„Ich bete für dich“ – ein Werk der Barmherzigkeit für jede Lebenssituation

Vortrag zum 800. Geburtstag der heiligen Elisabeth von Thüringen

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ERFURT, 17. November 2007 (ZENIT.org).- Im Hinblick auf den Gedenktag der heiligen Elisabeth von Thüringen veröffentlichen wir den Vortrag, den Schwester Klara Maria Hellmuth vom Zisterzienserinnenkloster Helfta im März dieses Jahres im Rahmen der Reihe „Die Werke der Barmherzigkeit – Geistliche Vorträge in der Erfurter Brunnenkirche gehalten hat.



Sie nennt Elisabeth „die schnelle Botin Gottes im 13. Jahrhundert“ und betont, dass uns die Heilige dazu einlade, „zu Botinnen und Boten Gottes im 21. Jahrhundert zu werden und durch unser Leben und Beten auf den aufmerksam zu machen, den viele in unserem Land nicht mehr kennen“. Gott mache das Leben nicht ärmer, sondern reicher und tiefer.

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Ich komme zu Ihnen aus dem Nachbarland "Sachsen-Anhalt". Unser Kloster Helfta liegt im "Mansfelder Land", das durch sein gutes und wertvolles Kupfervorkommen jahrhundertelang bekannt war. Meine persönliche Heimat liegt in Baden-Württemberg, in einem Landstrich, den man das "Madonnenländchen" nennt, da viele Bildstöcke und Statuen die Wohnhäuser, Orte und die Landschaft schmücken. Als ich erfuhr, dass wir in Deutschland Landstriche haben, in denen 90 % von sich sagen, ohne Religion zu sein, konnte ich das kaum glauben. Es war für mich ein Anruf, meine Heimat zu verlassen und nach Mitteldeutschland aufzubrechen.

Ich bete für dich – auf Gott aufmerksam machen ist eine der wichtigen Aufgaben des monastischen Klosters, aus dem ich komme. Kloster Helfta war über 450 Jahre zerstört und seit damals nicht mehr in kirchlicher Hand. Nach dem 2. Weltkrieg war es als LPG geführt worden mit dem Schwerpunkt Massentierhaltung. Nachdem die LPG nach der Wende nicht kostendeckend arbeitete, wurde das verwahrloste Gelände mit seinen maroden Gebäuden von der Treuhand zum Verkauf angeboten. Couragierte Katholiken aus Ost- und Westdeutschland setzten sich ein, dass die frühere Klosteranlage wieder in kirchliche Hand kam und aufgebaut wurde. So konnten wir am 13. August 1999 mit dem klösterlichen Leben beginnen. Es überrascht nicht, dass das Gros der Bevölkerung gegen ein Kloster war. Ich erinnere mich an eine Stellungnahme in der Zeitung: "Die Katholiken drehen das Rad der Geschichte zurück. Unsere Errungenschaft, auf die wir Jahrzehnte stolz waren, ist eine Gesellschaft ohne Gott. Und jetzt kommen fromme Frauen, die mit diesem Gott leben. Und das vor den Toren der Lutherstadt Eisleben."

Da viele in der Bevölkerung das Wiedererrichten des Klosters ablehnten, überlegten wir Schwestern uns vorher, worauf wir in dieser Situation den Schwerpunkt mit unserem klösterlichen Leben legen. Das siebenmal täglich gesungene Gotteslob schien uns besonders wichtig, nämlich den zu loben, den man in diesem Land kaum mehr kennt. Wir waren nur wenige Wochen in Helfta und es fragten die Männer, die unsere Straße pflasterten: "Gibt es den da oben wirklich?" Auf die Nachfrage, was sie auf diesen Gedanken gebracht hat, wiesen sie auf die Kirche hin und das siebenmal täglich gesungene Gotteslob. Dann begannen sie von ihrem Leben zu berichten und warum sie nicht getauft wurden. Ein anderes Beispiel aus jüngster Zeit: Eine Frau, die während der DDR-Zeit aus der Kirche ausgetreten war, kam bei einem Besuch des Klosters, den ihr die erwachsenen Kinder schenkten, in das Abendgebet der Schwestern. Beim Antwortgesang: "Herr, auf dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben!" wurde sie innerlich so stark angerührt, dass sie beschlossen hat, in den nächsten Tagen zum Pfarrer zu gehen und eine Lebensbeichte abzulegen und um Wiederaufnahme in die Kirche zu bitten. Sie meldete sich bei uns zu einem Glaubenskurs an und da erfuhren wir davon. Übrigens sprechen die "Eisleber" heute stolz von "unserem" Kloster, obwohl sie es vor wenigen Jahren ganz abgelehnt hatten.

