"Ich beneide die acht Kardinäle nicht" (Erster Teil)

Interview mit Vatikanist Ulrich Nersinger über sein neuestes Buch und über die Reformpolitik von Papst Franziskus

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 633 klicks

Der Titel „Der unbekannte Vatikan“ mag auf Anhieb die Enthüllung von Ränkespielen und geheimen Machenschaften suggerieren, die häufig hinter den hohen Mauern der Leitzentrale des Katholizismus vermutet werden. Ulrich Nersinger überrascht den Leser hingegen mit „Enthüllungen“ ganz anderer Natur. Denn unbekannt ist den meisten Menschen, warum der Papst eine Schweizer Schutztruppe, ein diplomatisches Corps oder einen Zeremonienmeister unterhält. Oder wie die Römische Kurie und die Rechtsprechung funktionieren, welchem Zweck die Vatikanbank wirklich dient und warum sie nicht problemlos aufgegeben werden kann. Auch wenig bekannt ist die aktive Teilnahme der Päpste an modernen Wissenschaftsprojekten wie der Erforschung des Weltalls: dass das vatikanische Teleskop heute in Arizona steht und der Heilige Stuhl eine der größten Meteoritensammlungen besitzt!

Der Autor lädt mit schwungvoller Feder zu einer unterhaltsamen Reise durch die Jahrhunderte des Papsthofes ein. Sachliche Informationen sind reich bespickt mit bunten Episoden und Anekdoten, die die Lektüre auch für ein Nichtfachpublikum anziehend machen. Dem Leser wird das altertümlich anmutende Hofzeremoniell ebenso verständlich erklärt wie die Herkunft der päpstlichen Farben und Insignien. Nebenbei darf er über Pannen im Protokoll bei Audienzen schmunzeln, die Nersinger zum Besten gibt, so zum Beispiel darüber, wie Bill Clinton den Liftboy im Apostolischen Palast salutierte, weil er ihn aufgrund der prächtigen Uniform für einen hohen Würdenträger hielt.

Nersinger spannt einen weiten Bogen von den Anfängen des Petrusgrabes auf dem unwirtlichen „Ager Vaticanus“ über die Entstehung des „Patrimonium Petri“ im Mittelalter zum Neubeginn mit der Gründung des Vatikanstaates im Jahr 1929, der keine weltlichen Interessen mehr verfolgt. Es entsteht das lebendige Bild einer von Menschenhand geschaffenen Institution, die sich seit fast zweitausend Jahren mit allen Kräften um die Fortführung des apostolischen Auftrags bemüht. Um diesen ausführen zu können, verteidigt der Vikar Christi auch heute noch seine politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit mit einem Staat, der die kleinste Wahlmonarchie der Welt ist.

Ulrich Nersinger (Jahrgang 1957) ist einer der renommiertesten deutschsprachigen Vatikanexperten. Der Theologe und Kirchenhistoriker hat in Bonn, Wien und in Rom am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie studiert. Er ist Mitglied der Pontificia Accademia Cultorum Martyrum und ist in Selig- und Heiligsprechungsprozessen als Postulator und diözesaner Untersuchungsrichter tätig. Neben zahlreichen Buchveröffentlichungen ist er regelmäßiger Gastautor u.a. des Osservatore Romano.

Nersinger durfte Papst Franziskus sein neues Buch bei der letzten Generalaudienz persönlich überreichen. „Wird gelesen“, versprach der Argentinier in fließendem Deutsch!

ZENIT hat den Vatikan-Kenner zu einem Gespräch getroffen, in dem er sich brennende Fragen zu dem neuen Pontifikat und zu der Aufnahme innerhalb des Vatikans der von Papst Franziskus eingeläutete Veränderungen und Reformen stellte.

