Ich verstehe nicht mehr das Verhalten der jungen Menschen

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 676 klicks

Ich studiere im Ausland. Nach den Prüfungen war ich einige Tage zu Hause. Ich begreife nicht... Was war das für eine Faschingsnacht an der Riva, wie das Benehmen der Älteren, der Jüngeren, fast der Kinder war, ist eine Schande zu erzählen. Nie dachte ich... Ich schäme mich. 

Die Presse veröffentlichte, ohne Text und Beschreibung, nur einige grauenvolle Fotos mit der Überschrift „Sodom und Gomorra“. 

Ich bin kein Reinheitsfanatiker, und, leider, auch kein Heiliger. Aber, das geht wirklicht nicht mehr... Wo sind wir junge Menschen? Wo sind wir angekommen? Gibt es Hilfe?

Ich erkenne meine Kolleginnen und Kollegen nicht mehr.

Zeljan, Student

*

Du hast mich in eine schmerzliche Aufgabe geführt. Ich kann nur eigene Betrachtung darlegen.

1.  Ein Vergleich. Diese Tage stehe ich sehr unter dem Eindruck dessen, was in Norditalien passierte und noch immer passiert, und jetzt hast du noch gesalzen mit „schönen“ unerwarteten Dingen aus der Heimat. Bereits seit zwei Wochen gibt es keine Zeitung, kein Radio und kein TV - Programm, das nicht über grauenvolle Beschreibungen, Aussagen, Überlegungen über unglaubliche Mordung berichten würden, die Erika (16 Jahre alt) und ihr Freund Mauro, genannt Omar (18 Jahre alt), mit einigen zehn Messerstichen, an der Mutter von Erika (der treuen Christin, Katechistin in der Pfarrei) und am Bruder, Gianluc (Ministrant) begangen haben. Diese schrecklichen Morde haben die ganze Halbinsel erschüttert. Und warum? Es scheint, nur deshalb, weil die Mutter dagegen war (und sie musste dagegen sein), dass die Tochter und Omar zusammenleben. Und dagegen war auch der kleine Gianluc. Tag vorher feierte dort eine Gruppe „Orgien“ zusammen (Sauferei oder etwas ähnliches, und auch „satanische“ Messe ist nicht ausgeschlossen).

Es wurden Statistiken veröffentlicht, wie viele Morde es in Italien innerhalb der Familien gab (in der Regel bringen Kinder Eltern um oder einen von ihnen): von 1945 bis 1975 einige zehn der Fälle; von 1975 bis 1995 wurden 53 Fälle registriert; von 1995 bis 2000 sogar 21 Fälle in nur fünf Jahren, und in diesen letzten Monaten 7 bis 8 Fälle. Nach dem schrecklichen Mord an der Mutter und am Bruder wurden bereits einige neue Fälle verzeichnet. Eine Mutter erlag im Krankenhaus schweren Messerverletzungen, die ihr Sohn verursachte, wieder wegen einer gesetzeswidrigen Verbindung zu einem Mädchen. Was passiert da? Kennen wir unsere Kinder? Wo gehen unsere jungen Menschen hin? Viele Väter und Mütter sagen das gleiche wie du für

deine Kolleginnen und Kollegen: „Ich kenne sie nicht mehr!“

Du sprichst über einen anderen Typ von Ausschweifung. Ist das nicht alles miteinander verbunden? Bedingt nicht das eine das andere bis zur schrecklichsten Untat? Droge, Unsittlichkeit, Gewalttat, Abwerfen der Grundwerte, Willkür und Suche nach absoluter Freiheit und Befreiung von jeder Erziehung und jeder Einschränkung, kann nicht zur Bildung der eigenen Persönlichkeit führen und auch nicht zur ernsthaften Vorbereitung auf verantwortliche Lebensaufgaben, wie auch nicht zur richtigen Berufsentscheidung, Lebenssinn, Opferbereitschaft, Selbstentsagung und Einsatz für heimatliche Werte usw. Jüngere Menschen im präadoleszenten und adoleszenten Alter (teenager) müssen in die Zivilisation und Kultur eingeführt werden, sie müssen spüren und erleben, dass nicht alles gut ist, und deshalb kann es auch nicht erlaubt sein. Sie brauchen eine gute häusliche, schulische, gesellschaftliche und auch religiöse, und wenn sie Katholiken sind, auch christliche und kirchliche Erziehung.

