Ich erkläre euch den wahren Geist von Assisi

Interview mit dem Kustos der Basilika San Francesco

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Von Renzo Allegri

ROM, 26. Oktober 2011 (Zenit.org). – Am Donnerstag, den 27. Oktober, wird sich in Assisi eines der größten spirituellen Ereignisse unserer Zeit wiederholen: Das Treffen der Vertreter der Weltreligionen zum gemeinsamen Beten um den Frieden.

Es handelt sich um eine Veranstaltung, die Johannes Paul II. vor 25 Jahren, im Jahr 1986, ins Leben gerufen hatte. Am ersten Januar dieses Jahres gab Papst Benedikt XVI. bekannt, dass er sie wiederholen wolle: „Ich werde mich als Pilger in die Stadt des heiligen Franziskus begeben und die christlichen Brüder der verschiedenen Konfessionen sowie die Vertreter der Weltreligionen und in geistiger Weise alle Menschen guten Willens einladen, sich auf diesem Weg zu vereinen“.

Durch die Teilnehmer dieses Treffens, die alle verschiedenen Formen von Spiritualität vertreten, ist es somit die ganze Menschheit, die betet und sich an Gott wendet. An diesem Tag wird Assisi zu einer riesigen Kathedrale, aus der tief bekümmerte Hilferufe für die Menschheitsfamilie zum Himmel aufsteigen.

Am Vorabend des neu verabredeten Tages des „universalen Gebetes“ in Assisi haben wir darüber mit Pater Giuseppe Piemontese gesprochen, dem Kustos der Basilika San Francesco, dem Ort, an dem der Heilige begraben liegt und an dem das Gebetstreffen der Religionsführer stattfinden wird. Giuseppe Piemontese stammt aus Puglia, hat in Theologie promoviert und ist Provinzialminister der Region Puglia. Er wurde im Jahr 2009 zum Generalkustos des „Sacro Convento“ von Assisi gewählt. Wir haben einige Fragen an ihn gerichtet, um die Bedeutung dieses Treffens zu vertiefen.

ZENIT: Der Ausdruck „Geist von Assisi“ ist zum Sinnbild geworden. Wie ist er entstanden, und was könnten seine genauen Inhalte sein?

Pater Giuseppe Piemontese: Der erste, der diesen Ausdruck benutzte, war Johannes Paul II., und er tat dies am 29. September 1986. Er hatte im Vatikan eine Gruppe von Vertretern nichtchristlicher Religionen empfangen, die zwei Tage zuvor mit ihm in Assisi gewesen waren und die ihn treffen wollten, bevor sie Italien verließen. Er erinnerte sie an die Bedeutung dessen, was in der umbrischen Stadt geschehen war; er dankte ihnen, dass sie an diesem Tag teilgenommen hatten und schloss mit den Worten: „Ihr seid im Begriff, in eure Häuser und Zentren zurückzukehren. Ich danke euch nochmals, dass ihr gekommen seid, und wünsche euch eine sichere Reise. Wir wollen fortfahren, die Botschaft des Friedens zu verbreiten. Wir wollen fortfahren, diesen „Geist von Assisi“ zu leben“. Später hat Johannes Paul II. diesen Ausdruck wieder aufgegriffen, vor allem in den Botschaften an die Treffen „Menschen und Religionen“, die von der Gemeinschaft Sant'Egidio in Erinnerung an das erste Treffen in Assisi organisiert wurden.

Jener Ausdruck „Geist von Assisi“ fasst sichtbar und erfahrbar das zusammen, was das Zweite Vatikanische Konzil in „Lumen Gentium“ ausgedrückt hat, indem es die Kirche als „Zeichen und Werkzeug der Vereinigung mit Gott und der Einheit der ganzen Menschheit“ (Lumen Gentium 1) darstellt; hinzu kommen besonders die Unterweisungen des Konzils zum Thema der Ökumene und des Verhältnisses zwischen dem Christentum und den Religionen (Erklärung „Nostra Aetate“).

