Hoffnung für die Moderne Kunst

Zwei Ausstellungen in Rom bieten Schönheit auf, um den Glauben zu verteidigen

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Von Elizabeth Lev*

ROM, 30. April 2012 (Zenit.org). - Die ältere Generation neigt dazu, sich zu beklagen: „Was man heute anbietet, ist nicht mehr so gut wie früher.“ Von mir hat man einst einmal gesagt, dass ich die gleiche Ansicht in Bezug auf moderne Kunst vertrete. Etwa 500 Meter voneinander entfernt finden zurzeit in Rom zwei Ausstellungen über zwei Künstler statt, die ebenso 500 Jahre voneinander trennen. Diese Ausstellungen zeigen, dass es doch noch ein paar Künstler gibt, die in der Kunst die große Tradition hochhalten.

So findet zurzeit in dem, was früher einmal die Reitställe des Quirinalpalasts waren, eine monographische Ausstellung über Jacopo Robusti statt, einen der berühmtesten Maler der venezianischen Renaissance, der besser unter dem Namen Tintoretto bekannt ist. Gleichzeitig stellt die dicht neben der Piazza Navona gelegene Universität Santa Croce das Werk von Romano Cosci vor, eines Bildhauers und Malers, der der norditalienischen Stadt Lucca entstammt.

Den vielen Jahrhunderten, die die beiden Männer trennen zum Trotz, vereint sie ihr handwerkliches Können, ihre Dynamik und religiöse Anschauung.

Als Sohn eines reichen Färbers erlaubte Tintoretto das gehobene Milieu, in das er 1518 hineingeboren wurde, ein Malerstudium abzulegen und auf kämpferische Weise in die Malereiszene einzudringen, indem er andere Maler einfach unterbot oder seine Arbeit sogar gratis anbot.

Er malte andauernd und geschwind und wurde daher bald mit dem Beinamen „der Wüter“ bedacht. Seine Charakterstärke kann man an seinem Pinselstrich erkennen, der auf der Leinwand geblieben ist und wie der Blitz in Zickzacklinien über die Oberfläche fegt. Sein Selbstportrait, das er als junger und stolzer Künstler gemalt hat, kann man im ersten Saal der Ausstellung begutachten.

Die Sammlung beginnt mit einem Glanzstück, und zwar Tintorettos berühmtem Werk aus dem Jahre 1548: Das Wunder des Hl. Markus, das er für die Scuola Grande di San Marco angefertigt hat. Diesen Auftrag erhielt Tintoretto trotz der Bewerbung vieler anderer Künstler, die über mehr Erfahrung verfügten. Nach diesem, erhielt er später von der gleichen Schule noch weitere Aufträge.

Das Sklavenwunder beschreibt eine Erzählung aus der „Legenda aurea“, bei der der hl. Markus vom Himmel her eingreift, um einen zum Tode verurteilten Sklaven aufgrund seiner Heiligenverehrung zu retten. Die grandiose Leinwand (415 × 541 cm) versetzt aufgrund ihrer Größe, ihrer Lichteffekte und besonders wegen ihres zeichnerischen Könnens in Staunen.

Trotz der breiten Anlage des Werkes, in dem es an den Seiten von wogenden Gestalten wimmelt, bleibt die Senkrechte die Hauptachse der Szene. Der Sklave, der auf atemberaubende Weise perspektivisch verkürzt nackt, gedemütigt und überwältigt am Boden liegt, erwartet dort seinen Tod. Der hl. Markus steigt von oben in einer Spirale nach unten herab und teilt durch diese Wirbelbewegung die Zuschauermenge. Die satten Rottöne und das gleißende Weiß unterstreichen eine ohnehin dramatische Szene -- in diesem Werk führt Tintoretto dem Betrachter den Moment vor Augen, in dem der Himmel den natürlichen Lauf der Dinge verändert.

Auf der Wand von Tintorettos Werkstatt stand der Satz geschrieben: „Das zeichnerische Können von Michelangelo und die Farben des Titian.“ In seiner Gemäldeserie „Die Wunder des Hl. Markus“ – die Ausstellung zeigt auch die Leinwand, die die Ankunft des Leibes des hl. Markus in Venedig darstellt, – lässt Tintoretto keinen Zweifel daran aufkommen, dass er die dramatische Darstellung der florentinischen Figuren beherrscht und ebenso die leidenschaftliche Intensität der venezianischen Farben gemeistert hat.

Die überwältigende Mehrheit der Werke Tintorettos waren religiöser Natur. Er setzte lediglich für Klienten aus der Aristokratie einige Aufträge um, die Liebesgeschichten aus der Mythologie zum Thema hatten. Diese Gemälde befinden sich im zweiten Stock des Ausstellungsortes. Selbst bei den nur für Hartgesottene bestimmten Erzählungen über die Liebe der Venus, bleibt Tintoretto auf Distanz. Er hebt nur amüsiert eine Augenbraue über die Eskapaden der Götter.

