Im Sohn stirbt der Glaube ab - Was ist zu tun?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 238 klicks

Branko war so gut: Jahrelang hat er ministriert. Mit dem Beginn der mittleren Schule habe ich gemerkt, dass er nachgelassen hat, er vernachlässigte zuerst die Sakramente, und danach auch die Messe. Er hat sich immer mehr entfremdet in eine eigene Welt, eigene Gesellschaft, in Ausgänge aus dem Haus. Vor uns Eltern hat er sich ganz verschlossen. Er ist trotzig, nervös, grob geworden und macht uns dauernd traurig.

Irgendwie hat er das Abitur geschafft, und jetzt befindet er sich an der Fakultät. Er ist willenslos. Es zieht ihn nichts an. Er fühlt sich müde. Er klagt über die Sinnlosigkeit der Gesellschaft, des Studium, über allgemeine Sinnlosigkeit… Ab und zu geht er noch in die Kirche, aber auch dort erlebt er nichts.

Kann man etwas tun, um in ihm den Glauben zu bewahren, oder noch besser, zu beleben? Wenn es ihm wieder gelingen würde, gläubig zu sein, und wenn er ehrlich seinen Glauben praktizieren würde, wäre alles besser.

Mutter S. 

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Gewiss, Branko war ein gutes Kind. Zwei Phasen der Jugendjahre waren für ihn entscheidend: die erste Jugend von 14. bis 17. Lebensjahr, und besonders die zweite Jugend ab dem 17. Jahr. Diese zwei Phasen der Jugend sind sonst eine kritische Zeit für junge Menschen, besonders für ihren Glauben. In dieser Zeit werden religiöse Praxen verlassen, die bis dahin praktiziert wurden. Bei der Jugend ist eine starke Abwehr gegen die Gesellschaft und ihre Forderungen zu spüren, weil sie dem jungen Menschen kein Lebensideal bietet, im Gegensatz, oft  Heuchlerei und Lüge. Der junge Mensch steht noch am Rande dieser Gesellschaft, in die er sich integrieren soll, aber ihm macht die Zukunft Angst, vielfältige Aufgaben, die er auf sich nehmen muss, Forderungen der Arbeitswelt, Schnelligkeit der Produktion und des Forschrittes, Erotismus, dem er überall begegnet – das alles macht ihn nicht zufrieden. Das alles macht in ihm Bedrängnis.  Oft sind auch die Eltern für ihn nicht mehr so, wie er sie in der Kindheit erlebt hatte. Das Ergebnis ist, also, eine vielfache Enntäuschung. Und die Folge davon ist Entfremdung, Verschließen in die eigene Welt, in die eigene Gesellschaft, häufige Ausgänge aus dem Haus, ungenügende Achtung vor den Eltern, Trotz, Nervosität, Grobheit, immer offenere Entfernung vom Glauben. Wenn er glücklicherweise in einer guten christlichen Gemeinschaft landet, in einer guten Gesellschaft, begegnet er wenigstens einem aufrichtigen Freund, der ihm auf der Suche nach Gott hilft…!

Der christlichen Jugend gelingt es manchmal dieser Frustration zu entfliehen, aber dann wartet sie auf sie etwas später – in der Zeit des Studiums in der Großstadt. Auch bei Branko ist die Frustration gewachsen: Gleichgültigkeit, Ermüdung, Sinnlosigkeit. Es zieht ihn weder die Kirche, noch die Gesellschaft, noch das Studium an… Das, was er damals als ein guter junger Mann im Katechismus gelehrnt hat, ist jetzt verblasst und fremd geworden. Vielleicht hat ihn für einen Augenblick die sog. „Wissenschaft“ blind gemacht, die mit Hilfe von Informationsmitteln (Bücher, Filme, TV-Sendungen, Vorträge) die grundlegenden Prinzipien des Glaubens und der Moral in Zweifel zieht. Diese sog. „Wissenschaft“ bietet, andererseits, ein lustiges, sorgloses Leben, Liebe, Sex. Und der junge Mensch fällt in Unsicherheit hinein: er weiß nicht wohin, die Welt und der Leib ziehen ihn stark an, der Verzicht zieht nicht an, besonders wenn die Ideale nicht klar definiert sind, wenn der Glaube zweifelhaft wird, wenn erwachsene Christen kein Vorbild sind, wenn die Eltern durch ihre Art nicht ermuntern. Die Flügel der jungen Menschen verkrummen, es verschwindet die Begeisterung und der Schwung, es siedelt sich in ihnen ein gewisser Pessimismus und eine Last an. Am liebsten würden sie alles von sich abwerfen und sich dem Strom überlassen.

