„Ich werde mit meiner Soutane sterben!“ Zur größten Seligsprechung der Kirchengeschichte

Maria Lozano von „Kirche in Not“ im Gespräch mit Michael Ragg

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ROM, 29. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Maria Lozano vom weltweiten katholischen Hilfswerk Kirche in Not ging im Gespräch mit Michael Ragg auf die brutale Kirchenverfolgung im Spanien der Dreißigerjahre, die vergessenen jungen Glaubenshelden von Barbastro und die wahren Gründe der Seligsprechung von 498 spanischen Märtyrern ein



Am 28. Oktober fand in Rom die größte Seligsprechung aller Zeiten statt: 498 Märtyrer wurden zu Ehren der Altäre erhoben, die in Spanien in den dreißiger Jahren umgebracht worden waren. Wer waren sie?

Maria Lozano: Diese Menschen wurden zwischen 1934 und 1937 an verschiedenen Orten Spaniens ermordet, weil sie Christen waren. Unter ihnen sind die Bischöfe von Cuenca und von Ciudad Real, 24 Diözesan-Priester und 462 Ordensleute. Sie gehörten verschiedenen Orden an. Darunter befanden sich 98 Augustinerpatres, 62 Dominikaner, 58 Schulbrüder von La Salle und 59 Salesianer. Es gab aber auch Märtyrer unter den Karmelitern, den Franziskanern und vielen anderen Kongregationen. Zu den neuen Seligen gehören auch ein Diakon, ein Subdiakon und sieben katholische Laien.

Was beeindruckt Sie an den Seligen am meisten?

Sie sind jung und alt, Männer und Frauen, Priester, Ordensleute und Laien. Aber mich beeindruckt besonders, wie jung viele von ihnen waren. 145 der Märtyrer waren zwischen zwanzig und dreißig Jahren alt, zum Beispiel viele der Mitglieder des Augustinerordens. Sie waren noch Studenten in El Escorial und wurden in Paracuellos del Jarama, in der Nähe von Madrid erschossen. Oder eine Gruppe der Maristen-Brüder, die auf einem Schiff in Barcelona entdeckt, verhaftet und direkt auf dem Friedhof ermordet wurden. Weitere achtzehn unter den Seligen waren zwischen 16 und 19 Jahren alt.

Papst Johannes Paul II. sprach schon vor sechs Jahren 233 im Spanischen Bürgerkrieg getötete Menschen selig. Darunter waren damals auch einige nicht in Spanien gebürtige Katholiken ...

... auch diesmal sind fünf der neuen Seligen nicht in Spanien geboren: zwei sind Franzosen, zwei Mexikaner und einer stammt aus Kuba. José López Piteira war 24 Jahre alt, als er mit anderen fünfzig Augustinerbrüdern nach vier Monate Haft erschossen wurde. Er ist der erste Kubaner überhaupt, der „zu Ehren der Altäre“ erhoben worden ist. Wescenlao Cruz, ein kubanischer Journalist im Exil, machte mich darauf aufmerksam, dass der erste Selige Kubas ausgerechnet ein Opfer des Kommunismus ist. Es sei eine Anerkennung für viele andere, die unter der Diktatur von Fidel Castro gelitten haben und bis heute leiden.

Ist es nicht ein bisschen übertrieben, gleich 498 Menschen selig zu sprechen?

Jeder einzelne Fall der 498 Menschen wurde jahrelang gründlich und sorgfältig untersucht. Man darf nicht vergessen, dass eine Seligsprechung keine Werbe-Kampagne oder ähnliches ist. Wir können schlecht sagen, der oder die werden nicht als Glaubenszeuge akzeptiert, weil es dann zu viele wären.

Stellen Sie sich vor, die Kirche würde von den 51 zur selben Zeit erschossenen Augustinern nur zwei oder drei herausgreifen. Wie sollte sie das begründen? Es geht darum, dass diese Menschen, alle und jeder einzelne, ein Beispiel sind, weil sie, wie Johannes Paul II. gesagt hat, im Leben geliebt und im Tod verziehen haben.

