Hirte im Dienst der Liebe Gottes: Papst Benedikt XVI. über Johannes Chrysostomos (Teil 2)

„Ehre sei Gott für alles“, das Testament des Heiligen

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ROM, 26. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, bei der Generalaudienz au dem Petersplatz gehalten hat.



Der Heilige Vater setzte seine Katechese über den heiligen Bischof von Konstantinopel, Johannes Chrysostomos (* um 349; † 14. September 407), fort. Er betrachtete die schwierige Zeit der Verfolgungen, die die zweite Lebenshälfte des Kirchenvaters kennzeichnen, um aufzuzeigen, dass der große Vater der Soziallehre der Kirche in all seinem Leid nie an der unendlichen Liebe Gottes zu den Menschen gezweifelt, sondern sie im Gegenteil in aller Tiefe erkannt hat.

Vor einer Woche, am 19. September, hatte Benedikt XVI. den Heiligen als „größten Redner der griechischen Spätantike“ bezeichnet und anhand von mehreren Textstellen nachgewiesen, dass sich Johannes Chrysostomos immer um eine „große Katechese des Glaubens an Christus“ bemüht hat.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Wir setzen heute unsere Überlegungen zum heiligen Johannes Chrysostomus fort. Nach der Zeit, die er in Antiochien verbracht hatte, wurde er 397 zum Bischof von Konstantinopel ernannt, der Hauptstadt des oströmischen Reiches. Von Anfang an plante Johannes die Reform seiner Kirche: Die Strenge des Bischofspalastes sollte ein Vorbild für alle sein – den Klerus, die Witwen, die Mönche, die Menschen des Hofs und die Reichen. Nicht wenige von ihnen waren von seinen Entscheidungen betroffen und entfernten sich dann bedauerlicherweise von ihm. Johannes sorgte sich um die Armen, und wurde auch „der Almosengeber“ genannt. Als aufmerksamer Verwalter war es ihm nämlich gelungen, karitative Einrichtungen zu schaffen, die sehr geschätzt wurden. Seine Unternehmungslust, die verschiedenste Bereiche betraf, machte ihn für einige zu einem gefährlichen Rivalen. Dennoch behandelte er alle wie ein wahrer Hirte herzlich und väterlich. Im Besonderen behielt er den Frauen eine feinfühlige Haltung vor, und seine besondere Sorge galt der Ehe und Familie. Er lud die Gläubigen ein, am liturgischen Leben teilzunehmen, das von ihm mit genialer Kreativität prächtig und anziehend gestaltet wurde.

Trotz seines guten Herzens hatte er kein ruhiges Leben. Als Hirte der Hauptstadt des Reichs fand er sich aufgrund seines ständigen Umgangs mit den Autoritäten und zivilen Institutionen oft in politische Fragen und Intrigen verwickelt. Da er in Asien im Jahr 401 sechs unwürdig gewählte Bischöfe abgesetzt hatte, wurde er auf kirchlicher Ebene angeklagt, die Grenzen seiner Jurisdiktion überschritten zu haben, und so wurde er zur Zielscheibe leichtfertiger Anklagen. Ein weiterer Vorwand gegen ihn war die Gegenwart einiger ägyptischer Mönche, die vom Patriarchen Theophilos von Alexandrien exkommuniziert worden und nach Konstantinopel geflüchtet waren. Eine lebhafte Polemik wurde dann durch die Kritik ausgelöst, die Chrysostomus an der Kaiserin Eudoxia und ihren Hofdamen übte, die darauf reagierten, indem sie ihn mit Misskredit und Beschimpfungen eindeckten. So kam es während der Synode, die vom Patriarchen Theophilos im Jahr 403 persönlich organisiert worden war, zu seiner Absetzung mit der darauf folgenden Verurteilung zum ersten kurzen Exil. Die Feindseligkeiten, die aufgrund seines Protests gegen die Feiern zu Ehren der Kaiserin provoziert wurden – der Bischof hatte sie als heidnische und luxuriöse Feste betrachtet –, und die Vertreibung der Priester, die für die Taufen in der Osternacht 404 beauftragt waren, markierten den Beginn der Verfolgung des Chrysostomus und seiner Gefolgsleute, den so genannten Johannitern.

Johannes brachte dann die Ereignisse beim Bischof von Rom, Innozenz I., in einem Brief vor. Es war aber schon zu spät. Im Jahr 406 musste er erneut ins Exil gehen, dieses Mal nach Kukusus in Armenien. Der Papst war von seiner Unschuld überzeugt, es stand aber nicht in seiner Macht, ihm zu helfen. Ein Konzil, das von Rom zur Aussöhnung zwischen den beiden Teilen des Reiches und unter ihren Kirchen gewünscht war, konnte nicht stattfinden. Die aufreibende Reise von Kukusus nach Pytius – ein Ziel, das nie erreicht wurde – sollte die Besuche der Gläubigen verhindern und den Widerstand des erschöpften Verbannten brechen: Die Verurteilung zum Exil war ein richtiggehendes Todesurteil!

