„Im Herzen der Kirche will ich Liebe sein“ – Gemeinschaft der Seligpreisungen

Interview mit P. Johannes Maria Poblotzki

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WARSTEIN, 6. November 2007 (ZENIT.org).- „Oft hat man Angst, die Jugendlichen zu überfordern, aber meist ist das Gegenteil der Fall“, bekräftigt P. Johannes Maria Poblotzki im vorliegenden ZENIT-Interview über die Gemeinschaft der Seligpreisungen.



Der Verantwortliche für die bundesweite Jugendpastoral der Gemeinschaft, die 1973 von Ephraim Croissant, dessen Frau Josette und einem weiteren Ehepaar in Frankreich gegründet wurde, weist darauf hin, dass es nicht ausreiche, mit den Jugendlichen über Gott zu sprechen. Vielmehr gehe es darum, mit ihnen mitzuleben und sie ihrerseits teilhaben zu lassen am eigenen Leben. Wenn die Jugendlichen nämlich authentische Zeugen der Wahrheit finden, nach der sie sich in der Tiefe ihres Herzens sehnen, „dann sind sie bereit, sich dieser Wahrheit, die Christus selbst ist, tiefer zu öffnen und ihm ihr Leben anzuvertrauen“.

In der Gemeinschaft der Seligpreisungen mit rund 70 Gründungen auf allen Kontinenten leben alle Lebensstände – Familien, geweihte Brüder und Schwestern, Priester – in einem Geist der christlichen Urgemeinde zusammen, um gleichzeitig den Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden. Sie bemühen sich darum, für die Menschen eine lebendige „Schule des Gebets und der Liebe, ein Ort der Auferstehung des Herrn“ zu sein.

Die Kraftquellen sind das persönliche Gebetsleben im Geist des Karmels; die Liturgie, die den Reichtum der Ostkirche mit einschließen möchte, und die Offenheit für die Charismen des Heiligen Geistes in Berührung mit den jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens und in der Hingabe an die Vorsehung an der Hand der Jungfrau Maria.

ZENIT: Zu welchem Zweck wurden die Seligpreisungen gegründet? Welche Aspekte waren den Gründern besonders wichtig?

P. Johannes Maria: Wenn man die Entstehungsgeschichte unserer Gemeinschaft betrachtet, ist es schwierig, von einem eigentlichen Gründungszweck im Ursprung zu sprechen. Jedenfalls haben sich unser Gründer, Ephraim Croissant, und die ersten Gründungsmitglieder nicht einfach hingesetzt und überlegt, wie eine Gemeinschaft konzipiert sein oder welche Ausrichtung sie haben müsste, um einen gewissen Zweck zu erfüllen, mit der Absicht, dann eine solche Gemeinschaft ins Leben zu rufen. Es ist eher so gewesen, dass sich Bruder Ephraim und die ersten Gründungsmitglieder in einer Inspiration vom Heiligen Geist gedrängt fühlten, in Gemeinschaft die Nachfolge Jesu konkret ins Leben umzusetzen.

Wie Mosaiksteinchen kamen dann auf verschiedene Weise Anregungen hinzu, die das gemeinschaftliche Leben formten und in einer Art prägten, aus der dann die Gemeinschaft der Seligpreisungen wurde, wie sie heute existiert. Erst später erkannte man, dass verschiedene Elemente unseres gemeinschaftlichen Lebens eine direkte Antwort waren auf die Bedürfnisse der Kirche, der Welt und der Anfragen zur Erneuerung der Kirche durch das Zweite Vatikanum. Hier könnte man zum Beispiel die Beziehung zwischen Kirche und Judentum nennen. oder auch zur Ostkirche beziehungsweise das Suchen nach einer angemessenen und die Kirche aufbauenden „actuosa participatio“ der Gläubigen in der Liturgie, verbunden mit einer „ars celebrandi“ in der Treue zur Tradition, wie erst kürzlich wieder in „Sacramentum Caritatis“ erwähnt.

