"Ich habe die Hoffnung, dass Papst Benedikt XVI. uns geistlich in Bewegung bringt": Bischof Heinrich Mussinghoff über den Heiligen Vater, die eigene Berufung und seine großen Anliegen als Hirte von Aachen

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AACHEN, 17. August 2006 (ZENIT.org).- Seinen Glauben an Gott – das Bewusstsein, "dass ich mich von Gott geliebt weiß und dass er mich durch das Leben führt" – verdankt der Aachener Diözesanbischof Dr. Heinrich Mussinghoff (65) vor allem seiner Familie sowie den Priestern und Messdienern, die er in seiner Jugend kennen lernte. Heute schöpft er die Kraft für seinen täglichen Hirtendienst insbesondere aus der Heiligen Schrift, die ihm dank mehrer Reisen ins Heilige Land besonders ans Herz gewachsen sei, betont Bischof Mussinghoff gegenüber ZENIT. Sein seelsorgliches Wirken in der Nachfolge Christi zielt darauf ab, "dass wir als Christen 'unter Führung des Evangeliums' in der Weggemeinschaft der Glaubenden solidarisch Glaube, Hoffnung und Liebe verwirklichen".



Von seinem einstigen Lehrer Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI., der am 9. September in Bayern empfangen wird, erwartet sich der in Osterwick (heute Rosendahl) in der Nähe von Coesfeld/Westfalen geborene Hirte einen pfingstlichen Aufbruch, "der neue Kräfte des Glaubens freisetzt".

ZENIT: Wie verstehen Sie Ihr Hirtenamt?

Bischof Mussinghoff: Christus ist Hirt und Bischof unserer Seelen (vgl. 1 Petr 2,25). Er hat seine Sendung den Aposteln übertragen, in deren Nachfolge ich das apostolische Amt und die apostolische Sendung mit den übrigen Bischöfen ausübe. In Gemeinschaft mit dem Papst und allen Bischöfen verstehe ich mich als Hirt der Kirche von Aachen, der das Evangelium verkündet und die Sakramente spendet, der zuhört und der darauf sieht, dass die Ordnung kirchlichen Lebens gewahrt wird, der geistliches Leben anregt und Sorge um die karitativen Dienste trägt.

ZENIT: Eine persönliche Frage: Könnten Sie uns etwas über Ihre Entscheidung zum Priestertum und allgemein Ihren Glaubensweg erzählen? Wer oder was hat Sie begleitet?

Bischof Mussinghoff: Es gibt kein großes Bekehrungserlebnis. Wir Kinder und Jugendlichen lebten das kirchliche Leben in unserem Dorf mit, waren Messdiener, halfen beim Sonntagsläuten, spielten Tischtennis beim Vikar. Das alles formte den Wunsch, Priester zu werden. Der Vikar ebnete den Weg, dass ich nach der achtklassigen katholischen Volksschule in einem Förderkurs am Coesfelder Pius-Kolleg vier Gymnasialjahre in zwei Jahren machen konnte und so den Anschluss erhielt. Die Gemeinschaft im Pius-Kolleg war für mich gut. Noch heute, nach 45 Jahren, spiele ich einmal im Jahr "Doppelkopp" mit den Freunden von damals. Meinen Glauben verdanke ich wesentlich meiner Familie, den Priestern und den Messdienern.

ZENIT: Gibt es für Sie so etwas wie eine geistige Heimat, einen theologischen Hintergrund?

Bischof Mussinghoff: Als ich 1962 zu Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils mein Theologiestudium in Münster begann, gab es eine große Aufbruchstimmung in der Kirche. Wir begannen die ersten geistlichen Tage mit 70 jungen Männern. Als sich Spiritual Johannes Bours darüber wunderte, dass im Neuen Testament doch von 72 Jüngern des Herrn die Rede sei, kamen noch zwei Nachzügler hinzu.

Ich habe eine vorzügliche theologische und spirituelle Ausbildung erhalten. Neben Spiritual Bours waren Joseph Ratzinger, Walter Kasper, Johann Baptist Metz und Karl Rahner unsere akademischen Lehrer. Der heutige Papst war Konzilsberater des fast erblindeten Kölner Kardinals Frings und brachte aus Rom die noch nicht veröffentlichten Konzilstexte mit. Er begeisterte uns durch seine Spiritualität und Theologie. Ich habe mich persönlich sehr mit dem Alten Testament beschäftigt, zumal damals die Qumran-Texte veröffentlicht wurden.

ZENIT: Woraus schöpft Ihr inneres Leben? Gibt es für Sie eine besondere Kraftquelle?

Bischof Mussinghoff: Ich habe schon gesagt, dass ich mich stark mit der Bibel beschäftigt habe. Durch Pilgerreisen in die biblischen Länder wurde mir die Bibel noch konkreter und anschaulicher. Das Wort Gottes ist die Kraftquelle, aus der ich täglich trinke. Die Feier der Liturgie und des Stundengebets ist mir wichtig. Die Verkündigung inspiriert mich immer wieder neu.