Die genauen Inhalte des Ausdrucks „Geist von Assisi“ lassen sich in diesen drei Punkten zusammenfassen: der unschätzbare Wert des Friedens und die Verantwortung der Religionen in Bezug auf seine Erlangung; das Bewusstsein der Bedeutung des Gebetes, um das Geschenk des Friedens zu erhalten; die Notwendigkeit der gegenseitigen Kenntnis und Wertschätzung der Menschen, welcher Religion auch immer sie angehören.

ZENIT: Alle Heiligen sind Förderer des Friedens; warum aber hat Johannes Paul II. bei seinem Entschluss, seine außergewöhnliche „Eingebung“ zu verwirklichen, an den heiligen Franziskus von Assisi gedacht?

Pater Giuseppe Piemontese: Der heilige Franziskus ist der Heilige, der in vollendeter Weise das Evangelium verkörpert hat, indem er zum „lebendigen Bild des gekreuzigten Christus“ geworden ist. Seine menschliche und christliche Erfahrung, die reich an Menschlichkeit, Spiritualität und Poesie ist, stellt jenes Ideal des Menschen dar, das in Männern und Frauen jeden Ortes, jeder Kultur und Religion eine Sehnsucht weckt. Seine Suche nach dem Frieden war sprichwörtlich und sinnbildlich für sein ganzes Leben geworden. Sein von Gott selbst offenbarter Gruß lautet: „Der Herr schenke dir den Frieden!“ Daher nähern sich ihm sehr viele Menschen ohne Vorurteile, jene Ablagerungen aus der Geschichte und aus falschen Interpretationen der Ereignisse. Weil er der Spur eines solchen Wohlwollens und einer solchen Sympathie folgen wollte, aber auch im Bewusstsein der Bedeutung, der Großartigkeit und des universalen Verständnisses der Gestalt des Franziskus, wollte Papst Johannes Paul II. sich in Assisi treffen, der Heimat des Heiligen, der Stätte seines Grabes und der Wiege seines menschlichen und christlichen Lebens.

ZENIT: Im Jahr 1986 wurde die Initiative von Johannes Paul II. mit großer Begeisterung, aber auch mit manchem Vorbehalt aufgenommen. Warum?

Pater Giuseppe Piemontese: Einige, auch in der katholischen Kirche, meinen, dass man keinerlei Beziehung zu jemandem haben dürfe, der sich zu einer anderen Religion bekennt. Sie befürchten, dass gemeinsame Gebetsveranstaltungen mit Vertretern anderer Religionen zum Relativismus und zum religiösen Synkretismus führen. Im Jahr 1986 war diese Haltung ziemlich verbreitet, und Papst Wojtyla schaltete sich am 22. Dezember 1986 mit einer Rede vor der römischen Kurie ein, indem er klarstellte, dass in Assisi alles „ohne einen Schatten der Verwirrung und des Synkretismus“ gedacht war. Er unterstrich als besonderes Faktum den Wert des Gebetes für den Frieden: „Zusammen um zu beten“ in einer außergewöhnlichen Notsituation, damit jeder an den Wurzeln der eigenen Religion die Qualität des Guten und den Bezug zum Frieden findet, jenes Geschenkes Gottes. Außerdem lädt das Zweite Vatikanische Konzil mutig zum ökumenischen und interreligiösen Dialog ein. Der Papst hat diesen Anspruch – ohne theologisches Durcheinander – bei dem Treffen in Assisi erklärt, ausgehend vom Thema der Suche und der Förderung des Friedens.

ZENIT: Sie Franziskaner sind in besonderer Weise in dieses Ereignis einbezogen. Die Bewegung „Geist von Assisi“ ist in Ihrem Haus entstanden; sie inspiriert sich an Ihrem Gründer und am „Spezifikum“ Ihrer Spiritualität: Hat es auch einen besonderen praktischen Einfluss auf Ihr gemeinschaftliches und persönliches Leben gehabt?

