Hl. Birgitta von Schweden: Ehefrau, Heilige, Ordensgründerin

Zeugin für die christlichen Wurzeln ganz Europas

| 3285 klicks

ROM, 27. Oktober 2010 (ZENIT.org).- Die vorbildhafte Figur der skandinavischen achtfachen Mutter, Mahnerin des Papstes in Avignon und Ordensgründerin, hat Papst Benedikt XVI. im Rahmen seiner Katechesen über große Frauengestalten des Mittelalters vorgestellt. Sie könne als Beispiel für die gegenseitige Heiligung der Eheleute gelten, so der Papst in seiner Ansprache, die wir im Volltext als ZENIT-Übersetzung veröffentlichen.

* * *

[Für die deutschen Pilger fasste der Papst seine Ansprache kurz in seiner Muttersprache zusammen]

Liebe Brüder und Schwestern!

Im Vorfeld des Großen Jubiläums 2000 hat mein Vorgänger Papst Johannes Paul II. Birgitta von Schweden zur Schutzpatronin Europas erklärt. Diese große europäische Heilige, Mutter und Ordensgründerin möchte ich heute kurz vorstellen. Sie wurde 1303 geboren und entstammte einer adeligen schwedischen Familie. Zwanzig Jahre verbrachte sie als glückliche Ehefrau an der Seite ihres Gatten Ulf Gudmarsson. Aus dieser Ehe gingen acht Kinder hervor, und eine Tochter, Karin, wird ebenso als Heilige verehrt. Birgitta hat ihre Familie zu einer echten "Hauskirche" geformt, sie tat Werke der Nächstenliebe und hat ein Hospital gegründet. Nach dem Tod ihres Gatten zog sie sich in die Nähe des Zisterzienserklosters Alvastra zurück.

Dort haben sich vollends ihre religiösen und prophetischen Gaben entfaltet. Sie empfing göttliche Botschaften, die von ihren Beichtvätern ins Lateinische übersetzt und herausgegeben wurden. In diesen Offenbarungen kommen verschiedene Themen zur Sprache, vor allem die Passion Christi, für die Birgitta eine besondere Verehrung hegte, und ebenso Ermahnungen an Geistliche und Gläubige, an Autoritäten in Staat und Kirche zu einer christlicheren Lebensführung. Birgitta verließ ihre Heimat Schweden, um das Heilige Jahr 1350 in Rom zu verbringen und dort auch die Anerkennung der Regel des von ihr gegründeten Ordens des Heiligsten Erlösers zu erhalten. Hier in Rom hat sie ein Leben des Gebetes und des Apostolats geführt. Sie hat aber auch Wallfahrten zu verschiedenen Heiligtümern Italiens unternommen und schließlich 1371 ins Heilige Land. Birgitta setzte sich für die Rückkehr der Päpste aus Avignon nach Rom ein, die sie aber nicht mehr erleben konnte. Sie starb dann 1373 in Rom und wurde ein Jahr darauf im Kloster ihres Ordens in Vadstena in Schweden begraben.

* * *

Liebe Brüder und Schwestern,

in der bewegenden Vigil des großen Jubiläumsjahres 2000 hat der verehrte Diener Gottes Johannes Paul II. die heilige Brigitta von Schweden zur Ko-Patronin Europas erhoben. An diesem Vormittag möchte ich die Figur der Heiligen vorstellen, ihre Botschaft und die Gründe, warum diese heilige Frau auch heute noch die Kirche und die Welt vieles lehren kann.

Wir kennen die Ereignisse aus dem Leben der heiligen Brigitta sehr gut, denn ihre geistlichen Väter zeichneten ihre Biographie nach, um den Prozess der Heiligsprechung sofort nach ihrem Tod im Jahre 1373 beginnen zu können.

Birgitte war 70 Jahre zuvor im Jahre 1303 in Finster in Schweden geboren worden, einer Nation in Nordeuropa, die den seit drei Jahrhunderten angenommenen christlichen Glauben mit dem gleichen Enthusiasmus lebte, mit dem die Heilige ihn von ihren Eltern empfangen hat, sehr frommen Menschen einer adligen Familie, mit der Königsfamilie verwandt.

Wir können zwei Perioden im Leben dieser Heiligen unterscheiden. Die erste ist charakterisiert durch die Lebensumstände einer glücklich verheirateten Ehefrau. Ihr Ehemann namens Ulf war Statthalter eines bedeutenden Distriktes des Königreichs von Schweden. Die Ehe dauerte 28 Jahre, bis zum Tode Ulfs. Ihr entsprangen acht Kinder, von denen die zweitgeborene Karin (Katherina) ebenfalls als Heilige verehrt wird.

Dies ist ein beredtes Zeichen der erzieherischen Bemühungen Birgittas gegenüber ihren Kindern. Im Übrigen wurde ihr pädagogisches Wissen so berühmt, dass der König von Schweden, Magnus, sie eine Zeit lang an den Hofe holte, um seine junge Gemahlin, Bianca von Namur, in der schwedischen Kultur zu unterweisen. Birgitta, geistlich durch einen gelehrten Geistlichen geleitet, der sie in das Studium der Schriften einführte, übte einen so positiven Einfluss auf ihre eigene Familie aus, dass sie zu einer wahren „Hauskirche" wurde.

