Humanae vitae und die „herrliche Neuheit“ der Berufung zur christlichen Ehe

Von Renate und Norbert Martin

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WÜRZBURG, 22. August 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Im zwanzigsten Jahrhundert entdeckten die Kirche – das Lehramt, die Theologie, Gründergestalten von neuen geistlichen Bewegungen und nicht zuletzt geistbeseelte Eheleute selbst – die Tiefe der sakramentalen Ehe und darin die gottgewollte Dimension der geschlechtlichen Liebe und Sexualität als eine eigene spirituelle Lebensform, die den ehelichen Menschen durch die christliche Gestaltung des Werktags originell und spezifisch zur Heiligkeit führen kann und soll.

Ehe und Familie als Berufung: das war etwas ganz Neues. Vor allem die damit verbundene „Taufe des Eros“ und die Befreiung der ehelichen Sexualität von der „Kultur des Argwohns“, die dem Christentum jahrhundertelang eine prüde Haltung allem Geschlechtlichen gegenüber nachsagte, vermochte junge Brautleute anzuziehen und begeisterte sie, sich dem Ideal der Ehe und Familie als Heils- und Heiligkeitsweg zu verschreiben. Das Zweite Vatikanische Konzil fasste diesen Neuaufbruch, der in seinen Grundzügen schon in der Enzyklika Pius XI. „Casti Connubii“ von 1930 zu finden ist, in der Konstitution „Gaudium et spes“, vor allem in den Nrn. 48–52, präzise zusammen.

Die Verantwortung der Fruchtbarkeit ausgeklammert

Mitten in diese Entwicklung brachen die Anfänge der revolutionären 68-er Bewegung, die radikal die alten Zöpfe des verkrusteten Bürgertums mit ihren verhassten traditionellen Institutionen (Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Religion) abschneiden wollte. Auf dem Gebiet der Sexualität machten sich Hedonismus und Libertinage breit, die mit Hilfe neuer Verhütungsmethoden glaubte, den Eros endgültig von der fesselnden Verantwortung der Fruchtbarkeit abkoppeln zu können. Als noch dazu ein (katholischer) Arzt die „Pille“ erfand, glaubten viele Theologen, endlich auch für die Kirche einen gangbaren Weg aus den drängenden Fragen einer verantwortlichen Elternschaft gefunden zu haben. In „vorauseilendem Gehorsam“ – der sicheren Erwartung also, dass das Lehramt diese neuen Möglichkeiten der Empfängnisverhütung nachträglich absegnen werde – brach diese Praxis wie eine Flutwelle über die Kirche herein und wurde von Beichtvätern und Bischöfen zumindest billigend in Kauf genommen. Die Einsetzung einer päpstlichen Studienkommission nährte die Hoffnung. Steigbügelhalter dieser Hoffnung war auf dem Gebiet der Moraltheologie die Theorie einer autonomen Moral, die dem selbstverantwortlichen Subjekt die Kompetenz eines unabhängigen Gewissens zubilligte, das in der Abwägung der Folgen einer Handlung über gut und böse urteilen konnte.

Dann kam die Ernüchterung: Die Enzyklika „Humanae vitae“ (HV) Pauls VI. vom 25. Juli 1968 mit ihrem strikten Verbot der Kontrazeption wirkte wie ein Donnerschlag und führte zu einer Protestwelle, die die 68-er Bewegung mitten in die Kirche brachte. Die journalistische „Meisterleistung“, ein so differenziertes Dokument wie Humanae vitae auf die Kurzmeldung „Verbot der Pille“ zu reduzieren, vernebelte das Wahrnehmungsvermögen und machte viele „Betroffene“ unfähig, den Text noch unvoreingenommen zu lesen. Viele Bischofskonferenzen versuchten, durch eilige „pastorale Erklärungen“ den ausufernden Dissens zu überbrücken – ohne Erfolg. Die in voraus laufendem Gehorsam zugestandene Praxis der Empfängnisverhütung war schon zu tief in das eheliche Leben vieler Christen eingedrungen; erreichte Freiheiten konnte und wollte man nicht wieder zurückdrehen. Dabei lehrte Humanae vitae nichts anderes, als das Konzil in Gaudium et spes formuliert hatte. Paul VI. vertiefte diese Lehre, indem er sie durch eine umfassende Darlegung der Kriterien für eine verantwortliche Elternschaft erweiterte und präzisierte und sie in allgemeine Grundlinien einer christlichen Anthropologie einfügte. Die böswillige und kurzsichtige Verengung seines Dokuments von Seiten der Kritiker zu einer „Pillen-Enzyklika“ geht weit an seinem wahren Inhalt vorbei. Die Sorgfalt der päpstlichen Entscheidung besticht jeden, der sich wirklich näher mit Humanae vitae befasst. Jeder, der die seine Motive erklärende Ansprache des Papstes vom 31. Juli 1968 in Castelgandolfo (wenige Tage nach dem Erscheinen des Textes) unvoreingenommen liest, ist berührt von der Not und dem Ernst, aber auch vom Mut, von der Kompetenz, Entschiedenheit und Klarheit, die Paul VI. bei seiner schweren Entscheidung geleitet haben.