Tintoretto lebte während der bewegten Jahre der Gegenreformation, in der über die wesentlichen Aussagen des katholischen Glaubens oft gestritten oder aber diese abgelehnt wurden. Ein begabter Künstler und nach den Worten seines Zeitzeugen Giorgio Vasari, „das schrecklichste Gehirn, das die Welt der Malerei je gekannt hat“, fühlte sich Tintoretto dazu bestimmt, durch seine Kunst den Glauben zu verteidigen, in dessen Dienst er sich stellte.

Das Letzte Abendmahl, die Einsetzung der Eucharistie, ein Gedächtnis an die wirkliche Gegenwart Christi unter Hostiengestalt, wurde zu einem der beliebtesten Motive in der Malerei. In den Jahren von 1547-1592 malte Tintoretto zehn solcher Bilder für religiöse Brüderorden. Wohingegen vorher das Letzte Abendmahl in der Regel lediglich in den Speisesälen der Ordensleute gesehen werden konnte, waren diese Bilder nun für Menschen jeder Herkunft und jeden Bildungsstandes bestimmt, um ihnen die Bedeutung der Eucharistie vor Augen zu führen.

Zwei von Tintorettos Darstellungen des Letzten Abendmahles befinden sich in der Ausstellung; bei der Version von San Trovaso portraitiert Tintoretto den Augenblick, in dem die Apostel auf dramatische Weise vor der Anklage zurückschrecken, dass sich unter ihnen ein Verräter befindet. Die zweite Version, jene von San Polo, ist mit erstaunlichen perspektivischen Verkürzungen dargestellt und zeigt Christus, der dem hl. Petrus die Kommunion reicht. Im Vorgriff auf seine Kreuzigung vom darauffolgenden Tag sind dabei Christi Arme über die Leinwand ausgespreizt.

Tintorettos Werke sind gewaltig, dramatisch und voller Lyrik. Er benutzte als Erster das dramatisierende Helldunkel, das dann Caravaggio auf so meisterhafte Weise eingesetzt hat. Tintoretto überstrich seine Leinwand zunächst mit schwarzer Farbe und suchte dann die Stellen aus, an denen er jeweils das Quäntchen Licht eines Heiligenscheins oder eines Lichtes, das von Gott ausgehend in das Gemälde der Schöpfung überfloss, einfügen wollte.

Bei einigen seiner Werke ist es einfach eine Freude, davor zu stehen und sie anzuschauen, so zum Beispiel jenes aus dem Louvre von Susanna und den beiden Ältesten oder aber jenes aus der Londoner Nationalgallerie vom Hl. Georg und dem Drachen. Andere laden wiederum eher zu tiefer Betrachtung ein.

Tintorettos eigene Sixtinische Kapelle war die Schule vom hl. Rocco, in der der Maler über den größten Teil seines Lebens hinweg arbeitete und auf deren Raumoberfläche er, ehe er starb, 52 Gemälde schuf. Der Großteil dieser Gemälde stellt Episoden aus dem Leben Jesu im Großformat dar. Insofern sind zwei ungewöhnliche Tafeln zur Ausstellung gebracht worden: Die lesende und die meditierende Jungfrau Maria. Einmal aus dem überwältigenden Kontext von Tintorettos „tour de force“ herausgelöst, gewinnen sie an Stärke und Aussagekraft. Maria sitzt in einer abgeschiedenen Landschaft; leuchtende weiße Pinselstriche verleihen dem Wasser, den Bäumen und der Hügellandschaft Leben. Sie liest und meditiert in friedvoller Stimmung, eine sehr schöne, kontemplative Sichtweise der Jungfrau.

Zur Ausstellung gehört auch ein vorbereitender Entwurf für Tintorettos letztes großes Werk, eine enorm große Leinwand, die das Paradies darstellt und für den Dogenpalast bestimmt war. Mit 7,45 auf 24,65 Metern war es das größte Projekt, das er je in Angriff genommen hatte, und nahm daher seine letzten Jahre in Anspruch. Tintoretto hatte im Gebet um diesen Auftrag gebeten, in der Hoffnung, dass „er beim Darstellen des Himmels diesen eines Tages erblicken dürfe“. Sein Gebet scheint erhört worden zu sein, denn er starb kurze Zeit nach der Beendigung des Werkes im Jahre 1592.