Zusammen mit ihrem Mann nahm sie die Regel der Franziskaner-Tertiaren an. Sie übte mit Großzügigkeit die Werke der Nächstenliebe gegenüber den Benachteiligten; unter anderem gründete sie ein Krankenhaus.

An der Seite seiner Gattin lernte Ulf, seinen Charakter zu vervollkommnen und im christlichen Leben voranzuschreiten. Bei der Rückkehr von einer langen Pilgerreise nach Santiago di Compostela, auf die sie sich 1341 zusammen mit anderen Familienmitgliedern begeben hatten, reifte bei den Eheleuten das Vorhaben, in Enthaltsamkeit zu leben; kurze Zeit später, im Frieden eines Klosters, in das er sich zurückgezogen hatte, beschloss Ulf sein irdisches Leben.

Diese erste Periode des Lebens der hl. Birgitta hilft uns, besser wertzuschätzen, was man heute als authentische „eheliche Spiritualität" definieren könnte: Gemeinsam können die christlichen Eheleute den Weg der Heiligkeit beschreiten, unterstützt von der Gnade des Ehesakraments. Nicht selten, wie auch im Leben der hl. Birgitta und Ulfs, ist es die Frau, die mit ihrer religiösen Sensibilität, mit Zärtlichkeit und Sanftmut den Ehemann auf den Weg des Glaubens bringt.

Ich denke mit Achtung an viele Frauen, die Tag für Tag auch heute in ihren eigenen Familien ihr Licht eines Zeugnisses wahren christlichen Lebens aufstrahlen lassen. Der Geist des Herrn kann auch heute noch die Heiligkeit der christlichen Ehegatten hervorrufen, um der Welt die Schönheit einer Ehe zu zeigen, die nach den Werten des Evangeliums gelebt wird: Liebe, Zärtlichkeit, gegenseitige Hilfe, Fruchtbarkeit in der Zeugung und Erziehung der Kinder, Öffnung und Solidarität gegenüber der Welt, Teilnahme am Leben der Kirche.

Als Birgitta Witwe wurde, begann die zweite Periode ihres Lebens. Sie lehnte eine Wiederverheiratung ab, um die Einheit mit dem Herrn durch Gebet, Buße und Werke der Nächstenliebe zu vertiefen. Auch die christlichen Witwen können in dieser Heiligen ein nachahmenswertes Beispiel finden.

Schließlich trat Birgitta nach dem Tod ihres Gatten, nachdem sie ihre Güter an die Armen verteilt hatte, ins Zisterzienserkloster von Alvastra ein, ohne jemals die Ordensgelübde abzulegen. Hier begannen ihre göttlichen Offenbarungen, die sie den Rest ihres Lebens lang begleiten sollten. Sie wurden von Brigitta ihren Sekretären und Beichtvätern berichtet, die sie aus dem Schwedischen ins Lateinische übersetzten und in einem achtbändigen Werk mit dem Titel Revelationes (Offenbarungen) zusammenstellten. Diesen Büchern wurde ein Ergänzungsband mit dem Titel Revelationes extravagantes (außergewöhnliche Offenbarungen) hinzugefügt. Die Offenbarungen der hl. Birgitta präsentieren sich in verschiedenen Stilen und Inhalten. Manchmal werden die Offenbarungen in Dialogen zwischen den göttlichen Personen, der Jungfrau, den Heiligen und auch den Dämonen beschrieben; Dialoge, an denen auch die hl. Birgitta teilnimmt. Ein anderes Mal handelt es sich um den Bericht einer bestimmten Vision; und wiederum an anderer Stelle wird davon erzählt, was die Jungfrau Maria ihr über das Leben und die Geheimnisse ihres Sohnes offenbart hat. Der Wert der Offenbarungen der hl. Birgitta, gelegentlich Objekt mancher Zweifel, wurden vom verehrten Johannes Paul II. in seinem Brief "Spes Aedificandi" präzisiert: „Es besteht jedoch kein Zweifel, dass die Kirche, als sie die Heiligkeit Birgittas anerkannte, die Authentizität ihrer inneren Erfahrung insgesamt billigte, auch ohne sich zu den einzelnen Offenbarungen zu äußern" (Nr. 5).

Tatsächlich werden wir bei der Lektüre dieser Offenbarungen auf viele wichtige Themen stoßen. Zum Beispiel kehren oft die sehr detaillierten und realistischen Beschreibung der Passion Christi wieder, für die die heilige Birgitta immer eine bevorzugte Verehrung hatte, da sie in ihr die unendliche Liebe Gottes zu den Menschen meditierte. Aus dem Munde des Herren, der mit ihr spricht, vernimmt sie diese bewegenden Worte: „O meine Freunde, so zärtlich liebe ich meine Schafe, dass ich, wenn es möglich wäre, viele weitere Male für jedes einzelne von ihnen sterben würde, diesen gleichen Tod, den ich für die Erlösung aller gelitten habe" (Revelationes, Buch I, Kap. 59).

