Identität, Heiligung und Mission: die priesterlichen Aufgaben

Kardinal Mauro Piacenza lädt zum Gebet für die Heiligung des Volkes Gottes ein

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Von Antonio Gaspari

ROM, 18. Juni 2012 (ZENIT.org). - Am 13. Juni 2012, anlässlich des Weltgebetstages zur Heiligung der Priester, der am Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu am Freitag, dem 15. Juni 2012, gefeiert wurde und unmittelbar nach dem zweiten Jahrestag des Abschlusses des Priesterjahres am 11. Juni 2010, lud Kardinal Mauro Piacenza, Präfekt der Kongregation für den Klerus, zum Gebet für die Identität, die Heiligung und die Mission des gesamten Volkes Gottes ein.

In einer Welt, in der selbst die Figur des Priesters von der Welle des Chaos, der Verwirrung, des Zweifels und der Versuchung mitgerissen zu werden scheint, erneuert Kardinal Piacenza seinen Glauben an den Herrn und sein Vertrauen an das viele Gute, das von den Priestern in der Welt verbreiteten wird.

Im Rahmen eines Interviews mit ZENIT sprach der Präfekt der Kongregation für den Klerus über die Wurzeln dieses Glaubens und dieses Vertrauens.

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ZENIT: Worin besteht die Bedeutung von Feierlichkeiten wie dem Hochfest des Heiligsten Herzen Jesu und des Priesterjahres? Was verbindet die beiden Ereignisse?

Kard. Piacenza: Der Schlüssel zur Deutung der beiden erwähnten Ereignisse ist sicherlich die Mission. Beim Priesterjahr handelte es sich um ein außergewöhnliches Ereignis, das vom Heiligen Vater Benedikt XVI. mit dem Ziel ausgerufen wurde, die tiefe Verbindung der Identität und der Mission der Priester sowie die gegenseitige Abhängigkeit dieser beiden Elemente hervorzuheben: Das ministerielle Priestertum dient der Mission, während die priesterliche Identität durch die Mission bestimmt wird. Der Weltgebetstag zur Heiligung der Priester  ist hingegen ein jährlicher Gebetstag. Jede Teilkirche ist dazu aufgerufen, ihn zu feiern, um im Gebet jene Einheit und Gegenseitigkeit zum Ausdruck zu bringen, die das gesamte Volk Gottes, das dazu berufen, vom Herrn das Geschenk heiliger Hirten zu erflehen, auszeichnen soll.

ZENIT: Aber ist ein eigener Welttag für das Gebet zur Heiligung des Klerus tatsächlich notwendig? Und aus welchem Grund fiel die Wahl des Datums auf das Hochfest des Heiligsten Herzen Jesu?

Kard. Piacenza: Das Gebet „nunquam satis“ kann nicht oft genug gesprochen werden! Das Gebet zur Heiligung der Priester ist in gewisser Weise ein Gebet für die Heiligkeit des gesamten Volkes Gottes, dem ihr Amt geweiht ist. Außerdem bietet es die Gelegenheit, die Gemeinschaft und die gegenseitige Aufsicht über das Gebet zwischen den Mitgliedern desselben Presbyteriums zu fördern, gleichsam in einem gedanklichen Bogen, der sich von der Chrisma-Salbung bis zum Hochfest des Heiligsten Herzen Jesu spannt und die Grundgeheimnisse unseres Glaubens aus der priesterlichen Perspektive einbezieht. Letztlich ist das Priestertum nach den Worten des Pfarrers von Ars „die Liebe des Herzens Jesu“. Dies bezieht sich einerseits auf die nötige Innigkeit und Versenkung, von der die Beziehung eines jeden Priesters mit dem Herrn stets durchdrungen sein sollte, und andererseits auf die Liebe und die Barmherzigkeit Jesu, des „guten Hirten“, auf den jeder Dienst des geweihten Amtes stets ausgerichtet sein sollte. Die pastorale Barmherzigkeit ist der wahre Schlüssel zur Deutung dieses Weltgebetstages.

