Im Alter die Familie der Glaubensgeschwister schätzen

91 jährige Enrichetta Vitali spricht vor Benedikt XVI.

| 949 klicks

ROM, 15. November 2012 (ZENIT.org/GSE) ‑ Am 12. November 2012 hat Papst Benedikt XVI. Vertreter der Gemeinschaft Sant’Egidio besucht. Zu diesem Anlass kam auch die 91 jährige Enrichetta Vitali zu Wort, die eine kurze Rede an Benedikt XVI. richtete.

[Wir dokumentieren die Ansprache von Enrichetta Vitali in einer Übersetzung der Gemeinschaft Sant’Egidio:]

***

Heiliger Vater,

ich heiße Enrichetta und bin fast 91 Jahre alt. Ich lebe in Tor de’ Cenci und bin seit vielen Jahren Witwe. Ich gehöre seit 33 Jahren zur Gemeinschaft Sant’Egidio. Es ist für mich heute eine große Freude, Ihnen zu begegnen und etwas über mein Leben zu berichten.

Heiliger Vater, das Leben von uns alten Menschen ist ein Leben voller Probleme und manchmal voll Leid. Man wird schwächer, es kommen viele Krankheiten und Schmerzen, und dann bin ich mit der Zeit fast blind geworden. Ich brauche Hilfe und Begleitung, wenn ich das Haus verlassen möchte. Das Leben ist heute schwieriger, ich kann nicht mehr das tun, was ich einmal tun wollte.

Doch ich habe die Gnade, der Gemeinschaft Sant’Egidio auf meinem Lebensweg begegnet zu sein. Ich möchte Ihnen sagen, dass die Freundschaft mit vielen jungen und erwachsenen Menschen mir trotz meiner größeren Schwäche viel Kraft, Leben und Mut geschenkt hat.

Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich als alte Freu durch die Freundschaft viele Dinge gelernt habe, ohne in die Schule gegangen zu sein, sondern durch die Begleitung und Zuneigung vieler jüngerer Geschwister. Vor allem habe ich gelernt, den Nächsten zu lieben, wozu uns Jesus aufruft, und konkret denen zu helfen, die schwächer sind als ich und die ohne Schutz sind. Ich habe gelernt, das Leben zu schützen, vor allem das Leben anderer alter Menschen, die häufig von ihrer Familie verlassen wurden. Ich lernte sie bei Besuchen in Heimen kennen, indem ich ihnen Zuneigung schenkte und mich mit der Gemeinschaft einsetze, ihr Leben zu beschützen.

Als alte Frau habe ich viele Dinge der Welt entdeckt und verstanden. Ich bin nicht nur für meine Enkelkinder zur Großmutter geworden, sondern für viele Kinder in meinem Stadtviertel, vor allem für Nomadenkinder im Lager von Tor de’ Cenci. Deshalb danke ich immer Andrea, der diese Gemeinschaft ins Leben gerufen hat. In diesen Jahren konnte ich vielen hilfsbedürftigen Menschen zur Seite stehen, denen ich allein niemals begegnet wäre.

Heute ist meine Familie sehr groß geworden in Italien, Europa und Afrika. Ich habe viele Freunde und Geschwister, die ich gern habe und die meine Freundschaft erwidern. Obwohl ich heute weniger tun kann, weil ich kaum sehen kann, möchte ich Ihnen sagen, dass ich eine frohe alte Frau bin.

Ich fühle mich nicht nutzlos, das Gebet hat mein Leben immer begleitet und ist heute zu meiner Hauptbeschäftigung geworden. Das Gebet ist nicht nur mein größter Trost, wenn ich Probleme habe, sondern auch mein Dienst, meine Freundschaft zu den Schwachen, zu den Menschen im Krieg, zu den Kranken, zu Afrika und auch zu Ihnen.

Im vergangenen Jahr habe ich viel gebetet, als sie im Petersdom gestürzt sind wegen der Frau, die sie berühren wollte. Mit den Jahren esse ich nicht mehr soviel wie früher, doch das Gebet ist meine wichtigste Nahrung und eine große Kraft. So lebe ich mit den anderen zusammen, auch wenn ich physisch nicht bei ihnen sein kann.

Heiliger Vater, ich bitte den Herrn immer, dass ich mein Gedächtnis nicht verliere, damit ich mich immer an alle in meinen Gebeten erinnern kann. Ich bete immer auch für Sie, damit Sie unserer Welt viel Hoffnung schenken können.