Auch die schmerzhafte Mutterschaft Mariens, durch die sie Vermittlerin und Mutter der Barmherzigkeit wurde, ist ein Thema, das in den Offenbarungen oft wiederkehrt.

Birgitta war sich dessen bewusst, Empfängerin des besonderen Geschenkes einer großen Auserwählung des Herrn zu sein: „Meine Tochter", lesen wir im ersten Buch der Offenbarungen, „ich habe dich für mich auserwählt, liebe mich mit deinem ganzen Herzen...mehr als alles, was in der Welt existiert" (Kap. 1). Im Übrigen war Birgitta sich dessen bewusst, dass jedes Charisma zum Erbauen der Kirche bestimmt ist.

Gerade aus diesem Grund richteten sich nicht wenige ihrer Offenbarungen als oft sehr strenge Ermahnungen an die Gläubigen ihrer Zeit, einschließlich der religiösen und politischen Autoritäten, die sie aufforderte, ihr christliches Leben konsequent zu leben; aber immer erfolgte dies in einer Haltung des Respektes und voller Treue zur Lehre der Kirche, besonders zum Nachfolger des Apostels Petrus.

Im Jahre 1349 verließ die hl. Birgitta Schweden für immer und begab sich auf eine Pilgerreise nach Rom. Sie wollte nicht nur am Heiligen Jahr 1350 teilnehmen, sondern auch die päpstliche Approbation für die Regel eines religiösen Ordens des „Heiligen Erlösers" einholen, den sie gründen wollte, zusammengesetzt aus Mönchen und Nonnen unter der Autorität einer Äbtissin.

Dies ist ein Element, dass nicht verwundern darf: Im Mittelalter existierten viele Klostergründungen mit einem männlichen und weiblichen Zweig, aber mit einer Praxis derselben Klosterregel, die der Leitung einer Äbtissin unterstanden. In der großen Tradition des Christentums wurde der Frau in der Tat eine eigene Würde zuerkannt und - nach dem Beispiel Mariens, der Königin der Apostel-, ein eigener Platz in der Kirche eingeräumt, der, ohne mit dem geweihten Priestertum gleichgestellt zu sein, eine ebenso wichtige Rolle für das geistliche Wachstum der Gemeinschaft hat.

Außerdem ist die Zusammenarbeit von geweihten Männern und Frauen, immer mit Respekt vor ihren speziellen Berufungen, von großer Bedeutung auch in der Welt von heute.

In Rom widmete sich Birgitta in Begleitung ihrer Tochter Karin einem Leben intensiven Apostolats und des Gebets. Und von Rom aus begab sie sich auf Pilgerreise zu den verschiedenen italienischen Heiligtümern, vor allem nach Assisi, der Vaterstadt des hl. Franziskus, für den die hl. Birgitta eine große Verehrung hegte. Schließlich 1371 ging ihr größter Wunsch in Erfüllung: die Reise ins Heilige Land, wohin sie sich in Begleitung einer Gruppe von geistlichen Kindern, die sie „die Freunde Gottes" nannte, begab.

Während dieser Jahre lebten die Päpste in Avignon, weit weg von Rom: Birgitta wandte sich bekümmert an sie, um sie zur Rückkehr zum Sitz des hl. Petrus in die ewige Stadt zu bewegen. Sie starb jedoch 1373, noch bevor Papst Gregor XI. endlich nach Rom zurückkehrte.

Birgitta wurde provisorisch in der römische Kirche San Lorenzo in Panisperna begraben, aber 1374 brachten ihre Kinder Birger und Karin sie in ihr Heimatland ins Kloster von Vadstena zurück, dem Sitz des religiösen Ordens, der von der hl. Birgitta gegründet worden war und sofort eine beachtenswerte Ausbreitung erlebte. Im Jahre 1391 sprach sie Papst Benedikt IX. feierlich heilig.

Die Heiligkeit von Birgitta, charakterisiert durch eine Vielzahl von Gaben und Erfahrungen, an die ich in diesem kurzen biographisch-geistlichen Umriss erinnern wollte, macht sie zu einer hervorragenden Gestalt in der Geschichte Europas.

Mit ihrer skandinavischen Herkunft bezeugt die hl. Birgitta, wie das Christentum das Leben aller Völker dieses Kontinents zutiefst durchwirkt hat. Papst Johannes Paul II. ernannte sie zur Ko-Patronin Europas und wünschte, dass die heilige Birgitta, die im 14. Jahrhundert lebte, einer Zeit, zu der das westliche Christentum noch keine Spaltung kannte, wirkungsvolle Fürsprache bei Gott einlege, damit durch die so empfangene Gnade Gottes die Einheit der Christen wiederhergestellt werden könne.

Aus dem gleichen Grund, der mir sehr am Herzen liegt, und damit Europa immer mehr lerne, sich aus seinen christlichen Wurzeln zu nähren, wollen wir beten, liebe Brüder und Schwestern, indem wir die mächtige Fürsprache der hl. Birgitta von Schweden erflehen, der treuen Jüngerin Gottes und Ko-Patronin Europas.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals durch Jan Bentz© Copyright 2010 - Libreria Editrice Vaticana]