Hirt und Lamm zugleich

Impuls zum 4. Sonntag der Osterzeit

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 20. April 2012 (ZENIT.org). - Dieser 4. Sonntag der Osterzeit trägt seit jeher den Beinamen „Sonntag vom Guten Hirten“. Jesus, der Auferstandene steht heute vor uns als der Hirte, der seine Herde liebt, ja so sehr liebt, dass er sein Leben für sie hingibt. Das tut im normalen Leben nur ein außergewöhnlicher Hirt. Der angestellte Schäfer hat ein anderes Arbeitsethos. Er hat seinen Tagesablauf – wahrscheinlich oft mehr als acht Stunden, aber immerhin acht nicht sehr anstrengende Stunden – und danach geht er nach Hause zum wohlverdienten Feierabend. Falls sein Dienst mit irgendwelchen Risiken verbunden ist, wird er vielleicht Sonderregelungen vereinbaren. Und wenn es auch noch Wölfe in der Gegend gibt, kann er selbstverständlich eine Gefahrenzulage beanspruchen, wenn er denn überhaupt diesen Job noch machen wird.  All das würden wir sicher ganz normal und in Ordnung finden. Ist er deswegen kein guter Hirt? Doch.

Aber dass er sich im Ernstfall vor die Schafe stellen und dem Wolf Leib und Leben entgegenstellen soll, das wird sicher keiner von ihm verlangen. Und genau hier beginnt das „Arbeitsethos“ unseres Herrn Jesus Christus. Er tut immer ein Übriges. Ja, er setzt sogar sein Leben für die Schafe ein: „Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe“ (Joh 10,13).

Um noch im Bild der Schafe zu bleiben: er geht dem verirrten Schaf nach und lässt dazu sogar die anderen Schafe in der Ebene stehen und sucht das verirrte, bis er es findet. Wenn es sich aus Dummheit oder Leichtsinn im Dornengestrüpp verfangen hat, befreit er es liebevoll.  Denn zu seinem großen Pflichtbewusstsein gesellt sich ein fühlendes Herz: „Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir; ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war“ (Lk 15,6-7).  

Wenn nun der Herr die Seinen dazu auffordert, ebenfalls guter Hirt zu sein, dann sehen wir wieder einmal, dass der Herr nichts verlangt, was er selber nicht auch schon getan hätte. Nichts würde dagegen sprechen, dass er Forderungen an uns, seine Geschöpfe stellte, die wir aus Gerechtigkeit befolgen müssten, ohne dass er mit gutem Beispiel vorangehen müsste. Aber er tut nun einmal alles, um uns den Weg zum Himmel leicht zu machen (einverstanden: relativ leicht). Wozu er uns auffordert in diesem Gleichnis vom Guten Hirten, ist, dass wir ebenfalls, so wie er, für andere ein guter Hirt sind. In manchen Dingen sind wir es „von selbst“. Die Eltern sind es für ihre Kinder, meistens auch die Lehrer und Erzieher. Einige sind es im geistlichen Sinn, sie heißen sogar Hirt – „Pastor“. Dass dies Opfer mit sich bringen kann, nehmen wir manchmal „von selbst“ in Kauf, aber wenige gehen so weit, dass sie ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen. Wie zum Beispiel die Märtyrer in Nigerien oder – im familiären Bereich – jene junge Mutter, die im 6. Monat der Schwangerschaft vor der Entscheidung steht, ihre Leukämie mit einer Chemotherapie behandeln zu lassen, die aber dann davon absieht, weil sonst das Kind in ihrem Schoß sterben würde. Sie stirbt selber und.......ist sofort beim Herrn, denn „niemand hat eine größere Liebe als wer sein Leben hingibt für andere“ (Joh 15,13).

Aber – hier stellt sich doch die Frage: will der Herr uns nicht bedeuten, dass wir, wenn er der Hirt ist, gute Schafe sein sollen? Man kann doch nicht beides sein!

Die Antwort lautet: doch, wir sollen beides sein, denn er ist auch beides. Er ist der Hirt, der sich um die Seinen bis zur Selbstaufgabe (am Kreuz) kümmert, und er ist zugleich das „Lamm, das geschlachtet ist“ (ff 5,12) (am Kreuz).

Jesus sagt uns im Sonntagsevangelium auch: „Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich“ (Joh 10,15). Gute Schafe oder Lämmer sind wir, wenn wir darauf eingehen, dass er uns „kennt“, dass wir seine Stimme erkennen, wenn er ruft, und die Stimme des Diebes nicht beachten, der die Schafherde dezimieren und die Schafe schlachten will.

Was Christus in seinen so bukolisch und auf den ersten Blick friedlich anmutenden Reden über Schafe und Hirten sagt, hat auch heute seine Aktualität. Wenn die Kirche der fortlebende Christus ist, so ist ihre Stimme die des guten Hirten. Falls es einmal verschiedene einander widersprechende Stimmen unter den Hirten und Oberhirten gibt, haben wir vom Herrn eine großartige Zusicherung, dass nämlich im Zweifel der oberste Hirt, der Nachfolger des Petrus, der zuverlässige Gute Hirt ist.

Papst Benedikt XVI. ist ein solcher hingebungsvoller Hirt. Er wird zwar nicht vom Wolf zerrissen, aber des öfteren erlebt er Wölfe, die das versuchen – außerhalb und manchmal sogar innerhalb der Kirche.

Genau wie die anderen großartigen Päpste, die die Kirche in den letzten zweihundert Jahren hatte, handelt er getreu dem Wort, das Christus am See von Tiberias an Petrus richtete: „Weide meine Schafe, weide meine Lämmer!“ (vgl. Joh 21,15). Wie treffend charakterisiert dieses Wort „weiden“ die Haltung des Guten Hirten: nicht befehligen, nicht kommandieren, sondern behüten, pflegen, auf gute Weide führen.

Und genau das haben wir alle mit dem Papst gemeinsam (nicht umsonst hieß es ja einmal „Wir sind Papst“): die uns anbefohlenen Menschen sollen auch wir weiden – in allen Bedeutungen dieses Wortes.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt “ und „Leo - Allah mahabba“.