Hungerstreik des brasilianischen Bischofs Cappio weckt internationale Solidarität

Flussumleitungsprojekt der Regierung am Rio Sao Francisco bedroht Existenz armer Bewohne

| 1820 klicks

BRASILIA, 18. Dezember 2007 (ZENIT.org).- In Brasilien ging am Montag ein „Nationaler Tag des solidarischen Fastens“ zu Ende, und im ganzen Land traten zahlreiche Menschen auf Plätzen und in Kirchen in den Hungerstreik, um sich gegen eine vom amtierenden Regime unter Präsident Lula erzwungene Umleitung des Flusses Sao Francisco zu wehren, die das Leben von 14 Millionen Menschen in 503 Gemeinden gefährdet. Vorbild war der Hungerstreik von Bischof Cappio, der seine Protestaktion am 27. November begonnen hat und dafür weltweite Solidarität erfährt.



Der Fluss gilt als Lebensader Nordostbrasiliens, insbesondere des semi-ariden Teils. Von seinen 2.700 km durchqueren 58 Prozent das so genannte Dürregebiet des Sertão. Seit Jahren aber wird der Strom, obwohl er für Millionen Menschen lebensnotwendig ist, für ambitionierte Regierungsprojekte benutzt, die auf Kosten der Armen gehen. Fünf große Staudämme wurden gebaut, die seinen natürlichen Wasserzyklus derart veränderten, dass die Uferbewohner ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage verloren haben.

Bischof Geraldo Lyrio Rocha, Vorsitzender der Brasilianischen Bischofskonferenz, betonte deshalb die ernste Sorge der Kirche um das Leben von Bischof Cappio und forderte alle Gläubigen zur Solidarität mit dem Hirten auf, berichtete der Brasilienexperte Klaus Hart.

Der brasilianische Staatschef Luis Inacio Lula da Silva empfing eine Delegation der Bischofskonferenz im Präsidentenpalast von Brasilia, um über die heikle Frage und den Hungerstreik von Bischof Luiz Flavio Cappio gegen das umstrittene Flussumleitungsprojekt am Rio Sao Francisco ein Einvernehmen zu finden (vgl. portugiesische ZENIT-Ausgabe vom 12. Dezember).

Lula wurde jede Art von Vermittlung angeboten, damit der Dialog zwischen der Regierung und dem Bischof wieder aufgenommen werde. Bischof Rocha schlug außerdem vor, eine Expertenkommission zu bilden, die das Umleitungsprojekt ebenso wie Alternativvorschläge der Sozialbewegungen studieren solle.

Dem brasilianischen Präsident wurde zudem eine schriftliche Erklärung der Bischöfe mit dem Titel „Pro-Memoria“ überreicht, in der an Cappios elftägigen Hungerstreik von 2005 erinnert wird.

Bei einer Begegnung Lulas mit Bischof Cappio und regierungsunabhängigen Organisationen war Ende 2005 ein gesellschaftlicher Dialog über das Flussprojekt sowie die Einrichtung einer gemischten Kommission aus Vertretern von Regierung und Volk vereinbart worden.

Da die Kommission ihre Ziele nicht erreichen konnte, ist nach Worten der Bischöfe jetzt eine intensivere Debatte nötig, an der auch die von dem Projekt direkt Betroffenen, darunter Fischer, Indianer und andere Uferbewohner, teilnehmen müssten.

Lula hat unterdessen klargestellt, dass das umstrittene Flussumleitungsprojekt ungeachtet des Protest-Hungerstreiks von Bischof Luiz Flavio Cappio planmäßig fortgesetzt wird.
Wie die brasilianische Presse berichtete, betonte Lula gegenüber der Bischofskonferenz, dass Cappios Aktion ausschließlich ein Problem der Kirche und nicht der Regierung sei. Der Präsident äußerte sich nicht zu einer einstweiligen Verfügung des Obersten Regionalgerichts in Brasilia vom Dienstag, die eine sofortige Unterbrechung der Bautätigkeit vorgeschrieben hatte. Die mit dem Umleitungsprojekt befassten Armeeeinheiten waren daraufhin nicht abgezogen worden, sondern arbeiteten normal weiter. Die Lula-Regierung werde vor dem Höchstgericht gegen das Urteil Berufung einlegen, hieß es.

Der Indianermissionsrat der brasilianischen Bischofskonferenz wies in einer Erklärung darauf hin, dass Cappios Protest sich längst nicht mehr nur gegen das Umleitungsprojekt richte. „Der Bischof entlarvt das derzeitige Demokratie-Modell der Regierung.“ Begünstigt würden Bankiers und Großunternehmer, während die einfachen Leute mit sozialer Unsicherheit und wachsender Misere konfrontiert seien. Cappio kämpfe für jene, die unter Hunger, Elend und Arbeitslosigkeit litten und als nutzlos, „Wegwerf-Müll“ betrachtet würden. Staatschef Lula zeige offen seine Missachtung für den Bischof und bekräftige erneut, die „herrschenden Strukturen in Politik und Wirtschaft“ aufrechtzuerhalten. „Brasiliens Realität ist durch zunehmende Ungleichheit und Ungerechtigkeit gezeichnet.“

Bischof Cappio befand sich am Montag bereits am 21 Tag im Hungerstreik und will nach eigenen Worten die Aktion erst bei einem endgültigen Stopp des Flussprojektes abbrechen.

„Fast zehn Kilo magerer und ständig von einem Arzt betreut, beobachtet Cappio von seiner Ufer-Kapelle in Sobradinho aus, wie wichtig man ihn im Präsidentenpalast der fernen Hauptstadt Brasilia nimmt. Staatschef Lula, Oberbefehlshaber der Streitkräfte, hat die letzten Tage rund um den Hungerstreik-Bischof die Militärpräsenz verstärkt: Panzer und Kanonen rollen, Militärlaster bringen immer mehr in Guerillataktik geschulte Soldaten an den Rio Sao Francisco“, erklärte der Medienfachmann.

Dass die Lula-Regierung den jüngsten Gerichtsentscheid nicht respektiere, macht nach Worten von Bischof Cappio deutlich, dass man es in Brasilien mit einer „deklarierten Diktatur“ zu tun habe. Vorrangig sei jetzt die Frage, wie es um die Gesundheit der brasilianischen Demokratie stehe. „Mein eigener Gesundheitszustand ist verglichen damit, eher drittrangig einzustufen.“

Das bischöfliche Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt den Bischof mit einer Unterschriftenaktion, an der man sich auch online beteiligen kann.

Von Angela Reddemann