Hungerkatastrophe in der Ukraine Holodomor dem Vergessenwerden entrissen

Sammlung von Dokumenten des Vatikanischen Geheimarchivs veröffentlicht

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Von Jan Bentz

ROM, 4. November 2011 (ZENIT.org). – Am Freitag der vergangenen Woche wurde im „Centro Russia Ecumenica“ (Russisches Ökumenisches Zentrum) in der Nähe des Vatikans in Rom das Buch „The Holy See and the Holodomor“ (Der Heilige Stuhl und Holodomor) unter Anwesenheit der Autoren der Öffentlichkeit präsentiert. Das Buch ist die Frucht eines mehrjährigen Forschungsunternehmens in den Vatikanischen Geheimarchiven über den „Holodomor“, die größte Hungersnot in der Geschichte der Ukraine, die in den Jahren 1932-33 wütete und in der Millionen Ukrainer ums Leben kamen. Holodomor bedeutet wörtlich übersetzt „Tötung durch Hunger“. Das Buch hat sich zur Aufgabe gemacht, die Reaktion des Papstes und des Vatikans und die von ihnen angebotene Hilfe anhand der in den Vatikanarchiven zugänglichen Briefe und Dokumente zu untersuchen.

Nachdem die Dokumentensammlung von Papst Pius XI. im Jahre 2006 von Papst Benedikt XVI. der Öffentlich zugänglich gemacht worden war, entstand der Plan zu diesem Projekt. Nunmehr liegt das Ergebnis der gemeinsamen Forschungsarbeit dreier Autoren vor. Dem Kirchengeschichtsspezialisten und Vatikanarchiv-Forscher P. Dr. Athanasius McVay war vom Mitherausgeber Lubomyr Luciuk bei einem eher zufälligen Treffen in den Archiven der Vorschlag unterbreitet worden, ein Forschungsprojekt über das Thema zu starten. McVay, der im Jahre 2008 erstmals mit den Dokumenten über den Holodomor in Berührung gekommen war, stimmte sofort zu. Zusätzlich wurde die Russlandspezialistin Laura Pettinaroli von der École Française de Rome für ein Nachwort gewonnen; sie hatte ein Kapitel ihrer Dissertation diesem Thema gewidmet.

Der „Holodomor“ gilt als von Menschen zu verantwortende Hungersnot in der damaligen Sowjetrepublik in den Jahren 1932-33. Bei der humanen Katastrophe kamen mindesten 1,8 Millionen Ukrainer um, die höchsten Schätzungen belaufen sich auf 10 Millionen Opfer. Die Forscher sind sich nicht darüber einig, ob der Holodomor als ein durch Stalin verübter Völkermord bezeichnet werden kann; einige Länder, wie beispielsweise Kanada, zählen ihn dazu. Die Hungersnot wurde durch die vom Sowjetregiem geforderte Industrialisierung der Landwirtschaft hervorgerufen. Die offizielle Position Sowjetrusslands bestand darin, zu leugnen, dass eine Hungersnot stattgefunden hatte.

Pater Dr. Athanasius McVay, katholischer Priester der ukrainischen Aparchie von Edmonton in Kanada, sprach mit ZENIT  über das veröffentlichte Buch und seine Bedeutung.

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ZENIT: Verehrter Dr. McVay, es handelt sich um einen schwierigen historischen Augenblick, in dem der Holodomor über die Ukraine hereinbrach. Wusste der Vatikan überhaupt von der entsetzlichen Hungersnot. War dem Vatikan das Ausmaß dieser Katastrophe bekannt?

Dr. Athanasius McVay: Ja, der Heilige Stuhl wusste davon. Warum? Hunderte von Briefen erreichten den Heiligen Vater, entweder mit offizieller Erlaubnis oder aufanderem Wege. Auslandsbotschafter, vor allem Bernardo Attolico, der italienische Botschafter in Moskau, der Reisen in die Regionen unternommen hatte, informierten den Heiligen Stuhl nach ihrer Rückkehr in den Westen. Auch der Klerus in der Sowjetunion informierte den Heiligen Stuhl. Ja, durch die Informationen des Botschafters wusste der Vatikan Bescheid, er wusste, dass es sich um eine Hungerkatastrophe  von verheerendem Ausmaß handelte.

