„Ihr seid das Licht der Welt“: Kardinal Wetter eröffnet internationalen Renovabis-Kongress

„Wir Christen haben in den europäischen Einigungsprozess etwas Entscheidendes einzubringen“

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FREISING, 20. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Kardinal Friedrich Wetter heute, Donnerstag, zur Eröffnung des 11. Internationalen Kongresses von Renovabis, der bischöflichen Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, in Freising gehalten hat.



Der Kardinal erinnerte die über 300 Kongressteilnehmer aus 27 Nationen daran, wie wichtig die gelebte Beziehung zu Gott gerade angesichts der sich ausbreitenden Ideologie des Säkularismus sei. „Wenn der lebendige Gott dem Blick des Lebens der Menschen entschwindet, verblasst und verschwindet letztlich auch das Bild des Menschen, entgleitet das Maß des Menschseins, verlieren sich die Maßstäbe für die unverletzliche Menschenwürde.“

Jesus habe die Christen aufgerufen, die Welt in seinem Geist zu gestalten. Und der „erste und grundlegende Beitrag“ der Christen für ein einiges Europa bestehe darin, das christliche Menschenbild in alle Bereiche hineinzutragen – damit auf dem Alten Kontinent „jeder Mensch in seiner Würde und in seinen Rechten unantastbar bleibt und sich in Freiheit entfalten kann“.

Das Motto des dreitägigen Kongresses lautet: „Gesellschaft gestalten – Glauben entfalten. Christen in Mittel- und Osteuropa“.

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Ansprache des Erzbischofs Friedrich Kardinal Wetter
zur Eröffnung des 11. Internationalen Kongresses Renovabis
am 20. September 2007 in Freising

Renovabis ist entstanden als Antwort auf den Umbruch der Jahre 1989/90 in Mittel- und Osteuropa. Die Kirche konnte wieder frei atmen. Gerade die christlichen Kräfte haben sich für die Erneuerung des gesellschaftlichen und politischen Lebens eingesetzt. Sie bauten dabei auf den Mut und das Durchhaltevermögen vieler Glaubenszeugen, die in kommunistischer Zeit oft unter schweren Verfolgungen dem Glauben und der Kirche treu geblieben sind. Ich erinnere nur an die schwere Bedrückung der Priester und Gläubigen in der ehemaligen Tschechoslowakei und an die existenziell bedrohte griechisch-katholische Kirche besonders in der Ukraine.

In rascher Folge entstanden Parteien mit programmatischer Orientierung an christlichen Grundwerten und auch katholische Verbände, zum Beispiel Kolping – Kommissar Jan Figel, Gast unseres Kongresses, ist Ehrenpräsident des Kolpingwerkes in der Slowakei –; es entstanden Schulen, Zeitungen, Rundfunkanstalten und vieles mehr, auch durch engagierte und professionelle Mitwirkung von Christen. Renovabis wurde gegründet, um bei diesem Umbau mitzuhelfen und für die Erneuerung in Mittel- und Osteuropa mitzuwirken.

Der in der neu geschenkten Freiheit entstandenen Euphorie folgten inzwischen Ernüchterung und bisweilen auch Enttäuschung. Die Umgestaltung und Erneuerung vollzog sich nicht so schnell, wie erhofft. Die Schäden der kommunistischen Zeit waren zu groß. Alte Strukturen und Seilschaften zeigten ein zähes Leben. Die Solidarität in gesellschaftlichen Grundfragen und der für ein demokratisch gefügtes und rechtsstaatlich organisiertes humanes Gemeinwesen erforderliche Grundkonsens bekamen Risse. Trotz aller Ernüchterung ist die Hoffnung noch lebendig geblieben und die Menschen dort rechnen mit unserer Hilfe.

Vor drei Wochen besuchte ich die Diözese Subotica in Serbien, wo eine beachtliche katholische Minderheit lebt. Dort sah ich das im Rohbau fast fertig gestellte Priesterseminar, das auch einmal die theologische Fakultät beherbergen wird. Mit großer Dankbarkeit zeigte man mir dieses Haus, das mit maßgeblicher Hilfe von Renovabis erstellt wurde und im Mai des kommenden Jahres eröffnet werden soll.

Auch wir im Westen müssen uns fragen: Ist die Hoffnung, ja euphorische Erwartung, die auch wir nach der Wende für Mittel- und Osteuropa hatten, nicht ebenfalls geringer geworden oder gar geschwunden? Sind wir in unserem Helfen müde geworden? Die Antwort kann nur lauten: Wir dürfen die vielen, die ihre Hoffnung auf uns setzen und unsere Hilfe brauchen, nicht enttäuschen. Wir müssen ihnen helfen, den Glauben zu entfalten und die Gesellschaft zu gestalten, wie es das Anliegen dieses Kongresses ist.

