Ich möchte sie nicht religiös erziehen

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 517 klicks

Ich bin Ärztin und Mutter. Ich habe meine Prinzipien. Meine Tochter ist jetzt sechs, und der Sohn vier Jahre alt. Ich möchte sie nicht religiös erziehen, so wie uns unsere Eltern erzogen haben.  Wir waren sieben, und wir wurden zu streng im Glauben erzogen. Das ist für mich widerlich.

Ich weiß, Sie werden meiner Haltung widersprechen. Trotzdem schreibe ich Ihnen, weil es mich interessiert. Deshalb befinde ich mich in einem dauernden Konflikt mit meiner Schwiegermutter. Für jetzt so viel.

Danijela

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Abgesehen vom Konflikt mit ihrer Schwiegermutter und von den pädagogisch-psychologischen Methoden Ihrer Eltern (ich kann nicht urteilen, und hier ist auch nicht der Ort dafür), beunruhigt Ihre persönliche Haltung, sogar unter dem gesellschaftlichen Aspekt. Betrachten wir in aller Ruhe Ihre Worte: „Ich möchte sie nicht religiös erziehen!“ Ich bemerke, dass ich jetzt nicht aus der Heiligen Schrift und aufgrund der Kirchenlehre antworte, also, ich antworte nicht aus dem Glauben heraus. Vielleicht würde Sie eine solche Sprache irritieren, ich weiß es nicht. Deswegen bitte ich Sie, mit mir im Bereich einer gewöhnlichen Vernunftsbetrachtung zu bleiben!

Wissen wir eigentlich, was es bedeutet „erziehen“? Bedeutet das nicht, dem Kinde zu helfen, richtig groß zu werden (wie eine junge Fruchtpflanze, Weinrebe, besonders empfindliche Blume), nicht nur körperlich, sondern auch seelisch und geistig, weil der Mensch eine vernünftige und freie Person ist; also, dass er sich in jeder Hinsicht fortentwickelt, und dass er sich richtig entfaltet in voller Ganzheit der menschlichen Individualität in eine volle Persönlichkeit. Ein ganzes Gefüge der Worte, Anweisungen, konkreter Lebensbeispiele, dauerhafter Anregungen in Liebe streben danach, damit das kindliche ICH und seine Person zur Freiheit und zu ihrer richtigen Anwendung gelangen, damit sie zu den Quellen der echten Lebensfreude und der berechtigten Unabhängikeit kommen, um sich harmonisch in die Gesellschaft und in die Welt, in der das Kind lebt, zu positionieren. 

Alle Komponenten, die die menschliche Person und geordnete menschliche Gesellschaft ausmachen, sind, demzufolge, die Aufgabe einer gesunden Erziehung. Und das Ziel der gesamten Erziehung ist: in jeder Hinsicht harmonisch entfaltete menschliche Person (Persönlichkeit), in voller Unabhängikeit und Selbstverantwortlichkeit. Eine solche Erziehung muss sich unbedingt fragen: welchen Bereich nimmt im Menschen der Geist mit seiner ganzen Spannweite ein, welche Zuständigkeit haben die Vernunft, der Wille, die Gefühle, das Unterbewusstsein; welches Gewicht und welchen Wert haben die endgültigen Fragen, die aus dem menschlichen Wesen herkommen, und die sich ein Kind nicht selten mit einer unglaublichen Hartnäckigkeit stellt? Ein Ereignis, eine neue Erfahrung, ein Schock, ein Trauma, eine Freude erwecken im Kind Fragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Warum lebe ich? Wozu Tod, Trauer, Krankheit? Wozu Gehorsam, Abhängikeit, Gesetze? Was ist Freiheit?

Sowohl Sie als auch andere Eltern haben erlebt, dass der unschuldige Mund hartnäckig fragt, und nach der Antwort wieder fragt, und immer weiter fragt. Es ist Ihnen klar, dass Ihre ersten Antworten Balsam oder Frost, Einpflanzen oder Ausreissen, Bauen oder Zerstören bedeuten können. Davon hängen das zukünftige Leben und die Kultur Ihres Kindes ab. Wie der Töpfer, der das Gefäß, der Glaser das Glas gestaltet, formen Sie Ihr Kind: es ist in Ihren Händen. Die Antworten, das Benehmen und das Beispiel Ihres Lebens müssen objektiv, wahrhaft sein, gegeben in Liebe und Güte.

In der Wahrnehmung dieser Aspekte der kindlichen elementaren Erfahrung, frage ich Sie: mit welchem Gewissen dürfen die Eltern oder der Erzieher auf solche Fragen nicht antworten, irgendetwas oder falsch antworten? Woher haben wir das Recht, ihnen die Wahrheit vorzuenthalten, sie zu betrügen, zu verdummen? Was wäre das für eine Manipulierung? Wenn wir vom unschuldigen Mund gefragt werden, versteckt sich nicht dahinter ehrliches menschliches Bedürfnis? Und wenn wir dem Kind auf die Fragen, die sich auf den sozialen, wissenschaftlichen, künstlichen, allgemeinkulturellen, wirtschaftlichen, sittlichen, unterhaltenden Bereich beziehen, richtig antworten, können wir wirklich den berechtigten Grund finden, ihm das Recht auf die objektive Wahrheit vorzuenthalten oder zu negieren, wenn es sich um religiöse Fragen handelt?

