Holocaust-Gedenktag: Christen verbeugen sich vor ihren jüdischen Wurzeln

Brief von Kardinal Schönborn an Oberrabbiner Eisenberg

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WIEN, 26. Januar 2009 (ZENIT.org).- Der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn hat dem Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg im eigenen Namen und im Namen aller anderen österreichischen Bischöfe aus Anlass des morgigen internationalen Holocaust-Gedenktags seine tief empfundene Anteilnahme im Hinblick auf das Schicksal der Opfer und der Überlebenden der Shoah bekundet.



Wie die Pressestelle der Erzdiözese Wien heute berichtete, bekräftigt Kardinal Schönborn in dem Schreiben: „Es ist beschämend und beängstigend, dass es immer noch Stimmen gibt, die öffentlich die Shoah leugnen und das Existenzrecht des jüdischen Volkes in Frage stellen." Der von den Nationalsozialisten in Gang gesetzte industrielle Massenmord an den jüdischen Menschen bleibe „eine schmerzliche Wunde und eine Schande Europas“. Auch Christen seien an diesem Großverbrechen beteiligt gewesen oder hätten „weggesehen“; es habe „Gerechte unter den Völkern“ gegeben, die unter Einsatz ihres Lebens jüdische Menschen retteten. „Aber es waren zu wenige."

Ein Christ, der seinen Glauben ernst nehme, „kann sich nur in Dankbarkeit und Ehrfurcht vor den jüdischen Wurzeln des Christentums verbeugen – und vor den Menschen, die diese Wurzeln repräsentieren", betont Kardinal Schönborn. Aus diesem Grund würden die christlichen Kirchen in Österreich seit einigen Jahren jeweils am 17. Januar einen „Tag des Judentums“ als Einbegleitung der "Weltgebetswoche für die Einheit der Christen" begehen. Dieser Termin wolle das Bewusstsein „wach rufen und wach halten", dass die ersehnte Einheit der Christen nur im Festhalten an den gemeinsamen Wurzeln im Judentum angestrebt und erbetet werden kann.

Viele Jahrhunderte hindurch seien sich die Christen dieser Tatsachen nicht bewusst gewesen, stellt Kardinal Schönborn fest. Nach der furchtbaren Katastrophe der Shoah hätten die Christen erkannt, dass auch sie Schuld auf sich geladen haben. „Die Erklärungen des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Päpste haben inzwischen allen Katholiken deutlich gemacht, dass die Besinnung auf die jüdischen Wurzeln des Christentums auch die Zuneigung zum zeitgenössischen Judentum beinhaltet.“ Dies sei umso wichtiger in einer Zeit, in der die dramatischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten „immer wieder die Gefahr mit sich bringen, dass die alten antisemitischen Vorurteile in neuem Gewand ihre verderbliche Wirkung entfalten“.

Abschließend stellt Kardinal Schönborn fest: „Ich versichere Sie, sehr geehrter Herr Oberrabbiner, am Internationalen Holocaust-Gedenktag meines Gebets für die jüdischen Opfer und Überlebenden. Mein Gebet gilt auch dem Frieden im Heiligen Land. Mögen wir alle, Juden, Christen und Muslime, lernen, wie wir im Sinn von Gerechtigkeit für alle mit den Menschen in diesem Land solidarisch sein können.“