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Tintorettos Werk kombiniert großes handwerkliches Können und einen Sinn für Ästhetik mit einer intensiven Liebe zu seiner Kunst, was in den leidenschaftlichen Pinselstrichen und in den Lichtbündeln erkennbar ist. Viele dieser Eigenschaften kann man im künstlerischen Schaffen von Romano Cosci wiedererkennen, einem Bildhauer und Maler aus der Toskana, der sein Leben auch der Darstellung von Themen sakralen Charakters gewidmet hat.

Der im Jahre 1939 geborene Romano Cosci lebt und wirkt in Pietrasanta, in der Nähe der Marmorsteinbrüche, die das Material für Michelangelos Pietà geliefert haben. Seine Kunst, gleich ob sie in Ton, Stein oder Fresko gebannt wird, verleiht dem Trägermedium Lebendigkeit und Betriebsamkeit, oder aber er benutzt die Schwere des Steines, um den Ernst seiner Heiligenfiguren zum Ausdruck zu bringen.

Romano Coscis Karriere begann im Norden Italiens, wo er seinen Wirkungskreis in der Toskana und in der Lombardei hatte. Die Begegnung mit dem Opus Dei schließlich verschlug seine weitere Karriere nach Rom. Im Jahre 2002 schuf Romano Cosci die Statue vom hl. Josemaria Escrivà, dem Gründer von Opus Dei, die nun eine der Nischen der Fassade der Petersbasilika dekoriert. Zwei Jahre lang arbeitete der Künstler an dem Werk. Die Ausstellung zeigt viele Entwürfe und vorbereitenden Modelle davon. Ein besonders schönes Detail zeigt die Hände des hl. Josemaria, während er den Rosenkranz betet. Leonardo da Vinci hat einmal behauptet, dass in Bezug auf das Modell die Hände so vielsagend sind wie das Gesicht; Romano Cosci liefert den Beweis für die Richtigkeit von Leonardos Anmerkung.

Wie Tintoretto setzt Romano Cosci seine eigene Unterschrift unter das Werk, indem er seinen Sinn für Ästhetik einfließen lässt und der Materie Dynamik verleiht. Neben ein paar Tonentwürfen kann man einige kleine Bronzegruppen sehen, die alle Bibelszenen darstellen. Es sind tief bewegende Werke; klein, doch voller Epos. Petrus weicht zurück, während Christus sich anschickt, seine Füße zu waschen, Jesus sitzt einsam mit der Dornenkrone da und Kain führt seinen tödlichen Schlag gegen Abel aus und begeht den ersten Mord der Menschheitsgeschichte. Romano Coscis Weise, Bronze mit tiefen Einschnitten zu bearbeiten, um dadurch Lichtreflexe entstehen zu lassen, erinnert an den von Tintoretto in Zickzacklinien aufgetragenen Pinselstrich.

Wie im Falle von Michelangelo sind Romano Coscis Talente nicht auf die Bildhauerei begrenzt. Er hat viele Freskoarbeiten ausgeführt. Mehrere Zeichnungen im Großformat begleiten den Besucher in die Ausstellung hinein. Die Kreidezeichnungen spielen auf wunderbare Weise mit Licht und Schatten und stellen die Erzählungen aus der Heiligen Schrift mit großer Unmittelbarkeit dar. Beim Verlorenen Sohn konvergieren die beiden Gestalten in einem eindrucksvollen Dreieck, das die Versöhnung unterstreicht. Ein weiteres stellt einen würdevollen Christus dar, der mit zwei Aposteln unterwegs ist, die sich ihm zuwenden und ihm auf dem Weg nach Emmaus jedes einzelne Wort von den Lippen ablesen. Doch diese Reisebilder haben ihre Klimax in der glänzenden Zeichnung der Himmelfahrt Christi, der zum letzten Ziel unserer Pilgerreise aufwärts fährt.

Unter dem passenden Titel „Unterwegs mit Christus“ veranschaulicht die Kunst Romano Coscis den Weg zum Heil, den Christus uns vorgezeichnet hat: Ausgehend von seinen vielen Darstellungen von der Verkündigung, über seine Kreuzwegstationen aus Bronze, bis hin zum Zeugnis eines hl. Josemaria Escrivà, der sich seinen außergewöhnlichen Weg zu Christus bahnte, indem er aus seinem eigenen Leben ein Kunstwerk machte.

*Elizabeth Lev unterrichtet christliche Kunst und Architektur auf dem italienischen Campus der Duquesne University und am katholischen Studien Programm von St. Thomas. Ihr Buch „The Tigress of Forlì: Renaissance Italy's Most Courageous and Notorious Countess, Caterina Riario Sforza de' Medici“ wurde vergangenen Herbst von Harcourt, Mifflin Houghton Press veröffentlicht [Rezension auf ZENIT]. Sie kann unter lizlev@zenit.org erreicht werden.

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]