Kann man da etwas machen? Vor allem, die Eltern sollen solche Kinder verstehen, annehmen und zu ihnen Vertrauen entwickeln, sie trotz allem lieben. Und gerade in dieser Zeit brauchen diese Kinder mehr Wärme, Aufmerksamkeit und Liebe, weil sie sich in schweren jugendlichen Krisen befinden. Die Klagen und das Widersetzen der Jugend in dieser Zeit ist nicht selten ein echter Akt des Glaubens und des lebendigen Bemühens, aus dem unbeweglichen, uninteressanten und verhärteten Glauben der Alten herauszukommen. Die Grundhaltung der Älteren den Jungen gegenüber in dieser Zeit muß aufrichtiges und heiteres Vertrauen zu ihnen sein, echte elterliche Liebe – sei sie auch mit einem großen Opfer und Selbstverzicht verbunden! – dass sie euch alles sagen können, sogar das, was anstössig ist. An nichts dürften die Eltern Anstoß nehmen, nichts darf sie erhitzen, wegen nichts Szenen und Dramen veranstalten, sondern, sie sollten auf jeden Fall, mit pädagogischem Feingefühl und Freunde ihren erwachsenen Kindern begegnen, und das können sie oft nicht. Den Eltern fehlt es nicht selten an Demut.

Nämlich, in den Familien wird über Allerlei geredet, und selten über das, was wichtig ist. Unter anderen Inhalten, sind für junge Menschen zwei Themen wichtig: die Liebe und der Glaube. Wenn sie vor den Eltern darüber freimütig reden, sollen die Eltern glücklich sein, weil dann ihre Kinder die Garantie haben, im Leben der Liebe und des Glaubens Erfolg zu haben. Man soll sie nicht dogmatisch belehren. Man soll ihnen nicht den Mund zumachen. Es ist viel besser, ihnen heiter und ruhig zuzuhören, sie aufrichtig versuchen zu verstehen, in ihre Welt hineinzutreten. Es ist für die Jugend nicht einfach, in dieser Zeit, sich selbst zu begreifen, und es fällt ihnen nicht leicht, über sich selbst zu reden. Sie sind verschlossen, sie haben Angst, ob sie angenommen werden, ob sie nicht abgelehnt, ausgelacht, getadelt werden… Oft sind die Probleme so, dass sie sich schämen, vor den Älteren darüber zu reden. Man muss ihnen helfen, aus diesem Labyrinth herauszukommen.

Wenn es dem jungen Menschen gelingt, in diesen Phasen, mit den Eltern offen zu sprechen, sich ohne Komplexe zu öffnen, sich anzuvertrauen – und das geschieht nicht selten mit vielen Explosionen – liegt vor den Eltern große Aufgabe: ruhig und heiter zu bleiben, sich nicht zu skandalisieren, ihren Kindern aufrichtige Freunde zu werden. Und Freund ist derjenige Mensch, zu dem man alles sagen kann, der nicht versagen und verraten wird, der keinen Anstoß nehmen wird, sondern er wird verstehen und nach Möglichkeit helfen. Wichtig ist es deswegen, dass die Eltern versuchen, bis auf den Grund die Gründe des jungen Menschen zu verstehen, in seine Probleme hineinzugehen, die Wahrheit zu suchen, sich Bemühen, in seine Erklärungen vorzudringen, trotz der jugendlichen Übertreibung, der Unausgeglichenheit und der Wankelmütigkeit, was fast in der Regel zu beobachten ist, und besonders wenn er von sich selbst spricht und urteilt.  Und das alles sollen die Eltern ruhig, heiter, ohne Explosion, tun.

Es ist wichtig, dass sich die Eltern in dieser Phase in Demut und Bescheidenheit üben, weil es manchmal passieren kann, dass sie mit ihrem - vorher wunderbaren Kind, wie Sie selbst von Branko sprechen – überhaupt nichts anfangen können. Dann ist es ratsam, ein so großes Kind, einem anderen anzuvertrauen, der Erfahrung hat und der ihm ein guter Freund sein wird. Das kann ein erfahrener Priester sein, ein älterer Freund, derjenige, zu dem der junge Mann Vertrauen hat, mit dem er ohne Angst über alles reden kann, mit dem er sich „finden“ wird. Diese Hilfe ist sehr wichtig. Es geschieht manchmal, dass  junge Menschen selber einen gesunden Freund finden, dass sie in eine Gruppe kommen, in der sie das finden, was sie in der Familie nicht mehr finden. Wenn diese Gruppe gesund ist, besonders bestimmte christliche religiöse Gemeinschaften, dann ist das ein echter Segen, etwas, was dringend notwendig ist für das Gedeihen und die Entfaltung des jungen Menschen. Wenn das eine „Bande“ ist, mit ausgesprochenen  oder verdeckten negativen Tendenzen, kann es zu einer noch größeren Katastrophe kommen.

Die Eltern haben immer eine wichtige Aufgabe: für ihre Kinder Zeugen eines gelungenen Lebens zu sein. Wenn erwachsene Kinder sehen, dass ihre Eltern sich ehrlich und tief lieben, und dass sie in dieser Liebe gemeinsam Lösungen für die Lebensschwierigkeiten suchen, hat das für sie eine Anziehungskraft, die sie von Neuem an ihre Eltern binden wird. Und wenn sie noch merken, dass der Glaube das Fundament des elterlichen Glücks ist, gibt es keinen stärkeren Beweggrund – ist dieses Zeugnis stärker als irgendwelche Worte. Die Eltern können doch ihrem Kind den Glauben nicht weitergeben als etwas Dauerhaftes und Sicheres. Sie können und müssen ihm eine Atmosphäre des Glaubens bieten, es dazu bewegen, zu beten, und am meisten können sie mit ihrem Leben als Vorbilder leuchten.    

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 312-314)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.