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Der Vatikan ist ein beliebtes, publikumswirksames Thema der Medien geworden. Es gibt unzählige Talkshows, in denen die Pontifikate analysiert, aber vor allem über „Skandale“ im Machtzentrum der katholischen Kirche diskutiert wird. Fehlt es diesen Diskussionen häufig an Grundlagen? An welchen Leserkreis wendet sich Ihr Buch?

Ulrich Nersinger: Vermutlich übertreibe ich nicht, wenn ich behaupte: Der Vatikan ist in aller Munde. In den Medien ist er allgegenwärtig. Wer in eine bekannte Suchmaschine des Internets den Begriff „Vatikan“ eingibt, erhält den Verweis auf fast siebzehn Millionen Einträge. Dennoch oder gerade deswegen fällt eine Definition von dem, was der Vatikan eigentlich ist, nicht leicht. Als Schlagwort bietet es eine Fülle von Deutungen und viel zu oft auch Missdeutungen. Das Buch versucht, die vielen Facetten des Vatikans in allgemeinverständlicher und hoffentlich auch spannender Lektüre dazulegen. Ich habe mich bemüht, so manchen wahren und vermeintlichen Schleier, der über dem Vatikan liegt, zu lüften, und den Lesern und Leserinnen eine solide, aber nicht trockene Erstinformation vorzulegen, die Neugier und Interesse für das Zentrum der katholischen Kirche wecken soll.

Nach dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. wurde der Ruf nach Reformen des Vatikans auch im Kardinalskollegium laut. Von vielen Gläubigen wird der Vatikan heute als bizarrer, abgeschotteter „Renaissancehofstaat“ aufgefasst, der nicht mehr zeitgemäß ist und der sich von den Ortskirchen entfernt hat.

Ulrich Nersinger: Viele Einrichtungen, Ämter, Zeremonien und Liturgien im Vatikan werden nur durch das Wissen um deren Herkunft und Substanz verständlich. Hier gilt es Aufklärung zu betreiben. Es ist zumeist die Unkenntnis der Materie, die ein Kopfschütteln oder eine Ablehnung erzeugt. Meine Erfahrung ist es, dass man in sachkundigen Gesprächen den Großteil der Vorwürfe widerlegen kann. Aber das bedarf einer gewissen Anstrengung, die jedoch unbedingt von Nöten ist. Über den Vatikan zu informieren, ist kein unmögliches Unterfangen. Erlauben Sie mir eine zusätzliche Bemerkung: Wenn ich mir weltliche Entsprechungen anschaue – das Weiße Haus in Washington, den Kreml in Moskau und den Brüsseler EU-Apparat –entdecke ich dort viel „höfischeres“ Gebaren. Hochzeiten im europäischen Adel und die alljährliche Geburtstagsparade für Königin Elisabeth II. locken ein Millionenpublikum an die Fernseher – und kaum jemand empört sich.

Papst Franziskus wird von der einschlägigen Presse als der „Revolutionär“ auf dem Petrusthron gefeiert (Times Magazin), als derjenige Papst, der endlich aufräumt mit überflüssigem Pomp. Wo sind Ihrer Auffassung nach Reformen tatsächlich nötig?

Ulrich Nersinger: Die Frage nach Reformen stellt sich immer. Und die Kirche tut gut daran, sie zu beantworten und die Auseinandersetzung mit ihr zuzulassen. In der Diskussion um nötige Reformen und in deren Umsetzung sind Sachkenntnis, Wahrhaftigkeit und Klugheit gefordert. Ich habe den Eindruck, dass Wünsche und Forderungen, die an den Papst und die Kurie herangetragen werden, die genannten Tugenden wenig beachten, ja häufig zur Gänze negieren. Man nimmt Aktionen und Entscheidungen des Heiligen Vater wahr und nimmt sie auf, aber selektiert – und lässt Äußerungen des Papstes, die nicht in die eigene Sichtweise oder Ideologie passen, beiseite. Viele vorgebliche Paladine des Heiligen Vaters nehmen ihn für „Reformen“ ein, die nicht die seinen sind – ein Horchen auf die alltäglichen Homilien bei der heiligen Messe in Santa Marta würde sie eines Besseren belehren. Der Katalog sinnvoller Reformen ist lang. Ich persönlich könnte mir vorstellen, dass man in dem pastoralen Konzept, das Papst Franziskus vorschwebt, von Rom Unterstützung erhält durch Schreiben, Empfehlungen und Handreichungen, die kürzer und verständlich formuliert sind – und auch nur dann, wenn sie wirklich vonnöten sind. Sinnvoll wäre es sicherlich, den schon längst beschrittenen Weg, in die Arbeit der Römischen Kurie Laien beiderlei Geschlechts einzubinden, fortzusetzen und Männer und Frauen verstärkt mit Leitungsfunktionen, die keine Weihe erfordern, auszustatten.

