Himmel auf Erden

Von Stephan Baier

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WÜRZBURG, 6. April 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- „Schreiben Sie auch etwas über die Pop-Mönche?“, fragt Pater Karl mit breitem Grinsen. Das ist, was die Zisterzienser des altehrwürdigen Stiftes Heiligenkreuz im Wienerwald am allerwenigsten sein wollen: „Pop-Mönche“. Aber bei dem Erfolg der zurückliegenden Monate ist es gar nicht so leicht, sich solchen Klischees zu entziehen. 850 000 verkaufte Tonträger der CD „Chant: Music for Paradise“, davon 240.000 allein in Deutschland, 128.000 in Österreich, jetzt eine Osterausgabe als „Super Special Edition“ mit umfangreichem Booklet und Bonus-Tracks – da stürmt natürlich die ganz profane Medienwelt ins Kloster und stülpt ihre säkularen Kategorien über die frommen Mönche.

Fromm sind sie, hilflos aber gar nicht. Dass es ihnen mit dem Rummel jetzt reicht, dass sie keinerlei Lust haben, zu Stars zu mutieren, das machen die mittlerweile weltberühmten Heiligenkreuzer unmissverständlich klar: Das „ORF-Seitenblicke“-Team, dem die Prominenten dieser – zumindest dieser österreichischen – Welt üblicherweise exhibitionistisch ihr Intimstes anertrauen, blitzt bei Pater Karl Wallner ab: „Nein, während des Chorgebetes dürfen Sie nicht filmen. Die Mitbrüder halten das nicht mehr aus.“ Als das Team dann dennoch keck mit Kamera auftaucht, schiebt der hochgewachsene, kräftige Mönch sie lächelnd aber bestimmt einfach aus dem Raum.

Abt Gregor Henckel-Donnersmarck, eine imposante und durchaus mediengewandte Persönlichkeit, gesteht beim Festakt im Kaisersaal am Donnerstag, dass er der Idee, den Gregorianischen Choral seiner Mönche von Universal Music als CD weltweit vermarkten zu lassen, skeptisch gegenüber stand. „Ich war ein Bremser, aus klösterlich-monastischen Interessen“, sagt Abt Gregor. Überzeugt habe ihn letztlich ein Satz, den Papst Benedikt XVI. in der Abteikirche von Heiligenkreuz bei seinem Besuch am 9. September 2007 sprach: „Jeder Mensch trägt im Innersten seines Herzens die Sehnsucht nach der letzten Erfüllung, nach dem höchsten Glück, also letztlich nach Gott, sei es bewusst oder unbewusst. Ein Kloster, in dem sich die Gemeinschaft täglich mehrmals zum Gotteslob versammelt, bezeugt, dass diese urmenschliche Sehnsucht nicht ins Leere geht.“ Es war das Wort „bezeugt“, das den Abt überzeugte: Auch wenn „das klösterliche Leben in einem Kontrast zur Öffentlichkeit“ steht, wolle man mit diesem Projekt „Zeugnis geben“.

„Wahrhaftig wird der Choral nur, wenn er an die Lebenshingabe gebunden ist“

Subprior Pater Simeon, der den Festakt mit flotter Klaviermusik einleitet, erklärt, warum man gerade mit dem Gregorianischen Choral Zeugnis geben kann: „Choral ist nur Choral, wenn er Gebet ist. Gebet ist nur Gebet, wenn es Ganzhingabe an Gott ist. Wahrhaftig wird der Choral nur, wenn er an die Lebenshingabe gebunden ist.“ Pater Simeon ist diplomierter Chorleiter, den die Sehnsucht nach schöner Liturgie und Gotteshingabe nach Heiligenkreuz gebracht hat. Einzustimmen „in den Gesang der Engel“, das ist für ihn der Gregorianische Choral. Den (weltlich gesprochen) Durchbruch schafften die singenden Mönche übrigens mit dem „Requiem“, wofür sie sich unter dem Eindruck des Todes von drei Mitbrüdern entschieden hatten. Das sei doch „sehr österlich“, meint Pater Simeon.

„Das ist unser Arbeitsplatz“, sagt der junge Frater Johannes Paul, als er den Journalisten das Chorgestühl in der Abteikirche präsentiert. Gregorianik sei „Gebet, das zu Musik geworden ist“. Deshalb freuen sich die Zisterzienser von Heiligenkreuz zwar über den großen Verkaufserfolg, über die begeisterten Rückmeldungen selbst jener, die ihre Gesänge zunächst nur ob ihrer Schönheit und nicht ob ihrer Wahrheit genießen, doch zur „Boy-Band“ – wie Pater Karl einmal formulierte – wollten sie nie werden. „Ich habe das immer übernatürlich gesehen. Es war nicht menschliche Taktik, sondern Fügung“, meint Karl Wallner, der bei der Verleihung von Platin für Deutschland am Donnerstag eine klare Grenze zieht: „Niemand von uns hat gewollt, dass wir in einer Kategorie mit DJ Ötzi und Falco genannt werden.“

