Hirtenbrief von Kardinal Friedrich Wetter, Erzbischof von München, zur Fastenzeit 2005

"Ein Tag ohne Gebet ist ein verlorener Tag auf dem Weg zu Gott"

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MÜNCHEN, 2. März 2005 (ZENIT.org).- "Die Heilige Schrift lesen, bedeutet, das Antlitz Jesu suchen und mich von ihm angeschaut wissen – von ihm, der mich mehr liebt, als ich mich selbst liebe.“ Mit diesen Worten skizziert Kardinal Friedrich Wetter, Erzbischof von München, in seinem Hirtenbrief zur Fastenzeit 2005 das Gespräch mit Gott, das der Christ Gebet nennt. Diese Begegnung mit Christus dürfe in keinem Leben fehlen. Gerade dann nicht, wenn man wie der heilige Thomas Morus viel zu tun hat. Ihn zitiert der deutsche Kardinal mit den Worten: "Wenn ich nicht beten würde, könnte ich meine Aufgaben überhaupt nicht schaffen.“ Höhepunkt des Gespräches mit Gott ist die Eucharistie, unterstreicht der Fastenhirtenbrief.



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Liebe Schwestern und Brüder!

Bei der jüngsten Naturkatastrophe in Südasien hat uns der Tod Tausender tief bewegt. Unzählige Menschen haben plötzlich ihre Familie, enge Angehörige und gute Freunde verloren. Solche Verluste schlagen seelische Wunden, die nur schwer heilen. Das Herz der Eltern blutet, die Kinder verloren haben. Die Herzen der Kinder bluten, die ihre Eltern nicht mehr finden.

Diese Wunden sind deshalb so tief und heilen so schwer, weil plötzlich Menschen fehlen, zu denen innige Beziehungen bestanden. Es gehört nämlich zu unserem Menschsein, mit anderen in Beziehung zu stehen. Wir gehören zusammen. Das ist keine Nebensache. Durch Beziehung finden wir zu unserer Identität. "Am Du wird der Mensch zum Ich“, so drückt der jüdische Philosoph Martin Buber diese Wahrheit unseres Menschseins aus.

Die menschlichen Beziehungen sind verschiedenartig und von unterschiedlichem Gewicht. Die einen sind wichtiger, andere weniger. Der Ehepartner steht näher als der Geschäftspartner. Überlegen wir einmal: Spielt in diesem Beziehungsgeflecht auch Gott eine Rolle? Kommt er in meinem Leben überhaupt vor? Er spielt eine größere Rolle, als wir meinen. Denn unser Leben ist zutiefst eine Suche nach Gott, auch wenn viele das nicht merken.

Edith Stein hatte in ihrer Jugend den jüdischen Glauben ihrer Familie abgelegt und bewusst nicht mehr gebetet, wie sie selbst berichtet. Gott spielte keine Rolle mehr in ihrem Leben - dachte sie. Fünfzehn Jahre dauerte diese Zeit, bis sie zum Glauben kam und sich taufen ließ. Im Rückblick auf die Erfahrung jener Jahre sagte sie später: "Wer die Wahrheit sucht, sucht Gott, ob er es weiß oder nicht.“ Sie hat die Wahrheit gesucht und Gott gefunden.

Der Mensch ist ein "Mängelwesen“, ein Wesen der Sehnsucht. Er besitzt das Glück, das er sucht, nicht in sich selbst. Und in den Gütern der Welt findet er es nur vorläufig. Denn "in allem ist etwas zu wenig“, sagt treffend Ingeborg Bachmann. Bleibendes Glück, letzter Lebenssinn, Fülle des Lebens gibt es nur in Gott. Auf der Suche nach Glück, Sinn und Leben sind wir immer auf der Suche nach Gott, ob wir es wissen oder nicht.

Die heiligen Drei Könige, die Weisen aus dem Morgenland, haben sich auf die Suche nach Jesus gemacht. Sie haben ihn nicht auf Anhieb gefunden. Sie suchten ihn am Königshof in Jerusalem, doch dort wusste niemand etwas von ihm. Sie wurden nach Bethlehem verwiesen, die Schriftgelehrten sagten nämlich, dass der Messias dort geboren werden sollte. Der Stern, den sie in ihrer Heimat hatten aufgehen sehen, erschien aufs Neue und zog vor ihnen her, bis sie Jesus fanden. Sie huldigten ihm und brachten ihm ihre Gaben dar.