Besonders begrüßt wurde die Schlichtheit im Kleidungs- und Wohnstil von Papst Franziskus. Die weiße Soutane und das eiserne (anstatt goldene) Brustkreuz sind seine Markenzeichen. Mozzetta und spitzenverzierte Chorhemden scheinen der Vergangenheit anzugehören. Das hätte anfänglich zu Konflikten mit dem Zeremonienmeister geführt. Hatte denn Benedikt XVI. einen Faible für „barocken“ Kleiderluxus?

Ulrich Nersinger: Jeder Papst hat seinen eigenen Zugang zur Feier der Liturgie und dem offiziellen Auftreten im Vatikan. Die persönliche Einstellung zu liturgischen Formen, die Verwurzelung und die Erfahrungen aus dem eigenen Kulturkreis bestimmen dann das Erscheinungsbild, das sich von dem des Vorgängers abhebt. Das ist bei jedem Pontifikatswechsel zu beobachten – und zu respektieren. Der Vergleich „Benedikt – Franziskus“ scheint besonders kontrovers auszufallen. Doch hier ist Vorsicht und Abkehr von oberflächlicher Betrachtung geboten. So kann man Benedikt XVI. einen „barocken Kleiderluxus“ persönlich nicht zum Vorwurf machen. Als ich in den Achtzigerjahren nach Rom zum Studium kam, konnte ich wie viele, die in der Ewigen Stadt lebten, feststellen, dass auf den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation die Bezeichnung „Kirchenfürst“ mitnichten zutraf. Man sah oft, wie Kardinal Ratzinger von seiner Wohnung an der Piazza Città Leoniana zum Palast des Heiligen Offiziums hin- und zurückging – in der einfachen schwarzen Soutane und einem unmodischen Mantel, die Baskenmütze auf dem Kopf, die Aktentasche in der Hand. Kein anderer Kardinal tauchte so selten auf Empfängen auf. Luxus und herrschaftliches Auftreten waren ihm zuwider. Auch bei der Feier der heiligen Messe ging es Joseph Ratzinger immer um das Geistig-Geistliche, nie um Gewänder oder eine preziöse Zelebration. Nach seiner Wahl zum Nachfolger Petri war der Heilige Vater nicht immer gut beraten in der Wahl liturgischer und zeremonieller Utensilien, die ihm – so erscheint es mir – aufgedrängt wurden. Als jemand, der um die historischen Wurzeln und die hohe Bedeutung von Insignien und Kleidungsstücken weiß, sie zutiefst schätzt und sie für notwendig hält, hat mir die nicht selten unkluge Verwendung und die Zurschaustellung bestimmter überkommener Stilrichtungen Bauchweh verursacht. Ich kann den Unmut des jetzigen Papstes über Rochetts, die mehr Spitzen als Substanz besaßen, und Thronaufbauten, die schon Pius XII. als übertrieben empfand, sehr gut verstehen. Es kann dann leicht passieren, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Mir tut es von Herzen leid und weh, wenn so das Gefühl für einen sinnvollen Gebrauch von Rochett, Mozzetta u. ä. verlorengeht.

(Der zweite Teil erscheint morgen, Freitag, dem 4. Juli)