"Ich beneide die acht Kardinäle nicht" (Zweiter Teil)

Interview mit Vatikanist Ulrich Nersinger über sein neuestes Buch und über die Reformpolitik von Papst Franziskus

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 493 klicks

Wir veröffentlichen heute den zweiten und letzten Teil des ZENIT-Interviews mit dem deutschsprachigen Vatikanist Ulrich Nersinger. Der erste Teil des Interviews erschien am gestrigen Donnerstag, dem 3. Juli.

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Hat die Abschaffung von Ehrentiteln innerhalb des Vatikans nicht zu Enttäuschung und Unmut geführt? Wie wird das Ablegen solcher Traditionen aufgenommen?

Ulrich Nersinger: Zunächst einmal muss man festhalten, dass die „Monsignori“ nicht gänzlich aus dem „Leben“ der Kirche verschwunden sind. Die Modalitäten dieser alten kirchlichen Praxis wurden geändert, die Ernennungen strikteren Vorgaben unterworfen. Die Verleihung eines geistlichen Ehrentitels durch den Papst ist als Zeichen des Dankes zu verstehen für Dienste, die dem Heiligen Stuhl und der Kirche in herausragendem Maße geleistet wurden – und als Ansporn für die künftige Arbeit. So gesehen sind diese kirchlichen Ehrentitel eine sinnvolle Einrichtung. In den vergangenen Jahrzehnten aber haben die Ernennungen zu Kaplänen und Ehrenprälaten Seiner Heiligkeit und Apostolischen Protonotaren an Zahl zugenommen. Weniger wäre oft mehr gewesen. Manchmal entsprach der Lohn auch nicht dem Verdienst. Mir persönlich bereitete vor allem der Automatismus Probleme, mit dem Geistlichen in bestimmten Positionen ein Ehrentitel „winkte“. Vor der Reform des Päpstlichen Hofes im Jahre 1968 gab es ein kluges Vorgehen. Nur wenige dieser kirchlichen Ehrentitel wurden auf Lebenszeit verliehen, viele nur für die Dauer der Regierungszeit des Papstes, der die Verleihung ausgesprochen hatte – wobei jedoch die Möglichkeit bestand, nach dem Ableben des Papstes für das neue Pontifikat um eine Bestätigung des Titels anzusuchen. Leistung und Integrität müssen die Qualifikation für eine Auszeichnung sein, nicht Eitelkeit und Karrierismus. Die jetzigen Reformen betreffen überwiegend die Verleihung und den Gebrauch der Ehrentitel außerhalb des Vatikans. Im Päpstlichen Haus und an der Kurie kann ihre weitere Verwendung Sinn machen, wenn sie eng und sinnvoll an bestimmte Aufgaben gebunden sind.

Papst Franziskus scheint eine neue Sprache eingeführt zu haben. Er bedient sich der Medien, um in den Dialog mit Nichtgläubigen zu treten. In Italien erregte das Interview mit dem Linksintellektuellen Eugenio Scalfari über Glaubensfragen großes Aufsehen. Katholische Kreise warfen ihm vor, sich zu lax vor der laizistischen Presse zu äußern.

Ulrich Nersinger: Ein Zugehen der Päpste auf neue Medien ist kein Novum. So ließ sich bereits der oft als reaktionär gescholtene Gregor XVI. (1831-1846) bei einem Besuch in einer wissenschaftlichen Einrichtung eingehend über das Fotografieren informieren. Leo XIII. (1878-1903) verfasste noch als Kardinal ein lateinisches Gedicht über die „ars photografica“; als Papst ließ er sich 1897 in den Vatikanischen Gärten filmen. Pius XI. (1922-1939) tat sich mit dem Rundfunkpionier und Nobelpreisträger Guglielmo Marconi zusammen, um Radio Vatikan zu gründen. Pius XII. (1939-1958) gab die Erlaubnis zu einem Dokumentarfilm über seine Person: „Pastor Angelicus“. Noch immer lesens- und empfehlenswert ist der „Dialog mit Paul VI.“ des französischen Philosophen Jean Guitton. Benedikt XVI. (2005-2013) empfing in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo Journalisten zu einem Fernsehinterview. Das Sicheinlassen von Personen, die im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stehen, auf die Medien kann jedoch schneller als erwartet zu einem Gang über ein Minenfeld werden. Selbst, wer glaubt, auf dieser Klaviatur spielen zu können, ist vor Überraschungen nicht gefeit. Eine kleine, historisch verbürgte Anekdote mag dies verdeutlichen: Als Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., die USA besuchte, stürmte eine Reporterschar auf ihn zu. Er hatte kaum seinen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt, da wurde er gefragt: „Werden Sie in New York Nachtbars besuchen?“ Der erfahrene Diplomat glaubte Herr der Lage zu sein und antwortete lächelnd: „Gibt es in Ihrer Stadt Nachtbars?“ Die Eminenz war überrascht, als sie am folgenden Tag in der Zeitung die Schlagzeile las: „Erste Frage des Kardinalstaatssekretärs in den USA: Gibt es hier Nachtbars?“ Heute wäre es die Aufgabe und moralische Pflicht der Umgebung des Papstes den Heiligen Vater kompetent und unterstützend im Umgang mit den Medien zu beraten – was ich bedauerlicherweise oft, zu oft vermisse.

