Hirtenbrief der Schweizer Bischöfe zum Dank-, Buß- und Bettag 2005

Es geht darum, "im Hier und Heute Gottes Anruf zu entdecken und unsere Berufung als Christinnen und Christen überzeugend zu leben"

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FRIBOURG, 2. September 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Hirtenbrief der Schweizer Bischofskonferenz zum Dank-, Buß- und Bettag 2005 am heutigen Freitag.



Ausgehend vom Schriftwort "Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken" (Jes 55,8) rufen sie darin zur Umkehr und zur Begegnung mit Christus auf. Gerade in der heutigen Zeit, die in besonderer Weise auf das Zeugnis der Christen warte, sei ein Leben aus der Begegnung mit Christus heraus von entscheidender Bedeutung. Dazu seien ganz besonders zwei Dinge sehr hilfreich, betonen die Bischöfe der Schweiz : Die Betrachtung des Wortes Gottes, denn sie "ist ein wichtiger Weg der Gottsuche". In besonderer Weise aber "begegnen wir dem Geheimnis Jesu Christi in der Anbetung vor dem Tabernakel. Im anbetenden Dasein vor Gott erfahren wir seine Nähe, aber auch sein Anderssein. Hier lassen wir unser Gottesbild korrigieren, hier lassen wir uns immer wieder neu von Gott überraschen."

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Liebe Schwestern und Brüder!

"Mir steht das Wasser bis zum Hals" (Ps 69,2). Dieses Psalmwort drückt die Lebenssituation sehr vieler Menschen aus. Es drückt auch aus, wie viele unter uns heute Kirche erfahren. Eine Karikatur führt dieses Psalmwort auf sehr originelle Weise weiter. "Mir steht das Wasser bis zum Hals", sagt eine Person zur anderen. "Um Gottes Willen!", antwortet die andere, "Lass den Kopf nicht hängen!" Mit diesem Hirtenbrief wollen wir dazu ermutigen, den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern im Hier und Heute Gottes Anruf zu entdecken und unsere Berufung als Christinnen und Christen überzeugend zu leben.

Nur in der Umkehr können wir Gott entdecken

Lange war es nicht "in", über den Glauben und die persönliche Gottesbeziehung zu sprechen. Heute hat sich das geändert. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Viele Menschen leiden darunter, dass sie fast nur noch funktionieren. Christinnen und Christen, aber auch Gläubige anderer Religionen, suchen nach Tiefe in ihrem Leben. Auf Schritt und Tritt begegnen wir der ehrlichen Suche nach Gott. Kurse und Publikationen versuchen darauf eine Antwort zu geben. Eigentlich wäre unsere Zeit eine besondere Chance für die Kirche. Wir alle müssen uns fragen, ob nicht auch wir mitschuldig sind an der gelähmten Situation der Kirche in unserem Land – auch wir Bischöfe.

In einer Zeit, die auf unser Zeugnis in besonderer Weise wartet, verlieren wir sehr viel an Glaubwürdigkeit mit internen Schwierigkeiten und der Weise, wie wir mit diesen umgehen. Wie viel Energie und Einsatz brauchen wir, um gegeneinander zu kämpfen oder interne Angriffe abzuwehren! Dass unsere eigentliche Aufgabe und der Auftrag, den wir durch die Taufe erhalten haben, darunter leiden, müssen wir beschämt feststellen. Der Aufruf des Völkerapostels Paulus gilt auch uns: "Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht" (Phil 1,27a).

Der heutige Dank-, Buß- und Bettag soll uns allen Ansporn sein, umzukehren zum Herrn, damit er Erbarmen mit uns hat (vgl. Jes 55,7). Umkehr setzt Mut voraus. Wir gestehen damit ein, dass wir falsche Wege gegangen sind. Umkehr ist immer auch ein Loslassen von Liebgewonnenem und ein Wagnis des Neubeginns. Wir wollen uns miteinander neu auf den Weg machen, Gott zu suchen, der sich in keine menschlichen Vorstellungen einzwängen lässt. Und gerade hier liegt eine große Herausforderung für die Kirche in unserer Zeit.

Das Leben als Gottsuche

Ein Grund, warum viele Menschen mit der Kirche Mühe haben, ist genau die Erfahrung: Gott ist anders. Gott ist anders, als er im Religionsunterricht oder daheim von den Eltern dargestellt wurde. Gott ist anders, als er in vielen Drohpredigten gezeichnet wurde und vielleicht gelegentlich immer noch wird. Gott ist aber auch anders, als ich ihn mir vorstelle oder eine auch noch so große Mehrheit. So spricht Gott beim Propheten Jesaja die zugleich herausfordernden und tröstlichen Worte: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege (…). So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken" (Jes 55,8-9). Dass Gott anders ist, als wir ihn uns vorstellen, birgt neben allem Schmerzlichen die Möglichkeit in sich, dass wir uns immer neu aufmachen und diesen Gott wirklich suchen. Gott ist anders. Und das Leben mit Gott ist viel spannender, als wir es oft als Kirche bezeugen.

