Nähe abfärben.

5. Das Sein in der Welt ist wahr, weil Gott die Wahrheit in Person ist. Der Mensch aber macht oft sein eigenes Dasein unwahr, wenn er das Schöpfungsgedächtnis verliert. Wenn er zum Beispiel meint, dass Mann und Frau nicht aufeinander bezogen sind, damit sie in der Ehe zur Familie werden. Alle so genannten alternativen Modelle des menschlichen sexuellen Zusammenlebens sind aber unwahr und darum für den Menschen im Kern verderblich. Die Menschheit richtet sich hier selbst zugrunde. Maria ist dagegen wahr wie klares Quellwasser. Bei ihr gibt es keine faulen Kompromisse: ihr „Ja“ ist ein „Ja“ – „Mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Und ihr „Nein“ ist ein „Nein“ – Das sagt und tut in ihrer Nachfolge die Kirche dann auch. Aber dafür erhält sie Widerspruch von der Welt, aber nicht von Gott.

Es ist in der Christenheit üblich geworden, in den großen Themen der Weltgeschichte mitzureden, aber es rührt sich kaum noch eine Stimme, die sich schützend vor die ungeborenen Kinder stellt und die Abtreibung mit allen Konsequenzen ablehnt, die laut uns stark sagt: „Embryonen sind ungeborene Kinder. Und darum darf man sie nicht als Ersatzteillager für kranke Menschenkörper verbrauchen“. Und die Stimme der Kirche sagt: „Euthanasie ist ein Attentat auf die Heiligkeit Gottes, weil alles menschliche Leben aus der Hand Gottes hervorgeht“. Und sie sagt: „Ehe und Familie sind nicht nur gesellschaftlich-soziologische Größen, sondern sie sind göttliche Realitäten und darum schützenswert und verteidigungswürdig“. Hier steht Maria als Mutter, die weiß, was ein ungeborenes Kind ist. Und sie leidet mit den Müttern, weil mit jeder Abtreibung auch ein Teil der mütterlichen Seele stirbt.

Maria widersteht der großen Versuchung, Jesus vom Kreuz herab zu nehmen, weil sie um den Willen des Vaters im Himmel weiß. Maria verbreitet eine saubere und wahrhaftige Atmosphäre um sich. Die Jünger versammeln sich vor Pfingsten im Abendmahlssaal von Jerusalem um sie. Man weiß bei ihr, woran man ist. Sie verweist immer auf ihren Sohn: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5). Der Satan aber ist der Vater der Lüge, Maria die Mutter der Wahrhaftigkeit, die dem Satan den Kopf zertritt. Maria täuscht nicht, sie orientiert, sie will nie etwas für sich, sondern immer für die Ihren. Sie ist darum die Mutter des guten Rates, denn sie wird nicht von Eigeninteressen bewegt, sondern von der Wahrheit, das heißt von Gott, der das Beste für uns Menschen will und tut.

Heute ist uns der Wahrheitsdienst Mariens unentbehrlich. Die Wahrheit wird gebeugt, verletzt oder verwundet, auch manchmal in der Kirche, um so genannter „höherer Werte“ willen auf vielen Gebieten menschlichen Lebens. „Die Wahrheit wird euch befreien“ (Joh 8,32), sagt Christus. Sie hat eine unwiderstehliche Überzeugungskraft. Haben wir keine Angst vor der Wahrheit! In Maria hat sie das liebenswürdige Gesicht der Mutter angenommen. „Sie haben keinen Wein mehr“ (Joh 2,3), sagt sie zu ihrem Sohn. Sie nimmt auch heute die Situation des Menschen wahr und sagt: „Sie haben keine Wahrheit mehr“. Und sie weiß, wo wahre Abhilfe geschaffen wird, indem sie zu Jesus geht, der gesagt hat: „Die Wahrheit wird euch befreien“.

6. Die Wirklichkeit der Welt ist schön, weil sie noch den Schimmer der Schöpfungshände Gottes trägt. Vielleicht ist diese Erkenntnis für uns heute am schwierigsten zu akzeptieren. Gott machte doch aus dem Chaos den Kosmos, das heißt aus dem Tohuwabohu das geordnete Schöne. Es ist nicht von ungefähr, dass die schönsten Menschenbilder der Welt Marienbilder sind. Denken wir nur an die Sixtinische Madonna in Dresden oder an die berühmte Pietà von Michelangelo in Rom oder die Lochner-Madonna im Kölner Dom. Wir singen im Marienlied: „Die Schönste von allen“. Die Schönheit Mariens hat etwas zu tun mit ihrer Sündenlosigkeit. Die Sünde macht immer alt und hässlich. Eine Abtreibung etwa, so sagt man, macht eine Frau älter als ein halbes Dutzend Geburten. Menschliche Schönheit bedeutet, die Schönheit Gottes durch unser Wesen durchscheinen zu lassen. Das ist in Maria durch die Gnade Gottes konkurrenzlos geschehen. Sie gewinnt jeden Schönheitswettbewerb. Damit macht sie uns auf ihre Schönheit Appetit, die darin besteht, die größtmögliche Übereinstimmung unseres Willen mit dem Willen Gottes zu erwirken.

Ich denke oft, wenn im Fernsehen eine Miss Amerika oder Miss Europa vorgestellt wird, ob Gott diesen Preis auch diesen konkreten Personen verleihen würde, oder würde er ihn nicht viel mehr einer Mutter inmitten einer großen Familie oder einer chronisch Kranken auf ihrem Krankenlager verleihen? Denn Schönheit ist nicht nur eine Frage nach der Figur, der Sportlichkeit und des Aussehens, sondern Schönheit ist der Widerschein der menschlichen Würde. Wo der Mensch durchlässig wird für die Wirklichkeit Gottes und damit auch immer für die Schönheit Gottes, wie bei Maria, dort erstrahlt auch der Mensch in der Harmonie der Schöpfung, in der inneren Ordnung des Schöpfers, die wir Schönheit nennen. Bei Maria dringt und strahlt Gottes Schönheit aus ihrem Antlitz, aus ihren Augen, aus ihrem Sprechen und Handeln. „Agere sequitur esse“, sagen die Philosophen – „das Handeln fließt aus dem Sein“. Weil Maria ganz schön im Bilde Gottes ist, schenkt sie und erweckt sie Schönheit dort, wo sie ist und wo sie lebt.

Die Wirklichkeit der Welt und des Menschen ist gleichsam stigmatisiert von dem Wirklichen schlechthin, das heißt von Gott. Er ist der Eine, der Gute, der Wahre und der Schöne. Wenn der Mensch zu sich selbst kommen möchte, um damit glücklich zu werden, dann gehe er zu Maria. Hier findet er ins Menschsein übersetzt, gleichsam in Reinkultur, wozu wir alle bestimmt und berufen sind: Ebenbilder des lebendigen Gottes zu werden, indem wir eins in uns selbst sind, gut, wahr und schön werden: ein wenig wie Maria, aber ganz sicher mit Maria. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

[Von der Erzdiözese Köln zur Verfügung gestelltes Original]