In den Medien werden die neuen Seligen immer wieder als „Opfer des Spanischen Bürgerkrieges“ bezeichnet. Die Spanische Bischofkonferenz hat sich aber von diesem Begriff distanziert. Sie spricht von Märtyrern des Glaubens. Warum?

Es stimmt nicht, dass sie Opfer des Bürgerkrieges sind, da einige schon vor Ausbruch des Krieges umgebracht worden waren. Es gab in Spanien schon 1934 eine Welle der Verfolgung und des Hasses gegen die Kirche.

Aber die ersten Monate des Krieges 1936 waren besonders barbarisch – wegen der große Zahl der Märtyrer und wegen der Grausamkeit, mit der die so genannte „rote“ Truppe auf die Zerstörung des Glaubens und der Kirche gezielt hatte. Im Ausland wird diese Partei die „Republikaner“ genannt, aber dieser Gruppe gehörten neben Republikanern auch Sozialisten, Regionalisten, Kommunisten und Anarchisten an, wobei die von Stalin unterstützten Kommunisten den Ton angaben.

In Spanien wurden und werden die sogenannten „Republikaner“ oft auch heute noch einfach „Rote“ oder „Kommunisten“ genannt. Nicht alle, die dieser großen Misch-Gruppe angehörten, waren gegen den Glauben und die Kirche, aber ein Teil davon hasste offen, gewaltsam und radikal alles, was mit dem Glauben zu tun hatte. Und diese Leute hatten das Kommando besonders in den ersten Monaten des Krieges.

Sie wollten in Spanien eine sowjetische Revolution machen, aus Spanien eine kommunistisch-stalinistische Republik. Ich habe selbst sozialistische und kommunistische Blätter aus dieser Zeit gelesen, die dazu aufriefen, die Kirchen zu zerstören und nichts am Leben zu lassen. Tatsächlich wurden damals mehr als 4.000 Priester umgebracht, darunter 13 Bischöfe, außerdem Tausende von Klosterbrüdern und Nonnen und natürlich viele Gläubige.

Trotzdem ist es wichtig zu betonen, dass diese Märtyrer nicht Opfer des Krieges sind, da dies als ein politischer Begriff verstanden werden könnte. Sie waren Opfer der Glaubensverfolgung in Spanien, die schon früher unter der „republikanischen“ Regierung begonnen hatte. Und selbstverständlich sollen die Seligsprechungen dieser Märtyrer keinerlei Aussage über die dem Bürgerkrieg folgende Franco-Regierung darstellen.

Dennoch gibt es zu diesen Seligsprechungen nicht nur positive Stimmen. Manche sagen, die Kirche reiße damit alte Wunde wieder auf, andere kritisieren, die Kirche kümmere sich nur um die Opfer auf der einer Seite.

Viele reagieren jetzt allergisch, weil sie meinen – mit Recht, wenn es um den Bürgerkrieg geht – dass es „auf beiden Seiten Opfer des Terrors gegeben hat“. Aber wie ich eben gesagt habe, die Kirche spricht nicht diejenigen selig, die auf der Seite Francos und der Nationalisten gekämpft haben, sondern Menschen, die wegen ihres Glaubens ermordet worden sind.

Nur ein Beispiel: Im September war ich in Barbastro in der nordspanischen Provinz Huesca. Dort wurden 51 Seminaristen, also junge Anwärter auf das Priesteramt, ermordet, weil sie nicht ihre Soutanen ablegen, nicht dem Glauben abschwören und nicht zu den Waffen greifen wollten. Sie schrieben bewegende Abschiedsbriefe an ihre Familien und an ihren Klarentiner-Orden – auf Schokoladepapier, Taschentüchern oder auf dem Holz eines Klavierhockers. Diese Zeilen sind erschütternd.