In den suchenden Weisen sieht die Kirche ein Sinnbild für uns und unser Leben. Denn wir alle suchen nach Gott, der uns in Jesus Christus begegnet. So sehen sich auch die Jugendlichen, die im August aus aller Welt zum Weltjugendtag nach Deutschland kommen und sich am Schrein der heiligen Drei Könige in Köln versammeln werden. Dieser Weltjugendtag steht unter dem Leitwort: "Wir sind gekommen, ihn anzubeten.“ In der Anbetung des Herrn kommt unser Suchen nach ihm ans Ziel.

Die Geschichte der drei Weisen zeigt uns, dass wir auf unserer Suche nicht führungslos sind. Die Weisen wurden vom Stern geführt. Gott führt auch uns. Ich denke hier vor allem an die Stimme des Gewissens, mit der Gott uns von Irrwegen zurückhält und uns den guten, richtigen Weg zeigt. Es gibt in unserem Leben viele Fügungen, mit denen Gott uns lenkt. Meist erkennen wir erst viel später, wie er seine Hand im Spiel unseres Lebens hatte.

Nicht nur wir sind suchend auf dem Weg zu ihm. Er sucht auch uns. Darum ist Gottes Sohn Mensch geworden. Im Gleichnis vom verlorenen Schaf zeigt uns Jesus, worum es ihm in seinem ganzen Wirken geht: "Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?“ (Lk 15,4). Der Sohn Gottes ist vom Himmel in unsere Welt gekommen, um uns nachzugehen, bis er uns findet, und uns zu seinem Vater zu bringen. Er sucht uns nicht, weil er uns braucht. Er sucht uns aus reiner Liebe, um uns Anteil an seinem Leben zu schenken und uns glücklich zu machen.

Aber wir brauchen ihn, um glücklich zu werden und das ewige Leben zu finden. Darum wendet sich Gott in Liebe uns zu. Im Glauben schenkt er sich uns und erwartet unsere Antwort. Er drängt sich uns nicht auf. An uns ist es, die von ihm gestiftete Beziehung der Liebe aufmerksam wahrzunehmen und zu pflegen. Eine Beziehung pflegen heißt, den Kontakt suchen. Wenn man am anderen Interesse hat, will man ihn tiefer kennen lernen, mit ihm sprechen und Anliegen teilen, ja in einer Freundschaft das Leben teilen.

So hat der Heilige Vater am Ende des Großen Jubiläumsjahres 2000 der Kirche die Aufgabe ins neue Jahrtausend mitgegeben, das Antlitz Jesu zu betrachten (Novo Millennio Ineunte, 16-28). Dieses Antlitz sehen wir in der Heiligen Schrift, vor allem in den Evangelien. Die Jünger haben Jesus gesehen und ihn bezeugt. "Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben, das verkünden wir" (1 Joh 1,1), sagt der Apostel. Ihr Zeugnis von Jesus ist von unauslotbarer Tiefe und enthält einen unergründlichen Reichtum. In jeder Messfeier wird uns im Evangelium dieses Antlitz vor Augen gestellt. Jedes Mal kommt ein neuer Zug Jesu zum Vorschein. Wir sollen aber auch selbst regelmäßig zur Heiligen Schrift greifen, um Jesus immer besser kennen zu lernen. Der heilige Hieronymus sagt: "Die Schrift nicht kennen heißt Jesus nicht kennen.“

Die Heilige Schrift lesen, bedeutet, das Antlitz Jesu suchen und mich von ihm angeschaut wissen – von ihm, der mich mehr liebt, als ich mich selbst liebe. Jede Beziehung braucht Zeit, um zu wachsen und tiefer zu werden. Gott hat uns dazu die Zeit unseres Lebens geschenkt. Es ist darum kein Zeitverlust – auch wenn der Stress des Alltags uns das einredet –, Gott Zeit zu schenken, sich für ihn Zeit zu nehmen in Schriftlesung und Gebet.