2.  Die Tatsache ist schmerzlich. Viele von diesen erwähnten Verhalten sind nicht normal, sondern psychisch daneben, gerade pervers. In alldem spielen Minderjährige mit, die noch unstabilen Charakter haben, und unter diesen Umständen werden sie eine Stabilität, eine jugendliche Reife nie erreichen: ob es sich um Mädchen oder junge Männer handelt. Verschiedene von diesen Ausschweifungen werden mit Vorsatz, Leichtsinn, sogar mit Verschwörung ausgeführt, wie im Fall von Erika und Omar, die sich jetzt schwer gegenseitig beschuldigen. Omar behauptet, dass Erika die Hauptverursacherin und Haupttäterin war. Kennzeichnend ist, dass aus dem Mund von keinem der beiden noch kein Wort der Reue heraus gekommen ist. Und es wurden auch schwere Lügen entdeckt, derer sie sich bedienen.

Was für Tatsachen zeigten diejenigen an der Riva? Eine totale Ungezogenheit, das Treten der fundamentalen humanen, um nicht zu sagen, christlichen Werte: alles wird in Frage gestellt. Was ist das für ein Herz? Schon das Zweite Vatikanische Konzil hat ermahnt: „In Wahrheit hängen die Störungen des Gleichgewichts, an denen die moderne Welt leidet, mit jener tiefer liegenden Störung des Gleichgewichts zusammen, die im Herzen des Menschen ihren Ursprung hat. Freilich werden viele durch eine praktisch materialistische Lebensführung von einer klaren Erfassung dieses dramatischen Zustandes abgelenkt oder vermögen unter dem Druck ihrer Verelendung sich nicht mit ihm zu beschäftigen. Viele glauben in einer der vielen Weltdeutungen ihren Frieden zu finden. Andere wieder erwarten vom bloßen menschlichen Bemühen die wahre und volle Befreiung der Menschheit und sind davon überzeugt, dass die künftige Herrschaft des Menschen über die Erde alle Wünsche ihres Herzens erfüllen wird. Andere wieder preisen, am Sinn des Lebens verzweifelnd, den Mut derer, die in der Überzeugung von der absoluten Bedeutungslosigkeit der menschlichen Existenz versuchen, ihr nun die ganze Bedeutung ausschließlich aus autonomer Verfügung des Subjekts zu geben. Die Kirche aber glaubt: Christus, der für alle starb und auferstand, schenkt den Menschen Licht und Kraft durch seinen Geist, damit er seiner höchsten Berufung nachkommen kann; ‘es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem sie gerettet werden sollen. Sie glaubt ferner, dass in ihrem Herrn und Meister der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte gegeben ist’“ (GS 9-10). 

3.  Welche Ursachen hat das? Sicher vielfältige. Die Mentalität der jungen Menschen: Droge, Alkohol, Sex, Gewalttätigkeit, Arbeitslosigkeit, Untätigkeit, Faulheit - müde und infiziert von allem und „übersatt“ mit allem schon im 18. Lebensjahr, manche nehmen sich das Leben, weil ihr Leben „keinen Sinn“ mehr hat - wozu die Mühe mit der Schule, mit Prüfungen, Qualifikation? Familiäre Erziehung: wenn die Familie krank ist, Eltern geschieden, leben mit der dritten Person jeder auf seiner Seite, geben schlechtes Beispiel und zerstören im Kinde die Grundwerte, wenn die Familie auf wesentliche humane und christliche Prinzipien nicht achtet?

Aber, es gibt auch gute und ausgezeichnete Eltern, denen es nicht gelungen ist, die Kinder über die Jugendkrisen hinüberzuretten. Es stellt sich immer die Frage eines ehrlichen, offenen und vielfachen Gespräches (Dialogs) der Eltern mit den Kindern in Liebe und Offenheit. Jemand sagte zu mir: „Der Vater sprach nie mit mir, gab mir nie einen Kuss“. Und gewiss, die Schuld gibt er dem Vater. Da ist auch die Straße, so wie sie ist. Da ist auch die Schule, die sich offiziell bemüht, aber wer ist dafür verantwortlich, was auf den Fluren und in den Nebenräumen passiert?

Manche Schulen werden zu Stätten der Verderblichkeit: private Zusammenkünfte der Schüler, Verliebungen, Gespräche manchmal mit solchen Worten (fluchend und vulgär), dass man sich fragt: ist das die Zukunft unserer Kultur? Ich will nicht Mengen vom Pornomaterial erwähnen, womit sich junge Menschen Tag für Tag speisen, und sie können überall an solches Material gelangen. Wir fragen uns, wenn der Staat die Aufgabe hat, sich um das Wohl seiner Bürger zu kümmern, wie kümmert er sich nicht um die Jugend? Wo wird sie plaziert? Wie ist die Politik für junge Menschen? Dass nach dem Studium die Besten ins Ausland fliehen...

