Hildegard von Bingen: Wisse die Wege. Mystische Schau

Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

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WÜRZBURG, 7. März 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Hildegard von Bingen (1098–1179) war von ihren adeligen Eltern aus Bermersheim/Rheingau als zehntes Kind („Zehntgabe“) vermutlich im Alter von 14 Jahren (nicht, wie meist kolportiert, mit sechs bis acht Jahren) in die Obhut der Jutta von Sponheim auf dem Disibodenberg an der Nahe überstellt worden. Diese Klause für mehrere adlige Mädchen befand sich unter dem Schutz eines Benediktinerklosters. Wie die anderen Mädchen erhielt Hildegard eine sorgfältige Ausbildung in Schreiben, Lesen, in Latein und in der Gregorianik; sie entschloss sich spätestens mit 17 Jahren zur Ablegung der Gelübde. Nach Juttas Tod 1136 wurde Hildegard zur Vorsteherin gewählt – den Titel Äbtissin lehnte sie ab; sie verlegte 1150 das Benediktinerinnen-Kloster auf den Rupertsberg bei Bingen und gründete 1165 im verwaisten Augustinerkloster Eibingen eine Filiale; beide Klöster blühten unter ihrer Leitung auf. Bernhard von Clairvaux empfahl sie Papst Eugen III., der sie ausdrücklich zum Aufschreiben ihrer Visionen und zur Predigt gegen die Katharer ermutigte (1148), was sie in großen Predigtreisen nach Bamberg, Metz und Lüttich, zuletzt noch nach Schwaben ausführte. 1163 traf sie sich mit Kaiser Friedrich Barbarossa in Ingelheim: Ihr Ruhm als prophetissa teutonica war gewaltig. In der Eibinger Pfarrkirche befindet sich der Hildegardschrein mit den mehrfach umgebetteten Gebeinen; die Verehrung des Volkes betrachtet sie als Heilige.



Ein Vorstoß vor etwa 20 Jahren, sie zur Kirchenlehrerin erheben zu lassen, fruchtete bisher nicht. In den berühmten, nach ihren Visionen illuminierten Handschriften fasst Hildegard auf dem Wissensstand des 12. Jahrhunderts vorliegende monastische, aber auch patristische Traditionen kenntnisreich und eigenständig zusammen. Ihre heutige Popularität als Heilkundige oder als frühe „Feministin“ ist demgegenüber modisch-esoterisch unterlegt; textkritisch gelesen sind viele Rezepturen nicht authentisch.

Früh schon hatten ihre Schauungen eingesetzt (von ihr selbst mystica visio genannt), die sie erst nach längerem Zögern niederschrieb: den wunderbaren Liederzyklus Symphonia Caelestium Revelationum (um 1150) und das große Dreiwerk Scivias („Wisse die Wege“, um 1151), Liber Vitae Meritorum („Buch der Lebensverdienste“, um 1163) und Liber Divinorum Operum („Buch der göttlichen Werke“, um 1173). Diese mystisch-theologische Trilogie handelt von Gott, dem Kosmos und dem Menschen, der zwischen Tugenden und Lastern steht und von dessen Entscheidung auch der Kosmos mitgerissen wird. In Hildegards Kosmologie ist zunächst alles mit allem in Sympathie und Symphonie liebend verbunden – außer was herausfallen will: so der „schwarze Engel“ und der unsichere, unruhige Mensch. An ihm zeigt sich, was zur Tragödie des Kosmos führt: der menschliche Eigenwille, der unerwartete Misston in der Schöpfung, der in Krankheit und Tod mündet. In Hildegards Anthropologie geht es um den rätselhaften Zerstörer der Schöpfung, um das Drama, dessen ebenso blinder wie dreister Protagonist der Mensch ist.

„Immer haben wir den Geschmack des Paradiesesapfels im Munde“, den Geschmack der Empörung. Tatsächlich ist nach Hildegard in die gesamte Welt Wirrnis eingetragen, ja Schrecken; Missernten, Absterben der „Grünkraft“ (viriditas), überhaupt Naturkatastrophen sind die Kennzeichen. Der vertrauende Blick auf das Netzwerk der Freundschaft weiß von der eigentlichen Dienstwilligkeit der Dinge für den Menschen; sie ist aber brüchig geworden. Weshalb aber sind die Geschöpfe des Guten in einer guten Schöpfung verwundbar und an welcher genauen Stelle sitzt die Urwunde? Wurde doch der Mensch „mit starker Macht aus dem leuchtenden Land vertrieben“.

