"Ihn betrachten, ihn anbeten und ihn umarmen"

Predigt von Papst Franziskus während der Messe mit den Bischöfen des WJT

Rio de Janeiro, (ZENIT.org) | 1191 klicks

Wir dokumentieren die offizielle deutsche Übersetzung der Predigt, die von Papst Franziskus im Laufe der Heiligen Messe mit den Bischöfen, Priestern, Ordensleuten und Seminaristen des WJT gehalten wurde. Die Feier fand heute Morgen in der Kathedrale „São Sebastião do Rio de Janeiro“ statt.

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Liebe Brüder und Schwestern in Christus,

wenn ich diese Kathedrale voller Bischöfe, Priester, Seminaristen und Ordensleute aus aller Welt sehe, denke ich an die Psalmworte der heutigen Messe: „Die Völker sollen dich loben, o Gott“ (Ps 67, 4.6).

Ja, wir sind hier, um den Herrn zu loben, und wir tun das, indem wir erneut unseren Willen bekräftigen, seine Werkzeuge zu sein, damit nicht nur einige Völker Gott loben, sondern alle. Mit derselben parresia, dem gleichen Freimut von Paulus und Barnabas wollen wir unseren Jugendlichen das Evangelium verkünden, damit sie Christus begegnen und Erbauer einer brüderlicheren Welt werden. In diesem Sinn möchte ich mit euch über drei Aspekte unserer Berufung nachdenken: berufen von Gott; berufen, das Evangelium zu verkünden; berufen, die Kultur der Begegnung zu fördern.

1. Berufen von Gott. Ich glaube, es ist wichtig, in uns diese Wirklichkeit immer neu lebendig werden zu lassen, die wir inmitten der vielen täglichen Verpflichtungen oft als etwas Selbstverständliches ansehen: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“, sagt Jesus zu uns (Joh 15,16). Es ist ein Zurückgehen zur Quelle unserer Berufung. Darum darf ein Bischof, ein Priester, eine gottgeweihte Person, ein Seminarist nicht „vergesslich“ sein: Er verliert dann den wesentlichen Bezug zu dem Augenblick, mit dem sein Weg begann. Bitten wir um die Gnade, erbitten wir sie von der Jungfrau Maria, von ihr, die ein gutes Gedächtnis hatte; bitten wir um die Gnade, Menschen zu sein, die das Gedächtnis dieser ersten Berufung bewahren! Wir sind von Gott gerufen und dazu berufen, bei Jesus zu bleiben (vgl.Mk 3,14), verbunden mit ihm. Tatsächlich prägt dieses Leben, dieses Bleiben in Christus alles, was wir sind und tun. Genau dieses „Leben in Christus“ ist das, was unsere apostolische Wirksamkeit, die Fruchtbarkeit unseres Dienstes garantiert: „Ich habe euch dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht authentisch sei“ (vgl. Joh 15,16). Nicht die Kreativität, so pastoral sie auch sein mag, nicht die Begegnungen oder die Planungen garantieren die Früchte – auch wenn diese Dinge hilfreich sind, und sogar sehr –, sondern was die Frucht garantiert, ist die Treue zu Jesus, der uns mit Nachdruck sagt: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch“ (Joh 15,4). Und wir wissen sehr wohl, was das bedeutet: ihn betrachten, ihn anbeten und ihn umarmen in unserer täglichen Begegnung mit ihm in der Eucharistie, in unserem Gebetsleben, in unseren Momenten der Anbetung; seine Gegenwart erkennen und ihn umarmen auch in denen, die am stärksten von Not und Leid betroffen sind. Das „Bleiben“ bei Christus bedeutet nicht ein Sich-isolieren, sondern es ist ein Bleiben, um zur Begegnung mit den anderen zu gehen. Hier möchte ich an einige Worte der seligen Mutter Teresa von Kalkutta erinnern. Sie sagt: „Wir müssen sehr stolz auf unsere Berufung sein, die uns die Gelegenheit gibt, Christus in den Armen zu dienen. In die „favelas“, in die „cantegriles“, in die „villas miseria“ muss man gehen, um Christus zu suchen und ihm zu dienen. Wir müssen zu ihnen gehen, wie der Priester sich zum Altar begibt, voll Freude“ (Mother Instructions, I, S. 80). Jesus ist der Gute Hirt, er ist unser wahrer Schatz; bitte, lasst uns ihn nicht aus unserem Leben streichen! Verankern wir unser Herz immer mehr in ihm (vgl. Lk 12,34)!