ZENIT: Die Weltbischofssynode im Oktober vergangenen Jahres stand unter dem Thema der Eucharistie. Welche Bedeutung hat sie in Ihrem Leben?

Bischof Mussinghoff: Die Eucharistie ist für mich Quelle und Mittelpunkt des christlichen Lebens. Seit meiner ersten heiligen Kommunion habe ich täglich (bis auf wenige Ausnahmen) die Heilige Messe mitgefeiert. Frühchristliche Märtyrer in Karthago haben dem Untersuchungsrichter auf die Frage, warum sie verbotenerweise Eucharistie gefeiert hätten, geantwortet: "Ohne den Tag des Herrn, ohne das Geheimnis des Herrn können wir nicht sein." Das ist mein geistlicher Existenzgrund.

ZENIT: Was bedeutet es zu glauben? Wie wirkt sich das aus?

Bischof Mussinghoff: Glauben heißt für mich, dass ich mich von Gott geliebt weiß und dass er mich durch das Leben führt. Er ist der Grund meines Vertrauens zu den Menschen und zur Welt. Die Inhalte des christlichen Glaubens durchdringen all mein Fühlen, Denken und Handeln. Der Glaube gibt meinem Leben Form und Bedeutung. Der Glaube prägt meine religiöse Praxis und meine ethische Einstellung.

ZENIT: Jesus ist auferstanden. Wo sehen Sie ihn, wie kommunizieren Sie mit ihm?

Bischof Mussinghoff: Jesus ist auferstanden. Ich sehe ihn nicht. Ich erfahre ihn im Gebet, im Hören auf das Wort Gottes, in der Feier der Eucharistie.

Ich halte es mit Petrus, der sagt: "Ihn habt ihr nicht gesehen, und dennoch liebt ihr ihn; ihn seht ihr auch jetzt nicht, aber ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer, von Herrlichkeit erfüllter Freude. Denn ihr werdet das Ziel eures Glaubens erreichen: euer Heil" (1 Petr 1,8).

ZENIT: Was sind Ihre Herzensanliegen?

Bischof Mussinghoff: Mein Herzensanliegen ist, dass wir als Christen "unter Führung des Evangeliums" in der Weggemeinschaft der Glaubenden solidarisch Glaube, Hoffnung und Liebe verwirklichen und dem Herrn die Wege zu den Herzen der Menschen bereiten. Dabei leitet mich das Bewusstsein, dass der Herr das Heil aller Menschen will.

ZENIT: Worin sehen Sie die großen Herausforderungen unserer Zeit?

Bischof Mussinghoff: Wir stehen in großen geistigen Umbrüchen. Die Sozialgestalt des kirchlichen Christentums wandelt sich. Die größte Herausforderung ist die Frage, wie wir heute missionarische Kirche sein können: Wie können wir Menschen von der Freude des Glaubens überzeugen? Wie können wir Berufungen von Menschen unterstützen, die als Priester, als pastorale und kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ehrenamtlich und hauptberuflich den Glauben in die neue Zeit tragen?

ZENIT: Was sagen Sie zu Papst Benedikt XVI., welche Hoffnungen verbinden Sie mit ihm?

Bischof Mussinghoff: Es ist schon interessant, den einstigen theologischen Lehrer nun als Papst zu erleben. Papst Benedikt XVI. hat die Herzen der Menschen erobert. Das zeigte der Weltjugendtag in Köln. Der Papst ist ein geistlicher Mensch. Er spricht eine einfache, bisweilen poetische Sprache. Er ist bescheiden und zurückhaltend und dennoch freundlich und zugewandt.

Viele erwarteten von seinem ersten Weltrundschreiben (vgl. Enzyklika Deus caritas est), dass er klar und deutlich die Pflöcke der Dogmen und der Moral einhämmern würde – aber der Papst spricht über die Liebe. Andere hofften, dass er liturgischen Wildwuchs beschneiden und liberalistisches Gedankengut geißeln würde – aber der Papst schreibt über die Liebe. Wieder andere meinten, der Papst müsse die Kirche reformieren, den Zölibat aufheben, Frauen zu Priesterinnen weihen, geschiedene Wiederverheiratete zur Kommunion zulassen, die Sexualmoral lockern usw. – aber der Papst schreibt über die Liebe. "Deus caritas est", Gott ist die Liebe. Und Gottes- und Nächstenliebe gehören zusammen.

Ich habe die Hoffnung, dass Papst Benedikt XVI. uns geistlich in Bewegung bringt, dass wir einen pfingstlichen Aufbruch erleben, der neue Kräfte des Glaubens freisetzt. Ich habe in Auschwitz-Birkenau erlebt, wie der Papst diese Stätte des Mordens und Grauens besuchte, wie er ergriffen betete und sprach und wie Gottes Regenbogen, das Zeichen des Friedens, über ihm stand. Möge Gottes Friede stets über Papst und Kirche, über Menschen und Welt, besonders über den Geschundenen, Entrechteten und Ermordeten stehen.