Entscheidend ist für Hildegard, dass das Gewebe der Welt nirgends schadhaft, vielmehr vom Schöpfer und der ihm zuarbeitenden Weisheit in starker Zuneigung gewoben ist. Und trotzdem findet sich darin jene Stelle, die Gott nicht festlegen wollte: die Stelle, an welcher die Geschöpfe freiwillig ihren Ursprung anerkennen. Hätte Gott diese freie Zuneigung ausgeschlossen, so hätte er statt der Menschen (und Engel) Willenlose vor sich – was bedeutet aber die Liebe von Unfreien? Gottes Liebe sehnt sich nach der freien Zustimmung seiner Geschöpfe – und das ist ihre Verletzlichkeit. Grenze also nicht der Allmacht, sondern von innen aufgerichtete Grenze der Liebe: „Mit der Macht deiner überaus herrlichen Kraft überwältigst du niemand.“ Statt Du und Ich zu sagen, sagt der Mensch (mit dem schwarzen Engel) nur Ich und Ich allein. „Warum soll ich mich um etwas kümmern außer um mich selbst? (...) Was wäre das für ein Leben, wenn ich auf alle Stimmen der Freude und der Trauer antworten wollte? Ich, ich weiß nur von meinem eigenen Dasein.“ Dasselbe gilt für den „Lichtträger“ und seine Mitengel, „die aus sich selbst etwas sein wollten. Denn als sie ihre großartige Herrlichkeit und glanzvolle Schönheit in funkelnder Fülle aufstrahlen sahen, vergaßen sie ihres Schöpfers.“ In furchtbarer Wiederholung ist es auch der Fall des Menschen, „der sich anmaßend selbst das Gesetz gibt, so als ob er sein eigener Gott sei (...); dann tritt er in sich jene Liebe mit schmerzlicher Bitterkeit nieder.“

Hildegard erhöht den Menschen in ihrer kraftvollen Anthropologie, da er den schwarzen Selbstwillen des gefallenen Engels korrigieren muss. „Ihm gab Gott die Stelle und Ehre des verlorenen Engels.“ Sie entwirft in einer Deutung des „verlorenen Sohnes“ das Hohelied der weltbewegenden Reue: „Sie reinigt, sie heiligt, sie trägt alles, sie stützt alles, sie festigt alles, sie setzt alles in Bewegung, sie zieht alles an sich und sie durchdringt alles. Auf der Reue ruht die Welt.“ Auf diesem vorbereiteten Boden tritt Christus medicus hinzu: „Heilig bist du, der du die eiternden Wunden reinigst.“

Hildegard war eine Vertreterin der ungewöhnlichen These, Christus wäre auf jeden Fall Mensch geworden (praedestinatio Christi absoluta), auch ohne Erbsünde: so sehr habe er diese Welt geliebt. Mit diesem Arzt wandelt sich das Leben wieder in Motorik: „Bei ihm finde ich den Reichtum der Gotteskräfte, so dass ich zuversichtlich aufsteige von Kraft zu Kraft.“ Zugleich findet die sympathetische Erlösung der Welt statt, das Neu-Aufbrechen der „Grünkraft“: „Wenn der Mensch sein Herz zu Gott öffnet und es dadurch licht macht, wird alles grünen, was dürre ist. Korn und Wein wachsen durch diese geheime Kraft.“ Es ist also umgekehrt: Nicht durch Diät wird der Mensch gesund, sondern vom reuevollen Herzen aus werden er und der Kosmos durch den Heiligen Geist wiederhergestellt. Hildegard nennt diesen erlösten Zusammenklang von Gott, Mensch und Kosmos eine „fröhliche Wissenschaft“, laeta scientia.

Ungewöhnlich ist Hildegard auch in ihrer Theorie der Geschlechter. Sie eröffnet eine Frau-Christus-Parallele, wobei der Mann Gottvater repräsentiert, die Frau die Menschheit des Sohnes, aber positiv: nach ihr hat der Sohn uns nicht in der „Stärke“ seiner Gottheit, sondern in der „Schwäche“ seiner Menschheit erlösend wiedergeboren. Die Frau verfügt analog über das Privileg der „weicheren Kraft“ im Unterschied zur „härteren Stärke“ des Mannes; beide sind jedoch angewiesen aufeinander: der Mann bleibt ohne die Arbeit der Frau nackt, sie ohne seine Arbeit hungrig.

Die große Beachtung des Alten Testaments spiegelt sich ferner in der prophetischen Aussage Hildegards, dass sich Synagoge und Kirche am Ende der Zeiten in der wahren Erkenntnis Gottes wieder vereinen werden. So verbindet Hildegard letztlich Theologie mit Anthropologie und Kosmologie in einem originären und visionären Gesamtbild; dass sie damit auch als Philosophin anzusprechen ist, zeigt nicht zuletzt die erstaunliche Verarbeitung der sieben freien Künste in ihrer Trilogie.

[Hildegard von Bingen: Wisse die Wege. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2005, 311 Seiten, ISBN-13: 978-3458338642; Teil 14 der Reihe „Fünfzig Hauptwerke der Philosophie“; © Die Tagespost vom 1. März 2008]