2. Berufen, das Evangelium zu verkünden. Liebe Bischöfe und Priester, viele von euch, wenn nicht alle, sind gekommen, um ihre Jugendlichen zu ihrem Welttreffen zu begleiten. Auch sie haben die Sendungsworte Jesu gehört: „Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“ (vgl. Mt 28,19). Unsere Aufgabe als Hirten ist es, ihnen zu helfen, dass in ihrem Herzen der Wunsch entbrennt, Jünger und Missionare Jesu zu sein. Sicher, viele könnten angesichts dieser Einladung ein wenig erschrecken, weil sie meinen, dass Missionar sein bedeute, notwendigerweise das Land, die Familie und die Freunde zu verlassen. Gott fordert uns auf, Missionare zu sein. Und wo? Dort, wo er uns hinstellt, in unserer Heimat oder wo immer er uns einsetzt. Helfen wir den jungen Menschen! Lasst uns ein offenes Ohr haben, um ihre falschen Hoffnungen anzuhören – sie haben es nötig, dass man ihnen zuhört –, um von ihren Erfolgen zu hören, um von ihren Schwierigkeiten zu hören. Man muss sich hinsetzen und vielleicht immer dasselbe Textbuch hören, aber mit einer anderen Musik, mit unterschiedlichen Charakteren. Die Geduld zuzuhören: Darum bitte ich euch von ganzem Herzen! Im Beichtstuhl, in der geistlichen Leitung, in der Begleitung. Lasst uns fähig sein, mit ihnen Zeit zu verlieren! Säen kostet und strengt an, strengt sehr an! Und weitaus befriedigender ist es, sich der Ernte zu erfreuen! Was für eine Gaunerei! Alle wollen wir lieber ernten! Aber Jesus verlangt von uns, dass wir mit Ernsthaftigkeit säen.

Lasst uns in der Ausbildung der jungen Menschen nicht unsere Kräfte schonen! Der heilige Paulus gebraucht seinen Christen gegenüber eine Redewendung, die er in seinem Leben hat Wirklichkeit werden lassen: „Meine Kinder, für die ich von neuem Geburtswehen erleide, bis Christus in euch Gestalt annimmt“ (Gal 4,19). Lassen auch wir sie in unserem Dienst Wirklichkeit werden! Unseren Jugendlichen zu helfen, den Mut und die Freude des Glaubens wiederzuentdecken, die Freude, von Gott persönlich geliebt zu sein – das ist sehr schwer. Doch wenn ein junger Mensch das begreift, wenn ein junger Mensch mit der Salbung, die der Heilige Geist ihm schenkt, das spürt, dieses „persönlich von Gott geliebt zu sein“, dann begleitet es ihn sein ganzes Leben hindurch. Die Freude darüber wiederentdecken, dass Gott seinen Sohn Jesus für unser Heil hingegeben hat! Die jungen Menschen in der Mission dazu erziehen, hinauszugehen, aufzubrechen, „Wanderprediger des Glaubens“ zu sein – so hat es Jesus mit seinen Jüngern getan: Er hat sie nicht an sich gebunden, wie eine Henne ihre Kücken; er hat sie ausgesandt! Wir können nicht eingeschlossen bleiben in der Pfarrgemeinde, in unseren Gemeinschaften, in unserer Pfarr-Einrichtung, in unserer Diözesan-Einrichtung, wenn so viele Menschen auf das Evangelium warten! Hinausgehen als Gesandte! Es geht nicht einfach darum, die Tür zu öffnen, damit sie kommen und um sie aufzunehmen, sondern darum, durch die Tür hinauszugehen, um die Menschen zu suchen und ihnen zu begegnen! Drängen wir die Jugendlichen, dass sie hinausgehen. Sicher, sie werden Dummheiten machen. Haben wir keine Angst: Die Apostel haben sie vor uns gemacht. Drängen wir sie hinauszugehen. Denken wir mit Entschlossenheit an die Seelsorge und gehen dabei von der Peripherie aus, fangen bei denen an, die am weitesten entfernt sind, bei denen, die gewöhnlich nicht in die Pfarrei kommen. Sie sind die VIP unter den Geladenen. Es geht darum, aufzubrechen und sie an den Straßenkreuzungen zu suchen!

