Ich habe von Jesus im Fernsehen gehört

In Tunesien gibt es kaum einheimische Christen. Dennoch ist der Glaube dort lebendig.

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Von Oliver Maksan, Nahost-Korrespondent von „Kirche in Not“

MÜNCHEN, 23. August 2012 (ZENIT/KIN). - Tunesien, das war einst die lebendige Herzkammer des westlichen Christentums. Der Kirchenvater Cyprian wirkte hier als Bischof, die beiden heiligen Felicitas und Perpetua erlitten das Martyrium und der heilige Augustinus predigte gegen die Irrtümer seiner Zeit.

Von dieser altchristlichen Herrlichkeit ist wenig geblieben. Der Wind pfeift heute durch die Ruinen der Basiliken und Taufhäuser des antiken Karthago nahe der Hauptstadt Tunis. Doch Tunesien ist nicht nur eine viel zu wenig beachtete Schatzkammer christlicher Vergangenheit. Hier glaubt, betet und dient auch heute eine lebendige christliche Gemeinschaft. Wieder, muss man sagen. Denn die etwa 25.000 Christen – 20.000 davon sind Katholiken – in dem nordafrikanischen Land mit seinen rund elf Millionen Einwohnern sind fast alle Ausländer.

Der sunnitische Islam Tunesiens gilt als moderat, die frankophonen Eliten des ehemaligen französischen Protektorats sind westlich orientiert. Nicht umsonst nahm der „Arabische Frühling“ hier 2011 seinen Ausgang, ausgelöst von liberalen jungen Studenten. In keinem anderen arabischen Land ist die Stellung der Frau so stark wie hier. Trotzdem prägt der Islam das öffentliche Leben. Nach der alten Verfassung war Tunesien gar ein islamischer Staat. Konversionen zum Christentum sind für Tunesier – anders als die bewusste Abwerbung vom Glauben – gesetzlich nicht verboten. Jean (Name geändert) ist einer der wenigen gebürtigen Tunesier, die sich haben taufen lassen. Das amerikanische Außenministerium schätzt ihre Zahl in seinem Bericht zur Religionsfreiheit aus dem Jahr 2010 auf insgesamt etwa 2.000 Personen. Meist treten sie protestantischen Gemeinschaften bei. So auch der 23-jährige Jean.

„Ich habe von Jesus im Fernsehen gehört. Es gab da eine Sendung über ihn“, sagt er. Tatsächlich sehen viele Tunesier die Programme aus dem nahen Italien oder Frankreich. „Und seine Botschaft hat mich nicht mehr losgelassen.“ Jean ließ sich in einer protestantischen Gemeinschaft taufen. Doch das Charismatische und Formlose der Gottesdienste gefielen ihm nicht. Er kam schließlich in Kontakt mit der katholischen Kirche. „Als ich die Liturgie dort sah, wusste ich: Hier will ich Mitglied werden.“ Er wird nach einer Vorbereitungszeit in die katholische Kirche aufgenommen.

„Wir haben Jean aber klar gemacht, dass eine Aufnahme in die Kirche keinen Anspruch auf Versorgung begründet“, sagt Pater Silvio. Der 30-jährige Priester gehört einer aus Argentinien stammenden Ordensgemeinschaft an und wirkt seit einigen Jahren als Kaplan an der Kathedrale der Erzdiözese Tunis. „Aber selbstverständlich helfen wir jedem, ohne Ansehen der Religion, besonders dann, wenn er in finanziellen Schwierigkeiten ist.“

Die Stimmung gegen die Christen – sofern sie nicht gerade Konvertiten vom Islam sind – sei nicht generell feindselig, weiß Schwester Marie (Name auf Wunsch geändert) zu berichten. Sie leitet eine Ordensschule im Norden Tunesiens. Neun kirchliche Schulen gibt es im Land. „Die Menschen respektieren uns Schwestern sehr, nicht zuletzt wegen unserer Ordenstracht mit dem Schleier.“

Jedes Jahr, wenn die Einschreibung für das neue Schuljahr beginnt, stehen die Menschen in langen Schlangen an, um ihre Kinder in der traditionsreichen Grundschule unterbringen zu können.  Als im vergangenen Jahr die Jasmin-Revolution Tunesien veränderte, standen Anwohner Tag und Nacht vor der Schule Wache. „Sie haben uns sogar freiwillig nach Tunis eskortiert“, sagt Schwester Marie.

„Der Islam ist hier offener, vielleicht auch wegen unserer Schule.“ Schüler und Lehrer, darunter auch viele Muslime, pflegen ein herzliches Verhältnis mit den vier Schwestern. „Im letzten Jahr haben wir mit unseren Lehrerinnen sogar Sizilien besucht und an einer Prozession zu Ehren des heiligen Josef teilgenommen. Die Frauen waren begeistert. Und im nächsten Jahr wollen sie mit uns in den Vatikan fahren. Auf eigenen Wunsch!“

Trotz so viel lokaler Harmonie: Nicht nur Christen sind besorgt, in welche Richtung sich Tunesien entwickeln wird. Die ersten freien Wahlen nach dem Sturz des Diktators Ben Ali brachten die lange Jahre unterdrückten islamischen Partei Ennahda an die Macht. Zwar gelten sie als gemäßigt. Doch schweigen sie regelmäßig zu den Übergriffen der Salafisten, die sich besonders bei einfachen Menschen großer Unterstützung erfreuen. So wurde etwa kürzlich der Geistliche der russisch-orthodoxen Gemeinde in Tunis von ihnen bedroht: Er könne konvertieren, die traditionelle Kopfsteuer für Christen bezahlen oder den Tod wählen.

Solche Extremisten sind sicher nicht repräsentativ. Dennoch nimmt Schwester Sophia (Name auf Wunsch geändert) eine zunehmende Islamisierung wahr. Die Schulleiterin in Tunis, deren Schule ausschließlich von Muslimen besucht wird, meint: „Die Eltern unserer Schüler fragten früher nicht, ob wir auch wirklich den Islam in der Schule lehrten und nicht das Christentum. Auch hat sich niemand erkundigt, ob Kreuze in den Klassenzimmern hingen. Das ist seit der Revolution anders.“ Nach ihrer Meinung suchen die Menschen angesichts all der Umbrüche ihre Identität im Islam. „Wir leben in einer Epochenzeit.“ Sie gibt sich aber optimistisch: „Das wird sich wieder einpendeln.“