ZENIT: Wie stellt sich all dies im Hinblick auf das Jahr des Glaubens dar?

Kard. Piacenza: Das Jahr des Glaubens wurde vom Heiligen Vater in Erinnerung an zwei herausragende und einander bedingende Jahrestage ausgerufen. Beim ersten handelt es sich um die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Ökumenischen Konzils, beim zweiten um den 20. Jahrestag der Verbreitung des Katechismus der Katholischen Kirche, dem Katechismus des Zweiten Vatikanischen Ökumenischen Konzils! Einmal mehr sind die Priester dazu aufgerufen, auch im Jahr des Glaubens, die Umsetzung der Empfehlungen des Papstes tatkräftig zu unterstützen, indem sie an die Festigung der priesterlichen Identität durch die Mission und das Werk der Evangelisierung erinnern. Ein Neulesen und in gewisser Hinsicht eine „Wiederentdeckung“ des Konzils in seiner gesamten prophetischen und missionarischen Bedeutung ist eine der dringlichsten Aufgaben der heutigen Kirche.

ZENIT: Hat das Konzil Ihrer Meinung nach keine ausreichende Verbreitung gefunden?

Kard. Piacenza: Ich glaube, dass die Kirche stets Führung durch den Heiligen Geist erfährt und dass Dokumente wie jene des Konzils daher auch nach fünfzig Jahren noch alle Amtsträger der Kirche und besonders die Priester erreichen können und auch müssen. Es gilt, der stets gegenwärtigen Versuchung einer voreiligen und leichtfertigen „Archivierung“ entschieden entgegenzutreten. Wie der selige Johannes Paul II und der Heilige Vater Benedikt XVI. mehrmals betonten, ist das Konzil ein „Kompass“ für das dritte Jahrtausend und folglich für jedes Werk der Evangelisierung und Neuevangelisierung. Eine korrekte Auslegung ist kein Hindernis sondern die Voraussetzung für die Kenntnis des Konzils. Ich kann mich in diesem Zusammenhang beispielsweise in aller Klarheit an die Wirkung der Enzyklika „Evangelii Nuntiandi“ des Dieners Gottes Papst Pauls VI. erinnern, in der in einer für die damalige Zeit prophetischen Weise der missionarische Impuls des Konzils interpretiert wurde.

ZENIT: Aus dem Brief an die Priester aus Anlass der Ausrufung des ihnen geweihten Jahres auf der Internetseite der Kongregation (www.clerus.org) geht hervor, dass die Heiligung des Klerus weder durch das Wissen um […] persönliche Unzulänglichkeiten vereitelt werde, noch durch die Schuld einzelner, deren Handlungen das Priestertum vor den Augen der Welt entwürdigten. Ist der Notstand des Klerus somit überwunden?

Kard. Piacenza: Nein. Der Notstand zeigt sich vor allem an den Wunden, die durch die Schuld einzelner hervorgerufen wurden. Man kann nicht von Heilung sprechen, bevor die Wunden nicht vernarbt sin. Durch die Geschehnisse  haben wir natürlich alle eine grundlegende Lektion erhalten: Wir dürfen niemals damit aufhören, wachsam zu sein, denn der Widersacher „geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge“. Die Mittel zur Heiligung und ein hohes Maß an Spiritualität sind die unabdingbaren Voraussetzungen für das Hoffen auf eine Zukunft, in der bestimmte Vorfälle zu einer, wenn auch furchtbaren, Erinnerung werden können.

In dieser Phase des irdischen Reiches wird es uns nicht gelingen, zu vollkommenen Heiligen zu werden, doch wir können und müssen uns verstärkt für das Streben nach der Heiligkeit aller Seelen einsetzen. Dabei helfen uns die von der Kirche gebotenen Mittel, beginnend beim Wort und bei den Sakramenten bis hin zum gemeinschaftlichen Leben und dem missionarischen Eifer. Die Passion der Verkündigung Christi ist das wahre „Thermometer“ der Wärme des Glaubens einer Epoche!

Möge uns die Jungfrau Maria, der Stern der Mission, beistehen.

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]