"Hungerstreik" - Ist das kein Selbstmord?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 541 klicks

Der Bischof von Banja Luka, Franz Komarica, 1994 streikte durch Hunger, um die Zerstörung seiner Diözese und Vertreibung der Katholiken zu stoppen. Im gleichen Jahr bleibt auch dem Studenten aus Italien Hungerstreik als einziges Mittel, um die Abtreibung des Kindes zu verhindern, dessen er der natürliche Vater war, während seine Freundin, als Mutter dieses Kindes, und alle anderen um sie herum, die Abtreibung des Kindes wollten. Bekannt ist der Fall des Führers aus Indien, des Mahatma Gandhi, der aus politischen Gründen, zwischen den Jahren 1918-1948, siebzehn Mal Hungerstreik, fast bis zum Tode, machte. Viele andere ähnliche Fälle sind bekannt. Daraus stellt sich die Frage, ob Hungerstreik sittlich berechtigtes Mittel sein kann, um erwähnte oder ähnliche Ziele zu errechen? Ist das nicht ein Selbstmord?

Religionslehrer

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Hungerstreik ist eine neue Erscheinung in der Welt. Stärker wurde er studiert im Zusammenhang mit der Irischen Revolution 1920. Dort haben einzelne solche Aktionen als Art des politischen Kampfes unternommen.Besonderen Eindruck auf die ganze Welt machte Mac Swiney, Lord Mayor von Cork, der nach 73 Tagen des Hungerstreiks, gestärkt durch heilige Sakramente, starb. Ebenfalls in Irland, aber im Jahre 1981 starben zwölf Gefangene, Angehörige der Organisation IRA, wegen Hungerstreik, ohne dass es ihnen gelungen wäre, den Status der politisch Gefangenen zu erreichen. Auf die gleiche Weise, ebenfalls ohne politischen Erfolg, stirbt ihr Kollere, Bobby Sands, dem der Papst Johannes Paul II., durch seinen persönlichen Delegaten, ein Kreuz ins Gefängnis schickte, und bei seinem Tod sind seine Mutter und seine Schwester anwesend. Der erwähnte Mahatma Gandhi hatte Erfolg, wahrscheinlich wegen seines persönlichen Ansehens und der damaligen gesellschaftlich-politischen Umstände in Indien. Es gibt auch genügend banale, manipulierte und pseudoreligiöse Fälle, die keine objektive Glaubwürdigkeit verdienen.

Es gibt zwei bedeutende Gründe, warum immer öfter sich Menschen dieser Art des Druckes auf die Mächtigen in der heutigen Gesellschaft bedienen. - Alle Informationsmittel verbreiten eine solche Nachricht schnell über die ganze Welt, weil - einerseits, der Wert des menschlichen Lebens, das durch den Hungerstreik bedroht wird, sehr hervorgehoben wird, und - andererseits, die Ungerechtigkeit, gegen die der Streikende kämpft, sehr betont wird. Alle erwarten mit Spannung den Ausgang, wobei die Verantwortlichen nicht gleichgültig bleiben können. - In den letzten Jahren ist die Empfindsamkeit für die Würde der Person und für die Verteidigung der menschlichen und gesellschaftlichen Rechte wesentlich gestiegen. Diese Erscheinung erstreckt sich hauptsächlich auf vier Gebiete: politisches Gebiet, Gebiet der Arbeiter, der Gefangenen und ethisches Gebiet.

Der Begriff „Streik“ entspricht nur seiner Ähnlichkeit nach. Und der Begriff „Hunger“ bezeichnet eine gefährliche Art des Fastens als Mittel des gesellschaftlichen Druckes zum Wohl des anderen, einer Gruppe, der Heimat. Eigentlich ist es eine Art des Ausdruckes der Solidarität mit dem anderen bis zum Tod. So kann vom „Hungerstreik“ im echten Sinne gesprochen werden, wenn jemand sich zum völligen Nahrungsverzicht entscheidet, und das trotz der offensichtlichen Todesgefahr fortsetzt. Das bedeutet Kampf um Werte, die der Streikende höher als sein eigenes Leben einschätzt. Das bedeutet Druckausüben auf die Mächtigen gegen die Ungerechtigkeit, die man nicht mehr ertragen kann. Der Betreffende weiß, dass die Folgen eines völligen Nahrungsverzichtes katastrophal für die Funktionen seines Organismus sein können, wenn man das Leben nicht mehr zurückholen kann. Hungerstreik im unechten Sinn des Wortes bedeutet vorübergehenden Nahrungsverzicht, aber nicht bis zur katastrophalen Grenze, wo der Tod eintritt.

Vom medizinischen Standpunkt her, soll man sagen, dass jeder Hungerstreik von einem Arzt begleitet wird, und über seine Rolle herrschen unter den Moralisten zwei Meinungen. Die einen halten fest, dass er nicht das Recht hat, den Patienten zwangsweise zu ernähren, solange dieser in der Lage ist zu unterscheiden. Das bedeutet, dass der Arzt mit Zwangsernährung beginnen darf, wenn der Patient in verlängerter Ohnmacht das Bewusstsein verliert. Andere Moraltheologen betonen mit Recht, dass der Arzt zwischen zwei deontologischen Forderungen (die Freiheit des Patienten zu achten und sein Leben zu retten), nicht seiner Berufung gerecht wird, wenn er nicht auf alle Fälle versucht, den Prozess des Sterbens aufzuhalten, auch in dem Fall, dass es der Patient ablehnt. Wenn er nicht unter allen Umständen versucht, den Sterbeprozess aufzuhalten, bedeutet dies das gleiche, wie, einem Selbstmörder das Tötungsmittel nicht aus der Hand zu nehmen, sei es auch mit Gewalt. Außerdem kann der Arzt durch seine hohe ethisch-gesellschaftliche Stellung auf die Verantwortlichen, auf die öffentlichen Kommunikationsmittel und auf die öffentliche Meinung einwirken. In allen diesen ärztlich-pädagogischen Handlungen kommt größere Liebe zum Patienten und das Mitleid mit ihm zum Ausdruck, was auf alle Fälle mehr ist, als ihn verhungern zu lassen.