Die zahlreichen Briefe aus dem Exil sind bewegend; in ihnen offenbart Johannes seine pastoralen Sorgen, wobei er seine Teilnahme und den Schmerzes über die Verfolgungen der Seinen besonders hervorhebt. Der Gang hin zum Tod endete im pontischen Komana. Dort wurde der todgeweihte Johannes in die Kapelle des heiligen Märtyrers Basiliskus gebracht, wo er seinen Geist zu Gott hin aushauchte und als Märtyrer neben dem Märtyrer begraben wurde. Es war der 14. September, das Fest der Kreuzerhöhung.

Zu seiner Rehabilitierung kam es im Jahr 438 unter Theodosius II. Die Reliquien des heiligen Bischofs, die in der Kirche der Apostel in Konstantinopel aufbewahrt waren, wurden dann im Jahr 1204 nach Rom in die ursprüngliche konstantinische Basilika gebracht und ruhen jetzt in der Kapelle des Chores der Kanoniker in der Petersbasilika. Am 24. August 2004 schenkte Papst Johannes Paul II. einen Großteil davon dem Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I. Der liturgische Gedenktag des Heiligen wird am 13. September begangen. Der selige Johannes XXIII. erklärte ihn zum Patron des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Als Johannes Chrysostomus auf dem Thron des Neuen Roms, das heißt Konstantinopels saß, sagte man von ihm, dass Gott in ihm einen zweiten Paulus sichtbar mache, einen Lehrmeister des Universums. In Wirklichkeit ist in Chrysostomus eine substantielle Einheit von Denken und Tun, in Antiochien genauso wie in Konstantinopel. Es ändern sich nur die Rolle und die Umstände.

Wenn er im Kommentar zur Genesis über die acht Werke nachdenkt, die Gott in sechs Tagen vollbracht hat, will Chrysostomus die Gläubigen von der Schöpfung zum Schöpfer zurückführen: „Es ist ein großes Gut zu erkennen, was das Geschöpf ist und was der Schöpfer“, sagt er. Und er zeigt uns die Schönheit der Schöpfung und das Durchscheinen Gottes in seiner Schöpfung, die so gleichsam zu einer „Leiter“ wird, um zu Gott emporzusteigen, um ihn kennen zu lernen. Zu diesem ersten Schritt jedoch gesellt sich ein zweiter: Dieser Schöpfergott ist auch der Gott der Herablassung („Kondeszendenz – synkatabasis“).

Wir sind schwach beim „Hinaufsteigen“; unsere Augen sind schwach. Und so wird Gott zum Gott der Herablassung, der dem gefallenen und fremden Menschen einen Brief schickt, die Heilige Schrift, so dass sich die Schöpfung und die Schrift vervollständigen. Im Licht der Schrift, des Briefes, den Gott uns gegeben hat, können wir die Schöpfung entschlüsseln. Gott wird „zarter Vater“ („philostorgios“, ebd.) genannt, Arzt der Seelen (Predigt 40,3 über die Genesis), Mutter (ebd.) und liebvoller Freund (Über die Vorsehung 8,11-12).

Diesem zweiten Schritt – zuerst die Schöpfung als „Leiter“ hin zu Gott, und dann die Herablassung Gottes mittels eines Briefes, den er uns gegeben hat – folgt jedoch ein dritter Schritt: Gott übermittelt uns nicht nur einen Brief. Schließlich steigt er selbst herab und nimmt Fleisch an; er wird wirklich „Gott mit uns“, unser Bruder bis hin zum Tod am Kreuz. Und zu diesen drei Schritten – Gott ist sichtbar in der Schöpfung, Gott gibt uns seinen Brief, Gott steigt herab und wird einer von uns – kommt am Ende ein vierter Schritt hinzu: Im Leben und Handeln des Christen ist das Leben spendende und dynamische Prinzip der Heilige Geist („Pneuma“), der die Wirklichkeit der Welt verwandelt. Gott tritt ein in unsere Existenz durch den Heiligen Geist und wandelt uns vom Innern unseres Herzens her um.

Vor diesem Hintergrund schlägt Johannes gerade in Konstantinopel in seinem fortlaufenden Kommentar zur Apostelgeschichte das Modell der Urkirche (Apg 4,32-37) als Modell für die Gesellschaft vor und entwickelt so eine soziale „Utopie“ (gleichsam eine „ideale Stadt“). Es ging in der Tat darum, der Stadt eine christliche Seele und ein christliches Antlitz zu verleihen. Mit anderen Worten: Chrysostomus hat verstanden, dass es nicht ausreicht, Almosen zu geben, den Armen Mal zu Mal zu helfen, sondern dass es notwendig ist, eine neue Struktur zu schaffen, ein neues Gesellschaftsmodell; ein Modell, das in der Perspektive des Neuen Testaments gründet.