In diesen Situationen gab es kein missionierendes Wort. Das Gebet war der Hinweis, der aufhorchen ließ und aufmerksam machte auf den großen unsichtbaren Anderen, auf Gott, den Geber des Lebens und aller Gaben. Ich möchte Ihnen Mut machen, dass wir unseren Gott in einer Gesellschaft feiern, in der ihn viele vergessen haben oder überhaupt nicht mehr kennen.

Gott ist ein Gott der Überraschungen, wie wir auch diesen Beispielen sehen können. 1996 glaubte noch keiner, dass das Kloster wieder erstehen könnte. Die Enthusiasten der ersten Stunde hielt man für Spinner. Sie ließen sich nicht beirren und folgten ihrer inneren Überzeugung allen Unkenrufen zum Trotz.

Dass das schlichte Gotteslob eine solche Wirkung hat, wagten wir nicht zu hoffen. Der große Gott ruft auch uns Menschen des 21. Jahrhunderts die Worte des Propheten Jesaja zu: "Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?"(Jes. 43,19). Er lockt uns gleichsam in das Land der Hoffnung und Zuversicht, in die Haltung, uns von IHM überraschen zu lassen. Möge ER uns Augen schenken, die die Zeichen des Neuen und des Aufbruchs sehen können! Das tut uns selber, der Kirche und dem Land Thüringen gut!

Auf den ersten Blick mag es scheinen, als sei "für den andern zu beten" kein aktuelles "Werk der Barmherzigkeit für Thüringen heute." "Was bringt das Beten denn? Es wird ja doch nichts anders?" Der Betende hat nichts Handfestes vorzuweisen und oftmals ist scheinbar nichts geschehen.

Wie aktuell das von Ihrem Bischof für heute formulierte Werk der Barmherzigkeit "Ich bete für dich. Auf Gott aufmerksam machen, für Lebende und Verstorbene beten." ist, erleben wir Schwestern täglich.

In vielen Gesprächen, Briefen, Mails oder Telefonaten bitten Menschen uns um das Gebet. Ganz unterschiedliche Sorgen und Nöte werden in das aufliegende Buch in der Klosterkirche geschrieben. Immer wieder brennen "Fürbitt-Lichter" an der Statue der hl. Gertrud, die vor vielen Jahrhunderten in unserem Kloster gelebt hat. Es gibt unzählige Situationen, die Menschen nicht nur ratlos, sondern auch sprachlos machen und wo sie nur noch einen Weg sehen: "Bitte, beten Sie für mich!" Intuitiv scheinen sie eine unsichtbare Macht zu ahnen, die selbst in der Ausweglosigkeit menschlichen Lebens noch helfend nahe sein kann.

Die Landgräfin Elisabeth von der Wartburg war eine Frau mit starker spiritueller Prägung. Ihr Blick geht gewissermaßen zum Himmel und von dort zur Erde zurück. Ihr geistliches Streben nach dem Göttlichen wollte nicht das irdische Leben hinter sich zurücklassen. Vielmehr wird die Begegnung mit Göttlichen bei ihr mitten unter den Menschen fruchtbar. Ihr Leben in und mit Gott führte letztendlich zu einem Leben ganz unter und mit den Menschen und zwar besonders mit den Armen und Verachteten. Das Wesen der hl. Elisabeth strahlt das Wort Jesu beispielhaft aus: "Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist" (Lukas 6,36).

