Illegale Migration schafft sozialen Notstand

Erzbischof Marchetto: Status der Illegalität schmälert keinesfalls Menschenwürde

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RECOARO TERME, 17. September 2009 (ZENIT.org).- Illegale Migranten, die fremde Arbeitsmärkte überschwemmen, hätten eine Form von „sozialen Notstand“ geschaffen, „da durch die immer höhere Zahl der illegalen Einwanderer das Angebot an Arbeitskräften den Bedarf der Wirtschaft bei Weitem übersteigt“, warnte Erzbischof Agostino Marchetto, Sekretär des Päpstlichen Rates der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs auf einem Symposium.

„So entsteht dann der Verdacht, die Ausländer würden den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen. Dabei ist es oft so, dass diese selbst bestimmte Arbeiten, die sie als 'schmutzig' oder 'erniedrigend' bezeichnen, nicht mehr tun wollen“, erklärte der Kurienerzbischof in seinem Vortrag.

„Armut; die Unmöglichkeit, eine angemessene und würdige beziehungsweise eine mehr oder weniger feste Beschäftigung in der Heimat zu finden, wie auch die Flucht vor Naturkatastrophen, Konflikten, Kriegen und politischen oder religiösen Verfolgungen oder auch vor Verletzungen der Menschenrechte verteiben Menschen aus ihrem Heimatland“, fügte er in seinem Beitrag beim Rezzara-Kongress in Recoaro Terme (Italien) hinzu. Die Expertentagung zum Thema „Einwanderer - wirtschaftliche, soziale und religiöse Aspekte" fand in der vergangenen Woche statt.

Migration müsse gerade „auch im Hinblick auf die internationalen Entwicklungsprogramme und die entsprechenden nationalen Strategien betrachtet werden“, hob der Experte des Vatikans hervor. „So haben in der Tat die Geldsendungen der Wanderarbeitnehmer einen großen Beitrag zur Wirtschaft im Allgemeinen und insbesondere der Wirtschaft in den Entwicklungsländern, aus denen viele stammen, geleistet", betonte der Erzbischof.

Der Status der Illegalität „schmälert keinesfalls die Menschenwürde des Abwanderers", denn auch wenn er illegal sei, könnten seine unveräußerlichen Rechte „weder verletzt noch ignoriert” werden – von den elementaren bürgerlichen und politischen Rechten bis hin zu jenen, die die Arbeit betreffen. Die Aufnahmeländer sollten eine ethische Arbeitsvermittlung vornehmen „und bei der Ausbildung zur Ausübung von Berufen mitarbeiten, die in den Herkunftsländern nützlich sind".

Es sei ferner wichtig, dass „die Regierungen der Ursprungsländer ihre Beziehungen zu ihren eigenen Bürgern festigen, die sich im Ausland befinden", denn diese würden wesentlich zur Entwicklung ihrer Geburtsländer beitragen - nicht nur durch ihre Geldsendungen, sondern auch durch die Einbringung ihres Know hows und neuer Technologien, falls diese nach Hause zurückkehrten.

Illegale Einwanderung habe es immer gegeben, sei aber oft toleriert worden, da sie jene Arbeitskräftereserve darstelle, auf die man zurückgreifen könne, je mehr die regulären Migranten ihre Position verbesserten und sich voll in die Arbeitswelt integrierten, erklärte Erzbischof Marchetto. Diesem Phänomen müsse daher vorgebeugt werden: „auf der einen Seite, indem man der Ausbeutung der illegalen Auswanderung entgegenwirkt, und auf der anderen durch internationale Zusammenarbeit mit dem Ziel, politische Stabilität zu fördern und die endemischen Ursachen der Unterentwicklung aus dem Weg zu räumen".

Der Migrant habe die Pflicht, „Identität und Gesetze des Ziellandes zu achten, sich um eine richtige Integration - nicht Assimilierung - im Gastland zu bemühen und die Landessprache zu erlernen. Das Gastland sollte geschätzt und geachtet und am Ende auch geliebt und verteidigt werden."

Wo der Fremde als Gast Aufnahme finde, „verflüchtigt sich allmählich das Risiko, den anderen als einen Feind zu sehen", fuhr der Erzbischof fort. Einen Fremden aufzunehmen bedeute für einen wahren Christen, „Gott selbst aufzunehmen".

„Die Suche nach einem zufrieden stellenden Gleichgewicht zwischen einem gemeinsamen Kodex des Zusammenlebens und der kulturellen Vielfalt wirft heikle und nicht einfach zu lösende Probleme auf", so Erzbischof Marchetto. „Manchmal enden diese Ängste in der Zerstörung oder Negierung der Identität des anderen... In anderen Fällen führt diese Angst zu Hilfsaktionen, die die Empfänger nur demütigen, da sie ihr eigenes Wertgefühl verletzen.“ Es müsse nach gangbaren Wegen gesucht werden, „die den kulturellen Imperialismus verhindern, der zur Angleichung anderer Kulturen durch die herrschende Kultur zur Folge hat, und den kulturellen Relativismus verhindern, der zu einem Identitätsverlust der Gesellschaft führt".