Hilfe im Sterben anstatt Hilfe zum Sterben

Predigt von Bischof Egon Kapellari

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GRAZ, 4. April 2009 (ZENIT.org).- „Ihr Dienst, liebe Seelsorger und Seelsorgerinnen, zeigt (...) diesen Menschen, dass sie nicht allein sind und dass sie im Letzten nicht tiefer fallen können als in die Hände Gottes.“

Wir veröffentlichen die Predigt, die der Grazer Diözesanbischof und stellvertretende Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, Dr. Egon Kapellari, am 3. März anlässlich des diesjährigen Kongresses der österreichischen Krankenhausseelsorger in Frauenberg gehalten hat.

Der Bischof blickte auf das Geheimnis des menschlichen Leidens und erklärte unter anderem, dass sich gerade in den letzten Jahren immer mehr die Erkenntnis durchgesetzt habe, „dass die Behandlung von Patienten nicht nur medizinische, sondern auch psycho-soziale und spirituelle Aspekte berücksichtigen soll. Zur Linderung des Schmerzes bedarf es deshalb auch einer umfassenden ganzheitlichen Betreuung von schwerst und unheilbar kranken Menschen.“

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Ihre Tagung seht unter dem Generalthema „Schmerz - Los". Mit dem Thema Schmerz befasst sich nicht nur die medizinische Wissenschaft. Es gehört auch zu den großen Themen im Horizont von Philosophie, Religion und Kunst. So hat Kardinal John Henry Newman im 19. Jahrhundert eine Erziehungslehre entworfen, die auf den Typus des edlen Menschen zielt. Newman nannte ihn „Gentleman" und sagte, ein solcher „Gentleman" - er meinte natürlich auch „Gentle ladies" - füge niemals unnötig Schmerz zu. Man könnte darüber hinaus sagen, ein solcher „Gentleman" ziele auch darauf, allen unnötigen Schmerz zu beseitigen, um Menschen ein Leben in größerer Fülle zu eröffnen. Damit bringt  der große Theologe und geistliche Meister aus dem 19. Jahrhundert auch ein Anliegen aus der Seelsorge im Allgemeinen und der Krankenseelsorge im Besonderen zur Sprache.

Die erste Lesung des heutigen Gottesdienstes ist genommen aus dem Buch des Propheten Isaias. Sie redet vom Wort Gottes, das auf die Erde ausgesät wird, und reiche Frucht bringt und das wie der Regen vom Himmel fällt. „Es kehrt nicht leer zu mir zurück" sagt Gott mit Worten der Heiligen Schrift. Ähnliches erhoffen und erbitten wir immer neu auch für jenes Wort, das Frauen und Männer im Namen Gottes ihnen anvertrauten kranken Menschen zusagen. Es sind Priester, Ordensleute und Laienchristen, die Menschen in Krankheit oder anderer Bedrängnis beistehen. Sie ahmen dabei den barmherzigen Christus nach, der gesagt hat: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen".

Auch das Zentralsymbol des Christentums, das Kreuz, ist ein Zeichen des Leidens. Es weist aber hin auf einen siegreichen Schmerz. Es ist der Schmerz und der Tod des Gottessohnes, der im Ostermysterium die Kraft des Bösen und des Todes prinzipiell überwunden hat. Friedrich Nietzsche hat das Christentum leidenschaftlich bekämpft, weil er ihm einen Kult unterstellte, der auf Leiden und Tod fixiert und reduziert ist. Und er hat mit dem Kampfruf „Dionysos gegen Christus" das Christentum mit einem Kult der Vitalität konfrontiert. In seiner Vollgestalt ist das Christentum aber nicht leidensüchtig, sondern Sehnsucht nach einer Freude, die freilich in bleibender Fülle nicht aus innerweltlichen Quellen geschöpft werden kann.

