Hobbits und Zwerge zurück auf der Leinwand

Filmrezension: Der kleine Hobbit - Eine unerwartete Reise

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Von Dr. phil. José García*

BERLIN, . 14. Dezember 2012 (ZENIT.org/textezumfilm). - „In einer Höhle im Boden, da lebte ein Hobbit“. So beginnt J. R. R. Tolkien sein Buch „Der Hobbit“ („The Hobbit or There and Back Again“, 1937). Peter Jackson, der von 2001 bis 2003 Tolkiens berühmtestes Epos „Der Herr der Ringe“ verfilmt hatte, adaptiert nun „Der Hobbit“ für die große Leinwand – ebenfalls als Trilogie. Ist der erste Teil „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ gerade gestartet, so sollen „Der Hobbit – The Desolation of Smaug“ und „Der Hobbit – Hin und zurück“ im Dezember 2013 beziehungsweise Juli 2014 im Kino anlaufen. Obwohl „Der Hobbit“ im Gegensatz zu „Der Herr der Ringe“ als Kinderbuch verfasst wurde, nahm Tolkien nach der Veröffentlichung seiner großen Trilogie in „Der Hobbit“ einige Änderungen vor, um den Zusammenhang zwischen den beiden Werken zu unterstreichen. In dieser Hinsicht geht Peter Jackson sogar einen Schritt weiter: Seine Verfilmung ist in Tolkiens mythologische Welt eingebettet. Der Film „Der Hobbit“ erzählt ganz bewusst die Vorgeschichte von „Der Herr der Ringe“.

Dies wird von Anfang an deutlich. Denn anders als das Buch beginnt der Film „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ mit einem gealterten Bilbo (Ian Holm), der seine Erinnerungen für seinen Lieblingsneffen Frodo (Elijah Wood) schreibt. Bilbo feiert seinen 111. Geburtstag – für Tolkiens Fans ein wichtiges Datum, markiert es doch den Anfang von „Der Herr der Ringe“. Peter Jackson schließt diesen zehnminütigen Prolog mit einem Frodo ab, der sich auf den Weg in der Erwartung macht, unterwegs Gandalf (Ian McKellen) zu begegnen. Eine Begegnung, die am Anfang von „Der Herr der Ringe – Die Gefährten“ steht. Erst dann beginnt die eigentliche, unerwartete Reise des Bilbo Beutlin, die 60 Jahre vorher stattfand. In einem sehr grünen und sehr hellen Auenland bekommt der junge Bilbo Beutlin (Martin Freeman) überraschenden Besuch von Gandalf. Kaum ist es Bilbo gelungen, den ungebetenen Gast loszuwerden, kommen nacheinander 13 Zwerge in seine Hobbithöhle. Irgendwann wird es Bilbo klar, dass er von Gandalf dazu auserkoren wurde, als „Meisterdieb“ den Zwergen dabei zu helfen, ihren vom Drachen Smaug geraubten Schatz zurückzuerobern. Obwohl sich Jackson viel Zeit lässt, das Treiben der Zwerge zu beschreiben, bleibt für die Figurenzeichnung der Zwerge kaum Raum. Aus ihrer Schar ragen insbesondere der Zwergenkönig Thorin Eichenschild (Richard Armitage) und der altehrwürdige Balin (Ken Stott) heraus.

Zu der eigentlichen, im Buch „Der Hobbit“ erzählten Geschichte fügt Peter Jackson einerseits Rückblenden hinzu, so etwa Smaugs Angriff auf Erebor, das Auffinden des Arkensteins, Durins Tod und die Vertreibung der Zwerge aus Moria, aus der sich die Feindschaft zwischen Zwergen und Elben erklärt. Andererseits benutzt Jackson Tolkiens Notizen, um die Geschichte von „Der Hobbit“ im Mittelerde-Universum zu verankern. So führt der Film insbesondere den „Weißen Rat“ ein, an dem neben den Zauberern Gandalf dem Grauen und Saruman dem Weißen auch die Elbenfürsten Galadriel (Cate Blanchett) und Elrond (Hugo Weaving) teilnehmen. Sie beraten über die Beobachtungen des Zauberers Radagast des Braunen (Sylvester McCoy), der von der Rückkehr einer dunklen Macht in die Welt berichtet. Über die inhaltlichen Aussagen hinaus stellt diese Szene für den Tolkien-Kenner eine weitere Brücke zu „Der Herr der Ringe“ dar: Der Weiße Rat versammelt die Träger der drei Elbenringe: Galadriel, Elrond und Gandalf.