Es sind Ihnen die internationalen Deklarationen über die Rechte der Kinder bekannt! Von London, aus dem Jahre 1942, die die Internationale Liga für neue Erziehung gebracht hat, im Artikel 6 heisst es: „Das Kind muss in der Lage sein, religiöse Erziehung zu erhalten.“ Oder die Deklaration der Vereinten Nationen von 20. November 1959, Artikel 2: „Das Kind muss besonderen Schutz haben und die Möglichkeiten und Erleichterungen aufgrund von Gesetzen und anderen Maßnahmen genießen, damit es gesund und normal auf dem physischen, intellektuellen, geistigen und sozialen Plan wachsen kann, in Umständen der Freiheit und der Würde.“ Und die vierte Kommission des Weltkongresses über die Rechte der Kinder in Bejrut, 1963, sagt: „Jede menschliche Person muss in der Lage sein, ihre Bestimmung auf dem  natürlichen und übernatürlichen Plan zu erzielen… Hat das Recht auf ihre menschliche Verwirklichung… Unter den politischen Mächten und Personen, beziehungsweise der Organisationen, zuständig für die religiöse Erziehung, in einer Atmosphäre der gegenseitigen Achtung, muss man die Möglichkeiten herausfinden, dem Kinde die notwendigen Elemente für eine volle Verwirklichung der gesellschaftlichen und religiösen Erziehung zu bieten, in Achtung der Menschenwürde und der menschlichen Freiheit.“

Wir bringen noch die berühmte Europäische Urkunde aus Helsinki, aus dem Jahr 1975, mit ihrem siebten Grundsatz – „Achtung der Menschenrechte und der Grundfreiheiten, der Freiheit des Denkens, des Gewissens, des Glaubensbekenntnisses oder der Überzeugung eingeschlossen“, von den Oberhäupten und Regierungen der 35 Länder unterzeichnet.Von dieser Deklaration hat sich die Belgrader Konferenz auf dem Weltplan, aus dem Jahr 1978, nicht entfernt. Und es ist bekannt, was alles im Jahr 1979 – im „Jahr des Kindes“ – für die Unverletzlichkeit der Kinderrechte gemacht wurde. Das zwanzigste Jubiläum der Deklaration der Kinderrechte (1959-1979) wurde besonders groß gefeiert.

Es ist zwar nicht immer allen klar, was es bedeutet, „religiös“ zu erziehen. Lassen wir hier äußere Ausdrücke der Religiosität und bleiben wir auf der Grundlage der natürlichen Betrachtung. „Religiös“ erziehen bedeutet, erziehen zum Nachdenken, zum Reflektieren, den tiefen Durst des Geistes zu stillen, dem Verstand und dem Herzen zu helfen, auf sich ernsthafte und verantwortungsvolle Aufgaben des Lebens zu übernehmen, vor den Forderungen der menschlichen Würde  nicht zu fliehen, die verlangt, dass jeder Mensch sich im konkreten Leben als Mensch verwirklicht. Und das bedeutet – ferner – dem jungen Menschen zu helfen, seinen Orientierungstiefenpunkt, den er in sich trägt, zu finden, der für ihn Kraft und Zuflucht bedeutet, um sich frei in den Vergänglichkeiten und Stürmen des Lebens zu bewegen. Religiös erziehen bedeutet also, im Kind die Gravitationsmitte zu entdecken, die ihm als unerschütterlicher Verbindungspunkt dient für alles im geschichtlichen Prozess seines Lebens und als Punkt der Beständigkeit in ständigen Veränderlichkeiten.

Nicht religiös erziehen bedeutet, demzufolge, das gleiche wie täuschen, betrügen, den Stützpunkt wegzunehmen – was alles gegen die Grundrechte des menschlichen Wesens ist. Unter dem Schleier der Freiheit (man möchte, nämlich, dass das Kind „von der religiösen Erziehung frei“ sei) vermeidet man und entstellt man im Kind den Dynamismus der Sehnsucht nach dem Absoluten, die aus dem menschlichen Herzen hervorquellt. Dieses Absolute und Letzte ist mit dem Menschen so sehr zusammengewachsen, dass wir den Menschen einfach auseinandermontieren müssen, wenn wir wollen, dass es sich nicht meldet! Wir können so vorgehen, aber dürfen wir es auch? Welche Deklaration von den Menschenrechten gibt uns dieses Recht? 

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 315-317)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.