Jesus Christus ist im Gegensatz zu anderen Religionsstiftern nicht als Greis gestorben, sondern jung in einen schrecklichen Tod gestoßen worden. Er hat diesen Tod nicht gesucht, sondern - wenn auch vergeblich - darum gebetet, dieser bittere Kelch möge an ihm vorübergehen. Er hat sich diesem Tod aber auch nicht durch Flucht entzogen. Dementsprechend ist in der Kirchengeschichte ein Drängen nach dem Märtyrrertod nie gebilligt worden und das Leiden wurde nicht als in sich selbst stehender Wert betrachtet. Es wird kostbar erst als Mitleiden mit Christus und als Leiden für Mitmenschen. Nicht das Kreuz, der Schmerz und das vergossene Blut Christi bewirken ja in christlicher Sicht die Erlösung. Erlösend ist nur seine Liebe, die sich darin in größter Radikalität zum Ausdruck bringt.

Dies hat für Christen auch Konsequenzen betreffend Schmerzvermeidung und Schmerzlinderung im Kontext der heutigen Medizin. Medizin vermag heute ungemein viel, um jenen brennenden, leiblichen Schmerz zu dämpfen oder auch zu beseitigen, den Rainer Maria Rilke in seinem letzten Gedicht mit den Worten „Komm du letzter, den ich anerkenne, heilloser Schmerz im leiblichen Geweb" angesprochen hat. In den letzten Jahren setzte sich aber auch immer mehr die Erkenntnis durch, dass die Behandlung von Patienten nicht nur medizinische, sondern auch psycho-soziale und spirituelle Aspekte zu berücksichtigen soll. Zur Linderung des Schmerzes bedarf es deshalb auch einer umfassenden ganzheitlichen Betreuung von schwerst und unheilbar kranken Menschen.

Ein im Christentum wurzelnder und weiterhin akzeptierter Imperativ gebietet, schwer kranken Patienten ihre Personalität, ihre interpersonale Beziehungsfähigkeit möglichst weitgehend zu erhalten. Bei einer Enquete der Bundesregierung zum Thema „Solidarität mit Sterbenden, Aspekte einer humanen Sterbebegleitung wurde schon im Jahre 2001 ein deutliches Wort gegen die in Holland in den Rechtsstatus erhobene Sterbehilfe gesprochen. Dabei wurde auch darauf hingewiesen, dass etwa in Holland die Akzeptanz der Sterbehilfe nicht zuletzt deshalb so groß ist, weil es keine flächendeckenden Palliativeinrichtungen gibt.

Nicht nur in speziellen Hospizeinrichtungen, sondern in allen Krankenhäusern, Altenheimen oder auch in der Heimkrankenpflege ist oder wäre eine vertiefte palliative Kultur nötig. Kardinal Karl Lehmann forderte anlässlich einer „Woche für das Leben" statt einer „Hilfe zum Sterben", eine „Hilfe im Sterben". Die Hospizbewegung leistet hier Großartiges. Man kann aber nicht das ganze Bündel von zu leistenden Aufgaben an sie delegieren. Viele andere Menschen und zumal die in der Seelsorge Tätigen müssen bereit sein, sich die Zuwendung zu schwer Kranken und Sterbenden entsprechend ihrer Aufgaben Zeit oder auch Geld kosten zu lassen.

Die Welt wird zwar trotz Anstrengungen von Christen und anderer Humanisten nie zu einem Paradies werden. Schmerz und Leid sind und bleiben mit der „conditio humana" verbunden. Es wird daher viele Male nicht gelingen, Menschen, die uns anvertraut sind, zu heilen. Ihr Dienst, liebe Seelsorger und Seelsorgerinnen, zeigt aber diesen Menschen, dass sie nicht allein sind und dass sie im Letzten nicht tiefer fallen können als in die Hände Gottes. Sie, liebe in der Krankenhausseelsorge Tätige, wirken dabei nicht allein, sondern sie sind eingebettet in ein Netz der Solidarität und des Gebetes. Ich danke für Ihr Engagement und wünsche Ihnen auch für die Zukunft den Heiligen Geist als langen Atem.

[Von der Diözese Graz-Seckau veröffentlichtes Original]