Ich kann nicht schweigen. Morgen schon könnten sie mich töten

Asma Jahangir, Verfechterin der Menschenrechte und Feindbild der Extremisten

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Von Valentina Colombo*

ROM, 26.Juni 2012 (ZENIT.org). -„Ich kann nicht schweigen. Morgen schon könnten sie mich töten […] Dieser Mordplan ist nicht das Produkt von Machenschaften auf den unteren Ebenen; er entspringt der obersten Machtebene.“ Diese Worte stammen von der Pakistanerin Asma Jahangir,  die als erste Frau den Vorsitz der Anwaltsvereinigung beim Obersten Gerichtshof Pakistans führte und sich in der Vergangenheit häufig gegen die „hudud“-Verordnungen, die Teil des islamischen Strafrechts sind, und das Blasphemie-Gesetz ausgesprochen hat.

Asma Jahangir zählt zu den mutigsten und direktesten Frauen der islamischen Welt. Sie wurde an katholischen Schulen ausgebildet. Ihr Einsatz für den Schutz der Rechte von Minderheiten verhalf ihr zu großer Bekanntheit, brachte ihr jedoch auch Morddrohungen von Seiten islamischer Extremisten ein, in deren Augen sie als eine vom Glauben Abgefallene gilt.

Jahangir, die von 2004 bis 2010 als UN-Sonderberichterstatterin für Religions- und Glaubensfreiheit tätig war, befindet sich unter den Gründungsmitgliedern der Menschenrechtskommission Pakistans. Während ihrer beruflichen Laufbahn galt ihr Bemühen stets dem Kampf gegen Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen.

Bei der oben angeführten Aussage handelt es sich keineswegs um eine Banalität, sondern um die gezielte Provokation einer pakistanischen Frau gegen ihre eigene Regierung; eine Regierung, die seit einem halben Jahrhundert Kompromisse mit dem radikalen Islamismus schließt. Seit der Machtübernahme durch Zia-ul-Haq im Jahr 1977 unterliegt Pakistan einem Prozess der Islamisierung, der auch und vor allem eine Frauen diskriminierende Gesetzgebung zur Folge hatte.

Die so genannten Hudud-Verordnungen und das Beweisrecht, das die Zeugenaussage einer Frau als nur halb so beweiskräftig einstuft wie die eines Mannes, sind nur zwei Beispiele dafür. Im Falle von sexueller Gewalt wird die Frau wegen Ehebruch verurteilt, sofern keine Zeugen vorhanden sind. Das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW[1]) wurde von Pakistan im Jahr 1996 zwar unterzeichnet. Dies erfolgte allerdings mit Einschränkungen in Bezug auf die im Widerspruch zur Sharia stehenden Punkte. Die vom islamischen Recht vorgesehen Diskriminierung der Frauen wurde also trotz der Unterzeichnung beibehalten.

Eine Aktivistin wie Asma Jahangir ist in einem derartigen Kontext aus offensichtlichen Gründen unbequem, sehr unbequem. Ihr Engagement für die Frauen und für die Minderheiten und ihr Laizismus, obwohl sie ihren Glauben nie verleugnete, machten sie zur Zielscheibe des lokalen islamischen Extremismus.

Ihr gemeinsam mit Salman Taseer, dem Gouverneur von Punjab, geführter Kampf gegen das Blasphemie-Gesetz verschlimmerte ihre Lage zusätzlich. Der Mord an Taseer im Januar 2011 veranlasste Asma Jahangir zu einem gramerfüllten Appell, in dem sie insbesondere die pakistanische Regierung der Komplizenschaft mit den islamischen Extremisten beschuldigte. „Als ob der Mord an Salman Taseer nicht schon genug wäre, haben Personen im Fernsehen diesen Mord auch noch gerechtfertigt“, so die ehemalige UN-Sonderberichterstatterin in ihrem Appell.

Sie fuhr folgendermaßen fort: „Selbst der Innenminister hat die Drohung ausgesprochen, den Urheber einer in seiner Gegenwart getätigten blasphemischen Aussagen umzubringen. Salman Taseer hat niemals ein blasphemisches Wort gesprochen, sondern lediglich daran erinnert, dass das Gesetz einer Überarbeitung bedarf.“ Es handelt sich dabei um eine präzise offene Anklage gegen eine Regierung, die nicht in der Lage ist, sich von einem um sich greifenden islamischen Radikalismus zu distanzieren und nicht den Mut hat, den Kurs des Landes in Richtung Modernität zu lenken.

Das Leben der mutigen Anwältin ist offensichtlich in ernster Gefahr. Daraus ergibt sich die unverzichtbare Notwendigkeit eines Appells zur Sensibilisierung der öffentlichen Meinung und der internationalen Institutionen, damit die pakistanische Regierung für jeglichen Gewaltakt gegen Jahangir zur Rechenschaft gezogen wird und zudem Bemühungen um einen Prozess der inneren Reform unternimmt. Dieser soll bei einem Bildungswesen nach dem Madrasa-System beginnen, das auf eine Verbesserung der Stellung von Minderheiten im Allgemeinen und der Frau im Besonderen ausgerichtet ist.

Wenn die Welt möchte, dass Menschen wie Asma Jahangir weiterhin ihre Stimme erheben und Verletzungen der Menschenrechte verurteilen, so muss sie sich jeden Tag daran erinnern, dass diese Stimmen nur dann überleben, wenn sie auf internationaler Ebene Schutz und Anerkennung bekommen.

*Valentina Colombo, geb. 1964 in Cameri, Novara, wirkt als Dozentin für Kultur und Geopolitik des Islam an der Europäischen Universität Rom sowie als Senior Fellow an der “European Foundation for Democracy” (Europäische Stiftung für Demokratie) in Brüssel und führt den Vorsitz des Verbandes „Vincere la paura“ (Die Angst besiegen) für die Religionsfreiheit und die freie Meinungsäußerung. Sie ist Autorin zahlreicher Artikel und Aufsätze zur islamisch-arabischen Welt und Übersetzerin des Literaturnobelpreisträgers Nagib Mahfuz und vieler anderer klassischer (Jahiz und Hamadhani) und zeitgenössischer (Bayyati, Quabbani, Adonis) arabischer Autoren.  Ihre Forschungsarbeit konzentriert sich vor allem auf liberale arabische Intellektuelle und die Rolle der Frau in den Demokratisierungsprozessen in den Ländern des Mittleren Ostens.

[1]  Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination Against Women

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]