Ganz zentral bei uns ist die Entdeckung der Kirche als Volk Gottes, zusammengefügt aus den verschiedenen Lebensständen (Familien, Priester, Geweihte, Ledige), an die gemeinsam der Ruf der Heiligkeit ergeht, in einer aktiven Teilnahme am kirchlichen Leben. Nach dem Leitbild der Urgemeinde waren in unserer Gemeinschaft daher immer schon das gemeinschaftliche Leben, das Gebet, Gütergemeinschaft und freiwillige Armut, intensives sakramentales Leben in enger Bindung an die Kirche und tätige Mitwirkung im Dienst an den Armen und in der Verkündigung des Evangeliums maßgebliche Elemente.

Dies alles lässt sich mit einem unserer Leitworte gut ausdrücken, dass wir uns von der heiligen Therese von Lisieux zu Eigen gemacht haben: „Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, will ich Liebe sein.“ Insofern sehen wir, dass die Gemeinschaft der Seligpreisungen nicht zwecklos ins Leben gerufen wurde, denn der Heilige Geist weiß am besten, wie man auf adäquate Weise den Bedürfnissen der Zeit antworten kann. Wir sind immer wieder selbst überrascht, auf welche Weise dies geschieht.

ZENIT: Welche besonderen Akzente setzt Ihre Gemeinschaft bei der Verbreitung des Evangeliums?

P. Johannes Maria: Es ist nicht ganz leicht, darauf eine Antwort zu finden. Es gibt keine bestimmte Methode, um den Menschen Christus näher zu bringen. Die Wege sind so verschieden, wie die Seelen selbst, und jeder begegnet Christus auf einmalige und individuelle Weise. Daher versuchen wir, uns immer wieder neu auf die verschiedenen Situationen und Personen einzulassen, um den Weg zu finden, auf dem Gott jetzt und heute dem Einzelnen begegnen möchte.

Wir versuchen bei der Verbreitung des Evangeliums Christus, möglichst auf unverfälschte Weise zu verkündigen. Es ist uns ein Anliegen, den Menschen einen einfachen und direkten Zugang zu Gott zu eröffnen, um einen Gott zu erleben, mit dem man auf unkomplizierte Weise in Dialog treten kann, der jeden von uns persönlich kennt, so dass es möglich ist, sein reales Handeln in meinem Leben in seiner Barmherzigkeit und Liebe für mich persönlich zu erleben. Dies geschieht auf besondere Weise durch die Sakramente, wie zum Beispiel Beichte und Eucharistie. Aber auch das persönliche Segensgebet um den Heiligen Geist für jemanden und die gelebte Nächstenliebe sind Wege, die die Kirche schon immer gegangen ist.

ZENIT: Sie leben als Priester in Warstein. Was hat Sie dazu motiviert, sich der Gemeinschaft der Seligpreisungen anzuschließen?

P. Johannes Maria: Ich bin vor fast 14 Jahren in die Gemeinschaft der Seligpreisungen eingetreten. Damals hat mich fasziniert, mit welcher Selbstverständlichkeit und Einfachheit Gebetsleben und Alltag miteinander in Verbindung gesetzt wurden. Ich durfte Gottes konkretes Handeln in meinem Leben und im Leben der Gemeinschaft sozusagen „hautnah“ erleben: Wir beteten konkret um bestimmte Dinge wie Nahrungsmittel und Heizöl, und Gott war die einzige Garantie für unser tägliches Brot. Aber ich durfte auch Zeuge werden, wie Gott in den Herzen der Menschen wirkt: Heilungen und Bekehrungen zu erleben, wie in der Heiligen Schrift, das hat mein Leben sehr verändert, und so konkret mit Gott mein Leben zu führen, war meine tiefste Sehnsucht.

Letztlich ist das Fundament meiner Berufung aber gegründet auf einen Ruf Gottes in der Tiefe meines Herzens. Erst sekundär kommen dann auch bestimmte Erfahrungen hinzu, die mich sehr geprägt haben.

ZENIT: Papst Benedikt XVI. hat die Geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen wiederholt gebeten, die Kirche vor Ort nach Kräften zu unterstützen. Wie setzen Sie das um?