Papst Johannes Paul II. hat bei seinem Besuch anlässlich des nationalen Jugendtreffens in Bern den jungen Menschen zugerufen: "Nicht 'Was ist Wahrheit?', sondern 'Wer ist Wahrheit?' muss es heißen (...). Die Wahrheit ist Jesus Christus, der in die Welt gekommen ist, um uns die Liebe des Vaters zu offenbaren und zu schenken. Wir sind aufgerufen, mit unserem Wort und vor allem mit unserem Leben diese Wahrheit zu bezeugen!"

Jesus Christus können wir nicht einfach "haben". Wir können mit ihm immer vertrauter werden, wenn wir die Begegnung mit ihm suchen. Papst Johannes Paul II. spricht immer wieder davon, dass es darum geht, das Antlitz Christi in unserem Alltag zu entdecken: in seinem Wort, in den Sakramenten, in der Kirche, in jedem Menschen, besonders im Armen, Leidenden und Bedürftigen. Man braucht den Blick des Glaubens, um Christus zu erkennen.

Zwei Weisen der Christusbegegnung möchten wir hier besonders in Erinnerung rufen. Die Betrachtung des Wortes Gottes ist ein wichtiger Weg der Gottsuche. Gerade der heutige Evangeliumstext ist dafür ein beeindruckendes Beispiel. Gott handelt nicht nach menschlicher Gerechtigkeit. Er handelt nicht so, wie wir es erwarten würden. Tatsächlich müssen wir immer wieder über uns hinauswachsen und Gott zugestehen, dass er mit dem, was ihm gehört, tun kann, was er will (vgl. Mt 20,15). In besonderer Weise begegnen wir dem Geheimnis Jesu Christi in der Anbetung vor dem Tabernakel. Im anbetenden Dasein vor Gott erfahren wir seine Nähe, aber auch sein Anderssein. Hier lassen wir unser Gottesbild korrigieren, hier lassen wir uns immer wieder neu von Gott überraschen.

Aus der Begegnung mit Christus leben

Gott ist anders. Darum unterscheiden sich oft auch die Antworten, die wir Christinnen und Christen auf Fragen der Zeit geben. Glaubenssinn ist nicht Resultat eines Mehrheitsbeschlusses, sondern Frucht tiefer Verbundenheit mit dem lebendigen Gott. Wir beschäftigen uns in der Kirche oft mit Nebensächlichkeiten und verlieren dabei die Mitte aus den Augen, die Jesus Christus selber ist. Zugegeben: Vieles in der Kirche ist nicht so, wie wir es uns wünschen. Und doch bleiben wir bewusst in der Kirche, weil wir in ihr das Antlitz Christi entdecken. Wir sind Kirche, weil Christus uns in diese Gemeinschaft gerufen hat, zu der er auch heute sagt: "Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20). Wichtiger als aller Protest gegen tatsächliche oder vermeintliche Fehlhaltungen in der Kirche ist diese lebendige Mitte. Aus dieser Mitte muss alle Kritik entspringen. In dem Maß, in dem wir aus der Begegnung mit Christus leben, wird unser Protest nicht destruktiv und lähmend wirken, sondern zum Aufbau beitragen. Es schadet unserer Sendung, wenn wir uns in der Forderung nach bestimmten Postulaten versteifen und dabei die Möglichkeiten verbauen, die uns tagtäglich gegeben sind. Helfen wir einander, unsere Berufung zu leben und unsere Verantwortung im Gesamten der Kirche wahrzunehmen! Dazu gehört in erster Linie die Wertschätzung jedes einzelnen Menschen und jeder einzelnen Berufung. Tragen wir dazu bei, dass die internen Konflikte nicht unser Glaubenszeugnis schwächen, sondern Herausforderung zu größerer Suche sind.

Es ist uns Bischöfen ein besonderes Anliegen, dass wir die Katholizität der Kirche wieder neu entdecken und bewusst und dankbar die Gemeinschaft mit der Weltkirche pflegen. Nur so können wir auch zu einem fruchtbaren Miteinander gelangen: Wir dürfen von anderen Ortskirchen sehr viel empfangen und dürfen auch viel von unseren Erfahrungen und Reichtümern weiterschenken. Zur Pflege dieser Beziehung ist die gute Kommunikation und Information wichtig. Wir alle haben heute die Möglichkeit, uns an der Quelle über kirchliche Belange zu informieren. Wir können Dokumente und Initiativen der Kirche direkt einsehen und sind nicht auf Informationsträger angewiesen, die die Anliegen notgedrungen verkürzt und nicht selten auch entstellt weitergeben.

Liebe Schwestern und Brüder, Gott ist anders, als wir ihn uns vorstellen. Er kennt andere Wege, die er mit uns gehen will, als wir sie uns in unserer Begrenztheit ausdenken. Auch dort, wo uns das Wasser bis zum Hals steht, brauchen wir den Kopf nicht hängen zu lassen. Wir dürfen gewiss sein: "Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20).

Ihre Schweizer Bischöfe

[Von der Schweizer Bischofskonferenz veröffentlichtes deutsches Original]