Auch in der Inszenierung bleibt Peter Jackson dem epischen Charakter von „Der Herr der Ringe“ treu: Massenszenen und atemberaubende Kamerafahrten werden durch den 3D-Effekt verstärkt, ohne ihn jedoch zum Zweck an sich zu erheben. Darüber hinaus drehte Jackson seinen Film mit erhöhter Geschwindigkeit: mit 48 Bildern statt der im Kino üblichen 24 Bilder pro Sekunde. Das Ergebnis ist eine ungeheure Bildschärfe, die der Zuschauer aus Sportübertragungen, insbesondere aus den Etappenankünften der „Tour de France“ kennt. Diese Bildschärfe irritiert zu Beginn ein wenig, aber die Augen gewöhnen sich schnell daran. Allerdings lässt diese außergewöhnliche Auflösung die Unterschiede zwischen realen Schauspielern und computergenerierten Kreaturen sowie die Künstlichkeit einiger Schauplätze umso deutlicher hervortreten. Ähnlich der Verfilmung von „Der Herr der Ringe“ besticht „Der Hobbit“ durch viele kleine, vorlagengetreue Details, ob es sich nun etwa um Bilbos goldene Jackenknöpfe oder um die Rauchringe aus dessen Pfeife handelt. Eine weitere, bemerkenswerte Brücke zu „Der Herr der Ringe“ stellt die Filmmusik dar. Zwar hat Howard Shore einiges neu komponiert und mit einer an iro-schottische Klänge erinnernden Melodie die Zwergenlieder vertont. Der Soundtrack von „Der Hobbit“ nimmt die Themen von „Der Herr der Ringe“ und insbesondere das Auenland-Thema jedoch immer wieder auf.

Im Laufe der Handlung wird sie entsprechend der immer unheimlicher wirkenden Geschichte freilich dunkler. Denn nach der Ruhepause in Bruchtal, im Elronds Haus, lauern immer größere Gefahren auf dem Weg der Gefährten, wobei die Action immer atemloser wird. Die hochauflösenden Kameras nehmen den Zuschauer in eine regelrechte Achterbahn durch Stege mit, die über abgrundtiefe Schluchten im tiefen Orkberg führen, wo die 13 Zwerge, Bilbo und Gandalf dem übergroßen Orkkönig (Barry Humphries) begegnen. Trotz aller Schauwerte, trotz atemloser und rasant gefilmter Action bildet die Sequenz mit der Auffindung des Rings den Kern von „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“. Der Film kommt erneut zur Ruhe, um vorlagengetreu den Rätselwettkampf zwischen Gollum und Bilbo zu beschreiben. Der Ring steht im Mittelpunkt von „Der Hobbit“, obwohl noch niemand von dessen Bedeutung weiß – Gandalfs Blick zeugt lediglich von einer Vorahnung der Rolle, die dieser Ring später spielen soll.

Diese Sequenz besitzt auch deshalb eine dramatische Tiefe, weil Andy Serkis es gelingt, in Gollums Augen und in seiner ganzen Mimik eine uralte Tragödie aufleuchten zu lassen – die wiederum erst im Zusammenhang mit „Der Herr der Ringe“ begriffen werden kann. Diese Tiefe wird auch bei den anderen Charakteren spürbar, die sich etwa in der verändernden Beziehung zwischen Thorin und Bilbo zeigt: Aus dem rachesüchtigen Thorin, der Bilbo zunächst einmal als eine Last betrachtet, wird ein richtiger König, der die Vorzüge des Hobbits anerkennt. Galadriel wirkt noch majestätischer als in „Der Herr der Ringe“. Sie erscheint als die schöne, große und gütige Frau, die anderen ins Herz blicken kann und deren christliches Vorbild leicht zu erraten ist.

Zwar sind viele der Themen, die in „Der Herr der Ringe“ eine besondere Bedeutung erlangen, in „Der Hobbit“ lediglich angedeutet. Aber bereits in der neuen Tolkien-Verfilmung zeichnet sich die ganz große Frage ab: Wie das Böse über die Welt herein bricht. „Der Hobbit“ verdeutlicht aber auch, dass entgegen manch oberflächlicher Tolkien-Interpretation das Gute und das Böse nicht säuberlich getrennt sind. Vor der Gier nach Reichtum und Macht ist niemand gefeit – auch das veranschaulicht „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“. Was für eine verführerische Macht der Eine Ring insbesondere für die Mächtigen ausübt, bleibt zwar in „Der Hobbit“ noch unbekannt. In diesem Zusammenhang stellt aber das Gespräch zwischen Galadriel und Gandalf am Rande des Weißen Rates eine bemerkenswerte Ahnung für die Bedeutung des Unscheinbaren, der kleinen Leute dar. Dazu führt Drehbuch-Mitautorin Philippa Boyens aus: „Es berührt den Kern unseres Films – die Güte ganz normaler Leute. Eine gute Tat, eine hilfreiche Geste kann ebenso viel bewirken wie die größte Heldentat.“ Trotz einiger Längen und eines teilweise kindisch albernen Humors stellt „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ nicht nur erneut einen neuen Standard in Spezialeffekten und Kameraführung dar. Peter Jackson gelingt es, über diese Schauwerte hinaus echte Charaktere zu zeichnen und tiefgründige Fragen anzusprechen.

*Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.