Einer schrieb: „Sie haben uns gesagt, wir können am Leben bleiben, wir sollten nur die Soutane und unseren Weg verlassen. Ich werde mit meiner Soutane sterben.“ Oder ein anderer: „Sie möchten, dass wir zu den Waffen greifen. Wir, die wir Diener Christi sind, können nur den Frieden predigen, nie werden wir kämpfen.“ Sie starben nicht für das Vaterland, sie starben nicht für eine politische Partei, sie starben für Christus, für den Frieden und für seine Berufung.

Aus Barbastro stammt auch der weltweit erste selig gesprochene Zigeuner, der selige Ceferino Giménez Malla, genannt „Pelé“.

Im Juli 1936 wurde er verhaftet, weil er sich für einen Priester einsetzte, der durch die Straßen geschleift wurde. Er trug einen Rosenkranz in der Tasche, und das war sein Verhängnis. Man hat ihm die Freiheit angeboten, wenn er schwören würde, mit dem Beten des Rosenkranzes aufzuhören. Er hat es vorgezogen, im Gefängnis zu bleiben.

In den frühen Morgenstunden des 8. August wurde er neben der Mauer des Friedhofs erschossen. Er starb mit dem Rosenkranz in der Hand und mit dem Ausruf: „Viva Cristo Rey!“, „Es lebe Christus, der König!“

Diese Fälle zeigen ganz klar, dass es keinen „politischen“ Hintergrund gab, diese Menschen zu töten. Wenn sie Opfer eines politisches Systems waren, dann nur weil dieses System die Verfolgung des Glaubens und die Zerstörung der Kirche zum Ziel hatte.

1982 kündigte Papst Johannes Paul II. den spanischen Bischöfen an, er werde sich für die Seligsprechung der „Märtyrer der religiösen Verfolgung“ einsetzen. War das dem Papst aus Polen besonders wichtig?

Johannes Paul II. hatte die kommunistische Verfolgung und Unterdrückung im eigenen Land erlebt und konnte daher religiöse und politische Verfolgung gut auseinanderhalten. Im Spanien der Dreißigerjahre waren sozusagen viele Kriege gleichzeitig im Gange. Das kann man kaum verstehen, wenn man die sehr komplexe Geschichte Spaniens vor dem Krieg nicht gut kennt.

Wer weiß schon, dass es zwischen September 1935 und September 1936 neun verschieden Regierungschefs gab? Auch die weltweite Situation und die ganze Spannung in Europa zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sollte man sich in Erinnerung rufen.

Der Bürgerkrieg in Spanien war ein Krieg zwischen Republikanern und Nationalisten, zwischen Kapitalisten und Kommunisten, zwischen rechts und links, zwischen Reich und Arm, zwischen Besitzern und Arbeitern, und das alles durcheinander und gemischt. Parallel dazu war es ein Experimentierfeld für die Mächte, die sich kurz danach im Zweiten Weltkrieg gegenüber standen.

Benedikt XVI. wollte eigentlich mit Seligsprechungen generell zurückhaltender sein als sein Vorgänger. Jetzt spricht er an einem Tag mehr Gläubige selig als Johannes Paul II. im Laufe seines ganzen Pontifikats. Liegen auch ihm die spanischen Märtyrer besonders am Herzen?

Diese Menschen sind Zeugen des Glaubens im 20. Jahrhundert, und ich denke, es geht dem Papst darum, die Treue zu Christus, die Hingabe des Lebens, die Stärke in der Bedrängnis zu betonen und den Gläubigen vor Augen zu stellen. So weit sie konnten, sogar in Gefangenschaft, haben diese Menschen die Sakramente gefeiert, die Heilige Messe als das Zentrum ihres Glaubens gelebt und das Kreuz auf sich genommen. Sie haben aber ihren Verfolgern und Peinigern verziehen und für sie gebetet. Sie haben andere im Glauben gestärkt und sind in Frieden gestorben. Das ist es, was Johannes Paul und Benedikt verstanden haben – und nur darauf kommt es an!