In unserer heutigen Gesellschaft erlebt "Barmherzigkeit" weder als Begriff geschweige denn als Haltung einen Boom. Vielmehr bestimmen häufig Konkurrenz und Gegnerschaft die Beziehungen der Menschen untereinander. Barmherzigkeit wird eher als überholt und als Schwäche gedeutet. Elisabeth ruft uns die aktuell bleibende Botschaft zu: Jesu Weg in diese Welt war nicht das Rivalisieren. Er war vielmehr einer, der ein Herz für die Menschen hatte, unabhängig von ihrer persönlichen oder gesellschaftlichen Situation. Er hatte die großartige Fähigkeit, Menschen vorbehaltlos anzunehmen und zum Miteinander zu bewegen.

Wer authentisch sagen will: "Ich bete für dich!" braucht dieses offene Herz für den andern. Er muss versuchen zu leben, wozu Jesus uns alle auffordert: "Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist!" Barmherzigkeit ist aber nicht einfach etwas Bedauern oder Mitleid zu empfinden – mit einer gewissen Distanz oder gar von oben herab. Im Grunde geht es darum, "ein Herz füreinander und ganz besonders für den Leidenden" zu haben – unabhängig ob das Leid materiell, seelisch/psychisch oder geistlich ist. Ins Verhalten buchstabiert, kann es heißen, für den andern aufmerksam sein, sich auf ihn einlassen, ihn annehmen. Vor den Tränen und der Not des andern nicht zurückschrecken, sondern mit ihm empfinden, mitleiden.

Das Leid des Menschen hat viele Gesichter und oft setzt jemand eine Maske auf, damit der andere sein Leiden, seine Grenzen oder Schwächen nicht sieht. Erst wenn der andere spürt: "Ich bin angenommen, ich brauche mich nicht zu schämen" kann er sich öffnen, sonst überspielt der Betroffene nicht selten seine Not aus Angst, nicht verstanden oder gar abgewertet zu werden. Aber sind wir nicht am meisten wir selbst, wenn es uns gelingt, das "Herz sprechen zu lassen", nicht die Unterschiede zu betonen, sondern das, was uns verbindet, nämlich unser Menschsein? Da gibt es kein Über- oder Untergeordnet sein, sondern ein gemeinsames Fundament. Wenn wir so zu leben wagen, dürfen wir entdecken, was wir in einem Lied singen: "Als Brot für viele Menschen hat uns der Herr erwählt; wir leben füreinander, und nur die Liebe zählt." (Gotteslob 620, 4. Strophe). In solch gegenseitigem Geben/Schenken werden wir nicht ärmer und das Empfangen demütigt nicht; denn es ist die Grundgegebenheit unseres Wesens zu empfangen und zu geben. Mit einem Wort, das heute nicht mehr in ist, es geht um das "Dienen". Das führt uns zur wahren Größe! Die heute modernen Fragen lauten: "Was bringt mir das? Was habe ich davon? Was kann ich fordern von andern und der Gesellschaft?" Die für unser Menschsein jedoch immer bleibend aktuelle Fragen lauten anders: "Was ist jetzt gefordert? Was kann ich erbringen und für das Ganze tun?" Mit dieser Haltung und dieser Bereitschaft gelingt es auch, die neue Gesellschaft zu bauen, nach der alle rufen und die so oft nur von den Politikern gefordert wird. Unser eigener Beitrag dazu macht uns selbst zufriedener, in gewissem Sinn auch stolz und letztlich zurückhaltender im Urteilen, besser Verurteilen. Ich bete beispielsweise für unsere Politiker, die keine leichte Aufgabe haben, oft um die Gabe des Rates, damit sie die richtigen Entscheidungen treffen, und ich bete um die Gabe der Stärke, damit sie nicht mutlos werden.