3. Von Jesus berufen sein; berufen, um das Evangelium zu verkünden und – drittens – berufen, die Kultur der Begegnung zu fördern. In vielen Bereichen und allgemein in diesem ganz auf die Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Humanismus, der uns in der Welt aufgezwungen wird, hat sich eine Kultur des Ausschlusses durchgesetzt, eine „Wegwerfmentalität“. Es ist weder Platz für den alten Menschen, noch für das ungewollte Kind; es ist keine Zeit, sich bei jenem Armen auf der Straße aufzuhalten. Manchmal scheint es, als seien für einige die menschlichen Beziehungen durch zwei moderne „Dogmen“ geregelt: Wirksamkeit und Pragmatismus. Liebe Bischöfe, Priester, Ordensleute und auch ihr Seminaristen, die ihr euch auf den priesterlichen Dienst vorbereitet, habt den Mut, gegen den Strom dieser Kultur anzuschwimmen. Mutig sein! Erinnert euch an eines – mir tut das sehr gut, und ich sinne oft darüber nach: Nehmt das Erste Buch der Makkabäer und erinnert euch, wie damals viele sich der Kultur der Zeit anpassen wollten: „Nein, lassen wir’s bleiben, nein! Essen wir doch alles wie alle Leute… Nun gut, das Gesetz, ja, aber man soll doch auch nichts übertreiben…“   Und so ließen sie schließlich vom Glauben ab, um mit dem Strom jener Kultur zu schwimmen. Habt ihr den Mut, gegen den Strom dieser leistungsorientierten Kultur, dieser Wegwerfmentalität zu schwimmen! Begegnung und Aufnahmebereitschaft für alle, Solidarität – ein Wort, das sich in dieser Kultur im Verborgenen hält, als sei es ein schlechtes Wort – Solidarität und Brüderlichkeit sind Elemente, die unsere Kultur wirklich menschlich machen.

Diener der Gemeinschaft und der Kultur der Begegnung sein! Ich möchte, dass ihr in diesem Sinn gleichsam besessen seid. Und das, ohne anmaßend zu sein und anderen „unsere Wahrheiten“ aufzuzwingen, sondern geleitet von der demütigen und glücklichen Gewissheit dessen, der von der Wahrheit, die Christus ist, gefunden, berührt und verwandelt worden ist und dem es unmöglich ist, sie nicht zu verkünden (vgl. Lk 24,13-35).

Liebe Brüder und Schwestern, wir sind von Gott berufen – mit Vor- und Nachnamen, ein jeder von uns –, berufen, das Evangelium zu verkünden und freudig die Kultur der Begegnung zu fördern. Die Jungfrau Maria ist unser Vorbild. Sie hat in ihrem Leben „das Beispiel jener mütterlichen Liebe [gegeben], von der alle beseelt sein müssen, die in der apostolischen Sendung der Kirche zur Wiedergeburt der Menschen mitwirken“ (Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 65). Sie bitten wir, dass sie uns lehre, uns jeden Tag mit Jesus zu treffen. Und wenn wir so tun, als ob nichts wäre – denn wir haben so viel zu tun –, und der Tabernakel allein bleibt, dann möge sie uns an die Hand nehmen. Bitten wir sie darum! Sie her, Mutter, wenn ich richtungslos bin, führe mich bei der Hand!

Möge sie uns dann drängen, hinauszugehen zur Begegnung mit so vielen Brüdern und Schwestern, die sich an der Peripherie befinden, die Durst nach Gott haben, aber niemanden, der ihn verkündet. Dass sie uns nicht aus dem Haus werfe, aber uns dränge, aus dem Haus zu gehen. Auf diese Weise sind wir Jünger des Herrn. Möge sie allen diese Gnade gewähren.

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