Im Alter Hoffnung schenken

Ansprache des Präsidenten der Gemeinschaft Sant'Egidio beim Papstbesuch

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ROM, 15. November 2012 (ZENIT.org/GSE) ‑ Am 12. November 2012 hat Papst Benedikt XVI. Vertreter der Gemeinschaft Sant’Egidio besucht. Der Präsident der Gemeinschaft, Marco Impagliazzo, richtete sich in einer Ansprache an den Heiligen Vater, in der er die Arbeiten der Gemeinschaft in Italien und Rom vorstellte.

[Wir dokumentieren die Ansprache von Marco Impagliazzo in einer Übersetzung der Gemeinschaft Sant‘Egidio:]

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Heiliger Vater,

heue ist unsere Freude übergroß, weil Sie in unserer Mitte sind. Wir empfinden es als eine Gnade, dass Sie uns besuchen, nachdem Sie mit uns in der St. Bartholomäusbasilika gebetet haben, die den neuen Märtyrern gewidmet ist, nachdem sie mit den Armen zu Weihnachten gegessen und uns in Kamerun für das DREAM-Programm zur AIDS-Bekämpfung ermutigt haben.

Dieses Volk ist aus allen Altersgruppen zusammengesetzt und freut sich, Sie in diesem Haus der Gemeinschaft Sant’Egidio für ältere Menschen zu begrüßen. Es ist ein Ort der Hoffnung.

Auf den Straßen Roms – und anderer europäischer Städte – begegnen wir immer häufiger traurigen und resignierten alten Menschen. Zu viele werden vergessen und verarmen durch Krankheit, Einsamkeit, Gebrechlichkeit, Ausgrenzung. Der Segen eines langen Lebens verwandelt sich in Traurigkeit. Ist das ein unvermeidliches Schicksal? – so fragen wir uns nun schon seit vielen Jahren.

In diesem und vierzehn weiteren Häusern der Gemeinschaft in Rom schöpfen alte Menschen neue Hoffnung. Hier werden die Worte aus Psalm 71 Wirklichkeit, der als „Gebet eines alten Menschen“ bezeichnet wird.

„Ich aber will jederzeit hoffen, all deinen Ruhm noch mehren“ (V. 14).

Wer jederzeit trotz gesundheitlicher Schwierigkeiten hofft, betet für sich und für die anderen.

Ihr heutiger Besuch, Heiliger Vater, stützt die alten Menschen und uns alle in der Hoffnung. Dieser Ort ist für Menschen geschaffen worden, die nicht mehr in der eigenen Wohnung leben können, weil ihre Selbständigkeit eingeschränkt ist, weil sie ihre Wohnung verloren haben, weil es familiäre Konflikte gibt oder weil sie in Armut geraten sind. Um die Zahl von Unterbringungen in Megastrukturen einzuschränken, haben wir Erfahrungen von Cohousing geschaffen, Wohngemeinschaften von alten Menschen und betreutes Wohnen in familiärem Umfeld. Außerdem helfen viele von uns Tausenden von alten Menschen in Heimen oder Alleinstehenden in der eigenen Wohnung durch regelmäßige Besuche.

Alte Menschen hoffen jederzeit durch die Hilfe von jungen Menschen und Erwachsenen, die ihre Begleiter geworden sind. Man schöpft neue Hoffnung, wenn ein familiäres Umfeld geschaffen wird, wenn Jung und Alt vereint miteinander leben, als wären sie eine Familie (Großeltern, Kinder und Enkel).

Hier und an vielen Orten Roms, an denen die Gemeinschaft alte Menschen besucht, wird eine einfache und doch wesentliche wunderbare Einheit zwischen der Liebe des Evangeliums und der Liebe zu den Armen Wirklichkeit. Wir haben verstanden, dass diese Einheit der Mittelpunkt unseres Lebens ist. Durch das Hören auf das Evangelium wächst eine große Liebe zu allen und vor allem zu den Armen. Wir haben verstanden, dass der Glaube die Intelligenz, die Existenz und auch die Politik dazu anregt, eine gastfreundlichere Welt aufzubauen. Das haben wir in diesen Jahren erlebt und vermitteln es gern allen, denen wir begegnen.

Dieses Haus entstand aus einem Traum, der in der Schule des Mitleids Jesu mit der erschöpften und kranken Menschenmenge herangereift ist. Durch Ihre Worte haben Sie uns in diesen Jahren immer verstehen lassen, dass der Glaube der Ursprung einer jeden Veränderung des Lebens und der Geschichte ist. Sie fordern uns auf, immer das Mitleid Jesu zu leben. Dieses Mitleid macht besser und menschlicher, denn es ist eine Quelle der wahren Menschlichkeit. Der Prophet Joel sagt: „Danach aber wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben, und eure jungen Männer haben Visionen“ (3,1).

Durch den Geist, der Liebe ist, haben die alten Menschen Träume. Ja, Heiliger Vater, alte Menschen träumen, wenn sie täglich geliebt und begleitet werden. Durch den Geist haben junge Menschen Visionen für das Leben: Sie haben keine Angst mehr vor der Schwäche der alten Menschen, sie wird sogar zum Anlass, sich zu begegnen und einander zu lieben.. Die alten Menschen sind Lehrmeister der Zuneigung und Menschlichkeit und sehen in denen, die ihnen helfen, gleichsam Engel.

Heiliger Vater, durch Ihren Glauben und Ihre Predigt ermutigen Sie uns, das Wort des Propheten zu verwirklichen: Die Alten haben Träume und hoffen, und die Jungen haben Visionen. Am Beginn dieses Jahres des Glaubens stärkt uns der Segen Ihres Besuches im Glauben und macht uns froher in der Hoffnung.

Wenn Sie von Ihrem Fenster aus die Stadt und den Erdkreis segnen, sehen Sie den Hügel des Gianicolo, wo wir heute sind. Denken Sie dann an dieses kleine Volk, das Sie gern hat.

Danke schön.