850 000 verkaufte CD, das wirft Fragen auf. Deshalb stellt Pater Karl, der nebenbei die Öffentlichkeitsarbeit seines Klosters managt und in erster Linie Rektor der „Päpstlichen Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“ sowie Dogmatik-Professor ebenhier ist, klar: Man habe aus aller Welt Konzert- und Tournee-Angebote bekommen, aber alle abgelehnt. „Wir hätten Millionäre werden können, aber dann würde unser Kloster nicht mehr stehen.“ Die gesamten Tantiemen – 55 Cent pro verkaufter CD – spendet das Kloster übrigens: für die Priesterausbildung in Entwicklungsländern.

Zuerst stürmen die Mönche die Charts, dann die Bestsellerlisten

Nun soll zunächst einmal Schluss sein mit dem großen Rummel. Zwar war auch schon vor dem musikalischen Welterfolg hier einiges los: 2007 wurde die vormals von der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät abhängende traditionsreiche Ordenshochschule zur Päpstlichen Hochschule erhoben, dann kam Papst Benedikt persönlich, um die Hochschule zu segnen und in der Abteikirche eine Ansprache zu halten. Im gleichen Jahr erhielt Florian Henckel von Donnersmarck, ein Neffe des Abtes, einen Oscar für seinen Film „Das Leben der Anderen“, dessen Drehbuch er im Kloster Heiligenkreuz geschrieben hatte.

177.000 Touristen kamen allein 2007 nach Heiligenkreuz, erzählt Pater Raynald, der 1951 in dieses Stift eintrat. Ihn selbst habe all der Andrang und Rummel weniger gestört, meint er, während er mit der Rechten über seinen langen, weißen Bart streicht. Die Fotografen und Kamerateams in der Kirche würde er beim Gebet gar nicht bemerken. Doch nun soll wieder mehr monastische Ruhe einkehren.

Pater Karl betont darum beim Festakt gleich mehrfach, das CD-Projekt sei nun „zu einem schönen Abschluss gekommen“. Dennoch kann keine Rede davon sein, dass das prachtvolle Kloster im Wienerwald, das 1133 noch zu Lebzeiten des heiligen Bernhard von Clairvaux von Markgraf Leopold von Österreich gegründet wurde, nun in Beschaulichkeit versinkt. Da ist nicht nur das quicklebendige, Internationalität und fröhliche Frömmigkeit sprühende akademische Leben an der Hochschule. Die Mönche sind auch eifrige Buchautoren: Abt Gregor schreibt derzeit an zwei Büchern, wurde verraten. Karl Wallner konnte nicht widerstehen als eine dem Vernehmen nach bildhübsche Dame des Lübbe-Verlages ihm zuraunte: „Ich möchte ein Buch von Ihnen!“ Unter dem Titel „Wer glaubt, wird selig“ liegen diese „Gedanken eines Mönchs über das Glück, sinnvoll zu leben“ nun vor und stürmen eben die Bestsellerlisten.

„Wir sind hier keine immer lächelnden Playmobil-Mönche in der Klosterpackung“

Ein ähnliches Schicksal erwartet das nun im Pattloch-Verlag erschienene Buch von Bernhard Meuser: „Chant. Leben für das Paradies“. Es ist mehr als nur das Buch zur CD. Der Schriftsteller hat 12 Tage in Heiligenkreuz mitgelebt und mitgebetet. „Sie sind uns ein Bruder geworden“, begrüßt ihn einer der Patres im Klosterhof. Und der 34-jährige Pater Samuel, der vor dem Klostereintritt Motorradkritiker beim Biker-Magazin „Der Reitwagen“ war, macht ihm öffentlich dieses Kompliment: „Im Wachsen der Beiträge haben wir unsere Mitbrüder erst kennengelernt.“ Meuser habe in seinen 22 Mönch-Portraits mit großer Sensibilität das Mysterium der Kirche ins Licht gehoben. Pater Samuel wörtlich: „Wir sind hier keine immer lächelnden Playmobil-Mönche in der Klosterpackung.“

Bernhard Meuser selbst hat in Heiligenkreuz erfahren: „Mönch sein ist nicht die Steigerung von brav sein.“ In der Einleitung zu seinem trefflich bebilderten Buch schreibt Meuser: „Die Adjektive fliegen einem nur so zu: alt, bewährt, warm, menschenfreundlich, gut, am Ursprung orientiert. Dennoch ist das hier kein stimmig inszeniertes Mittelaltermärchen mit lebendigen Komparsen in schwarz-weißen Gewändern. Die vermeintliche Idylle ist um einen hohen Preis erkauft. Man springt nicht eben einmal in eine Kutte. Denn ein solcher Sprung kostet das Leben.“

[© Die Tagespost vom 4. April 2009]