Vielfältig sind die Formen zu geben und zu empfangen. So habe ich die Erfahrung gemacht, dass in bestimmten Situationen das geduldige Anhören wichtiger ist als ein Stück Brot. Und nach dem sich der Betreffende ausgesprochen hat, höre ich im Sprechzimmer beim Verabschieden oft die leise Bitte: "Beten Sie für mich!" Vielleicht schwingt unausgesprochen darin mit, "Wenn ich jetzt wieder gehe, lassen Sie mich nicht allein, lassen Sie mich nicht im Stich. Denken Sie an mich." Manch einer spürt auch, letztlich kann mir nur Gott weiterhelfen. Leise bittet er vor dem Gehen: "Beten Sie mit mir? Ich kann es nicht mehr."

"Ich bete für dich!" ist für mich aber oft auch die einzige Antwort, wenn ich von unvorstellbarem Leid höre, bei dem mir das Wort im Hals stecken bleibt und keine Antwort möglich ist. "Ich weiß keinen Rat, ich habe keine Erklärung dafür. Eines aber will ich tun, mich an den wenden, der uns auch in auswegloser Lage nicht verlässt und dessen Sohn auch das mit uns teilt, ja noch mehr es mit uns trägt und leidet."

Wenn wir Schwestern um die Mittagstunde das Gotteslob singen, besinne ich mich zuvor einige Minuten. Diese Gebetszeit singe ich meist im Blick auf die kriegerischen Auseinandersetzungen auf unserer Erde, auf die Landstriche, die von Terror besonders heimgesucht werden. Die Psalmen, die von den Feinden singen, helfen mir, das stellvertretend Stimme werden zu lassen, was an Aggression und Zwietracht in so vielen Beziehungen unausgesprochen lebt. Ich erbitte in diese Situationen hinein den Geist der Verständigung und des Friedens zu. Ich denke an das unvorstellbare Leid, das in so vielen Gebieten unsrer Erde gegenwärtig ist: ich denke an den Südsudan und das Flüchtlingselend in Darfur, an die Feindschaft zwischen Israelis und die Palästinensern, an die Schiiten und Sunniten auf der arabischen Halbinsel, an die Zivilbevölkerung in Afghanistan, an jene, die dort Dienst tun und aufbauen, aber ich denke auch an die Taliban. Die Nachrichten über das, was immer wieder dort und auch hier bei uns geschieht, machen mich betroffen und hilflos, manchmal komme ich mir so ohnmächtig vor und doch darf ich im Glauben dieses Leid hinauf schreien zum Himmel und dorthin tragen, wo einer die Macht hat, Menschenherzen zu erreichen, zu ändern und zu bewegen. Er ist aber auch den Leidenden nahe, ja leidet mit und in ihnen. So kann ich durch IHN jedem mit meinem betenden Herzen nahe sein.

Das Angelusläuten ruft in christlich geprägten Gegenden auch heute noch dreimal am Tag zum Beten des "Engel des Herrn" auf. Im 17. Jht. war es zu einer Art Volksbrevier und Feier des Heilsgedächtnisses. In der Bedrohung durch die Türken wurde das Läuten auch Symbol der Volksnot: Gott möge sich erbarmen, die Gefahr bannen und Frieden schenken. Man sprach vom Läuten der "Türkenglocke". Die Sehnsucht nach Frieden drängte die Menschen, Zeichen und Zeiten zu suchen, die dem Gebet um Frieden reserviert waren. Ich erinnere mich an die Tage meiner Kindheit, wenn die Angelusglocken zu hören waren, unterbrachen die Dorfbewohner die Arbeit – ob auf den Feldern oder bei anderer Arbeit, in den Geschäften und zu Hause und beteten den Engel des Herrn.