In der Bergpredigt sagt Jesus: „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 5,13 f.). Das ist sein Auftrag an uns, unsere Welt in seinem Geist zu gestalten. Darum nimmt die Kirche, wie es das Konzil lehrt, „immer und überall das Recht in Anspruch, in wahrer Freiheit den Glauben zu verkünden, ihre Soziallehre kundzumachen, ihren Auftrag unter den Menschen unbehindert zu erfüllen und auch politische Angelegenheiten einer sittlichen Beurteilung zu unterstellen, wenn die Grundrechte der menschlichen Person oder das Heil der Seelen es verlangen“ (GS 76).

Das gilt auch für die Gestaltung des gesellschaftlichen und politischen Lebens in Mittel- und Osteuropa. Renovabis hilft mit, das „Gemeinsame Haus Europa“ aufzubauen. Der Kontinent kann jetzt wieder mit beiden Lungenflügeln atmen. Und dieses Europa endet nicht an den Außengrenzen der Europäischen Union. Es umfasst auch die ganze Welt des orthodoxen Ostens und Südostens.

Europa braucht ein gemeinsames Wertefundament – und das sind die christlich-jüdischen Wurzeln. Gerade in der Diskussion um den neuen Vertrag für die EU, der die gescheiterte Verfassung ersetzen soll, müssen Christen sich vehement dafür einsetzen. Mehr denn je müssen sie die offene Auseinandersetzung und den geistigen Wettbewerb mit jenen aufnehmen, die das neue Europa unter Ausschluss seiner bedeutenden christlichen Wirkkräfte und erst recht ohne Mitwirkung der Kirchen gestalten möchten.

In Wien sagte Papst Benedikt vor zwei Wochen vor Vertretern des öffentlichen Lebens: „Europa kann und darf seine christlichen Wurzeln nicht verleugnen. Sie sind ein Ferment unserer Zivilisation auf dem Weg in das dritte Jahrtausend.“ Auch zwanzig Jahre nach der Wende gilt es, die Berge versetzenden Kräfte zu entfalten, die uns durch den Glauben an den dreifaltigen Gott und durch diesen Glauben an die unverletzbare Menschenwürde geschenkt sind.

Wie wichtig die gelebte Beziehung zu Gott ist, zeigen uns die verschiedenen geschichtlichen Entwicklungen von Ost- und Westeuropa. Im Osten herrschte bis zuletzt die programmatisch vorgegebene gottlose Ideologie des Kommunismus, die der Vision einer klassenlosen Gesellschaft dienen sollte. Sie kostete, wie wissenschaftliche Untersuchungen belegen, 80 Millionen Tote („Das Schwarzbuch des Kommunismus“, Piper 1997). Vor allem Osteuropa hatte auch unter dem verbrecherischen Regime des deutschen Nationalsozialismus zu leiden, das gleichfalls Millionen unschuldiger Menschen den Tod brachte.

Die Lektion aus diesen das 20. Jahrhundert in Europa prägenden Ideologien kann nur heißen: Wo es keine Verantwortung vor Gott gibt, wo Gott keine Rolle mehr spielt, verliert der Mensch seine Würde und seine Freiheit.

Im Westen breitet sich immer mehr die Ideologie des Säkularismus aus. Sie leitet die Menschen an, so zu leben, als ob es Gott nicht gebe. An die Stelle der Auflehnung gegen Gott tritt die lautlose Ablehnung Gottes. Auch dies hat für das Humanum einschneidende Konsequenzen. Wenn der lebendige Gott dem Blick des Lebens der Menschen entschwindet, verblasst und verschwindet letztlich auch das Bild des Menschen, entgleitet das Maß des Menschseins, verlieren sich die Maßstäbe für die unverletzliche Menschenwürde. Der Heilige Vater hat uns diesen Zusammenhang auch in seiner Regensburger Vorlesung deutlich mahnend ins Bewusstsein gestellt.

Die Entwicklung in Ost und West zeigt uns, wie entscheidend der Bezug zu Gott für den Menschen, für die Gestaltung des persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens ist. Um des Menschen willen, nicht aus konfessionellen Ambitionen, haben viele und auch ich immer wieder darauf gedrängt, einen Gottesbezug in die Präambel des inzwischen abgesetzten europäischen Verfassungsvertrags aufzunehmen. Dies scheiterte am Widerstand einiger Länder. Der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Erwin Teufel – er war Mitglied des Verfassungskonvents – sagte auf dem Renovabis-Kongress 2005 dazu folgendes:

„Es gab den Versuch, die Formulierung aus der deutschen Verfassung ‚In Verantwortung vor Gott und den Menschen‘ einzubringen. Wir Christdemokraten saßen an einem Wochenende auf einer Klausurtagung in Rom zusammen und haben die polnische Verfassung entdeckt, in der sinngemäß steht ‚Wir achten den Glauben derjenigen, die an Gott als die Quelle alles Guten, Gerechten, Wahren und Schönen glauben, und wir achten diejenigen, die diesen Glauben nicht teilen, aber diese Werte aus anderen Quellen bejahen‘. Das wenigstens sollte jeder unterschreiben können in Europa.“

Der Papst, Bischofskonferenzen und Bischöfe, Laiengremien und kirchliche Verbände und zahllose Einzelpersönlichkeiten auch aus der ganzen Ökumene waren es, die besonders nachdrücklich für die Einfügung eines Gottesbezuges plädierten. Sie taten dies nicht, um den Menschen anderer Überzeugung in Europa, ihren christlichen Gottesglauben aufzunötigen. Sie taten dies um des Menschen willen. So gewiss es unser missionarischer Auftrag ist, nach der Weisung des Herrn allen Menschen das Evangelium zu verkünden, so abseitig wäre es, dies mit Hilfe einer Verfassung durchsetzen zu wollen. Eine Verfassung bindet alle. Das Evangelium aber kann man nur in Freiheit annehmen.

Wir Christen haben in den europäischen Einigungsprozess etwas Entscheidendes einzubringen. Unser christliches Menschenbild ist der erste und grundlegende Beitrag für ein einiges Europa. Gestalten wollen wir es so, dass in Europa jeder Mensch in seiner Würde und in seinen Rechten unantastbar bleibt und sich in Freiheit entfalten kann.

Dieses Menschenbild verdanken wir der Bibel, der jüdisch-christlichen Tradition. Nach ihr ist der Mensch von Gott erschaffen, und zwar als Gottes Abbild, darum auch von seinem Wesen her auf Gott bezogen. In diesem Gottesbezug liegt seine unantastbare Würde, die jeder menschlichen Verfügung entzogen ist. Gott hat den Menschen als Mann und Frau erschaffen, als soziales Wesen, eingebunden in das Netz menschlichen Miteinanders, das bindet und zugleich verbindend trägt. Wie sein Gottesbezug behört auch seine Sozialität, seine Verwiesenheit auf die anderen, zum Wesen des Menschen.

Auch die Menschenrechte, welche als weltweite Grundordnung das Zusammenleben der Menschen und der Völker regeln, entspringen diesem Menschenbild. In ihrer Allgemeinverbindlichkeit und Unantastbarkeit spiegelt sich die unantastbare Würde des Menschen wider. Sie alle sind Ausdruck und Konkretion dieser Würde. Die Rückbindung an Gott verleiht diesem Menschenbild seine unbedingte Geltung.

Weil wir dieses Menschenbild der Bibel verdanken, spricht man oft vom christlichen Menschenbild. Die nähere Bestimmung „christlich“ verweist jedoch nur auf die Quelle unserer Erkenntnis. Dieses Bild vom Menschen ist allgemein gültig und verbindlich. Sonst könnte es nicht in Art. 1 des Grundgesetzes Grundlage der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, also eines weltanschaulich neutralen Staates sein. Ich bin überzeugt, dass dieses Menschenbild, unabhängig von seiner religiösen Letztbegründung, jedem vernünftigen Menschen einleuchtet und für ihn zustimmungsfähig ist.

Dieses Verständnis vom Menschen ist der erste, grundlegende Beitrag, durch den Christen am Aufbau Europas mitwirken. Dies ist die geistige Grundlage, auf der wir die Gesellschaft mitgestalten, damit die Menschen sich entfalten können und sich auch die Glaubensfreiheit als Menschenrecht anerkannt und gesichert ist.

Diese Vision kann Wirklichkeit werden mit Gottes Hilfe, der wir uns anvertrauen. Diese Vision hat sich Renovabis zur Aufgabe gestellt.

Das Wort „Renovabis“ ist der pfingstlichen Anrufung Gottes entnommen: „Emitte Spiritum tuum … et renovabis faciem terrae – Sende aus deinen Geist, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern.“

Gottes Geist, um den wir bitten und auf den wir vertrauen und bauen, gebe uns die Kraft, zum Handeln. Es ist die Kraft der Liebe Gottes, die uns anspornt und vorantreibt zum Einsatz für unsere Brüder und Schwestern in Mittel- und Osteuropa. Mit diesem Wort der Ermutigung darf ich den diesjährigen 11. Internationalen Kongress Renovabis eröffnen: „Gesellschaft gestalten – Glauben entfalten.“

[Vom Erzbischöflichen Ordinariat München veröffentlichtes Original]