Im Licht des Schönen: Platons „Symposion“

Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

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WÜRZBURG, 13. Dezember 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Die persönliche Begegnung mit Sokrates bestimmte den jungen adligen Platon (427-347 v. Chr.) aus Athen, nicht die politische Laufbahn einzuschlagen, sondern sich in seinem 20. Lebensjahr mit anderen vornehmen Söhnen aus Athener Familien dem verehrten Lehrer anzuschließen. Dessen ungerechte Hinrichtung im Jahr 399 prägte Platon tief; in der von ihm gegründeten Akademie am Rande der Stadt ging sein Lebenswerk nun auf die Klärung von Ideen wie Gerechtigkeit, Schönheit, Gutheit, Wahrheit, die er in über 30 Dialogen entfaltete. Zwei Reisen nach Syrakus (um 366 und 360) führten nicht zu der gewünschten Philosophenherrschaft, sondern zur letztlichen Abwendung von der Politik. Sein größter Schüler Aristoteles setzte Platons Vorgaben anders fort, doch geht von Platon nach wie vor einer der wichtigsten Anstöße des philosophischen Denkens aus; späteres Philosophieren bestehe nur aus „Fußnoten zu Platon“, so Bertrand Russell.



Aufstieg über die Körper hinweg brachte Platon den Vorwurf der „platonischen Liebe“ ein. In der Politeia blickt das geistige Auge durch die Schattenhöhle des angeblich Wirklichen, am Feuer der Ideen vorbei, in das Urfeuer des Guten. Neuzeitlicher Verdacht spricht hier von der „Hinterwelt“, in die die besten Kräfte des Hiesigen verlagert würden. Die Ideenlehre verdopple die Wirklichkeit, sie mache das Körperliche wesenlos, denn das Wesen wandere aus ins Ideal. Gerade am „Gastmahl“ lässt sich jedoch überprüfen, wie konkret die sechs Reden „zum Lobe des Eros“ um das Mysterium der Liebe kreisen. Alles strebt ihr zu, das Menschliche, die Tiere, die Pflanzen, die Gestirne, das Irdische, auch das Himmlische und Göttliche. Liebe ist die Urform der eudaimonia, des Glücks, aber nicht in philosophischer Selbstgenügsamkeit. Eros ist vielmehr ein werkzeuglicher Mittler, ein daimon zwischen mehreren Komponenten, die er zur Einheit zusammentreibt. „Daimon“ enthält schon im Wortstamm das Teilende, Zwiefache, Scheidende, ist aber von daher dem Klärenden zugeordnet: Eros ist Bote zwischen oben und unten, das er letztlich zusammenfügt. Genauer: Die Hälften treten durch Eros in eine neue Sphäre, die verwandelnd auf sie zurückwirkt.

Diotima, die als Lehrerin des Sokrates die letzte entscheidende Rede hält, öffnet dem Eros den flutenden Bereich, in dem er sein Wesen treibt: Er zeigt sich tief wirksam für den Aufbau der gesamten Wirklichkeit, treibt er doch auf das Endgültige zu, auf die alles Vereinzelte sammelnde Attraktivität des Schönen. Dieser Zug ins Finale ist des Eros höchste, beseligende Möglichkeit. Im Durchgang durch die Körper reißt er in die größere Sehnsucht, lässt das Vorhandene als Schatten zurück, während das von ferne Geliebte, von fernher Geahnte immer wirklicher vor das Auge tritt. Das irdisch Schöne ist überhaupt nur deswegen liebenswert, weil es die Durchsicht auf das überhaupt Schöne ist, auf das fehlerlose Ziel. Zwischen der unvollkommenen Welt der Körper und dem Himmlischen eilt Eros hin und her, geschäftig lockend, jagend, unruhig. Seine Bahn erschöpft sich nicht zwischen den Liebenden, vielmehr treibt er sie über sich hinaus dem Göttlich-Schönen zu.

Dabei stiftet er nicht allein Unruhe, sondern möglicherweise Irre. Unmittelbar nämlich kann niemand zum Ziel aufsteigen. Diotima nennt Zwischenstufen, die zwar Näherung, aber jeweils auch die Gefahr des Stillstands bedeuten. Jeder Weg ist ein möglicher Abweg, solange der Wurfanker nicht im endgültig Schönen ausgeworfen ist. Stillstand im Vorletzten ist aber Abirren. Auch hier ist Eros Daimon, der zum entschlossenen Übertritt ins Göttliche treibt: Haupt und geistiges Auge des Liebenden sind schon ins Licht des Schönen gerichtet, Leib und Seele aber haften noch im Vorläufigen. Die Wirklichkeit dieser Spaltung macht die jetzige Realität zwitterhaft; sie „hälftet“ den Menschen in ein hier und drüben. Die scheinbar dichte physische Welt der Körper verbaut die schwerelose Kraft der Welt des Schönen. Je starrer daher die Liebe am Sinnenfälligen hängt, desto weniger wird gesehen. Trieb bleibt nur Trieb, ohne zu wissen, wohin er treibt und getrieben wird.

Diotima aber stellt die Körperwelt in das alles erhellende Licht des Schönen: In dieser erhabenen Berührung wird das Irdisch-Geliebte erst, was es wirklich ist. Daher eignet selbst der „schlechten“ Liebe noch ein Funken des Göttlichen, noch eine Ordnung in der Unordnung: In aller Verfehlung ist ein Richtendes, schmerzlich Erinnerndes. So ist Eros Lockvogel des Gottes, Köder, Jäger zum Wirklichen = Göttlichen, das alle Sehnsucht trägt, welche vielen Namen man auch dieser Sehnsucht gibt. Dieser tragende Grund wird einmal blitzartig erhellt; er heißt „das Gute für immer besitzen“. Liebe ist nicht auf das Vorläufige gerichtet, weder auf den wechselnden Genuss noch auf das Sichgefallen im „Unterwegssein“, sondern ihr reines Ziel ist die Unsterblichkeit. Sie begleitet alles Lieben und zieht es aus der Zeit heraus, gewährt ihr jetzt schon Anteil an einem Ewigen.

Platon inspirierte mit dieser großen Rede die philosophische Mystik des Judentums wie des Christentums, darunter vor allem Augustinus, aber auch die großen Victoriner, Dante, Bonaventura, Johannes vom Kreuz, bis zu Simone Weil. Das „Symposion“ berührt die äußersten Kräfte der menschlichen Existenz, die zu einem Aufstieg drängen, zur Stillung der Sehnsucht nach dem Vollkommenen.

[Teil 2 der Reihe „Fünfzig Hauptwerke der Philosophie“; Platon: Symposion. Band 2, übersetzt von Friedrich Schleiermacher. Rowohlt Verlag, Reinbeck 2004, 617 Seiten, EUR 11,90; © Die Tagespost vom 8. Dezember 2007]