Ida

Das Filmdrama des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski über eine Novizin die ihre grauenvolle jüdische Vergangenheit entdeckt, enthält am Schluss auch eine bewusste Entscheidung für den Glauben an Gott

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 434 klicks

Polen, 1962. In einem abgelegenen Kloster bereitet sich die 18-jährige Novizin Anna (Agata Trzebuchowska) auf ihr Gelübde vor. Der Zuschauer sieht sie etwa bei Restaurierungsarbeiten an einer übergroßen Christusfigur, die sie später in den Garten stellt, oder im Refektorium. Von einer persönlichen Beziehung zu Gott ist merkwürdiger- oder bezeichnenderweise kaum etwas zu spüren. Vielleicht liegt auch darin der Grund, warum die Mutter Oberin Anna zu sich bestellt. Sie, die als Kleinkind im Kloster abgegeben wurde und hinter den schützenden Klostermauern aufgewachsen ist, soll die einzige Überlebende ihrer Familie kennenlernen, ehe sie die Profess ablegt – eine Tante, deren Existenz sie bislang nicht kannte, weil sie jeden Kontakt zu ihrer Nichte abgelehnt hatte.

Die vom Kloster zur Wohnung von Annas Tante mit der Straßenbahn zurückgelegte Entfernung trennt nicht nur Kloster und Welt, sondern auch die behütete Gegenwart von einer grauenvollen Vergangenheit. Denn Tante Wanda (Agata Kulesza) eröffnet bald Anna, dass sie eigentlich Ida Lebenstein heißt und als Jüdin geboren wurde. „Du bist also eine jüdische Nonne.“ Die Tante schlägt einen schroffen Ton gegenüber ihrer Nichte an, doch er passt zu ihrer rauen Erscheinung. Später wird der Zuschauer erfahren, warum sie so desillusioniert ist: Anfang der fünfziger Jahre war sie als „rote Wanda“ gefürchtet. Als Richterin verurteilte sie Menschen in öffentlichen Prozessen wegen „antisozialistischen Gedankenguts“ zum Tod. Seitdem sie selbst in Ungnade fiel, ertränkt sie ihr Selbstmitleid in Unmengen Zigaretten, Alkohol und wechselnden Männerbekanntschaften. Obwohl sie Anna/Ida zunächst sofort ins Kloster zurückschicken möchte, entschließt sie sich, zusammen mit ihrer Nichte eine Reise in die Vergangenheit zu machen, um die Umstände von Inas Eltern zu erfahren und womöglich ihre sterblichen Überreste zu finden. Denn Idas Eltern wurden während des Zweiten Weltkriegs ermordet. Eine Reise, die beide Frauen verwandeln wird.

Der seit 1977 in London lebende Regisseur Pawel Pawlikowski kehrt mit „Ida“ ebenfalls zu seinen Wurzeln nach Polen zurück. Dafür wählt er eine äußere Form, die den Zuschauer sofort in den Bann zieht: Gestochen scharfe Schwarzweißbilder im eigentlich veralteten Leinwandformat 4:3 versetzen ihn in die Handlungszeit, Anfang der sechziger Jahre, zurück. Die Kamera von Lukasz Zal gefriert die einzelnen Einstellungen zu Tableaus von malerischer Anmutung: Jede Einstellung gleicht einem Gemälde. Denn die Kamera bewegt sich nur das Allernötigste, dazu setzt Lukasz Zal ungewöhnliche Perspektiven ein, die diesen Bildern eine außergewöhnliche Schönheit verleihen. All diese Bilder sieht der Zuschauer immer wieder durch Idas große schwarze Augen, die die Welt zum ersten Mal zu betrachten scheinen. Dazu passt die Stille, die vom polnischen Winter ausgeht und sich in den kargen Dialogen fortsetzt.

Über die ungewöhnliche Form hinaus lebt „Ida“ von den unterschiedlichen Charakteren der zwei Frauen. Unterschiedlicher könnten die schüchterne Novizin Anna/Ida und die mondän-ungehemmte Wanda kaum sein. Allerdings reicht ihr Gegensatz weiter, als in einem Film üblich. Denn sie stehen für zwei gegensätzliche Seiten der polnischen Nachkriegsgesellschaft: Auf der einen Seite die einstmals überzeugte Kommunistin, auf der anderen Seite die Katholikin. Zum Katholizismus und Kommunismus gesellt sich jedoch ein weiterer verdrängter Zug: der Antisemitismus. Polen erlebte einen nahtlosen Übergang vom Naziterror zur kommunistischen Diktatur, während die Gesellschaft vom Katholizismus geprägt bleib. Die Verstrickung in den Holocaust wurde nicht aufgearbeitet. Aus diesen komplizierten gesellschaftlichen Verhältnissen rührt auch die Zerrissenheit der Figuren – eine Zerrissenheit, die in Wanda durch ihre Vergangenheit offensichtlich erscheint und Agata Kulesza unaufgeregt ausdrückt. Eine Zerrissenheit, die jedoch auch Anna/Ida zu ergreifen droht. Die Filmdebütantin Agata Trzebuchowska stellt die angehende Nonne, die ihre ganz andere Vergangenheit entdeckt, mit kleinen Gesten und wachen Augen dar, in denen sich eine naive Verwunderung widerspiegelt. Mit ähnlichem unschuldigem Staunen folgt Pawel Pawlikowski der Handlung und dem Freilegen dieser Einflüsse, ohne jedoch ins Ideologische zu verfallen.

Ohne viel zu verraten, soll auch an dieser Stelle ein Wort zum Ende von „Ida“ gesagt werden, weil dieser Abschluss manchen Zuschauer auf den ersten Blick irritieren könnte. Von den drei möglichen Filmschlüssen, die Regisseur Pawlikowski hätte wählen können, wäre der eine einfach banal und abgedroschen, der zweite zwar auf den ersten Blick erbaulich, bei näherem Hinsehen jedoch oberflächlich. Pawel Pawlikowski entschied sich für ein drittes Ende, das fraglos einiges offen lässt und Diskussionsstoff liefert. Nachdem Anna/Ida ihre Vergangenheit und ein mögliches anderes Leben kennengelernt hat, bedeutet der vom Regisseur gewählte Filmschluss auch eine bewusste Entscheidung für den Glauben an Gott – einen Gott, der zu Beginn des Filmes merkwürdigerweise abwesend ist oder wenigstens schweigt. „Was, wenn du hinfährst und entdeckst, dass es keinen Gott gibt?“, hatte Wanda ihre Nichte Anna/Ida zu Beginn ihrer Reise gefragt. Idas Entscheidung auch und gerade im Bewusstsein der Schrecken einer Vergangenheit, die andere Menschen zur Ablehnung Gottes, schlussendlich aber zur Verzweiflung führt, was der Film „Ida“ auch allzu deutlich zeigt, gibt eine klare Antwort auf diese Frage.

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Filmische Qualität: Viereinhalb Sterne
Regie: Pawel Pawlikowski
Darsteller: Agata Kulesza, Agata Trzebuchowska, Joanna Kulig, Dawid Ogrodnik
Land, Jahr: Polen, Dänemark 2013
Laufzeit: 80 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: X

im Kino: 4/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.