Von Thomas Morus wird erzählt, er sei gefragt worden, wie er bei seinem umfangreichen Tagewerk noch so viel Zeit zum Gebet habe. Er antwortete: "Wenn ich nicht beten würde, könnte ich meine Aufgaben überhaupt nicht schaffen.“ Das Gespräch mit Gott nennen wir Gebet. Hier sind nicht die Worte entscheidend, schon gar nicht ihre Zahl. Es gibt auch das wortlose Gespräch, das ruhige Verweilen, in dem sich wie beim Gespräch ein Austausch vollzieht.

Die Liebenden verstehen das. Eine große Beterin, die heilige Teresa von Avila, schreibt: "Meiner Meinung nach ist inneres Beten nichts anderes als das Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt“ (Autobiographie 8, 5).

Dabei ist nicht die Dauer ausschlaggebend, das kann nach Lebensumständen variieren. Ausschlaggebend ist, dass wir dem Herrn in uns Raum geben, dass wir auch untertags immer wieder seinen Blick suchen.

Nehmen Sie sich darum jeden Tag Zeit für das Gebet. Ein Tag ohne Gebet ist ein verlorener Tag auf dem Weg zu Gott. Der Rosenkranz kann dabei eine wertvolle Hilfe sein.

Eine besondere Weise, die tiefste, dem Herrn zu begegnen und ihm näher zu kommen, ist die Feier der Eucharistie mit dem Empfang der heiligen Kommunion. Erinnern wir uns, was den beiden Emmausjüngern am Ostertag widerfuhr. Unerkannt ging Jesus mit ihnen auf dem Weg. In der Herberge "nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn“ (Lk 24,30 f.). Das gleiche tut Jesus mit uns in der heiligen Messe. Sie ist eine Feier, die Jesus mit uns feiert. Seiner Gegenwart müssen wir uns stets bewusst sein, damit auch uns wie den Emmausjüngern die Augen aufgehen und wir ihn erkennen.

In der heiligen Kommunion kommt er nicht nur auf uns zu. Er tritt in unser Innerstes ein. Denn er sucht unser Herz, unsere Liebe. Ihm müssen wir Raum geben. Eine innigere und tiefere Beziehung zu einem anderen Du gibt es nicht. In der heiligen Kommunion werden wir so tief mit Jesus vereint, dass wir teilhaben an seinem Leben und am Leben des dreifaltigen Gottes. Er schenkt sich uns, wir aber nehmen ihn nur in dem Maß auf, in dem wir uns ihm schenken.

So persönlich diese Begegnung mit Jesus Christus ist, sie wird uns geschenkt in der Gemeinschaft der Kirche. Das Konzil nennt die Kirche "Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott“ (LG 1). Im Empfang der heiligen Kommunion findet dies seinen Höhepunkt. Darum gehören Kirchengemeinschaft und Eucharistiegemeinschaft untrennbar zueinander.

Unsere Beziehung zu Gott, der sich uns in Jesus Christus geoffenbart hat, ist entscheidend für unser ganzes Leben. In der Gemeinschaft mit ihm besteht unser Christsein. Suchend sind wir deshalb auf dem Weg zu ihm. Zugleich aber dürfen wir ihm immer wieder, ja Tag für Tag begegnen. Jede Begegnung mit ihm führt uns einen Schritt näher zu Gott. Und weil Jesus auf dieser Suche mit uns geht, sind wir sicher, das Ziel zu erreichen. Denn Jesus ist nicht nur der Weg, er ist auch das Ziel. Wie er die Weisen mit dem Stern geführt hat, führt er auch uns. Wie er den Jüngern in Emmaus die Augen geöffnet hat, öffnet er sie auch uns.

In dieser Zuversicht gehen wir durch die Fastenzeit dem Osterfest und durch die Jahre unserer irdischen Pilgerschaft dem ewigen Ostern entgegen, der Fülle des Lebens in der Gemeinschaft des dreifaltigen Gottes.

Dazu segne Euch der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.

München, am Fest der Darstellung des Herrn, dem 2. Februar 2005


Ihr Erzbischof
Erzbischof von München und Freising

[Deutsches, von der Pressestelle des erzbischöflichen Ordinariates München veröffentlichtes Original]