Hochhut und Pius XII.

Die schwarze Legende, ein scheinbar abstruser Erstlingsroman von Julius Wintermanthel

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ROM, 13. Juli 2012 (ZENIT.org). - Der Roman „Die schwarze Legende“ hat eine geradezu wahnwitzig wirklichkeitsfremde Handlung: Flor Kapp hat ein Theaterstück namens „Der Fels“ geschrieben. Keine anderthalb Jahrzehnte nach Kriegsende stellt er darin bezeugte historische Tatsachen auf den Kopf, wagt den Tabubruch, Israel Zolli, den Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde von Rom, Lügen zu strafen. Zolli hatte in der wirklichen Welt nämlich einem Mann für seinen Einsatz gedankt, der Tausenden von den Nationalsozialisten verfolgten Juden das Leben rettete. Flor Kapp aber macht aus diesem Retter einen Bösewicht, fast schlimmer als die Nazis selbst. Kapp behauptet, der Retter habe nichts getan, sondern geschwiegen. Hätte er seine machtvolle Stimme erhoben, hätte er die Mordmaschinerie stoppen können. Aber statt dass das irreale Stück sang- und klanglos durchfällt, wird es im Roman ein Welterfolg, gefeiert vor allem in dem Teil der Welt, der auf den Sieg eines anderen Sozialismus setzt, auf den des internationalen. Ein Drehbuchschreiber erhält den Auftrag, den Film zum Stück zu entwerfen. Er entdeckt die Wahrheit, will den Schwindel auffliegen lassen, scheitert aber kläglich. Jemand anders schreibt das „richtige“ Drehbuch für den Film. Der Kapp-Putsch gelingt.

Der Fall Hochhuth

War Julius Wintermanthel, so das Pseudonym des Romanautors, von allen guten Geistern verlassen, sich eine solch abstruse Story auszudenken? Das Titelbild des Einbands verrät, dass es sich ganz anders verhält. Dort sieht der Leser ein verzerrtes Abbild von Pius XII., das in kleine Scherben zerschlagen ist. Und obwohl der Autorenname Rolf Hochhuth und tatsächliche Titel des Stücks, „Der Stellvertreter“ nicht erwähnt werden, ist klar, welch schwarze Legende Julius Wintermanthel sich mit seinem literarischen Erstlingswerk vorgenommen hat.

Wer sich auch nur oberflächlich mit der Geschichte des Kommunismus beschäftigt hat, weiß, dass seine Ideologen von Anfang an versuchten, die katholische Kirche zu vernichten. Schon zwei Jahre vor dem Erscheinen de marxschen „Kapital“ hatte Papst Pius IX. die kommunistische Ideologie verurteilt.

Es muss gar nichts dran sein an der Geschichte, dass der wahre Stückeschreiber die entscheidenden Unterlagen für sein Produkt, die er nie offengelegt hat, vom rumänischen Geheimdienst zugespielt bekam. Antikatholizismus passte in die Entstehungszeit des Theaterstücks. Wenige Jahre zuvor hatte beispielsweise der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher die Kirche als die „fünfte Besatzungsmacht“ in Deutschland bezeichnet. Das sowjetische Propagandamachwerk „Fall von Berlin“ tischte die Lüge auf, Hitler und der Nuntius in Deutschland, der spätere Pius XII., seien Brüder im Geiste gewesen.

Julius Wintermanthel lässt den Drehbuchschreiber seines Romans erkennen, warum das Theaterstück in den Augen weiter Kreise nicht zu widerlegen ist: Weil es schon beim Erscheinen widerlegt war, weite Kreise aber daran glauben wollten. Im Buch liest sich das so: „Es gibt gewisse Wahrheiten, und in aller Regel sind es gerade die elementarsten, die müssen wir emotional erfassen, um von ihnen berührt zu werden... Warum lässt sich der deutsche Mainstream nicht von den hundert Millionen Toten, die die kommunistischen Führer Lenin, Stalin, Mao und Pol Pot auf dem Gewissen haben, erschüttern? An den Falten liegt es jedenfalls nicht… Es gibt offenbar Realitäten, die man schlicht und einfach nicht zur Kenntnis nehmen will. Sie passen nicht in das eigene Weltbild, und an diesem Weltbild hängt die ganze eigene Persönlichkeit, hängt alles, was man einst bei Marx, Kinderladen und Coca-Cola erhofft, erträumt, herbeigesehnt hat.“

Klemens Hogen-Ostlender

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Julius Wintermanthel: Die schwarze Legende, Verlag Van Eck, Triesen, Liechtenstein, 272 Seiten, 19 Euro.