Wenn man zunächst einmal die theologischen Aspekte der ganzen Frage beiseite lässt, so wird heute jeder einigermaßen kritische Zeitgenosse die vom Papst befürchteten Folgen einer Freigabe der Empfängnisverhütung bestätigen müssen. Ein Blick in die Medien, die Ergebnisse der empirischen Sozialforschung und die Kulturanalysen der Soziologie zeigt, dass sich eine permissive Moral in der Jugend, Abtreibung, das Zerbrechen der Ehen, Sterilisation, Pädophilie, Pornographie, die Verhöhnung des sechsten und neunten Gebots, Euthanasie und alle möglichen Techniken der Biomedizin, von der in-vitro-Fertilisation bis zur wahrscheinlichen Herstellung von Chimären in naher Zukunft, wie eine Seuche über die Länder verbreitet haben.

Zwei sich gegenseitig ausschließende Menschenbilder

Wenden wir uns der Frage zu, was im tiefsten Kern den Dissens in Bezug auf die Lebenspraxis der Eheleute ausmacht, um die es hier letztlich geht, so stößt man auf zwei gegensätzliche Lebensweisen und somit letztlich – wie Papst Paul II. es in seinem Apostolischen Schreiben „Familiaris consortio“ formuliert – auf zwei sich gegenseitig ausschließende anthropologische Konzepte.

Auf der einen Seite behauptet die autonome Moral, der Mensch als „homo faber“ (also der, der sich durch die Beherrschung der Natur die Dinge und Sachen als Mittel für beliebige Zwecke dienstbar machen kann) sei berechtigt, in einer verantwortungsvollen Gewissensabwägung der Folgen die künstlichen Mittel der Empfängnisverhütung (Kontrazeption) zur Verwirklichung einer auch im Sinne der Kirche verantwortbaren Empfängnisregelung einzusetzen. In letzter Konsequenz hieße das, dass die prokreative Seite der sexuellen Vereinigung als einzig der menschlichen Entscheidung überantwortet anzusehen sei, weil Gott darin nicht wirkt. Als weitere Folge ergäbe sich daraus, dass auch Kontrazeption als Mittel für ein eheliches Heiligkeitsstreben im Sinne einer Ehespiritualität angesehen werden könnte; zumindest wäre sie mit der im zwanzigsten Jahrhundert entwickelten Sicht der sakramentalen Ehe vereinbar.

Scheinbar bringt diese Theorie gewaltige Vorteile für die Praxis: Auf einen Schlag wäre die rückständige Kirche mit dem Geist der Moderne, dem Zeitgeist versöhnt; die bedrängenden Probleme vieler Eheleute – Not mit der Geburtenregelung; die Unfähigkeit vieler zur geforderten Askese; die behauptete Unmöglichkeit, die ethischen Normen der kirchlichen Ehelehre zu erfüllen – wären auf einen Schlag gelöst.

Aber um welchen Preis? Als die Vertreter der autonomen Moral das subjektive Gewissen des Einzelnen zur obersten Richtschnur der Moralität erhoben (ohne es zugleich an die objektiven Normen des natürlichen Sittengesetzes zu binden, nach denen ein „rechtes Gewissen“ sich bilden muss), haben sie nicht gesehen, dass sie sich damit zu Handlangern eines radikalen Säkularismus gemacht haben, hinter dem in letzter Konsequenz der Atheismus hervorlugt mit seiner absoluten Ablehnung all dessen, was das Christentum unter menschlicher Natur versteht. Unüberbietbar hat das Paul Sartre formuliert: „Es gibt keine menschliche Natur, weil es keinen Gott gibt, der sie entworfen haben könnte.“ – Heute fahren wir die Ernte dieser Kooperation ein: Auch in der Kirche diskutieren wir die gesamte Bandbreite der säkularen Themen von der Abtreibung bis zur Euthanasie; vierzig Jahre Geschichte in unserem Land erzählen von den katastrophalen Folgen der falschen Wahl.

