Hingabe

Impuls zum 1. Fastensonntag

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 24. Februar 2012 (ZENIT.org). - In diesem Lesejahr wird am 1. Fastensonntag aus dem Evangelium des Hl. Markus gelesen, wie immer bei diesem Evangelisten: kurz und bündig. Vom Geist „getrieben” geht Jesus in die Wüste, wo er vierzig Tage bleibt. Dass Jesus in dieser Zeit streng gefastet hat, erwähnt Markus nicht, wahrscheinlich weil er es bei seinen Lesern als bekannt voraussetzt.

Bei den anderen Evangelisten wird deutlich beschrieben, dass Jesu Fasten ein radikales ist – am Ende der vierzig Tage hungerte ihn, und die Versuchung des Teufels, seine Wundermacht zu gebrauchen und die Steine in Brot zu verwandeln, wird den Herrn nicht unberührt gelassen haben. Wie alles, was der Sohn Gottes in seinem irdischen Leben tut, ist auch das strenge Fasten, mit dem er sein öffentliches Leben einleitet, exemplarisch gemeint. Er rät uns, das Fasten zu üben, aber er sagt es uns nicht nur, er selber tut es. Das gleiche gilt für die beiden anderen konkreten Ratschläge, die der Herr uns für die Fastenzeit gibt, und wie wir sie vor wenigen Tagen am Aschermittwoch im Evangelium gehört haben: das Gebet und das Almosengeben.

Bei einer Gelegenheit beobachten die Jünger, wie Jesus so eindrucksvoll und innig zum Vater betet, die ganze Nacht hindurch, dass sie ihn bitten: „Herr, lehre uns beten!” Und Jesus lehrt das Vaterunser. Aber hat Jesus auch selbst Almosen gegeben? Dass er einem Bettler Geld gegeben hätte, ist wohl nicht überliefert. Er hatte ja auch nichts, nicht einmal eine eigene Wohnung. „Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann” (Lk, 9,58).

Aber dennoch ist er auch im Almosengeben das ganz große Vorbild. Denn jemandem ein Geldstück in die Hand zu drücken, wenn man selbst genug davon hat, ist weiter nichts Besonderes. Aber wenn Almosen geben heißt, einem anderen von seinem Eigenen etwas zu geben, dann hat Jesus ständig Almosen gegeben. Er hat bekanntlich viele Kranke geheilt, den Menschen Rat und Zuspruch gegeben, ja mehr noch: durch seine Predigt den Menschen den Weg zum ewigen Leben gewiesen. In all dem hat er unablässig den Menschen (die übrigens seine Geschöpfe waren und eigentlich für ihn bereit stehen müssten), mit der größten Selbstverständlichkeit und bis zur völligen Selbstverleugnung zur Verfügung gestanden.

Wenn wir das Almosengeben unter diesem Gesichtspunkt betrachten, erledigt sich von selbst der Einwand, den der moderne Mensch gegen die drei Aschermittwoch-Ratschläge vorbringen könnte. Manche mutmaßen nämlich, dass die Lehre Christi nicht mehr in unsere Zeit passt, eben weil das Fasten, das die Christen sowieso kaum einhalten, inzwischen nur noch im Gesundheitsbereich bzw. im Hinblick auf die schlanke Linie eine Rolle spielt; weil ferner das Almosen in unserem Sozialstaat überflüssig geworden ist und es ohnehin keine echten Bettler gibt; und auch das Beten vielen Menschen fremd geworden ist, denn man ist ja heute gern Agnostiker.

Sind wir es wirklich?

Bei näherem Hinsehen werden die drei Fastenvorschläge tatsächlich für Menschen des 21. Jahrhunderts sehr aktuell. Allerdings ist der Glaube oder der Wunsch zu glauben Voraussetzung. „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!” (Mk 1,15) wurde uns bei der Austeilung des Aschenkreuzes zugerufen. So selbstzufrieden ist der moderne Mensch denn doch nicht, dass er das Wort von der Umkehr nicht verstünde. Am Aschermittwoch sind erfahrungsgemäß die Kirchen jedes Jahr voll, und es steht den Menschen ins Gesicht geschrieben, dass sie nicht unbedingt so weitermachen wollen wie bisher. Manch einer hat einen nur schwachen Glauben. Aber das ist nichts Neues. Schon unter den Zuhörern Jesu findet sich einer, der sagt: „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!” (Mk 9,23)

Jeder von uns kann eine solche „Aufstockung” seines Glaubens gebrauchen. Machen wir Gebrauch von den drei Ratschlägen: pflegen wir das tägliche Gebet (nicht nur das Tischgebet), üben wir uns in kleinen Verzichten (Essen, Trinken, Rauchen, Fernsehen, Computer etc.) und vor allem springen wir immer wieder über unseren eigenen Schatten, indem wir großzügig sind und uns wie Jesus den anderen zur Verfügung stellen, auch und gerade, wenn es auf unsere eigenen Kosten geht. Der Hl. Vater gebraucht gerne das Wort „Hingabe”, besonders wenn er von dem Tod Jesu am Kreuz spricht, der ja der Schluss- und Höhepunkt der Fastenzeit sein wird. Er sagt, der Sohn Gottes wurde ein Mensch, um dem Vater eine vollkommene Hingabe zu bezeigen, etwas, das eigentlich wir Menschen tun sollten, aber nicht tun.

Jesus erlebt in der Wüste, dass seine Hingabe honoriert wird, nicht von den Menschen, die nicht anwesend sind, dafür aber von den anderen Lebewesen: den wilden Tieren, die in seiner Nähe zahm werden (denn sonst könnte der Evangelist nicht sagen: „er lebte bei den wilden Tieren”) und den „Engeln, die ihm dienten”.

Wenn wir die Nachfolge Christi ernst nehmen – und dazu ist jetzt Gelegenheit – wird auch unsere Hingabe einmal ihren Lohn finden, der uns überraschen wird.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.