Stichwort Kurienreform: Auf den Vorkonklaven wurde über mangelnde Kollegialität in dem Riesenapparat der Kurie geklagt. Der Vatileaks-Skandal suggeriert zu viel persönliche Ambitionen und italienische Klüngelwirtschaft. Wie kann Franziskus die Zusammenarbeit der Dikasterien fördern?

Ulrich Nersinger: Jeder Dienst- und Verwaltungsapparat – sei es im weltlichen wie auch im kirchlichen Bereich – ist menschlichen Unzulänglichkeiten unterworfen. Wir leben nicht im Himmel. Persönliche Ambitionen - das reicht von Eitelkeiten über krankhaften Ehrgeiz bis hin zu einem pathologischen Narzissmus -, Klüngelwirtschaft und Intrigen sind verwerfliche, subversive Erscheinungen, die sich zu einem Krebsgeschwür entwickeln können. Von daher kann man die harten Worte des Heiligen Vaters hierzu sehr gut verstehen und ihnen zustimmen. Doch diese zerstörerischen Fehlentwicklungen gab es immer und überall. Ich möchte nicht zynisch klingen, aber mir fallen dazu die Worte ein: „Wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit, und in Ewigkeit … “. Nichts desto trotz gilt es dagegen anzukämpfen! Und dabei braucht es nicht selten einer harten Hand, die Papst Franziskus zweifelsfrei besitzt.

Ist mit Zusammenlegung bzw. Streichung von Dikasterien zu rechnen?

Ulrich Nersinger: Umbenennungen, Zusammenlegungen und Aufhebungen von Behörden und Einrichtungen der Römischen Kurie hat es schon immer gegeben. Die jahrhundertealte Geschichte der Verwaltung der Weltkirche gibt hierüber beredt Auskunft. Änderungen im Aufbau und in der Zusammensetzung der Kurie waren und sind daher kein Tabu. Ich vermute, dass der Heilige Vater eine sinnvolle Straffung des Apparates vornehmen wird – und sich entscheidet, neue Akzente in der Arbeit der Römischen Kurie zu setzen.

Der eben gegründete Wirtschaftsrat aus acht Kardinälen und sechs Laien-Experten setzt sich mehrheitlich aus Kurienexternen zusammen. Wird der Rat den gewachsenen, stark in der italienischen Kultur verankerten Apparat und seine internen Dynamiken aufbrechen bzw. reformieren können?

Ulrich Nersinger: Wunder sollte man nicht erwarten, da diese Materie sehr komplex ist und vermutlich immer komplexer werden wird. Doch zeigt sich schon jetzt, dass viele Reformansätze greifen. Dies wird dem Vatikan international bereits bescheinigt. Man darf auch nicht vergessen, dass sich das primäre Agieren der finanziellen Aktivitäten des Heiligen Stuhles im „Ausland“, im italienischen Wirtschaftsraum, abspielt. Im Übrigen halte ich es für wichtig zur Ehrenrettung Italiens zu betonen, dass sich illegale und hoch kriminelle Vergehen im pekuniären Bereich nicht auf ein Land und seine Mentalität beschränken, sie haben wahrhaft globalen Charakter. Moralisch verwerfliche Spekulationen mit Aktienpaketen, Unterschlagungen, der unerlaubte Transfer von hohen Summen und Geldwäsche sind kein Privileg italienischer Banken, sondern kommen ebenso an internationalen Börsen und in deutschen Kleinstadtbanken vor.

Was kann für die Annäherung Roms an die weltweiten Ortskirchen getan werden?

Ulrich Nersinger: Ich erlaube mir die Frage umzustellen: Was kann für die Annäherung der Ortskirchen an Rom getan werden? Auch in den vergangenen Zeiten, Jahrhunderten, gab es Angehörige der Römischen Kurie, die aus der ganzen Welt kamen. Sie alle brachten die Erfahrungen und Kenntnisse der Heimat in ihre Arbeit im Dienste des Papstes und Weltkirche gewinnbringend ein. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden die Bemühungen in beachtlichem und bewundernswertem Maße intensiviert, die Ortskirchen in die Verwaltung der Gesamtkirche einzubinden. Leider ist der Aufruf der Päpste an die Teilkirchen, Mitarbeiter für den Dienst in der Ewigen Stadt freizustellen, oft nicht beantwortet worden. Bisweilen konnte man auch beobachten, dass Diözesen unliebsame Kleriker, die man zuhause nicht mehr wollte, nach Rom abschob. Doch es gab und gibt auch Gegenbeispiele, dass Bistümer dem Heiligen Stuhl ihre fähigsten Mitarbeiter zur Verfügung stellten.

Wird bei diesem Reformpunkt Kardinal Reinhard Marx, der über die Anwendung des Subsidiaritätsprinzip innerhalb der Kirche promoviert hat und führendes Mitglied des Rates ist, eine besondere Rolle zukommen?

Ulrich Nersinger: Ich beneide die acht Kardinäle, die den Heiligen Vater beraten sollen, nicht um ihre Aufgabe. Auf sie lastet eine große Verantwortung. Kardinal Marx und die übrigen Mitglieder des Rates werden jedoch ihre Erfahrungen, die ganz unterschiedlicher Natur sind, als wertvolle Impulse in die Reformüberlegungen einbringen können.

Wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch, Herr Nersinger.