Gegenüber dieser liberalen Position, deren lebensmäßige Auswirkungen die Kirche durch den Auszug vieler Frauen aus der Kirche, an der rückläufigen Zahl der pastoralen Praxis insgesamt zu spüren bekam, hielt das Lehramt unerschütterlich an folgender Glaubensüberzeugung fest: Mann und Frau, die in der christlichen Ehe „ein Fleisch“ werden, bringen in dieser gegenseitigen Hingabe das Fundament ihrer ehelichen Personengemeinschaft zum Ausdruck (Humanae vitae 9): aufs Ganze gehend, total, für immer, treu, umfassend, fruchtbar, vollmenschlich und ausschließlich. Paul VI. bekräftigte in der Enzyklika, was die Kirche schon immer gelehrt hatte: dass die Bedeutungsinhalte (Ehezwecke) „Vereinigung“ und (potenzielle) „Lebensweitergabe“ niemals vom Menschen eigenmächtig getrennt werden dürfen, weil Gott bei der Prokreation selbst handelt. Die Fruchtbarkeit auszuschließen kommt deshalb einem Ausschluss Gottes gleich. Darüber hinaus bestätigte der Papst, dass Abtreibung, Sterilisation und Empfängnisverhütung in sich schlechte Handlungen (intrinsice malum) sind, kurz: Ein Nein zum Leben ist durch die Anwendung der dazu notwendigerweise anzuwendenden manipulativen Mittel auch ein Nein zu Gottes Wirken.

Mit anderen Worte: Mann und Frau sind zwar Mit-Schöpfer bei der Entstehung neuen Lebens im Augenblick der Zeugung, aber sie sind nicht Herren, sondern Diener der Prokreation. Herr ist der Schöpfer-Gott, der die Eheleute als Mit-Schöpfer werkzeuglich in Dienst nimmt (HV 1). Zugleich ist das eheliche Liebesverhältnis von Mann und Frau ein Abbild des als Brautschaft beschriebenen Verhältnisses von Christus zu seiner Kirche (HV 8). Das ist auch der Sinn des Pauluswortes vom „großen Geheimnis“ (vgl. Eph 5, 31), das die sakramentale Tiefe der Ehe erschließt, in der die Eheleute sich gegenseitig „unterordnen in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus“ (Eph 5, 21). Diese bedingungslose Liebe aber ist selbstverständlich total, treu, auf ewig und immer fruchtbar.

Die willkürliche, manipulative Trennung, die gewissermaßen technische Halbierung dieser „von Gott bestimmten unauflösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte – liebende Vereinigung und Fortpflanzung“ (HV 12) käme also einem Ausschluss der göttlichen Schöpfermacht aus dem Liebesakt der Eheleute gleich, das heißt, die Eheleute handelten so, als ob es Gott nicht gäbe. Damit zerstört die Kontrazeption die Spiritualität der Ehe, die auf der schöpferischen Zusammenarbeit von Mann–Frau–Gott beruht. (Diese Aussagen betreffen die reinen Fakten, sie wollen und sollen kein Urteil über die subjektive Intention von Personen sein, also keine Beurteilung von Menschen und ihren Motiven).

Schon Gaudium et spes (in Nr. 52), dann aber auch Paul VI. in Humanae vitae (und danach Johannes Paul II. in Familiaris consortio) haben die Wissenschaftler und Theologen dazu aufgerufen, den inneren Sinngehalt dieser Sicht der verantwortlichen Elternschaft den Eheleuten besser und tiefer zu erschließen, damit sie die Lehre der Kirche als etwas ansehen und verstehen, das sie befreit und begeistern kann und Ehe und Familie als Weg zu einem christlich erfüllten Leben, ja sogar zur Heiligkeit aufzeigt.

Die Initiativen Papst Johannes Pauls II.