Pater Giuseppe Piemontese: Der „Geist von Assisi“ hat auch einige praktische Einstellungen des Lebens hier im „Sacro Convento“ zur Diskussion gestellt. Von einer Haltung der Verteidigung ist man übergegangen zu einer mutigeren Haltung der Einladung.

Wir wurden inzwischen ermutigt, den Dialog und die Begegnung mit Menschen aller Religionen und auch mit Nichtgläubigen zu fördern und zu unterstützen. Treffen und Diskussionen sowohl über theologische Themen als auch über Themen, die die Förderung des Friedens, den menschlichen Fortschritt, die Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung betreffen. Man sieht uns in besonderen Veranstaltungen zu diesen Themen in allen Teilen der Welt engagiert. Ein alltäglicherer und vertrauterer Ökumenismus und Dialog mit Vertretern anderer Religionen und mit Nichtgläubigen werden jedoch beim Besuch des Grabes des heiligen Franziskus und des „Sacro Convento“ gepflegt: Ein geistlicher und künstlerischer Rundgang endet oft mit einer geschwisterlichen Agape, die ein Zeichen des Teilens und der franziskanischen Geschwisterlichkeit hinterlässt, das über jedes Gespräch hinausgeht.

ZENIT: Hat der Geist von Assisi auch den Tourismus angesteckt?

Pater Giuseppe Piemontese: Assisi erinnert an einen solchen Geist, weil es von der Anwesenheit des heiligen Franziskus erfüllt ist, des universalen Bruders, des zweiten Jesus Christus und des Werkzeug seines Friedens. Gewiss verstehen nicht alle Touristen diese Themen, sondern werden von der Kunst angezogen. Und doch auch von der Schönheit der Basiliken und der Fresken. Sie spüren ein Klima des Friedens, von dem sie fasziniert bleiben.

ZENIT: Gibt es unter den Pilgern solche, die bei den Gesprächen die Themen des Friedens und der Versöhnung bevorzugen?

Pater Giuseppe Piemontese: Die Pilger haben schon ein Vorverständnis von diesen Themen, für die sie Bestätigungen und Vertiefungen suchen und finden an den franziskanischen Orten und bei den verschiedenen Maßnahmen, an denen sie teilnehmen (Tagungen, geistliche Übungen, Veranstaltungen etc.).

ZENIT: Welche Maßnahmen habt ihr Franziskaner in eurer Basilika im Zuge des „Geistes von Assisi“ umgesetzt?

Pater Giuseppe Piemontese: Schon vor dem Jahr 1986 hat der „Sacro Convento“ durch einige seiner Brüder die Aufnahme, die Begegnung und den Dialog von Vertretern anderer Religionen gefördert, sowohl in Assisi als auch in der ganzen Welt, durch das „Ökumenische Zentrum des ‚Sacro Convento‘“. Nach dem Jahr 1986 wurden diese Maßnahmen vermehrt und verstärkt. Pater Massimiliano Mizzi (1930-2008), der ein unermüdlicher Förderer des Dialogs mit Gruppen und Vertretern aller Religionen im „Sacro Convento“ und im Ausland war, wurde zur treibenden Kraft und zum Verantwortlichen des CEFID (Internationales Franziskanisches Zentrum für den Dialog). Es bietet Veranstaltungen zur Ausbildung, Aufnahme und Begegnung von Vertretern der verschiedenen christlichen und nicht christlichen Konfessionen an. Derzeit verfolgt der „Sacro Convento“ in Zusammenarbeit mit dem CEFID die Erreichung der Ziele weiter durch Initiativen der Begegnung, des Studiums und des Dialogs mit verschiedenen Religionsvertretern, wie ich schon gesagt habe. In den verschiedenen Ländern gibt es sieben weitere, nationale Zentren des Dialogs und des Friedens, die mit wichtigen Programmen von den „Frati Minori Conventuali“ (den Konventualen) vorangetrieben werden.

[Übersetzung des italienischen Originals von Dr. Edith Olk]