"Ich kann nicht beten"

Benedikt XVI. über das Beten, Generalaudienz Petersplatz 16. Mai 2012

Rom, (ZENIT.org) Redaktion | 471 klicks

Der hl. Paulus schreibt im Brief an die Römer: „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können“ (8,26). Und wir wissen, wie wahr es ist, wenn der Apostel sagt: „Wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen.“ Wir wollen beten, aber Gott ist fern, wir haben nicht die Worte, die Sprache, um mit Gott zu sprechen, nicht einmal das Denken. Wir können uns nur öffnen, unsere Zeit Gott zur Verfügung stellen, darauf warten, daß er uns helfen möge, in das wahre Gespräch einzutreten.

Der Apostel sagt:

Gerade dieses Fehlen der Worte, diese Abwesenheit von Worten, und dennoch dieser Wunsch, mit Gott in Berührung zu treten, ist Gebet, das der Heilige Geist nicht nur versteht, sondern das er vor Gott bringt, auslegt. Gerade unsere Schwachheit wird durch den Heiligen Geist zum wahren Gebet, zur wahren Berührung mit Gott. Der Heilige Geist ist gleichsam der Dolmetscher, der uns selbst und Gott verstehen läßt, was wir sagen wollen. Im Gebet erfahren wir, mehr als in anderen Dimensionen des Lebens, unsere Schwachheit, unsere Armut, unsere Geschöpflichkeit, da wir der Allmacht und der Transzendenz Gottes gegenüberstehen. Und je mehr wir im Hören auf Gott und im Gespräch mit ihm fortschreiten, damit das Gebet zum täglichen Atem unserer Seele wird, desto mehr werden wir uns auch unserer Grenzen bewußt, nicht nur gegenüber den konkreten Situationen des Alltags, sondern auch in der Beziehung zum Herrn. Dann wächst in uns das Bedürfnis, auf ihn zu vertrauen, uns ihm immer mehr anzuvertrauen. Wir verstehen: „Wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen“ (Röm 8,26). Und der Heilige Geist nimmt sich unserer Unfähigkeit an, erleuchtet unseren Verstand und erwärmt unser Herz, indem er unser Sprechen mit Gott leitet. Für den hl. Paulus ist das Gebet vor allem das Wirken des Heiligen Geistes in unserer Menschlichkeit, um sich unserer Schwachheit anzunehmen und uns von Menschen, die an die materielle Wirklichkeit gebunden sind, in geistliche Menschen zu verwandeln.

Und ich möchte jetzt drei Konsequenzen in unserem christlichen Leben hervorheben, die sich ergeben, wenn wir nicht den Geist der Welt in uns wirken lassen, sondern den Geist Christi als inneres Prinzip unseres Handelns. Zunächst werden wir durch das vom Geist beseelte Gebet in die Lage versetzt, jede Form der Angst oder der Knechtschaft abzuschütteln und zu überwinden und die echte Freiheit der Kinder Gottes zu leben. Ohne das Gebet, das täglich unser Dasein in Christus nährt, in einer Vertrautheit, die immer mehr zunimmt, befinden wir uns in der Situation, die der hl. Paulus im Brief an die Römer beschreibt: „Wir tun nicht das Gute, das wir wollen, sondern das Böse, das wir nicht wollen“ (vgl. Röm 7,19). Und das ist der Ausdruck der Entfremdung des Menschen, der Zerstörung unserer Freiheit durch die Umstände unseres Daseins durch die Erbsünde: Wir wollen das Gute, das wir nicht tun, und wir tun das, was wir nicht wollen, das Böse. Der Apostel will zu verstehen geben, dass uns nicht in erster Linie unser Wille und auch nicht das Gesetz aus dieser Situation befreit, sondern der Heilige Geist. Und „wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17): Durch das Gebet erfahren wir also die vom Geist geschenkte Freiheit – eine echte Freiheit, die Freiheit vom Bösen und von der Sünde für das Gute und für das Leben, für Gott. Die Freiheit des Geistes, so der hl. Paulus weiter, ist niemals gleichzusetzen mit der Zügellosigkeit und auch nicht mit der Möglichkeit, das Böse zu wählen, sondern »die Frucht des Geistes … ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung« (Gal 5,22–23). Das ist die wahre Freiheit: wirklich dem Wunsch nach dem Guten, nach der wahren Freude, nach der Gemeinschaft mit Gott folgen zu können und nicht bedrückt zu sein von den Umständen, die andere Richtungen von uns verlangen.