Niemand hat zu dieser Klärung mehr beigetragen als Papst Johannes Paul II.; unermüdlich hat er sich während seines ganzen Pontifikats dieser Aufgabe gewidmet. Ihr diente die Welt-Bischofssynode von 1980 über die Aufgaben der Familie in der heutigen Zeit; für sie hielt er von 1979 bis 1984 seine berühmten Mittwochskatechesen; im Blick darauf gründete er 1981 das „Institut für Studien über Ehe und Familie“ an der Lateran-Universität (mit heute gut zehn Filial-Instituten in aller Welt) und den „Päpstlichen Rat für die Familie“, ein Dikasterium, dem als Mitglieder Familien aus allen Kulturkreisen angehören.

Für Johannes Paul II. war die Entdeckung der christlichen Ehe und Familie und ihrer Berufung zur Heiligkeit eine „herrliche Neuheit“ (Familiaris consortio 51), die er den Eheleuten zu verkünden nie müde wurde. Als wäre er einer von ihnen, so weckte er die Begeisterung für die christliche Vision von Ehe und Familie mit Hilfe der Interpretation zentraler Textstellen des Alten und Neuen Testaments, die die „Theologie des Leibes“ als Grundlage einer Spiritualität und Pädagogik von Ehe und Familie entwickelte.

Die letzten Katechesen seines fünfjährigen Lehrzyklus verwandte er auf die kommentierende Aufschlüsselung von Humanae vitae in der ihm der Aufweis der inneren Wahrheit der kirchlichen Lehre in überzeugender Weise gelang. Jeder kann sich davon überzeugen, denn sie liegen in allen Sprachen übersetzt vor. Nur: Die Theologie und Pastoral ließen sie bisher weithin unbeachtet – Effekt eines „erkenntnisleitenden Interesses“, das sie nicht wahrnehmen will?

Der Papstbiograf George Weigel beschreibt die überragende Bedeutung dieser Katechesen: „Kirche und Welt werden sich weit im 21. Jahrhundert befinden, bevor die katholische Theologie den Inhalt dieser 130 Generalaudienzen-Ansprachen vollständig assimiliert hat. ... Johannes Pauls Theologie des Leibes hat indirekte Folgen für die ganze Theologie. Sie fordert uns auf, die Sexualität als eine Möglichkeit zu sehen, das Wesentliche des Menschen zu erfassen – und dadurch etwas über das Göttliche zu erkennen. ... Diese 130 katechetischen Ansprachen stellen zusammen eine Art theologischer Zeitbombe dar, die mit dramatischen Konsequenzen irgendwann im dritten Millennium der Kirche hochgehen wird. Wenn das geschieht, vielleicht im 21. Jahrhundert, könnte die Theologie des Leibes durchaus als entscheidender Augenblick nicht nur in der katholischen Theologie, sondern auch in der Geschichte des modernen Denkens angesehen werden.“ (Zeuge der Hoffnung, S. 357)

Die Folgen der manipulierten Sexualität

Die alternative Frage, ob Gott im prokreativen Akt wirkt, handelt, erschafft (und der Mensch als Diener Mit-Wirkender ist) oder ob der Homo faber alleiniger Herr und Lenker des Geschehens ist, trifft einen zentralen Nerv der christlichen Anthropologie. Die Antwort auf diese Frage entscheidet über die Ethik der verantwortlichen Elternschaft: im einen Fall ergibt sich aus der Antwort die Ehrfurcht vor der Integrität des von Gott in die menschliche Biologie eingeschriebenen Naturgesetzes, das der Mensch vernehmend aus seiner Natur herauslesen kann (wobei damit immer die leib-geistige Personnatur gemeint ist und nicht die bloße Biologie, die ihn ja auch mit den Tieren verbindet), im anderen Fall ergibt sich das Recht zur beliebigen Manipulation, in der alles machbar und erlaubt ist, was die Technik hergibt – bis zum blanken Entsetzen, das uns ergreift, wenn wir demnächst vielleicht in die Augen der vom Menschen geschaffenen Chimäre blicken. Die Entscheidung, dass der Mensch legitimerweise den Akt der Weitergabe des Lebens manipulieren darf, verändert und „verfärbt“ die gesamte Sexualität, so wie der Tropfen eines roten Farbstoffs in einem Glas reinen Wassers nicht abgesondert bleibt, sondern das ganze Wasser verfärbt. Und konsequenterweise sind wir ja auch schon längst so weit, dass nicht nur der Akt manipuliert wird, sondern auch das Produkt des Aktes, das gerade entstandene Kind als Material manipuliert, ja sogar ge- und verbraucht wird.