Psychologisch genommen, ist es nicht einfach, moralisches Gewicht des „Hungerstreiks“ abzuschätzen. Man muss jeden Einzelfall prüfen. Man muss mit der Tatsache rechnen, dass die öffentliche Meinung, über die Medien geschaffen, den Streikenden sehr beeinflussen kann, in seiner Entscheidung so fest zu werden, dass er „bis zum Ende gehen will“. Es passiert heute, dass der katholische Arzt anderes denkt als der Patient, und der Patient anderes denkt als die Angehörigen und Freunde, und diese, wiederum, denken anderes als der Arzt.

Doch, man muss das Schlüsselproblem selbst gut bemerken. Es handelt sich um ernsthafte Bedrohung für die menschliche Gesundheit und für das menschliche Leben, und diese Güter stehen keinem Menschen zur freien Verfügung. Gewiss, der Patient hat nicht die Absicht, unmittelbar über seine Gesundheit und sein Leben zu verfügen, sondern er will sie klug einem „höheren Gut“ unterziehen. Er wünscht nicht eigenen Tod, sondern möchte, dass die Verantwortlichen dazu bewogen werden, das Unrecht abzustellen. Trotzdem bedeutet das, „eigenes Leben aufs Spiel zu setzen“. Und das bedeutet zur gleichen Zeit, indirekte Zulassung der Selbsttötung, wenn der Streik bis zum kritischen Punkt fortgesetzt wird. Darf man so handeln?

Was sagt dazu die katholische Morallehre? Subjektiv gesehen, kann sich der Streikende in seiner Seele im guten Glauben oder in Unwissenheit  befinden, was er nicht in der Lage ist, zu bewältigen, und er ist fest überzeugt, dass sein Verhalten sittlich richtig ist. Vor Gott wird er nach seiner subjektiven Überzeugung gerichtet.

Objektiv gesehen, bedeutet seine Handlung direkte Selbsttötung, was in keinem Fall zulässig ist. Aber, direkte Selbsttötung ist nicht seine Absicht, sondern Herstellung der Gerechtigkeit, und den Tod lässt er indirekt zu. In jedem Fall, das menschliche Leben wird doch als Druckmittel benützt.

Kann das menschliche Leben als „Druckmittel“ bis zum Tod benützt werden? Ist die „indirekte Selbsttötung“ überhaupt erlaubt? Moraltheologen geben zweifache Antwort: theoretische und praktische. Theoretisch, aus moralisch sehr wichtigem Grund, kann ein Akt mit doppelter Wirkung zugelassen werden, und es wird der Fall des Soldaten angeführt, der in die Hände des Feindes gefallen ist, und in der Tasche den Entwurf des Krieges hat. Um die Heimat zu retten, zündet er die Bombe, die direkt die ganzen Dokumente vernichten soll (gute Wirkung), und indirekt auch ihn tötet (schlechte Wirkung). Praktisch kann diese Regel nicht an den Hungerstreikenden angewendet werden, weil gute Wirkung (Herstellung der Gerechtigkeit) und schlechte Wirkung (der Tod des Streikenden) nicht unmittelbar folgen. Übrigens, der Tod des Streikenden und Berichtigung der Ungerechtigkeit von Seiten der Mächtigen ist nicht ein Akt, sondern es sind zwei Akte.

Wenn das nicht zulässig ist, ist es doch zulässig, bis zum kritischen Punkt zu hungern, bis der Streikende noch nicht das Bewusstsein und die Entscheidungsfreiheit verloren hat, aber...?

Die Ärzte antworten: es ist sehr schwer mit Sicherheit fest zu stellen, wann der Augenblick eintreten wird, ab dem es dann nicht mehr möglich sein wird, die Gesundheit und das Leben noch zu retten. Der eine kann ohne Nahrung länger aushalten, der andere nicht so lange. Also, der Konflikt der Werte, der jemanden dazu geführt hat, durch Hunger zu streiken, kann richtig nur dann gelöst werden, wenn in gegebenen Umständen das menschliche Leben richtig gewertet wird.

Zum Schluss kann die Frage gestellt werden: wie konnten in Irland die Krankensakramente dem sterbenden Lord Mayor von Cork erteilt werden? Hat die Kirche dadurch nicht den Hungerstreik bis zum Tod genehmigt? Da darüber kein Bericht existiert, können wir nur ahnen: entweder war der Betreffende im guten Glauben, den der Beichtvater im Tod des Lords klug geachtet hat, oder dieser Geistliche kannte die moralischen Grundsätze nicht, was in der damaligen Zeit des verkürzten Theologiestudiums gut möglich gewesen sein könnte, oder, was am wahrscheinlichsten ist, der Streikende empfing die Krankensakramente, weil er in letzten Augenblicken seines Bewusstseins seine Tat bereut hatte, aber es bestand keine Hoffnung mehr, das Leben zurückzuholen.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 322-324)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.