ZENIT: Hat der Heilige Stuhl humanitäre Hilfe geleistet?

Dr. Athanasius McVay: Der Heilige Vater wollte sofort Hilfsprojekte in die Wege leiten. Die berechtigte Befürchtung der Bischöfe in Russland war allerdings, dass die Hilfe niemals die Opfer erreichen würde und dass die Sowjets mit Sicherheit die Hilfe ablehnen würden. Als nächstes gab es den Vorschlag, den Apostolischen Nuntius in Paris zu kontaktieren, der die Sowjetunion unter Druck setzen sollte. Diese Idee wurde aber vom Staatssekretär abgelehnt. Daraufhin wurde schließlich eine Summe von 10.000 Lire, ein damals sehr hoher Betrag, dessen Fehlen den Vatikan später in finanzielle Bedrängnis bringen sollte, den Katholiken in Odessa zur Verfügung gestellt. Dies geschah durch den deutschen Caritasverband in Berlin unter Leitung von Msgr. Wienken.

ZENIT: Kam diese Hilfe jemals an?

McVay: Man weiß es nicht, darüber gibt es keine Informationen in den Archiven.

ZENIT: Warum ist die Veröffentlichung eines solchen Buches von Bedeutung? Ist es nicht nur für Spezialisten interessant?

McVay: Zunächst einmal ist diese Hungersnot die größte des vergangenen Jahrhunderts und deshalb von allgemeiner historischer Bedeutung. Dann gibt es eine große Strömung der Leugnung, von Holodomor-Leugnung, aus politischen Gründen. Es ist undenkbar, ein Holocaust-Leugner zu sein, Holodomor-Leugner allerdings haben nichts zu befürchten. Jeder, der sich für die Geschichte zwischen den beiden Kriegen interessiert, wird es mit großem Gewinn lesen, jeder, der sich für Menschenrechte einsetzt. Der Holodomor spricht viele Menschenrechtsfragen und Thematiken wie Ideologie und Propaganda an.

ZENIT: Wird diese Katastrophe weltweit als Völkermord anerkannt?

McVay: In Kanada wird sie offiziell als Völkermord anerkannt. Ich glaube, dass jetzt auch in Großbritannien eine offizielle Anerkennung besteht.

ZENIT: P. Dr. McVay, was war Ihre Aufgabe beim Entstehen dieses Buches?

McVay: Ich habe die Dokumente ausgewählt, gesammelt und ins Englische übersetzt. Das Vorwort und das Nachwort des Buches setzen diese Dokumente in den jeweiligen Kontext und wurden von Herrn Lubomyr Luciuk und Frau Pettinaroli verfasst.

ZENIT: Könnte die Veröffentlichung dieses Buches einen Einfluss auf die ökumenischen Beziehungen zwischen Ost- und Westkirche haben?

McVay: Die Orthodoxe Kirche und die Lateinische Kirche haben gleichermaßen unter der Hungersnot gelitten. Die Hungersnot war gegen die Ukraine als Nation, gegen das Volk, gerichtet, und das ganze Volk litt. Die Hilfe des Vatikans war nicht als politische Hilfe gedacht, sondern als rein humanitärer Akt, um den bedrohten Menschen zu helfen. Es darf eben gerade nicht als politisches Manöver verstanden werden, weder von den Sowjets noch von der westlichen Welt. Das Geschehnis wurde nämlich bereits auch damals als politisches Argument instrumentalisiert, zum Beispiel nutzte Adolf Hitler es als Argument gegen das System Sowjetrusslands.

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Das Buch der erstmals auf Englisch verfügbaren Dokumente kann direkt beim Russischen Ökumenischen Zentrum erworben werden.

The Holy See and the Holodomor
Athanasius McVay & Lubomyr Y. Luciuk
University of Toronto/Chair of Ukraninian Studies (Kashtan) Press, 2011
www.russiaecumenica.it