Humanae vitae markiert eine Zäsur der Krise der Kirche in der Moderne, die auf der Ebene der lokalen Kirche in Deutschland und in vielen europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten noch nicht überwunden ist und in einem zeitlichen Verzug auch die Länder Lateinamerikas und Asiens eingeholt hat. Krisen haben aber auch ihr Gutes: Der Protest gegen Humanae vitae zwang die Kirche zu einer radikalen Vertiefung ihrer Lehre und führte so zu einer festeren Grundlage und einem vertieften Nachdenken über menschliche Sexualität, Ehe, Geschlechtlichkeit und verantwortliche Elternschaft.

Der Bogen dieser Vertiefung reicht vom Zweiten Vatikanum (GS) über die Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. bis zu Benedikt XVI., der die Lehre seiner Vorgänger mit prägnanten Formulierungen zum 40. Jubiläum von HV bestätigt: „In der Fruchtbarkeit der ehelichen Liebe haben der Mann und die Frau am Schöpferakt des Vaters teil. ... Keine menschliche Technik kann den Akt der Liebe ersetzen, den zwei Eheleute als Zeichen eines großen Geheimnisses austauschen, das sie als Hauptfiguren und Beteiligte der Schöpfung sieht.“

Auch im Leben aus dem Sakrament der Ehe bleiben wir uns immer bewusst, dass wir unser Heil „in Furcht und Zittern“ wirken müssen. Zwar hat Paulus in seinen Briefen die Gemeindemitglieder als „auserwählte Heilige“ angeredet. Aber es ist beruhigend, dass es keine Ausnahmepersönlichkeiten, sondern Menschen wie wir waren, denen er die „Werktagsheiligkeit“ zumutete – so wie große Gründergestalten es den Eheleuten ihrer Bewegungen zumuten. Die natürliche Familie kann – besonders in der heutigen gesellschaftlichen Landschaft – nur in sehr begrenztem Umfang aus sich selbst heraus heilende Kräfte entfalten. Besser gelingt ihr das in der Gemeinschaft der Kirche als Familie, die ihr das Sakrament zur Verfügung stellt, neben der Eucharistie und dem der Versöhnung speziell das der Ehe. Das entdeckt und mit aller Macht in die Kirche getragen zu haben, ist das besondere Verdienst Johannes Pauls II. Wenn dabei Humanae vitae von einem „Zeichen des Widerspruchs“ im breiten Verständnis der Kirche zu einem „prophetischen Zeichen“ werden könnte, dann wäre Paul VI. rehabilitiert. „Vierzig Jahre nach seiner Veröffentlichung zeigt diese Lehre nicht nur ihre unveränderte Wahrheit, sondern auch die Weitsicht, mit der das Problem angegangen wurde.“ (Benedikt XVI.)

Fast zwei Generationen nach dem Donnerschlag vom Juli 1968 ist die angegriffene Lehre so begründet und geklärt, dass alle Menschen guten Willens sie einsehen, begreifen und leben können. Und in der Lebensführung nach den Regeln der „Natürlichen Empfängnis-Regelung“ (NER) hat die Medizin den Eheleuten auch einen gangbaren Weg gezeigt, wie verantwortliche Elternschaft im Sinne der Kirche zu realisieren ist. Fruchtbarkeit ist keine Bedrohung, sondern eine kostbare Gabe, die in freier Verantwortung verwirklicht werden muss.

Eheleute, die nach den Kriterien der NER leben, machen sich die natürlichen Phasen der Fruchtbarkeit zu Nutze, ohne den Akt zu verfälschen oder zu manipulieren. Sie fügen damit ihre menschliche Liebe bereitwillig dem göttlichen Heilsplan ein, indem sie ihre Sexualität in der ursprünglichen Dynamik der Ganzhingabe leben.