Eine zweite Konsequenz, die sich in unserem Leben ergibt, wenn wir den Geist Christi in uns wirken lassen, ist, daß die Beziehung zu Gott so tief wird, daß sie nicht von irgendeiner Wirklichkeit oder Situation angegriffen werden kann. Wir verstehen also, daß wir durch das Gebet nicht von Prüfungen und Leiden befreit sind, aber sie vereint mit Christus leben können, mit seinem Leiden, in der Aussicht, auch an seiner Herrlichkeit teilzuhaben (vgl. Röm 8,17). Oftmals bitten wir Gott in unserem Gebet, vom physischen und geistlichen Leiden befreit zu werden, und wir tun das mit großem Vertrauen. Dennoch haben wir oft den Eindruck, nicht erhört zu werden, und dann laufen wir Gefahr, den Mut zu verlieren und nicht beharrlich zu sein. In Wirklichkeit gibt es keinen menschlichen Schrei, den Gott nicht hört, und gerade im beständigen und treuen Beten verstehen wir wie der hl. Paulus, daß „die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8,18). Das Gebet befreit uns nicht von Prüfung und Leiden – ja, der hl. Paulus sagt sogar, wir „seufzen in unserem Herzen und warten darauf, daß wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden“ (Röm 8,23); er sagt, daß das Gebet uns nicht vom Leiden befreit, sondern daß wir es durch das Gebet mit neuer Kraft leben und ihm mit dem Vertrauen Jesu begegnen können. „Als er auf Erden lebte, hat er“ – wie es im Hebräerbrief heißt – „mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden“ (5,7). Die Antwort Gottes, des Vaters, an den Sohn, auf sein lautes Schreien und seine Tränen, war nicht die Befreiung vom Leiden, vom Kreuz, vom Tod, sondern es war eine weitaus größere Erhörung, eine viel tiefere Antwort; durch das Kreuz und den Tod hat Gott mit der Auferstehung des Sohnes geantwortet, mit dem neuen Leben. Das vom Heiligen Geist beseelte Gebet führt auch uns dahin, jeden Tag den Weg des Lebens zu gehen, mit seinen Prüfungen und Leiden, in völliger Hoffnung, im Vertrauen auf Gott, der antwortet wie er dem Sohn geantwortet hat.

Und drittens öffnet sich das Gebet des Gläubigen auch auf die Dimensionen der Menschheit und der gesamten Schöpfung hin, „denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes“ (Röm 8,19), und das Gebet nimmt sich dieses Wartens an. Das bedeutet, daß das Gebet, getragen vom Geist Christi, der in unserem Innern spricht, nie in sich selbst verschlossen bleibt, daß es niemals nur Gebet für mich selbst ist, sondern sich öffnet zum Teilen der Leiden unserer Zeit, der anderen. Es wird zur Fürsprache für die anderen, und so zur Befreiung von mir selbst, zum Kanal der Hoffnung für die ganze Schöpfung, zum Ausdruck jener Liebe Gottes, die ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist (vgl. Röm 5,5). Und gerade das ist Zeichen eines wahren Gebets, das nicht in uns selbst endet, sondern sich zu den anderen hin öffnet und mich so befreit und so zur Erlösung der Welt beiträgt.“

Aus: Benedikt XVI, Generalaudienz Petersplatz 16. Mai 2012