Für den Frieden zu beten setzt die Bereitschaft voraus, bei sich selber zu beginnen. Was sich vielleicht im Verlauf des Morgens an Ärger, Spannungen oder Gereiztheit aufgestaut hat, gilt es loszulassen, um selber in das innere Gleichgewicht finden zu können, jegliches feindselige Gefühl abzugeben und dem andern gut zu sein. Nach dem Beten der mittäglichen Gebetszeit gönnen wir Schwestern uns einige Momente der Stille, um aus der Geschäftigkeit der Arbeit zu uns selber zu finden und wahrzunehmen, was in uns lebt, um uns wieder neu zu orten und uns dem Geist des Friedens bewusst zu öffnen. Wenn die Angelusglocke ertönt, stehen wir auf und beten still dieses alte Gebet im Bewusstsein, dass es immer noch viele Menschen um die gleiche Zeit auf der ganzen Erde so tun.

Unsere Zeit braucht sichtbare und hörbare Zeichen unseres Christseins. In der Lutherstadt Eisleben überlegten wir – auf katholischer und evangelischer Seite -, welche Zeichen heute möglich sind. Wir beschlossen, an jedem Freitag um 15.00 Uhr konfessionsübergreifend die Glocken zu läuten im Gedächtnis an das Sterben Jesu. Das Läuten der Glocken um diese Zeit lässt aufhorchen und lädt uns Christen ein, innezuhalten und dankbar des Todes Jesu zu gedenken.

"Ich bete für dich. Auf Gott aufmerksam machen, für Lebende und Verstorbene beten!

Wenn ein lieber Mensch uns für immer verlässt, trifft uns das sehr und wir empfinden tiefen Schmerz. Der endgültige Abschied tut meist unsagbar weh und oft findet das Leid seinen Ausdruck in Tränen und tiefer Trauer. An einem Grab will es scheinen, als sei mit dem Tod alles aus. Die Stimme, die uns vertraut war, schweigt. Der Mensch, der für uns da war, fehlt. Was bisher so selbstverständlich war, hat sich verändert und eine nicht zu schließende Lücke bleibt. Ist der Verstorbene ein junger Mensch oder einer in den besten Jahren, ist der Schmerz noch größer und Fragen nach dem "Warum?" quälen und bohren und lassen nicht zur Ruhe kommen. Worte vermögen oft so wenig zu trösten. Manchmal sagt der mitempfindende Händedruck mehr als die bestgemeinten Worte. Wenn ich dem Trauernden zusichere: "Wir beten für den Heimgegangenen; denn er ist jetzt nicht fern, sondern bleibt unsichtbar nahe" schauen viele mich groß an und fragen: "Glauben Sie wirklich, dass es so ist?" Und mein bestätigendes Zusagen, lässt oft aufatmen und ist ein gewisser Trost.

Ich erinnere mich an eine 9. Schulklasse, die zum Gespräch ins Kloster gekommen war. Keiner der Schüler hatte eine Religion und eigentlich hat sie "null Bock" auf ein Gespräch. Als letzte Frage kam: "Glauben Sie an ein Weiterleben nach dem Tod?" Als ich die Frage bejahte, hakten sie nochmals: "Glauben Sie das wirklich?" "Ja, natürlich! Wir haben nicht nur ein Leben von 70 oder 80 Jahren vor uns, sondern eine ganze Ewigkeit." Darauf meinten sie: "Wenn das wahr ist, wäre das großartig. Wir haben das nie kennen gelernt."

Christen leben mit einer großartigen Verheißung: diese unsere Erde ist nicht alles, so schön sie ist und auch das Leben auf ihr. Die neue Erde und der neue Himmel sind unsere Zukunft! Davon erzählt das letzte Buch der Bibel in zahlreichen Bildern. "Gott wird in ihrer Mitte wohnen … Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen." (Offb. 21,3b + 4). Dieser großartigen Zukunft gehen wir entgegen. Streichen wir das, wird unser Leben zum Fragment und wir müssen von Event zu Event jagen, um nichts zu verpassen. Das Gebet für die Verstorbenen ist Ausdruck dieser großartigen Hoffnung. Wir leben nicht wie unter einer Käseglocke, sondern der Himmel ist über uns offen und wir leben darauf zu!

"Ich bete für Dich!" ist eine Zusage, die jede Generation der andern geben kann – vom Kind bis zum Hochbetagten.