Viele Berichte von Paaren, die sich umgestellt haben, zeigen, wie sie durch das Leben mit NER eine Heilung und Beruhigung ihrer Ehe erfahren haben. Lang praktizierte Verhütung macht nämlich aus der Frau eine andere. Zeugnisse junger Paare, die nach jahrelangem unverheiratetem Zusammenleben mit praktizierter Verhütung durch eine Bekehrung ihr Leben von Grund auf neu gestalteten, bekennen, dass sie die Praxis von NER und die Lehre von Humanae vitae wie eine Befreiung erleben, dass eine Last von ihnen abfällt. Eine Frau formulierte es so: „Humanae vitae gab dem Worte, was ich fühlte, aber nicht in Worte fassen konnte.“ Zahllose Ehepaare, gläubige und ungläubige aus allen Kulturen der Erde haben diese Erfahrungen gemacht und geben Zeugnis davon, dass die mit NER verbundene zeitweilige Enthaltsamkeit die Liebe von der Tyrannei der Kontrazeption befreit, sie steigert, reinigt und klarer werden lässt. Zwar verlangt diese zeitweilige Enthaltsamkeit einiges an Selbstbeherrschung und Disziplin, aber gerade das ist der Weg der Keuschheit als der hier in den Blick kommenden Tugend. Was einer nüchternen Betrachtung letztendlich dann zuträglicher ist und einer klaren Beurteilung eher standhält, diese Mühe der Selbstbeherrschung im Dienst der integren Person oder die – nicht nur – gesundheitlichen Risiken und unbemerkt sich vollziehenden Frühabtreibungen, die zum Beispiel mit hormonaler Verhütung verbunden sind, das ist dann wohl eher eine rhetorische Frage.

Deshalb sollten wir dankbar sein für alle Ehepaare, die sich gehorsam unter Gottes Gesetz stellen. Ihre Treue zur Wahrheit heiligt die Familie, baut gesunde Zellen der Kirche auf und ist so Heilmittel für unsere kranke Gesellschaft. Wir sollten den Paaren, den Frauen und Ärzten und allen Gesundheitsdiensten danken, die NER lehren und weitergeben. Sie sind ein hervorragender Teil unseres Gesundheitssystems – sie müssten an erster Stelle genannt werden, wenn von „Gesundheitsreform“ in unserer Gesellschaft die Rede ist, weil sie dem Wohl von Ehe und Familie einen unschätzbaren Dienst leisten.

Auf diesem Hintergrund werden die Worte Johannes Pauls II. besser verständlich, die er am 19. Juni 1987 an die österreichischen Bischöfe richtete: „Wenn im ersten Augenblick der Veröffentlichung von HV noch eine gewisse Ratlosigkeit verständlich war, die sich auch in manchen bischöflichen Erklärungen niedergeschlagen hat, so hat der Fortgang der Entwicklung die prophetische Kühnheit der aus der Wahrheit des Glaubens geschöpften Weisung Pauls VI. immer eindringlicher bestätigt.“

Das Zeugnis des Lebens wird entscheiden

Der Umschlag im kirchlichen Klima wird nicht von der Theorie her kommen, sondern er wird vom Leben ausgehen. Letztlich wird nur das gelebte Beispiel und Zeugnis begeisterter Eheleute, die die befreiende und beglückende Neuheit der sakramental gelebten Ehe am eigenen Leib erfahren, den sterilen Protest gegen die Lehre der Kirche überwinden. Dazu braucht es allerdings Glauben. Manch einer der 68-er Generation in der katholischen Kirche, der Humanae-vitae-Protestler des Essener Katholikentags, die langsam in die Jahre kommen, mag sich die Augen reiben angesichts der eigenen Kinder, die plötzlich begeistert für die als traditionell verschriene Lehre der Päpste schwärmen, die ihre Väter so heftig bekämpft haben. Viele haben natürlich ihre liberale Haltung an die Kinder weitervererbt. Aber manche Eltern, die sich mit dem kontrazeptiven Zeitgeist arrangiert hatten, finden ihre Söhne und Töchter in den Reihen der Jugendlichen der neuen geistlichen Bewegungen wieder, bei denen zumeist drei Eigenarten ins Auge fallen, von denen mindestens die zwei letzten den Protagonisten der protestierenden Elterngeneration eher fremd waren: sie wollen eucharistisch, marianisch und papsttreu sein. Ihnen haben die letzten Päpste immer wieder zugerufen, dass sie die Zukunft der Kirche darstellen. Auch die Zukunft der christlichen Familie wird aus der Kraft derer kommen, die diese tiefen Wurzeln haben und aus der Fülle des Ehesakramentes leben.

Diese Fülle ist leib-bejahend, offen für die Freude des gegenseitigen Schenkens, für die totale Hingabe mit Leib und Seele, Körper und Geist (HV 9). Eine solche Vision der christlichen Ehe kann begeistern, weil sie als „herrliche Neuheit“ jungen Menschen den Glanz und die Wahrheit der menschlichen Liebe im göttlichen Heilsplan zu offenbaren vermag.

[Die Autoren gehören dem Päpstlichen Rat für die Familie an; © Die Tagespost vom 24. Juli 2008]