P. Johannes Maria: Das hängt natürlich immer auch sehr von den örtlichen Gegebenheiten und Bedingungen ab. Wir gründen nur dort eine Niederlassung, wo der jeweilige Ortsbischof uns ausdrücklich einlädt. Wenn er das tut, so hat er meist ein pastorales Anliegen und eine gewisse Vorstellung, wie wir uns im jeweiligen Bistum und der Pfarrei einbringen können. Wir versuchen, uns dann in dieser Richtung zu engagieren.

Grundsätzlich sind wir eine offene Gemeinschaft, und versuchen selbst durch unser Leben für andere eine Schule des Gebets und der Liebe, ein Ort der Auferstehung des Herrn zu sein. Jeder ist herzlich eingeladen, an unserem alltäglichen Leben der Liturgie und Arbeit teilzunehmen und auf diese Weise Gott tiefer zu erkennen.

Viele Personen nehmen diese Möglichkeit war und erfahren so eine Erneuerung im Gebet und in ihrer Beziehung zu Gott. Dazu bieten wir dann auch verschiedene Seminare und Exerzitien an, immer gebunden an die Quellen des Gebets und der Sakramente.

ZENIT: Welche Initiativen und Apostolate sind für Sie im Hinblick auf die Jugend heute von besonderer Bedeutung?

P. Johannes Maria: Ich glaube dass die Jugendlichen nach wie vor einen großen Durst nach Gott haben und sehr nach ihm Ausschau halten. Sie tragen ein tiefes Bewusstsein der Wahrheit und des Lebens sowie eine tiefe Sehnsucht nach Liebe in sich, die leider oft enttäuscht wird. Wenn die Jugendlichen aber authentische Zeugen dieser Wahrheit finden, die sie tief in sich vorgefunden haben, dann sind sie bereit, sich dieser Wahrheit, die Christus selbst ist, tiefer zu öffnen und ihm ihr Leben anzuvertrauen. Es ist daher nicht nur notwendig, zu den Jugendlichen zu sprechen, sondern man muss mit ihnen leben und sie begleiten, um wirklich Zeuge sein zu können.

Es braucht auch eine konkrete Verbindung zum Leben, und zwar zu dem Leben, das die Jugendlichen führen – mit allen Herausforderungen und Spannungen, in denen sie stehen. Sie müssen spüren, dass sie nicht allein in diesem Kampf sind, und sie müssen erfahren, dass sich der Kampf um Heiligkeit lohnt – mehr als alles andere. Es braucht also beides: die Verkündigung des Evangeliums in der Wahrheit des Wortes und die gelebte konkrete Liebe.

Wir bieten daher in unserem Haus eine „Schule der Jüngerschaft“ an. Das ist eine Möglichkeit für Jugendliche, bis zu neuen Monaten in unserem Haus mit uns zu leben, mit einem Programm, dass ganz auf sie zugeschnitten ist (Katechismus, Bibelstudium, Lehre…).

Gott spricht auch sehr stark durch Erlebnisse in der Natur. Ich habe erst kürzlich einen Segeltörn mit Jugendlichen gemacht: eine Woche auf See, wo man mit der Schönheit der Schöpfung, aber auch mit der Begrenztheit des eigenen Lebens (Seekrankheit) konfrontiert ist. Und in gewisser Weise ist man auch einander ausgeliefert und kann Konflikten nicht aus dem Weg gehen, was für viele eine wertvolle Lebenserfahrung war.

Jeden Tag haben wir die Heilige Messe gefeiert und zusammen gebetet. All das zusammen mit den Herausforderungen des Segelns war eine gute Möglichkeit, Gott näher zu kommen. Aber auch die Mission per Autostop auf der Straße hat schon einige Jugendliche begeistert. Ich denke, hier ist noch ein großes Feld zu erobern.

Oft hat man Angst, die Jugendlichen zu überfordern, zum Beispiel durch die eucharistische Anbetung, aber meist ist das Gegenteil der Fall: Sie sind uns im Eifer des Gebets und der Sache für Gott ganz oft voraus, und Gott tut dann auf erstaunliche Weise das Seinige!