Wo soll man dann den Glauben an Gott plazieren, das Gefühl für das Religiöse, das Gefühl für die Sünde und Flucht davor, ethisch-sittliches Bemühen, Selbstüberwindung, Gebet, Charakterbildung, Kampf um Ideale, um die jugendliche Reinheit, ernsthafte Vorbereitung für die Aufgaben und Verantwortung für Beruf und Profession...?

4.  Kann man etwas tun? Vor allem muss man sagen, dass diesen jungen Menschen in vielem nicht bewusst ist, was sie tun. Objektiv befinden sie sich in schweren Fehlern, subjektiv fehlt ihnen das Alphabet des normalen humanen, geschweigedenn eines christlichen Lebens. Wir verurteilen sie schwer, aber, die grundlegende Schuld liegt an den Älteren, an uns. Die Älteren und die Verantwortlichen haben sie sich selbst überlassen, deswegen wissen sie oft nicht, wo ihre Kinder sind, was sie tun, womit sie sich geistig ernähren, wie sie sich bilden, und nicht für die  Lebensverantwortung vorbereiten. Kardinal Martini wurde gefragt, was er wohl den heutigen Eltern und Erziehern raten würde in dieser und solcher Situation. In drei Minuten betonte er einige Male die Liebe: ihnen die Liebe bezeugen, wirkliche, konkrete warme Liebe, die nicht in Bergen vom Spielzeug, Computer, Motorrädern oder Autos besteht... (was nicht ausgeschlossen wird), sondern im offenen Herzen mit Verständnis für sie selber und ihre jugendlichen Probleme, für ihre Bemühungen, Versuchungen und Kämpfe. Ihnen nahe sein, die besten Freunde, das erwarten sie. Sich wegen nichts skandalisieren, sondern geduldig, nicht diktatorisch, sondern mit Achtung und Liebe über alles sprechen, mit ihnen immer in allem zusammen sein, sich viel Zeit für sie nehmen; alles und wieder mit Liebe und Wärme, weil sie nach Liebe, Wärme und Verständnis hungern.

 5.  Die Botschaft des Papstes an die kroatische katholische Jugend. Besonders möchte ich glauben, dass es in Kroatien sehr gute und ausgezeichnete junge Menschen gibt, die der Heimat und der Kirche Hoffnung machen, so wie der Papst beim Treffen der katholischen Jugend in Split, am 2. Juni 1996 betont hat: „Geliebte kroatische katholische junge Menschen, der Glaube ermuntert euch, euerer Heimat ihr wahres Antlitz wieder zu geben, menschliches und christliches Antlitz. An euch liegt es, den Frieden aufzubauen, und mit allen Kräften danach zu trachten, dass auch in diesem Teil von Europa, in dem ihr lebt, eine Atmosphäre der wirksamen Einigkeit herrschen kann, auf den Werten begründet, auf denen das Zusammenleben der Völker beruht... Um den Frieden zu erreichen gibt es nur einen Weg: Jesus Christus zu dienen, zuzulassen, dass seine Gnade euch belebt.“

Der Papst bittet eindringlich: „Liebe Jugend, die Kirche an der Schwelle des dritten Jahrtausendes braucht besonders euer Zeugnis, eueren Glauben und euere Hoffnung. Das ist die Zeit der Gnade der Vorsehung Gottes für euch  den jungen kroatischen Nachwuchs, das ist der Tag, den der Herr für euch gemacht hat (vgl. Ps 118, 24): das ist der Augenblick, in dem man das Evangelium nicht nur in die Mitte eueres Lebens sondern auch euerer Gesellschaft setzen muss, um sein Licht heute und in der Zukunft euerer Heimat auszubreiten. „ Damit dies geschieht, vertraut der Papst die ganze Jugend von Kroatien und Bosnien und Herzegowina „der Mutter Maria, Gottesgebärerin, an, die so sehr verehrt wird in kleinen und großen Heiligtümern in ganzem euerem Land... Sie möge euere Schritte zu Christus lenken, ‘dem wahren Licht, das jeden Menschen erleuchtet’“ (Joh 1, 9).

Haben wir etwas gesagt? Wielleicht haben wir etwas angedeutet. Ich persönlich, als Christ und Ordensmann-Priester, denke: für sie muss man viel beten ( privat und in Gruppen organisiert) und Opfer darbringen und leiden, sie ertragen, sich mit ihnen freuen, mit ihnen traurig sein, ihnen die beste Mutter sein und fürsorglicher Vater, Schwester, Bruder. Von uns Älteren, die für sie verantwortlich sind, wird viel verlangt. Ohne die Gnade Gottes und ohne seine Hilfe gibt es keine Erneuerung und kein Vorwärtskommen, gibt es keine neuen besseren Generationen.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 304-307)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.