"Hinausgehen, aufbrechen heißt nicht vergessen"

Papstpredigt bei der Messe mit den Ordinarien des Heiligen Landes

Jerusalem, (ZENIT.org) | 729 klicks

Am Ende seiner Nahostreise feierte Papst Franziskus heute Nachmittag die Messe mit den Ordinarien des Heiligen Landes und dem Päpstlichen Gefolge im Abendmahlssaal zu Jerusalem. Wir dokumentieren den Volltext seiner Predigt in einer Übersetzung von Radio Vatikan. 

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Liebe Brüder,

es ist ein großes Geschenk, das der Herr uns macht, uns hier im Abendmahlssaal zu versammeln, um Eucharistie zu feiern. Hier, wo Jesus mit den Aposteln das Letzte Abendmahl einnahm; wo er, auferstanden, in ihrer Mitte erschien; wo der Heilige Geist mit Macht auf Maria und die Jünger herabkam. Hier ist die Kirche geboren, und sie ist im Aufbruch geboren. Von hier ist sie ausgegangen, das gebrochene Brot in den Händen, die Wunden Jesu vor Augen und den Geist der Liebe im Herzen.

Vom Vater gesandt, übertrug der auferstandene Jesus im Abendmahlssaal den Aposteln seinen eigenen Geist, und mit dieser Kraft sandte er sie aus, das Antlitz der Erde zu erneuern (vgl. Ps 104,30).

Hinausgehen, aufbrechen heißt nicht vergessen. Die Kirche im Aufbruch bewahrt das Gedächtnis dessen, was hier geschehen ist; der Heilige Geist erinnert sie an jedes Wort, an jede Geste und offenbart deren Sinn.

Der Abendmahlssaal erinnert uns an den Dienst, die Fußwaschung, die Jesus vorgenommen hat, als Beispiel für seine Jünger. Einander die Füße waschen bedeutet einander annehmen, akzeptieren, lieben, einander dienen. Das heißt, dem Armen, dem Kranken, dem Ausgeschlossenen, denjenigen, der mir unsympathisch oder stört, zu dienen.

Der Abendmahlssaal erinnert uns mit der Eucharistie an das Opfer. In jeder Eucharistiefeier bringt Jesus sich für uns dem Vater dar, damit auch wir uns mit ihm verbinden können, indem wir Gott unser Leben, unsere Arbeit, unsere Freuden und unsere Leiden darbringen…, alles als ein Opfer im Geiste darbringen.

Der Abendmahlssaal erinnert uns an die Freundschaft. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte“, sagte Jesus zu den Zwölf, „…vielmehr habe ich euch Freunde genannt“ (Joh 15,15). Der Herr macht uns zu seinen Freunden, er weiht uns in den Willen des Vaters ein und schenkt uns sich selbst. Das ist die schönste Erfahrung des Christen und in besonderer Weise des Priesters: Freund Jesu, des Herrn, zu werden. Jesus ist ein Freund.

Der Abendmahlssaal erinnert uns an den Abschied des Meisters und an die Verheißung, wieder mit seinen Freunden zusammenzukommen: „Wenn ich gegangen bin … komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin“ (Joh 14,3). Jesus trennt sich nicht von uns, er verlässt uns nie, er geht uns voran in das Haus des Vaters, und dorthin will er uns mitnehmen.

Aber der Abendmahlssaal erinnert uns auch an die Kleinlichkeit, an die Neugier – „Wer ist der Verräter?“ – an den Verrat. Und jeder von uns, nicht immer nur die anderen, kann diese Verhaltensweisen annehmen, wenn wir selbstgefällig auf den Bruder schauen, ihn verurteilen; wenn wir mit unseren Sünden Jesus verraten.

Der Abendmahlssaal erinnert uns an das Miteinander-Teilen, an die Brüderlichkeit, an die Harmonie, an den Frieden unter uns. Wie viel Liebe, wie viel Gutes ist aus dem Abendmahlssaal hervorgegangen! Wie viel Nächstenliebe ist von hier ausgegangen, wie ein Fluss aus der Quelle, der anfangs ein Bach ist und dann anschwillt und groß wird… Alle Heiligen haben hier aus dieser Quelle geschöpft; der große Strom der Heiligkeit der Kirche nimmt immer von hier aus seinen Anfang, immer neu, vom Herzen Jesu, von der Eucharistie, von seinem Heiligen Geist her. 

Schließlich erinnert uns der Abendmahlssaal an die Geburt der neuen Familie, unserer heiligen Kirche, die vom auferstandenen Jesus gegründet ist. Eine Familie, die eine Mutter hat, die Jungfrau Maria. Die christlichen Familien gehören zu dieser großen Familie, und in ihr finden sie Licht und Kraft, um durch die Mühen und Prüfungen des Lebens hindurch voranzugehen und sich zu erneuern. In diese große Familie sind alle Kinder Gottes aus allen Völkern und Sprachen eingeladen – alle Geschwister und Kinder des einen Vaters im Himmel.

Das ist der Horizont des Abendmahlssaals: der Horizont des Auferstandenen und der Kirche. Von hier geht die Kirche im Aufbruch aus, belebt vom Lebenshauch des Geistes. Indem sie zusammen mit der Mutter Jesu im Gebet verharrt, lebt sie immer wieder in der Erwartung einer erneuten Ausgießung des Heiligen Geistes: Dein Geist, o Herr, komme herab und erneuere das Antlitz der Erde (vgl. Ps 104,30)!

(Quelle: Radio Vatikan, 26.05.2014)