Die neue Gesellschaft ist es, die sich in der entstehenden Kirche offenbart. Johannes Chrysostomus wird auf diese Weise also wirklich zu einem der großen Väter der Soziallehre der Kirche: Die alte Idee der griechischen „Polis“ muss durch eine neue Idee von Stadt ersetzt werden, die sich am christlichen Glauben inspiriert. Chrysostomus vertrat zusammen mit Paulus (vgl. 1 Kor 8,11) den Primat des einzelnen Christen, der Person als solcher, auch des Sklaven und des Armen. Sein Plan korrigiert so die traditionelle Sicht der „Polis“, der Stadt, in der breite Schichten der Bevölkerung von den Bürgerrechten ausgeschlossen waren, während in der christlichen Stadt alle Brüder und Schwestern gleiche Rechte haben.

Der Primat der Person ist auch die Folge der Tatsache, dass im Ausgang von ihr die Stadt aufgebaut wird, während in der griechischem „Polis“ die Heimat über dem Einzelnen stand, der der Stadt insgesamt völlig untergeordnet war. So beginnt mit Chrysostomus die Sicht einer Gesellschaft, die vom christlichen Bewusstsein aufgebaut wird. Und er sagt uns, dass unsere „Polis“ eine andere ist – „Unsere Heimat ist im Himmel“ (Phil 3,20) –, und diese unsere Heimat macht uns auch auf dieser Erde alle gleich, Brüder und Schwestern, und verpflichtet uns zur Solidarität.

Am Ende seines Lebens, vom Exil an den Grenzen Armeniens aus, „dem abgeschiedensten Ort der Welt“, kehrte Johannes zu seinen ersten Predigten im Jahr 386 zurück und nahm das ihm liebe Thema des Planes wieder auf, den Gott mit der Menschheit verfolgt. Es ist ein „unaussprechbarer und unverstehbarer“ Plan, der aber „von ihm in Liebe sicher geleitet“ wird (vgl. Über die Vorsehung 2,6).

Das ist unsere Gewissheit. Auch wenn wir die Details der persönlichen und kollektiven Geschichte nicht entziffern können, wissen wir, dass der Plan Gottes immer auch von seiner Liebe beseelt ist. So bekräftigte Chrysostomus erneut – trotz seiner Leiden – die Entdeckung, dass Gott jeden von uns mit seiner unendlichen Liebe liebt – und deshalb will er das Heil aller. Der heilige Bischof wirkte sein ganzes Leben lang großherzig an diesem Heil mit, ohne sich zu schonen. Er erachtete nämlich als letztes Ziel seiner Existenz jene Ehre Gottes, die er, bereits im Sterben liegend, als letztes Testament hinterlassen hat: „Ehre sei Gott für alles!“ (Palladius, Vita 11).

[Der Heilige Vater bediente sich des folgenden Manuskripts, um seine Ausführungen auf Deutsch zusammenzufassen:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Im Anschluss an die Katechese der vergangenen Woche wollen wir uns auch heute mit dem heiligen Johannes Chrysostomus befassen. Der Einsiedler und spätere Priester und Prediger wurde im Jahr 397 Bischof der Reichshauptstadt Konstantinopel. Dort bemühte er sich um die Erneuerung der Kirche, sorgte sich um die Armen und setzte sich in Wort und Tat für eine christlich geprägte Gesellschaft ein. Damit machte er sich allerdings auch Feinde, die bei jeder Gelegenheit gegen ihn und die ihm verbundenen Gläubigen vorgingen. Im Jahre 406 musste er seinen Bischofssitz endgültig verlassen und starb noch auf dem Weg in die Verbannung am 14. September 407. Schon wenige Jahrzehnte später folgte seine Rehabilitierung und begann seine Verehrung als Heiliger im Osten und im Westen.

Von großem Interesse ist, wie dieser Kirchenvater, ausgehend von einem tiefen Verständnis der Schöpfung und des göttlichen Heilsplans, entgegen verbreiteter Ansichten seiner Zeit die Würde eines jeden Menschen und die Ausrichtung des Irdischen auf die ewige, himmlische Heimat betonte.

[Die Pilger aus den Ländern deutscher Sprache begrüßte Benedikt XVI. wie folgt:]

Einen frohen Gruß richte ich an die Pilger aus Deutschland, Österreich, aus der Schweiz, aus Südtirol und auch aus den Niederlanden. Ich grüße die vielen Gruppen und heute besonders die Schulgemeinschaft des Gymnasiums St. Kaspar in Neuenheerse. Das Leben des heiligen Johannes Chrysostomus, der sich als Prediger und Hirte ganz in den Dienst der Liebe Gottes gestellt hat, sei für euch alle Ermutigung und Ansporn! Der Herr begleite euch mit seinem Segen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]