"Ich bete für Dich", sagte ich dieser Tage der religionslosen weinenden Mutter, deren 10 Monate altes Kind schwer erkrankt ist. "Danke, Schwester!" sagte sie leise.

Ich bete für dich – sage ich dem betagten Menschen im Alten- und Pflegeheim, der das Gefühl hat nutzlos zu sein oder der schwer am Abnehmen der Kräfte trägt.

Ich bete für dich – sage ich zu den Eltern, die in großen Sorgen über den Weg ihres erwachsenen Kindes sind.

Ich bete für dich – du bist nicht allein! Können Mutter und Vater zum Kind sagen, wenn es das Haus verlässt und allein seinen Weg in die Schule gehen muss oder wenn es vor einer Klassenarbeit steht.

Ich bete für dich – kann auch das Kreuzzeichen mit Weihwasser auf die Stirn gezeichnet bedeuten, das Vater oder Mutter dem Kind geben vor dem Schlafen oder wenn es aus dem Haus geht. Ich durfte das als Kind erleben. Und dieses kleine schlichte Zeichen gab uns Kindern das Gefühl, ich bin nicht allein.

Ich bete für dich – ist in jeder Lebenssituation möglich. Es fordert ein aufmerksames Herz für den andern und seine Situation und Not.

Ich bete für dich – heißt auch: mein Herz begleitet dich, du bist nicht allein. Aber nicht nur ich begleite dich, sondern ER, der uns beide begleitet, trägt und beschenkt, der uns gibt, was wir in der jeweiligen Situation brauchen.

Ich bete für dich – zeigt dem andern auch, wo ich meinen Halt finde, die Kraft und Hoffnung für mein Leben und meine Aufgabe schöpfe.

Ich bete für dich – bekennt, dass es einen gibt, der hinter allem und über allem steht, der aber auch zu allen steht und für sie da ist.

Ich bete für dich – kann diskret aufmerksam machen auf den großen Gott, auf den so menschenfreundlichen ganz Anderen.

Ich bete für dich – sage ich auch dann, wenn zu einem areligiösen Menschen eine Beziehung entstanden ist und ich ihm wünsche, den zu entdecken, der der Inhalt und Freude meines eigenen Lebens ausmacht.


Füreinander zu beten kann Beziehungen und das Miteinander wachsen lassen, der Isolation entreißen, Mutlosigkeit und das Gefühls, nicht mehr zu können, aufbrechen.

Abschließend möchte ich eine Heilige aus dem Kloster Helfta zu Wort kommen lassen: Mechthild von Magdeburg, im gleichen Jahr wie Elisabeth geboren, verbrachte die letzten Jahre ihres Lebens im Kloster Helfta und sie erlebte noch die Heiligsprechung der hl. Elisabeth. Erstaunt fragte sie den Herrn:

"Bei dem Adel, der in der Heiligkeit liegt, und bei der Schwachheit, die den Menschen anhaftet, wundert es mich sehr, dass Sankt Elisabeth so schnell heilig gesprochen wurde, da sie so kurz unter der Erde lag. Das erklärte mir unser Herr und sprach: 'Es ist gut für die Boten, dass sie schnell kommen. Elisabeth ist und war ein Bote, den ich zu den unfrommen Frauen, die in den Burgen saßen, gesandt habe. ... Ihrem Vorbilde ist manche Frau gefolgt, so wie sie es konnte und vermochte.'"
(Mechthild von Magdeburg, "Ich tanze, wenn du mich führst". Herdertaschenbuch Nr. 1549: Freiburg im Breisgau 1988, Seite 151f.)

Elisabeth, "die schnelle Botin" Gottes im 13. Jahrhundert, lädt uns ein, zu Botinnen und Boten Gottes im 21. Jahrhundert zu werden und durch unser Leben und Beten auf den aufmerksam zu machen, den viele in unserem Land nicht mehr kennen. Er macht das Leben nicht ärmer, sondern reicher und tiefer!

[Vom Bistum Erfurt veröffentlichtes Original]